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Jüdische Zeitung · 1920-05-28 · 18 (28.5.1920) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
18 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Linie. Daß wir das Recht hatten, nicht zu verzweifeln, zeigt der Tag von San Remo. Lloyd George sagte beim Abschid zu Weitzmann: „Nun habt ihr alls erricht; das weitere ist eure Sache! Dieses Weiter ist das Wichtigste, Größte ur.d Schwerste, dessen wir aber Herr werden, wenn wir wollen. Wir haben die Kraft in uns, alle Schwierigkeiten zu überwinden; denn ich bin überzeugt: Wir haben eine Aufgabe in der Welt und für die Welt, die wir nur dann völlig erfüllen können, wenn wir in Palästina unseren Mittelpunkt haben und uns dort nach den uralten Gesetzen unseres Stammes entwickeln können. Nach Oberrabbiner Dr. Cha.ies nahm, mit herzlichstem Beifall empfangen, Dr. Schmarjahu L e w i n, Mitglied des Engeren Aktionskomitees der zionistischen Organisation, das Wort und führte aus: „Wir hatten zwei Aufgaben vor uns, die eine gegenüber dem jüdischen Volk, die andere, die darin bestand, Palästina völkerrechtlich zu sichern. Meine Freunde haben in der Durchführung der zweiten Aufgabe einen kolossalen Sieg errungen, der uns als ein Wunder erscheint und doch Wahrheit ist. Ich suche vergebens nach dem neuen Wort, das der Bedeutung dieser Tatsache entspricht. Das Wort „Koresch" (Cyrus) ist als Vergleich zu wenig. Das Wort „Maschiach“, das sich auf die Lippen drängt, ist zuviel. Nun aber gilt es, auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben, und die Pflicht dier Juden ist es, den großen Gedanken, der hier verwirklicht wird, seine Anerkennung zu geben. Wir brauchen ncht mehr auf die Frage: „Wo ist deine Heimat?“ verlegen verstummen und auf Vergangenes hinweisen, sondern es ist jetzt gegeben, unseren Kindern die Heimat zu schaffen, sie zu geraden Menschen zu machen. Wir werden beim Aufbau unseres Landes vom englischen Volke viel zu lernen haben; wir wollen das Beste von ihm lernen, aber auch ihm das Beste geben. Und für diesen großen Moment, da wir ans Werk gehen, uraent es keine Worte, nur die Ueberzeugung. Wenn wir wollen, werden wir Palästina haben. Nach der mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede wurde auf Antrag Dr. S c h a 1 i t s die Absendung von Danktelegrammen an Premierminister Lloyd Georde und an die zionistischen Führer in London, ferner die Begrüßungsdepesche an «Be amerikanische Monistische Organisation und deren Repräsendanten Richter B r a n d e i s und Mack einhellig beschlossen. Mit der Absingung der „Hatikwah“ schloß die denkwürdige Kundgebung. Kongreß der tschecho-siowakischen Juden. Wie das Prager jüdische Preßbüro meldet, haben die Leiter des Jüdischen Nationalrates im einer Audienz beim Präsidenten Masaryk 'den Plan entwickelt, einen Kongr eß aller Kandidaten der jüdischen Wahllisten einzuberufen. Dr. Hugo Hermann macht hierzu im „Jüdischen Volksblatt“ folgende Vorschläge: ..Der Gedanke dieses Kongresses, der von Herrn Dr. Aldis Hilf angeregt wurde, wird in allernächster Zeit zur Ausführung gelangen müssen. 80.000 jüdische Wähler für das Abgeordnetenhaus und 60.000 jüdische Wähler für den Senat haben ihre Stimmen für die Kandidaten der Vereinigten jüdischen Parteien abgegeben und haben damit erklärt, daß sie zu diesen Kandidaten das Vertrauen haben, daß sie ihre Interessen richtig vertreten können. Mit Fug können diese Kandidaten den Anspruch erheben, als die rechtmäßigen, nach einem demokratischen Wahlsystem erkorenen Vertreter der Juden in unserer Republik auf-- zutreten. Ich würde empfehlen, auf je 800 jüdische Stimmen zum Abgeordnetenhaus und auf je 1500 Stimmen zum Senat ie einen Kandidaten aus der Liste des betreffenden Wahlkreises als gewählt zu betrachten. Die MO Mandateure sollten so rasch als möglich als Kongreß der tschechoslovakischen Juden zusammentreten. Sie sollten als erstes einen feierlichen Protest gegen das Wahlunrecht beschließen, daß es ihnen unmöglich macht, ihre Vertreter in das Parlament zu entsenden und die geeigneten Schritte unternommen, damit auf .eine Abänderung der Wahlordnung hingewirkt werde. Der Kongreß hättesich in Permanenz zu erklären und in regelmäßigen Zeitabschnitten zusammenzutreten, um die Frage des jüdischen Volkes in unserer Republik zu erörtern. Er hätte aber auch eine Körperschaft zu wählen, die Exekutive des Kongresses der tschecho slowakischen Juden, welche in der Zwischenzeit dafür zu sorgen hat. daß jüdische Interessen nicht ohne Anwalt vor der jüdischen Oeffentlichkeit. vor der Regierung und vor der Welt bleiben. Diese Exekutive würde den bisher bestehenden Jüdischen Nationalrat äbzulösen haben.“ Ein jüdisches Arbeiterhelm in Bratislava. Am 9. Mai wurde in Bratislava ein jüdisches A r'b e i t e r h e i m ins Leben gerufen. Das Arbeiterheim, eine Schöpfung des American Joint Distributi >n Commitee, wird vielen schutz- und ratlos herumirrenden. durch den Krieg depossedierteu Juden die Möglichkeit eines neuen produktiven Erwerbes bieten. Die Notwendigkeit eines jüdischen Arbeiterheimes hat sich dadurch ergeben, daß das Hilfskomitee des Volksverbandes der Juden für die Slovakei. welches die Sammlungen und Zuwendungen des Joint Distribution Committee ihrem Zwecke zuzuführen'hat. es nicht mehr für ratsam hielt, das System der raschen, einmaligen Geldunterstützung der Masse des jüdischen Proletariats gegenüber beizubehalten. Es bestand die Gefahr, daß durch die individuelle Geldzuv. endungen dem jüdischen Proletariat in der Slovakei nicht nur nicht geholfen wird, sondern, daß im Gegenteil das Schnorrerunwesen durch dieses System seine Förderung finden könnte. Es gab Fälle, daß junge Leute durch Not durch wirt- JÜDISfcHE ZEITUNG schaftlichen und gesellschaftlichen Boykott gezwungen. nach Bratislava kamen, um hier eine Arbeit zu suchen und daß dieselbe wohl eine Unterstützung bekamen, aber keine Arbeit Die Erfahrungen. die in dieser Hinsicht gemacht worden sind, haben das Hilfskomitee des Volksverbandes veranlaßt, an die Gründung eines Arbeiterheimes zu schreiten Es wurde beschlossen, mit Rücksicht auf die großen Bauschwierigkeiten, eine mit allen sanitären Vorrichtungen versehene Holzbaracke zu errichten, wo für 50 jüdische Arbeiter Schlaf-, Arbeits- und Baderäume vorhanden sein sollen. Aus dem Horthy-Unsarn. Der ,J P. Z“ wird geschrieben: Eine streng vertrauliche Verordnung des Armeeoberkommandanten Horthy befiehlt die Entfernung aller jüdischen Offiziere der Aimee. — Der polnische Jude Moritz Hackenau ist auf seiner Reise nach Belgien in Sopran durch Offiziere des Ostenburg Detachements verhaftet, kastriert und gebrandmarkt worden.— Der Rabbiner von H a i d u d o - rog Czitrom Faraks wurde unter dem Vorwand verhaftet, daß man in der Synagoge unversteuerten Tabak vorgefunden habe. — In Jakabszäl- 1 e s wurde der Gutsbesitzer Moritz Groß des Nachts von weißen Offizieren ermordet. Der in Haimasker interniert gewesene Stefan Werner wurde auf einem Transport erschossen. — Täglich verschwinden Menschen spurlos. Jüdische Leichnahme werden öfiers gefunden und von der Donau ans Ufer gespült. Letztens fand man die Leichen des 70jährigen Moritz F o n i o und seines Sohnes, die verschwunden waren. Beide sind der Brachial- Formation des Hotel Britania in Budapest zu Opfer gefallen. — Die Lage in Ungarn ist derart geworden, daß die Juden es nicht mehr wagen, das Ausland um Schutz anzurufen. Ostjüdische Konferenz in Berlin. Im Repräsentanten-Sitzungssaal der Beliner Jüdischen Gemeinde tagte am 16. und 17. Mai eine Konferenz des Verbandes der Ostjuden in Deutschland, an der 40 Delegierte aus den verschiedenen Teilen des Reiches teilgenommen haben. Während der zweitägigen Verhandlungen wurden alle das Ostjudentum in Deutschland berührenden aktuellen Fragen eingehend erörtert. Nach der Wahl des Präsidiums, L e w i t (Berlin), Reich (München), Bader (Köln). Lin (Berlin), Dr. Taubes (Stuttgart), erstattete der Generalsekretär des Verbandes, insbesondere auf den Gebieten der sozialen Fürsorge und des Rechtsschutzes hin. Gleichzeitig hob er hervor, daß der Verband an den großen Aufgaben des Gesamtjudentums aktiv mitzuwirken habe. Heer F. M. Kaufmann, der Generalsekretär des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisation Deutschlands, beleuchtete sodann an Hand statistischen Materials die ostjüdische Einwanderung' in Deutschland und legte dar. daß die jüdischen Emigranten, deren Zahl maßlos übertrieben wird, produktionsfähige Kräite sind und für die deutsche Wirtschaft nutzbringend verwendet werden könnten. Herr Jakob Reich, Vorsitzender des Gesamtausschusses der Ostjuden .in München, sprach über die Aufgaben des Verbandes, der danach zu streben hat, daß die Ostjuden in allen sie betreffenden Angelegenheiten nicht als Objekt, sondern als Subjekt fungieren sollen. Im Anschluß an die Referate berichteten die Vertreter der Ortsgruppen über die Lage der Ostjuden in ihren Städten und schilderten insbesondere das tragische1, ergreifende Los der ostjüdischen Flüchtlinge. Die Frage der jüdischen Wanderung und der Flüchtlingsfürsorge behandelte Herr Dr. Taubes in einem eingehenden Referat und1 wies besonders darauf hin. daß Deutschland vornehmlich eine Etappe auf dem Wege der jüdischen Wanderung bildet. Einen Hiauptgegenstand •der Verhandlungen bildete der Ausbau der Organisation. Es wurde ein zwölfgliedriges Zentralkomitee als Leitung der ostjüdtschen Gesamtorganisation in Deutschland gewählt, dem fünf Mitglieder aus Berlin und sieben aus der Provinz angehören. Die Debatten nahmen einen würdigen Verlauf und führten zu voller Uebereinstimmung in allen einschlägigen Fragen. Die Konferenz setzte die Richtlinien für die künftige Tätigkeit des Verbandes fest Zum Schlüsse drückte sie ihren Dank an die jüdischen Organisationen in Amerika aus für ihre segensreiche Hilfsaktion zugunsten der notleidenden Juden in Osteuropa. Die gefährliche Blutmischung. Die Judenfeinde schlagen augenblicklich Kapital aus einer sogenannten ..statistischen“ Feststellung. die in der Hebammenlehranstalt zu Mainz gemacht sein soll und welche sie gewissermaßen als praktischen Beleg für die Theorie in dem Dinterschen Schundroman „Die Sünde wider das Blut“, zu benutzen bestrebt sind. Es soll in dieser Statistik ..festgestellt“ sein, daß die Blutüberpflanzung ausgezeichneten Erfolg zeitigte, bis auf einen Fall, in dem schwere Krankheitserscheinungen eivitraten. Und in diesem e:nen Fab sei das Blut einer reinrassigen J ii d i n auf eine Patientin germanischen Ursprungs übertragen worden. Der Racheakt der Juden. Großes Aufsehen erregte in Staßfurt vor eingen Wochen, daß der antisemitische Herausgeber des dortigen ..Tagblattes“ Hottenroth vor einer Theaterversammlung von der christlichen Frau des dortigen jüdischen Arztes Dr. R i e g e r. den Hottenroth in seinem Blatte wegen seiner Konfession wiederholt auf das unflätigste beschimpft hatte, geohrfeigt worden war. Dieser Judenfresser schlug sich natürlich bei dem Kapp-Putsch auf die Seite der Kapp-Regierung und er tat Dienste als Zeitfreiwilliger. Als nun die Nr. 18 Entwaffnung der Zeitfreiwilligen vor sich gehen sollte, bekam er es mit der Angst zu tun und er versteckte sich in einem Bauerngehöft. Wie es ihm weiter erging, darüber veröffentlicht der „Anhalte,- Anzeiger“ folgende der Tragikomik nicht entbehrenden Schilderung. Hottenroth wurde aber gefunden und von der empörten Menge furchtbar zugerichtet. Man führte ihn in die Stadt und wollte ihn von der Bodenbrücke aus in den Fluß werfen. Jm letzten Augenblick kam der jüdische Kaufmann Joseph, den er ganz besonders in seipem Blatte beschimpft hatte, hinzu und deckte seinen Feind mit seiner einflußreichen Persönlichkeit. Die Menge ließ sich daun auch beruhigen und so konnte Hottenroth unbelästigt nach seiner Wohnung gebracht werden. Dort verband ihn sogleich der Arzt Dr. R i e g e r. ausgerechnet derselbe Mann, den er in seinem Blatte wiederholt mit Schmähungen überschüttet hatte. Svlvain Levi in Straßburg. Aus Paris wird belichtet, daß der Pariser Professor für orientalische Philologie Sylvian Levi vom Unterrichtsminister mit der Errichtung einer Abteilung für orientalische Sprachen und ihre Literatur an der rekonstruierten französischen Universität in Straßburg betraut wurde. Sylvam Levi hat eine gewisse traurige Berümtheit erlangt Er ist der Assimilationsjude, der Weizmann und Sowlow bei ihrem Empfang vor der Friedenskonferenz in een Rücken fiel. Parlamentswahlen in Rumänien. Zufolge des neugebildeten national-jüdischen Wahlblocks scheint eine merkliche Entspannung in den Reihen der iüaischen Wähler eingetreten zu sein. Als provisorisches Wahlkomitee fungieren unter anderen Advokat Dr. Adolf Stern und der bekannte Zionist und Rechtsanwalt M. W'ei firn a n n. dessen Persönlichkeit ausschlaggebend für die künftige Haltung der Partei sein dürfte. Die in Bukarest erscheinende zionistische Tageszeitung „M a n t u i r e a“ schreibt in diesem Zusammenhänge unter anderem: .Die Juden Rumäniens haben endlich eingesehen. daß ein Zusammengehen mit den Liberalen sich selbst eine Ohrfeige geben hieße, während ein Zusammengehen mit der Partei Averescus. deren Anhänger erst kürzlich anläßlich einer Versammlung „Nieder mit den Juden“ geschrieen haben, sich wie einen Wurm zertreten lassen hieße“. Als Wahlzeichen auf der Liste des jüdischen National-Biocks wurde beim Tribunal der Magen David festge’egt. Die Parlamentswahlen in der Bukowina. Aus Czernowitz wird gemeldet: Am 27. Mai finden die Wahlen fürs Parlament (Kammer und Senat) statt. In der jüdischen Nationalpartei ist eine Entscheidung noch nicht getroffen worden. Um das Senatsmandat bewerben sich die Herren Dr. Strauch er und Doktor von Weisseiberger, für die Kammer kandidiert Herr Dr. Mayer Ebner. Die Partei beharrt aufder Forderung nach einem zweiten jüdischen .Kamermandat. Schwierigkeiten in der Personenfrage entstehen nur, wenn das zweite jüdische Mandat nicht sichergestelit werden kann. Schließlich wird auch bei uns das nationale Interesse einheitliche Beschlüsse möglich machen. Zunächst hat die Leitung der jüdischen Nationalpartei in der Bukowina in einem Aufruf alle Gesinnungsgenossen aufgefordert, vorläufig mit keiner politischen Partei Wahlbündnisse zu schließen. Parteidisziplin zu halten und den Weisungen der Parteileitung zu folgen. Einberufung der jüdischen Welthilfskonferenz. Aus Paris wird gemeldet: Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris hat die Einberufung der jüdischen WelthUfskonferenz für den 27. Juli nach T e p 1 i t z (Tschecho-Slowakei) beschlossen. Dieser Beschluß wurde) nach einem Referat des soeben aus Amerika zurückgekehrten Delegierten Dr. S a 1 k i n d gefaßt. — Dr. Salkind äußerte sich ziemlich optimistisch über das Ergebnis seiner Reise nach Amerika. Unter anderem teilte er mit. daß der amerikanisch-jüdische Kongreß demnächst Zusammentreffen und' unter anderen Fragen auch die Entsendung von ständigen Delegierten in den „Waad Hoarazoth“ beschließen wird, welchem bekanntlich als Nachfolger des „Komitees der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz“ die ständige Vertretung der einzelnen jüdischen Nationalräte beim Völkerbundmat bilden soll. Palästina-Ausstellung in London. In London wird eine Palästina-Ausstellung vorbereitet Die feierliche Eröffnung erfolgt am 10. Juni durch den Bischof von London. Die Ausstellung bleibt bis zum 7. -Juli offen. Sabbat-Bill. Aus New York wird gemeldet: Samuel Dicksteins Sabbat-Bill, welche den Juden, die den Sabbat halten, am Sonntag zu arbeiten erlaubt, wurde von dem Parlament des Staates New York mit 126 gegen 13 Stimmen angenomm e n. Die Zustimmung des Senats und der Landesregierung steht in Aussicht. Werbet Abonnenten für die „Jüöisdie Zeitung“ 1

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