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Jüdische Zeitung · 1920-05-28 · 18 (28.5.1920) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
18 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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fti. 18 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Mit Recht rechnet Herzl auch auf den Idealismus und Bürgersinn der Arbeitermassen im Interesse der Allgemeinheit und spricht sich auch für die Kollektiv-Organisationen folgendermaßen aus: „Wir sind — nur dort — Kollektivisten, wo es die ungeheuren Schwierigkeiten der Aufgabe verlangen.“ Selbstverständlich ist es einerlei, ob die Kollektiv-Organisationen in Formen von Syndikalisierung, Kommunalisierung, Verstaatlichung, Produktivgenossenschaft, Konsumverein usw. vor sich gehen, wenn sie im Interesse der Allgemeinheit nutzbar gemacht, werden. Allerdings wird man uni die Wörtchen ..nur dort“ so kämpfen, wie man heute bei uns um das sogenannte Tempo der Sozialisierung es tut. Ausführlich befaßt sich Herzl mit der sozialen Frage der „ungelernten“ Arbeiter. Für diese verlangt Herzl Beistellung von Unterkunft; Kleidung und Verpflegung in natura. Dieses Existenzminimum will er ähnlich wie Popper- Lynkeus mit Hilfe eines aus den Reihen dieser Arbeiter zu bildenden Minimum — oder Nährarmee mit. einer dreijährigen Dienstzeit erzielen. (Chargen, Avancement, Pensionierung.) Nach dieser Zeit soll jeder fleißige und brave Arbeiteieine geeignete Wohnstätte samt Garten bekommen. Die Arbeitsvermittlungszentrale würde je nach dem Bedarfsfälle aus dem Reservoir dieser Armee sowohl an die Landwirtschaft als auch an die Industrie Arbeitskräfte abliefern und bei öffentlichen Arbeiten die Straßenanlagen, Durchforstungen. Erdaushebungen. Bahn- und Telegraphenanlagen, Entsumpfungen, Be- und Entwässerungen usw. verwenden. Der Normalarbeitstag ist der Siebenstundentag, und mit poetischem Schwung bringt er diese Frage nochmals im Kapitel über die Fahne zum Ausdruck. Es heißt da: „Ich denke mir eine weiße Fahne, mit sieben goldenen Sternen. Das weiße Feld bedeutet das neue reine Leben, die Steme sind die sieben goldenen Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der Arbeit gehen die Juden in das neue Land.“ Herzl unterläßt es auch nicht, Ratschläge für die Auswanderung, für die Liquidierung der zurückgelassenen Vermögen, für die Anwendung des Gesetzes der Sprache und der Gerichtsbarkeit für die erste Uebergangszeit zu erteilen. Er meint für die Übergangszeit läßt sich der Grundsatz annchmen, daß jeder, der aus den verschiedenen Ländern einwandemden Juden nach seinen bisherigen Landesgesetzen zu beurteilen sei und zwar, bis die rechtseinheitliche Gesetzgebung ausgearbeitet sein wird. Es müssen moderne Gesetze sein, auch da ist überall das Beste zu verwenden. Es kann eine vorbildliche Kodifikation werden, durchdrungen von allen gerechten sozialen Forderungen der Gegenwart. Rücksichtlich der Sprachenfrage will Herzl für den Uebergang den Sprachenföderalismus einführen. Er weiß es, daß aus der G1 e i c hb e - reclitigung der Sprachen sich ein „faktischer“ Sprachenzwang mit der Zeit herausbildet, der nicht in dem „Nichtsprechen-dürfen“ sondern in dem „Verstehen-müssen,, besteht, und daß mit der Zeit sodann „eine dem allgemeinen Verkehre am meisten nützliche Sprache sich einsetzt.“ Das wird sicherlich die hebräische Sprache sein. So ist der Judenstaat Herzl's ein Rechtsstaat und sein Machtstaat; er ist kein sozialisticher (noch), aber einer in der Sphäre der Gegenwartmöglichkeit der sozial fortgeschrittensten, er perhorresziert den privaten als privativen Egois- Zimmer der Mädchen liege ich, so schwach, wie man es nach fünf Tagen Malaria eben ist. links fiebert Ch. Am weitesten hat es Z. gebracht, er ist schon über vierzehn Tage krank und befindet sich seit etwa acht Tagen im Krankenhaus in Tiberias. Bleiben noch drei: die zwei, die erst vorige Woche krank waren, und Z. P„ der sich alle Mühe gibt, nicht krank zu werden, weil er keinen Vertreter hat. Die medizinische Hilfe hier ist besonders schlecht. Außer Chinin, das wir allerdings stets von der Farm bekommen, wenn sie selbst etwas hat, haben wir keine Hilfe. Die Pflegerin besucht uns höchstens, wenn wir sie ein paarmal bitten, zu einem ernsten Kranken zu kommen, bei dem wir selbst nicht mehr wissen, was wir mit ihm anfangen sollen. Die Aerzte der „Hadassa“, die nach Migdol kommen müßten, kommen nicht Dauernd hat man uns vertröstet: Wenn erst Tischri und Cheschwan vorbei sind, hört die Malaria in Migdol auf. Aber wir sind schon im Teweth und noch kein Zeichen von Besserung. Im Gegenteil, wir sind mittlerweile so schwach geworden, daß wir gar nicht mehr kränker werden können. Weiter: Als wir nach Migdol kamen, ließ man uns die Wahl, in oder außerhalb des Hofes zu wohnen. Wir zogen es vor, außerhalb des Hofes zu wohnen, und das ist uns übel bekommen. Unsere Zimmer haben ein arabisches Dach, das den Regen durchläßt, und so steht man dauernd unter Wasser. Außerdem stellt man gegen den Regen in sämtlichen Zimmern alle möglichen Schüsseln und Töpfe auf, damit er da hineinfließt und nicht in die Betten, aber gemütlicher wird es dadurch nicht. Ferner bekommen wir alle Rheumatismus und! Bronchitis. Wie soll das nur enden? Nun noch etwas Erfreuliches. Die Besorgnis, die wir gehegt hatten, wir könnten den gepflügten Boden nicht vollständig herstellen. scheint grundlos gewesen zu sein. Bisher haben wir folgendes erledigt: Wir haben alle Hülsenfrüchte gesät, das sind zusammen mit dem Heu etwa mus in jedem Wirtschaftsystem und verlangt weitgehenden Altruismus zum Nutzen der Allgemeinheit; er ist ein Staat, dessen Einwohner sich nicht nur von nationalen, sondern auch von idealen Beweggründen leiten lassen. Der Judenstaat Herzl's liegt nicht mehr in Utopie, sondern in Palästina. So sieht heute nicht nur das jüdische Volk, sondern die ganze Welt in Herzl nicht mehr einen Utopisten, sondern einen zielbewußten und genialen Volksführer, einen tatkräftigen Organisator, einen segensreichen Ideenspender, einen großen Realpolitiker, einen tiefblickenden Soziologen und einen klugen Staatsmann. Zusammenfassend darf gesagt werden, daß das Kopenhagener Bureau während der ganzen Zeit seines Bestehens die ihm zugewiesenen Aufgaben in hervorragendem Maße erfüllt hat. Es hat für die Erringung der bürgerlichen und nationalen Rechte des jüdischen Volkes seine ganze Kraft eingesetzt und ein gut Teil der zionistischen Erfolge haben wir nicht zuletzt seiner rührigen und segensvollen Tätigkeit zu danken. —e— Die Emanzipation von der ,;Alliance“ Im „Jüdischen Wochenblatt für die Schweiz“ schreibt C. Z. K1 oetze 1; Bereits während des Krieges war verschiedentlich das Gerücht verbreitet, daß die A. J. U. ihr orientalisches Schulwerk liquidiere und ihre Anstalten der einzelnen Gemeinden übergeben habe. Diese Nachricht war zweifellos verfrüht, vielmehr haben gerade in jüngster Zeit Vorkommnisse wie der in Damaskus gelehrt, daß die Alliance ihre Schulmission nicht nur nicht aufgegeben hat, sondern sie mit vermehrtem Eifer und mit verstärkter Tendenz zur Französisierung der Orientjuden fortsetzt, seitdem die politische Entwicklung in Syrien und Palästina ihr die Möglichkeit dazu gibt Dagegen mehren sich die Anzeichen dafür, daß von anderer Seite her sich Kräfte regen, die zu einem baldigen vollständigen Fiasko der Schulpolitik der Alliance führen müssen, indem die Orientjuden selbst sich gegen die systematische Assrmilierung durch die Erziehungsmstitute der Alliance wehren. Sehr bezeichnend hiefür ist die Tatsache, daß die große jüdische Gemeinde in Saloniki, die bisher eines der Hauptbetätigungsfelder der A. J. U. gewesen ist; es letzthin ausgesprochen hat, daß sie nicht länger mehr diesem System ausgesetzt sein will, und daß sie d>e Forderung der nationalen jüdischen Schule mit allem Nachdruck erhebe. Diese Emancipation von der Alliance ist eines der bedeutsamsten Zeichen für das Erstarken des nationalen Gedankens unter den Sephardim. Um das ganz würdigen zu können, muß man wissen, welche zentrale Rolle die Schulen der Alliance im Leben der Saloniker Judentums gespielt haben. Fast die ganze Jugend dieser einzigartigen jüdischen Großstadt haben ihre Erziehung und Ausbildung in der. Allianceschulen erfahren, in Schulen, die in allen technischen Dingen vorzüglich waren, deren Lehrer etwas leisteten und denen es umso leichter war. ihre Zöglinge ganz in den Bann zu ziehen, den sie nicht als iüdische. sondern als französische Institution auszuüben wünschte Denn es ist sehr lange her. daß sich die Alliance als etwas anderes gefühlt hat als ein Glied in der ausgezeichneten französischen Schulpropaganda im Orient. Vom Standpunkt des französischen Staates aus gesehen konnte es kaum einen wichtigeren Faktor seiner ..oenetra- 100 Dunam und mehr. Ferner 50 Dunam Gerste. Bleiben noch 50 Dunam Gerste und 200 Dunam Weizen. Der Regen, der auf einmal überreichlich herunterkam, hat uns sehr gestört. Aber wir hoffen, zu Ende zu kommen. Schickt uns doch neue Bücher. Die Malaria ist so langweilig. K. Verbotene Telegramme. ln Deutschland werden Glückwunschtelegramme nicht mehr befördert. Zur Umgehung dieses Verbotes werden nun häufig Drahtungen folgenden und ähnlichen Inhaltes aufgegeben: „Hie mit offeriere große Mengen Masel und Broche“. Die hebräischen Ausdrücke für „Glück“ und „Segen“ sind nicht jeden Postbeamten geläufig. Es ist jetzt ausdrücklich angeordnet worden. daß solche versteckte Glückwunschtelegramme ebenfalls nicht angenommen werden dürfen. Kunst und Literatur Das iüdische Museum in J erusalem. das dem Bezalel angegliedert war. ist jetzt in einem vom Stadtrat zur Prüfung gestellten Gebäude untergebracht. Die etwa 3GG0 Objekte zählende Sammlung füllt vierzehn Säle. In der Abteilung für Skulptur sind Werke von Antokolski. Glycenstein. Roukhomowsky. Kaufmann und Becker aufgestellt. Die Sammlung für Malerei besitzt Werke von Josef Israels. Max Liebermann. Hirszenberg. J. Salomon. Abraham Neumann. Pilichowski und andere. In der graphischen Abteilung sind Originale von Israels. Liebermann, Herman Struck. Lilien und andere ausgestellt Das Museum hat in der letzten Zeit eine schnelle Entwicklung erfahren. Es besteht die Hoffnung, daß alle in Palästina aufgefundenen Antiquitäten dem jüdischen Museum zufallen werden iion pacifique“. einen besseren Vertreter seiner kulturpoliiischen und damit seiner kommerziellen Interessen eine wirksamere Missionsar.stalt für den franzöischen Gedanken gebe«, als die Alliance. Die patriotischen Ailiancejuden haben vielleicht am allerwirksamsten in der Welt den Satz Propagiert. daß jeder Mensch zwei Vaterländer nabe, sein Geburtsland und Frankreich. Man muß unter der Saloniker jüdischen Jugend gelebt haben, um zu wissen, wie stark die Assimilation an Frankreich ging und welche ungeheure« Sympathien alles unter den Sephardim besaß. was französisch war. Daneben war für jüdisches Denken und Empfinden nur soviel Raum, wie bei den hochassimiiierten französischen Juden selbst. Und da es begreiflicherweise weniger die echte und wertvolle französische Kultur war. an die die Saloniker herankamen, als vielmehr die Oberiiäche der schillernden französischen Zivilisation. so wurde mancher moderner Saloniker Jude bald zu einem der unsympathischsten Typen der Assimilation Der Beginn des Nationalisierungsprozesses geht in die Zeit vot dein Kriege zurück. Zwei Insitute haben ihn wesentlich gefördert. Die Talmud Tora hagadol. die unter der Leitung des bekannten Dr. Jizchsk Epstei« stand, der heute wieder eine entscheidende Rolle im pädagogischen Leben Palästinas srwU. und die Schule des Hilfsvereines der deutschen Juden. In diesen beiden Anstalten begann vor allem die Hebräisierung der Jugend, aus ihrem Kreise heraus wurde dann der Turnverein Macabi gegründet, der sozusagen die Keimzelle der heutigen zionistischen Organisation in Salonki ist. Dieser kleine Kreis nationalHidischer Erzieher vermochte dennoch wenig gegenüber der Überlegenheit der Alliance, die sie insbesondere auf finanziellem Gebiete besaß. Die Möglichkeit, durch sie nicht nur die gewöhnliche Schulausbildung, sonden auch Unterweisung auf Handwerker- und Handelsschulen erhalten zu können, die zahlreichen Stipendien, die sie zu vergeben hatte, ließ sehr zahlreiche Eltern aus Zweckmäßigkeitsgründen für die Alliance entscheiden, die innerlich den nationalen Schulen viel näher standen. Selbst die auiopiernde Freundschaft, die der verehrungswürdige Chacham-Baschi Jacob Meir der Talmud Tora und der Hiifsvereinsschule bewies, vermochte den Vorsprung der Alliance nicht ausgleichen. Umso bedeutungsvoller ist es. wenn heute, nach dem furchtbaren Schicksal, das Saloniki während des letzten Jahrzehnts beinahe betroffen hat, sich seine Juden so energisch frei machen von der Vormundschaft und dem Protektorat der Alliance. Es beweist einen außerordentlich hohen Grad nationaler Selbstbesinnung, wenn die Saloniker Juden der Alliance gerade fetzt den Stuhl vor die Tür setzen, wo sie von ihr wahrscheinlich um den Preis weiterer Assimilation eine wirklich großzügige finanzielle Hilfe aus de« Millionenfonds der A. J. U erwarten dürften. Es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß dem Beispiel Salonikis die meisten sephardischen Gemeinden folgen werden. In Gebieten, die nicht direkt dem politischen Einfluß Frankreichs unterstehen. wird sich das zuerst zeigen. Zweifellos aber wird selbst in Syrien, auch wenn Frankreich dort als Mandatarmacht auftritt. die Position der Alliance gegenüber den Juden unhaltbar werden. Den« die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen irgend welche Gruppen europäischer Juden unter dem Deckmantel der sozialen oder kulturellen Hilie Politik für fremde Nationen in den Reihen des jüdischen Volkes treiben dürfen. Nirgends in der Welt darf es mehr Schulen geben, die irgendwelche jüdischen Kreise zu Exponenten eines iremden politischen oder kulturellen Willens machen wollen. Es darf nur eine SchuLmission“ unter Juden noch geben: die der nationalen jüdischen Schule mit hebräischer Sprache. (Inzwischen hat die Alliance selbst eine Wendung zum Hebräischen gemacht. Red.) Von Ost unfc West Eine Iüdische Massenkundgebung In Wien. Zur Feier der Beschlüsse von San Remo iand am 13. Mai im Großen Konzerthaussaal eine iüdische Massenkundgebung statt. Die Versammlung, in welcher eine enthusiastische Stimmung herrschte, bedeutete eine überaus eindrucksvoll© Kundgebung der Wiener jüdischen Bevölkerung für das jüdische Palästina. Von den Vertretungen der auswärtigen Mächte war der englische diplomatische Vertreter Sir Lindiey erschienen, welchem die Versammlung eine Ovation von stürmischer Herzlichkeit bereitete, ferner der französische Generalkonsul und namens der polnischen Gesandtschaft Herr Doktor Varnes, welch beide mit lautem Beifall begrüßt wurden. Die Versammlung eröffnete Abgeordneter Stricker mit einer kurzen Begrüßungsansprache, in der er den Gefühlen der Freude und des Dankes Ausdruck gab, daß die Vertreter der großen Nationen das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina anerkannt haben. Hierauf nahm Oberrabbiner Dr. C h aj e s das Wort. In seiner nach Form und Inhalt gleich bedeutenden Rede führte er unter anderem aus: In der ganzen jüdischen Welt herrscht Niedergeschlagenheit infolge der Ausschreitungen in Jerusalem, dem Herzen der jüdischen Welt. Aber wir waren nicht verzweifelt. Wir wußten: Das jüdische Palästina ist eine unaufhaltsame, geschichtliche Notwendigkeit, und wir wußten: die Stellung Englands zum jüdischen Problem ist ganz unabhängig von der Stellung untergeordneter Behörden in Palästina; denn die englische Politik bezüglich der Juden und Palästinas verfolgt seit Cromwell eine gerade

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