Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 18 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 j udenvertreibungen in Polen.- und Litauen durch die russische Militärbehörde 'im Jahre 1915 zu informieren und die Oeffentiichkeit auf diese furchtbaren Geschehnisse aufmerksam zu machen, die bis dahin infolge der russischen Kriegszensur in der ganzen Welt unbekannt geblieben waren. Zu ähnlichen Maßnahmen sah sich das Kopenhagener Büro wiederholt veranlaßt infolge der Unterdrückungen, denen die jüdische Bevölkerung in den von den Deutschen okkupierten Gebieten von Polen und Litauen ausgesetzt war. Die Lage der Juden in Rumänien* insbesondere deren Behandlung während des Weltkrieges, hat das Kopenhagener Büro zu einer ganzen Reihe von Aktionen veranlaßt, die sich in systematischer Folge vom ersten Kriegsjahre bis in die letzten Monate erstreckten. Mit der gleichen Energie arbeitete das Kopenhagener Büro auch in der polnischen Judenfrage, auch hier bemüht, für eine dauernde Besserung der Lage der polnischen Judenheit zu wirken. Nachdem das im Frühjahr 1919 eröffnete Zionistische Zentralbüro in London allmählich mit den zionistischen Organisationen aller Länder in direkten Verkehr treten konnte, erschien die Fortführung des Kopenhagener Büros als unnötig. Die Leitung der Organisation beschloß daher, das Büro am 31. Dezember 1919 zu schließen. Staatsrechtliche und soziale Fragen in Herzl’s Judenstaat Von Dr. A. Schmerler. Noch vor dem entsetzlichen Weltkriege und dem politischen und sozialen Zusammenbruch so vieler Staaten noch vor 24 Jahren schrieb Herzl den Judenstaat. Damals bekämpfte man diese Schi :ft mit den Schlagworten „Utopie“ und „Phantom“. Dessenungeachtet scharten sich sofort in großen Mengen die Anhänger seiner Idee um sein Banner, erhoben sie zum Weckruf des jüdischen Volkes, später zur Doktrin der zionstischen Paitci und dann zum Arbeitsprogramm der zionistischen Weltorganisation und heute steht man nicht nur vor wirklichen Tatsachen, sondern auch vor der tatsächlichen Verwirklichung seiner Idee. Herzl sagt: „Ich halte die Judenfrage weder für eme soziale, noch für eine religiöse, wenn sie auci; noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu lösen sein wird“ In der Tat befaßte man sich auf der Friedenskonferenz in San Remo mit der Lösung der Judenfrage und wir sollen auf Crrund der Balfourschen Erklärung eine jüdische Heimstätte unter der Sachwaiterschaft Englands bekommen . Das ahnte Herzl voraus. Er hoffte ja immer, daß „aus dem Kreise der wackeren englischen Juden die Zentralstelle dei Judenbewegung sich bilden wird“. So schlug er eine J ewish-Company nach dem Vorbilde der Landnahmegesellschaft laut den Gesetzen und unter dem Schutze Englands und mit dem Hauptsitze in London vor, welche den in dem völkerrechtlich zugesicherten Lande benötigten Boden durch zentralisierten Einkauf zu sichern und zu erwerben, die Landesspekulation hintanzuhalten. die Immobilien und Geschäfte der abziehenden Auswanderer zu liquidieren hat. Es fragt sich nur, ist die intuitive Hoffnung Herzi's auf England begründet? Zur Beantwortung dieser Frage möge folgendes dienen: Die englische Weltanschauung und Staatsphilosophie von John Loke bis auf Herbert Spencer und den neuesten Pragmatismus (Humanismus) stehen in gar keinem Widerspruch mit der Ethik und Politik des jüdischen Volkes und bestätigen diese. Dei Puritanismus in England, welcher die Reinheit der Lehren der heiligen Schrift, der Bibel, bzw. des alten Testamentes verlangt, Tornas Hobbes mit seinen Ansichten über das Wesen -des Staatsvertrage der Gesellschaft im Kulturzustande, John Loke mit seinem empirischen Realismus und seiner Mathephysik, George Berkeley als Begründer des sogenannten Psychologismus, mit dev Tendenz, Wissen und Glauben durch das eigene Bewußtsein des Menschen, welcher ein Teil dei geistigen Welt ist, zu verbinden, David’ Hume mit seiner Assoziations- und Moralphilosophie, dahin gerichtet, ein harmonisches Gleichgewicht ipsistischer und sozialer Gefühle im Gemüt des sittlichen Menschen herzustellen; Jeremias Bentham mit seinen Prinzipien des „wohlverstandenen gegenseitigen Interesse -zur Erlangung der Maximation der Glückseligkeit“ und Herbert Spencer, der. den Staat in der modernen Kulturgesellschaft als eine „Rechtsorganisation“ zum Schutze der Freiheit der Individuen in allem, was nicht der gleichen Freiheit anderer widerstrebt, betrachtet — sind kulturgeschichtliche Beweise hiefür. ln Ausführung des Spencer'schen Gedankens ist der Staat — auch der Judenstaat — Schöpfer oder Geschöpf des Rechtes, im Sinne der Weltfriedensidee em Instrument der Menschheit und als solches ein Werkzeug zur Durchführung der internationalen Rechtsordnung. Entsprechend den Ideen des Völkerbundes steht der Staat nicht „über“, sondern „unter dem Rechte“, und auf diese Weise ist der Fetisch dei nationalen Souveränität gestürzt Wcuii es eine Souveränität gibt, so steht sie der Staatsgesamtheit der Kulurmenschheit zu. (Renner.) Und diese Souveränität enthält keineswegs die uiige’eilte restlose Fülle der Gewalt; sie läßt wohl zu, daß die ihr eingegliederten Mächte (Nationen, Gebietskörperschaften und Klassen) in bestimmter Abgrenzung an d-er Gewalt teilnehmen. Mit der Einsicht und Vorsicht eines klugen Staatsmannes verlangt auch Herzl in seinem Judenstaat für die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte: Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen.“ Dieses Postulat Herzi's muß auch im heutigen Fall der Erlangung Palästinas unter der englischen Sachwalterschaft aufrechtgehalten werden. Denn richtig behauptet Rlenner in seinem „Selbstbestimmungsrecht der Nationen: „Wenn Montesquieu eine vertikale Spaltung der Staatstätigkeit nach Funktionen (Gesetzgebung, Justiz und Verwaltung) vornmimt, so erzwingt die geschichtliche Praxis eine horizontale Spaltung nach übergeordneten Gewaltenträgern, von denen jeder alle Willensfunktionen (Legislative und Exekutive) vollzieht, aber in eingeschränktem Maße und in Einordung unter die höhere Gesamtheit. Die nationale Freiheit erscheint in disem Zusammenhang .als Gleichheit der Nebenordnung im Rahmen der übernationalen Gemeinschaft.“ _ Im Zusammenhang sei bemerkt, daS Herz! nicht ohne überzeugende Kraft und Wirkung eine provisorische Vertretung unter der Benennung „negotorum gestio“ bis zur endgültigen rechtlichen Lösung der Staatsfrage vorschlug. Die Wirksamkeit dieser Anschauung hat sich in der Tat in der Praxis und insbesondere bei den jetzigen Friedensverhandlungen erwiesen. Miit diplomatischer Geschicklichkeit tangiert auch Herzl die Verfassungsfrage, indem er die demokratische Monarchie oder die aristokratische Republik für die feinsten Formen -des Staates hält. Im Sinne des Grundsatzes, „dem Tüchtigsten freie Bahn“, zieht er eher die letztere Form vor. Nach Herzl ist die oberwähnte J e w i s h- Company ein vorübergehendes Geschäftsunternehmen. Im Rahmen dieser Mutterinstitution haben wir heute die jüdische Kolonialbank und den jüdischen Nationalfond, (Kaplansky meint: an Stelie derselben haben wir usw.) Die jüdische Kolonialbank bezweckt, die Herbeischaffung von gewinnbringenden Investitionskapital und der Nationalfond das Anwerben von gemeinnützigen bzw. nationalen . Zwecken dienenden Spendenkapital. Demi nur mit diesem Kapital könnte man Grund und Boden in Palästina nationalisieren. Damit abei der Nationalfond zu diesem Zwecke genügend durch Spenden finanziert werde, wird die Jewish- Contpany einen gewissen Teil des Ertrages von den lohnenden, gewinnbringenden und auf Rentabilität angelegten Unternehmungen dem nationalen Landfond zuführen müssen, kurz: das Anlagekapital wird durch Erträgnisse teilweise das Spendenkapital speisen. In welchem Ausmaße dies zu geschehen hat, wird Sache der J ewish-Company sein, welche als „Regulator“ der auf Rentabilität angelegten Kolonialbank und des zu Nutzen der Allgemeinheit dienenden Nationalfonds sein wird. In der Industriefrage steht Herzl untei der Signatur der modernen Arbeiterbewegung: Die Organisation der Produktion ist auch für ihn eine öffentliche Angelegenheit der produzierenden und konsumierenden Gesamtheit. Er sagt: „Der Unternehmungsgeist kann auf gesunde Weise angeregt werden. Die spekulative Planlosigkeit muß vermieden werden. Die Etablierung neuer Industrien wird rechtzeitig bekannt gemacht werden, so daß die Unternehmer, die später auf den Einfall kommen, sich einer Industrie zuzuwenden, nicht in die Krise, ins Elend hineinbauen". Sohin verlangt Herzl an Stelle der blinden tauschwirtschaftlichen Produktion sowohl für Zweckverbände wie Einzelbetriebe eine verbindliche und öffentliche „Bedarfsproduktion“. Er stellt zu diesem Zwecke ein Amt für Industriestatistik, eine für Industrie und Landwirtschaft gemeinschaftliche Dienstvermittlungszentrale, Begünstigungen durch Zuwendungen von billigem Rohmaterial, durch vernünftige Zollpolitik usw. in Aussicht. Herzl bringt es ausdrücklich zum Ausdruck, daß eine wähl- und planlose Produktion jeden Augenblick zu schweren Krisen führen kann, durch die mit den Unternehmern auch die Arbeiter zugrunde gehen. Ein Beweis für seinen sozialen Sinn ist es. wenn man bei Herzl liest: „Die Hereinbringung nichtjüdischer Arbeits Sklaven in Land (nicht zu verwechseln mit nichtjüdischen1 organisierten Arbeitskräften) wird die Gesellschaft zu vereiteln wissen, durch eine gewisse Boykottierung widerspänstiger Industriellen, durch Verkehrserschwerungen und dergleichen. Man wird also die organisierten Siebenstundientägler nehmen müssen.“ — Genug zarter Andeutungen, für genossenschaftliche Selbsthilfe, gewerkschaftliche Organisation und strafte Arbeitsdisziplin. Hoffentlich wird es dazu nicht kommen müssen. Ein Gedenkblatt an Adolf Stand (Zum 21. Mal.) Von Dr. Marek S c h e r 1 a g. Die ostgalizische Konferenz hat beschfos-' sen, die erste in Palästina zu gründende ostgalizische Kolonie Kfar Stand* zu nennen. Der 21» Mai, der Geburtstag von Adolf Stand, wurde als spezieller Gedenktag für die ostgalizischen Zionisten durch Spenden für das .Klar Stand* gefeiert. Wir bringen aus diesem Anlasse den nachstehenden Artikel als Gedenkblatt an den unvergeßlichen Führer der ostgalizischen Zionisten. Die Redaktion. Am 21. Mai hätte Adolf Stand seinen Geburtstag gefeiert. Wir wären im engsten Kreise beisammen gewesen . . . Diesmal wird er uns fehlen . . . Aber sein Gedenktag soll der 21. Mai doch sein! Wir wollen an diesem Tage für das Adolf Standdorf in Palästina spenden. Und Adolf Stands gedenken. Bescheiden will ich auf sein frisches Grab dieses Eiinnerungsblatt legen . . . Still und wehmütig . . Edel und treu war er. schlicht und groß, wahr und leidenschaftlich. Der begeisterte und begeisternde Redner der politischen Versammlungen und der weihevollen Makkabäerfeiern, der Begründer zionistischer Blätter, der Herausgeber jüdischer Jahrbücher, der Me!ster zweier Sn.aenen wurde in verhältnismäßig jungen Jahrei der;’ü:.-eder zionistischen Juden Galiziens Ich hatte das Glück, in seine Seele, die sich einen 7v,z in-’ mystisch-rcs löse bewahrt.*, und in seine reiche weitspannende Gedankenarbeit Einblick nehmen zu dürfen. Adolf Stands Briefe sind ein Schatz ein Vermächtnis . Uri Je iicspräche nvi ihm . . \\,i gerriütreich. wie anregend! Warm, witzig und lebhaft — so sehe ich ihn noch vor mir Auch als Redner hatte er wirksame überraschende Einfälle. Aber aus der Wärme wurden Gluten, aus dem Witz Stürme. Dieser gewaltige, aufwühlende, aufrüttelnde Jude aus Lemberg konnte lementar wirken, heftig und beharrlich in seiner Liebe und in seinem Hass. Die Liebe galt ccm Volke, der Haß der Assimilation. Von diesen Leidenschaften ausgeiüllt, hatte er für sich selbst keine Zeit . . . Manches hat er begonnen, nicht fertig gebracht, halb stehen gelassen, versäumt und nicht ausgesponnen, wie ein Träumer und Tagversäumer. Halbes Studium, halbes Glück. Einsamkeit trotz heißer Sehnsucht. Schein eines Sonderlings, halber Reichtum im Leben, halbe Armut im Sterben. Ein unbeholfener, unpraktischer Idealist, wo es sein Lebensglück galt. Opfern mußte er sich, arbeiten für sei« Volk, seinem Ideale treu, unermüdlich. selbstlos . . . Was blieb von ihm. dem kristallklaren Stilisten, dem Beherrscher kritischer Antithesen, dem Bewunderer der Kunst und der Schönheit, außer einigen vortrefflichen Charakterstudien und Essays, außer geistreichen Aphorismen? Und doch-er wirkte Leben. Er schuf Begeisterung. Er warb Anhänger für den Zionismus. Also war er produktiv. Und hat er jemand beglückt? Vielen gab er Rausch der Hoffnung. Freude der Begeisterung. Glauben an die Zukunft. Aus dem heißen, mitleidvollen. leidenschaftlichen Herzen eines Herzljüngers strömten seine Worte. Worte? Nein — mehr! Flammen. Rufe. Taten waren seine Reden. Schon als junger Mann hatte er sich dem Apostolat geweiht. Ein Gezeichneter, ein Ausgezeichneter. Ein Vorläufer, ein Vorbote Herzls — später Herzls Schüler Und mehr als das. Ein Gläubiger. ein mystisch Ergebener, ein treuer Diener am Zionswerke. Von ihm konnte man lernen, wie matt Helden verehren soll. Nicht sklavisch blind beugte er sich vor dem Führer, aber voll Liebe blickte er zu ihm auf und stand hinter ihm. des Zeichens zur Tat gewärtig. Und als der Führer starb, nahm Stand seine Liebe zu Zion als treues Vermächtnis auf seine ehrlichen, breiten Schultern und trug sie ins Volk. ln Galizien wußten schon Kinder seinen Namen mit Bewunderung und Rührung zu nennen. Er brachte in den Alltag einen Lichtschimmer. Jede Makkabäerfeier in dem entlegensten Nest erhielt Weihe durch seine Rede. J edem hilfesuchenden Juden bot er Hand und Hilfe. Im österreichischen Parlament galt sein Wort dem Wohl des Volkes ... In Galizien war er zu Hause, ein Ganzer. Aber der Krieg entwurzelte ihn. trieb ihn nach Wien. Hier lebte er. das große Kind, dieser lautere Mensch, als Flüchtling. Er adelte dieses Wort. Und starb, leidgequält, geläutert — in der Fremde. In Angst vergessen zu werden, da Krankheit ih« allzulange der geliebten Arbeit entzog. Nicht aus kleinlicher Eitelkeit fürchtete er v ergessen zu werden, sondern aus Liebe zur Idee. I!:n Erwecker wollte er bleiben in dieser schweren Zeit. Und arbeiten wollte er weiter am Wohle seines geliebten Volkes, dessen Größe und Freiheit er ersehnte, erhoffte. Schimmern sah er ein Morgenrot. Sehnsüchtig streckte er ihm. seine Hände entgegen Aber schlaff sanken sie. Das Herz, von Arbeit. Aufregungen aufgerieben, schlug immer schwächer Nicht vergönnt war es ihm, jetzt an der gebührenden Stelle zu schaffen und zu wirken. Darin seinem Meister Herzl gleich — stirb er, der sich mit dem Führer nie zu vergleichen gewmgt hätte, an gebrochenem Herzen — vor dem Ziel. An der Schwelle zu neuem Leben unseres Volkes, vor der Heimkehr ins heilige Land der Väter. Kleines Feuilleton Aus Migdol (Aus einem Brief.) Das Aprilheft der Berliner „Arbeit“ veröffentlicht den folgenden Brief: Nun liege ich vier bis fünf Tage und da ich körperlich und seelisch von dem ewigen Bettliegen und Nachdenken über das Auf und Nieder des Fiebers müde geworden bin, so kann ich Dir unsere Lage nur ein bißchen schildern. Kämst Du jetzt plötzlich nach Migdol so würdest du unsere drei Genossinnen sämtlich krank finden. Bei der einen fängt das Fieber gern ’e an zu steigen, bei der zweiten steht es aut virile .40 Grad, bei der dritten geht es anscheinend, Gott sei Dank, schon herunter. Rechts vom