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Jüdische Zeitung · 1920-05-28 · 18 (28.5.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
18 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIV. Jahrgang Nr. 18 Einzelexemplar K 2.— *«■ .* ‘ Redaktion and Administration: Wlu ii., Taborstraße I Fernsprecher Nr. 44038 u. 43319 National-jüdifches Organ Mit der Beilage; „Der jüdische NatlonaHfonds4’ Wien( Freitagi dai 28. Mai 1920 Sazagsetaia: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 K, Eimelnuinmer 2 & Postaparkasaenkonto 133.404 Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erscheint am 11. Juni Kultusgemeinfcewahlen Der unverantwortliche Beschluß der gegenwärtigen illegalen Mehrheit in der Wiener Kultusstube, den längst fällig gewordenen Wahltermin auf den Herbst hinauszuschieben, damit den behäbigen Herren keine Störung ihrer sommerlichen Beschaulichkeit erwachse, in Wirklichkeit aber, damit di-; Wahlmacher der „Nichtjüdischnationalen“, welche die Prokura iür das offizielle Kultusgemeindejudentum übernommen haben, für ihre wenig rühmliche Tätigkeit Zeit gewinnen, ist, seit wir dieses merkwürdige Unterfangen an dieser Stelle in die gebührende Beleuchtung rückten, durch die Umstände selbst umgeworfen worden, ehe noch die gerechte Empörung des nationalen Judentums Zeit finden konnte, derartige Praktiken abzuwehren Der Karren ist derartig verfahren, die Wirtschaft so heillos geworden, daß es auch im Sinne des heute in der Seitenstettengasse herrschenden Systems oder Systemmangels eben nicht mehr weiter geht. Zuerst kam der blamable und peinliche Ausstand der Religionslehrer, welche seit je in der Kultusgememde als eine gewissermaßen überflüssige Kategorie gelten mochten; ihnen schlossen sich die Angestellten des Kranken- und Siechenhauses an und zuletzt drohte die gesamte Beamtenschaft mit den Ausständischen gemeinsame Sache zu machen. So mußten die Herren Kultusvorsteher erkennen, daß es nötig sei, die Gemeinde zu sanieren und sie beschlossen mit der durch die Umstände gebotenen Eile, die Wahlen für den 27. Juni auszuschreiben und ein neues Präsidium zu wählen, — dem nunmehr auch Abgeordneter Stricker als Vertreter der Jüdischnationalen angehört — um die Fortführung der Geschäfte zu ermöglichen, bis ein neuer und legaler Vorstand die Führung der Gemeinde übernehmen kann. Mit voller Wucht treten wir Jüdischnationalen in den Kampf ein. Es ist kein Kampf der Idee, der hier geführt wird und kein Kampf zwischen ebenbürtigen Gegnern. Hier stürmt das Neue, Frische und Junge, das lebens- und zukunftskräftige Element des Judentums gegen das Alte und Abgelebte, das Ideenlose, Verkümmerte und zum Untergang Verurteilte an, gegen einen Scheinliberalismus, dessen wahres Wesen sich in seinem Streben ausdrückt, das Wahlrecht der jüdische« Massen tunlichst zu beschneiden, gegen ein Verlegenheitsjudentum, das menschlich und national farblos oder in seiner Anbetung fremdnationaler Götzen charakterlos, :ni besten Fall durch das schwache Band der Pietät an die eigene unbegriffene Gemeinschaft gebunden ist, den Blick in die Vergangenheit gerichtet hat, von einer jüdischen Zukunft, einer lichteren und höheren, nichts wissen will und Zusehen muß, wie durch seine eigenste die jüngere Generation abfällt, gegep ein Judentum, das den wirkenden Kräften der Moderne so ahnungslos gegenübersteht, daß es nicht einmal begreifen will, daß seine Uhr abgelaufen ist und den einzigen letzten Schritt nicht einmal zu tun vermag, der seiner Kläglichkeit einen versöhnenden Schimmer zu geben vermöchte, den, ohne Widerstand von einer wider alles bessere Recht allzulange behaupteten Tribüne zu verschwinden, kampflos seinen Platz zu räumen und wenigstens den Versuch zu machen, in Schönheit zu sterben In der Seitenstettengasse hat man den traurigen Mut, weiterwui stein zu wollen, während ein gewaltiger innerer Aufschwung'unser ganzes Volk in allen Teilen der Erde erfüllt und die Weltmächte unsere nationalen Aspirationen in feierlichster Weise bekräftigt haben. Von dem Geiste, der in San Remo seine Anerkennung durchgesetzt hat, bis in die moderige Stickluft im zwiefachen Ghetto der schmalen, alten Gasse — weich ein langer, rückwärtsgewendeter Weg! Wir werden ihn gehen, weil es das Interesse der zahlreichen und trotz allem kräftigen jüdische« Gemeinschaft Wiens erfordert. Wir müssen die „israelitische Kultusgemeinde“ in wahrhaft aufbauender Weise niederreißen, um auf ihren Trümmern die jüdische Volksgemeinde zu errichten. Wir müssen aus einer mühselig arbeitenden, seelenlosen Verwaltungsmaschine ein lebendiges Organ schaffen, das zusammenfühlt mit der jüdischen Volksseele, ihre sozialen, kulturellen und moralischen Bedürfnisse befriedigt, für ihre religiösen Ansprüche in würdiger Weise Sorge trägt, die Herzen der Jugend mit jüdischen Inhalten und ihren Geist mit jüdischen und hebräischen Kenntnissen erfüllt und die Gemeinde emporiührt zu einer wahrhaften Verknüpfung mi: unserem algemeinen Volkesschicksal. Es sind weite Aufgaben und ferne Ziele, die nicht mit einem Male zu erreichen sein werden und man muß völlig von neuem beginnen, weil das bisherige System alles schuldig geblieben ist und der Anfang muß auf einer völlig unterhöhlten materiellen Basis getan werden. Die bisherigen Machthaber haben jedoch ihre Aspirationen noch immer nicht aufgegeben. Sie haben sich hinter das Komitee der „Nichtjüdischnationalen“ gesteckt, wo ein ahnungsloser alter Professor von dem skrupellosesten Wahlmacher Fleischer mißbraucht wird, der in seinen Rundschreiben — man weiß, daß die Herren den Mut nicht aufbrmgen, in öffentlicher Versammlung ihre im Negativen stecken gebliebene Progiammlosigkeitzu enthüllen — die bewußte Unwahrheit aufw'äimt, daß es den Zionisten sozusagen um ein Attentat auf die gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung geht und deren Bestrebungen, das Judentum aus dem inneren Ghetto herauszuiühren und zwischen ihm and der Umwelt klare Verhältnisse zu schaffen, mit den Tendenzen der Antisemiten in eine Linie stellt. Wie skrupellos diese Mache ans Werk geht, erweist ein Artikel des Wiener „8-Uhr-Blattes“, hinter dem man ohne weiteis die „Nichtjüdischnationalen“ vermuten darf, in welchem sie — ausgerechnet im Organ des getauften Schädlings 5 i e g h a r d t. — für das Deutschtum der Wiener Juden eintreten, ihre übliche Entstellung ablagern und den Zionisten mit der an die Wand gemalten Gefahr einer Massentaufbewegung als Antwort auf deren in sicherer Aussicht stehende Erfolge gruseln machen woüen! Was muß das für eine jüdische Gesinnung sein, die auf zionistische Erfolge mit einem Sprung zum Tauibecken reagiert und wie niedrig ist diese Argumentation! Es ekelt einem förmlich, noch gegen solche Gegnerschaft ankämpien zu müssen, aber wer die Reinigung unseres Judentums will, der darf auch die Beschmutzung nicht scheuen. Es gilt alle Kräfte anzuspannen, damit der Erfolg ein durchschlagender werde. Es giit für uns zur Ueberzeugung zu gelangen, daß auch das zionistische Arbeit ist und daß auch sie mit Palästina in natürlichem Zusammenhänge steht. Die Wiener Kultusgemeinde zu erobern, heißt nicht zuletzt eine Möglichkeit zu schaffen, um das große Wiener jüdische Zentrum innerlich auf den Palästinagedanken umzustelien und mit Palästina zu verknüpfen, die Judenheit Wiens in den Strom jüdischen Tuns und Erlebens hinüberzuleten. Die Geullah, die wir auf solenne Weise zu feiern gedachten, verknüpfen wir mit der Aufklärung der jüdischen Massen. Indem wir ihnen von den Aufgaben der Gegenwart sprechen, wollen wir diese gleichzeitig als Vorbedingung einer größeren Zukuuit betrachten. Die jüdische Volksgemeinde um Zions und des geeinten jüdischen Volkes willen — das sei in den Tagen von San Remo die Parole für unseren Wahlkampf! A. F. Das Kopenhagener Bureau Das jüdische Volk hatte am Weltkrieg keinen Anteil. Als die Völker der Erde die Watten gegen einander wendeten und in jahrelangem Morden einander zerileischten. stand die ihres Volkstums bewußte nationalte Judenheit diesem Treiben innerlich fern und kämpfte iür die Verwirklichung ihrer Ideale auch in dieser Zeit nur mit den Waffen des Friedens. Als Trägerin des nationalen Willens der jüdischen Massen gelang es der Zionistischen Organisation auch während des Krieges d'en lebendigen Zusammenhang zwischen alien ihren Gliedern aufrecht zu haften, die Einheit der Organisation zu wahren und den Kampf für die gerechten Forderungen des jüdischen Volkes weiterzuführen. Das vornehmlich« Mitte!, das sich die Organisation in diesem Kampfe schuf, war das Kopenhagener Bureau, das auf Beschluß .des großen Aktionskomitees (Sitzung in Kopenhagen, Dezember 1914) im Februar 1915 eröffnet wurde. Ein kürzlich erschienener Bericht über die Tätigkeit des Kopenhagener Büros vom Februar 1915 bis Dezember 1919 gibt ein anschauliches Bild von der ersprießlichen Arbeit, die das Zionistische Büro in Kopenhagen geleistet hat. Die Errichtung dieses Büros im neutralen Ausland hat die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen allen Teilen der Zionistischen. Organisation während der Dauer des Krieges ermöglicht. Das Kopenhagener Büro führte eine rege und regelmäßige Korrespondenz mit den zionistischen Landesverbänden und mit führenden zionistischen Persönlichkeiten in allen Ländern, die sich bis in die fernsten Teile der Welt — nach Australien, China, Japan. Sibirien, Persien, Südafrika. Argentinien — erstreckte. Von Kopenhagen aus ergingen Aufrufe und Proklamationen an die zionistische Oeffentlichkeit. von, denen hier nur erwähnt sein mögen, die Kundgebungen zur Britischen. Palästina-Deklaration (November 1917). zu deren Jahrestag (November 1918) und endlich der historisch gewordene Aufruf vom 25. Oktober 1918, der die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz proklamierte und als ..K o p e nhagener Manifest" überall mit Enthusiasmus aufgenommen worden ist. Als nach Beendigung der Feindiseligkeiten im November 1918 eine national-jüdische Zentralstelle zur Wahrnehmung der jüdischen Diasporaiuteressen vor der Friedenskonferenz geschaffen werden mußte, erhielt das Kopenhagener Büro von der zionistischen Leitung den Auftrag, sich mit den Jüdischen N a t i o n a 1 r ä t e m in den Ländern des Ostens iu Verbindung zu setzen und sie zur Delegierung von Vertretern nach der Schweiz zu einer „Konferenz der Jüdischen Nationalräte“ zu veranlassen. Das Kopenhagener Büro verhandelte demgemäß mit den Jüdischen Nationalräten in Rußland, Polen. Ukraine. Ostgalizien, Westgalizien, Deutsch- Oesterreich. Tschecho-SIowakien. Bukowina, sowie den entsprechenden Institutionen oder den Zionistischen Organisationen dter übrigen Länder des Ostens, und durch diese Aktion entstand das „Komitee der Jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz in Paris“, das seither die nationalen jüdischen Interessen in den Ländern der Diaspora bei der Friedenskonferenz vertritt Endlich unterhielt das Kopenhagener Büro während der ganzen Kriegsdauer einen regelmäßigen Verkehr mit ollen jüdischen Kriegsgefangenen, deren Adressen ihm bekannt wurden, und hat durch die regelmäßige Versendung aller seiner Publikationen in die Gefangenenlager auch unter den jüdischen Kriegsgefangenen die Kenntnis der zionistischen Bewegung verbreitet und ihr neue Anhänger verschafft Während der ersten Kriegsjahre war die Judenheit in den Ländern der Entente, während der letzten Kriegsjahre die Judenheit in den Ländern der Mittelmächte von jedem direkten Verkehr mit Palästina abgeschnitten. Das Kopenhagener Büro hat daher, da es immer im Konnex mit Palästina stehen konnte, die bei ihm eingehenden Informationen in zahlreichen Zirkularschreiben an die Zionistischen Landesverbände und die Mitglieder des Zentralkomitees!, vor allem aber durch die Palästinarubrik seiner „Mitteilungen“ zur Kenntnis der Zionisten aller Länder und der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit gebracht. Wie den Vorgängen und Verhältnissen im Lande selbst, so widmeten die Kopenhagener „Mitteilungen“ auch der Frage des politischen Schicksals Palästinas ihr aufmerksamstes Interesse. Mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgten die Mitteilungen“ die national jüdische Entwicklung in der Diaspora, die überall zur Schaffung nationaler Repräsentanzen des jüdischen Volkes und zur Aufstellung seiner nationalen Forderungen führte. Das Kopenhagener Büro war die esrste und fast die einzige Institution, die in. der Lage war, die europäische Oeffentlichkeit über die brutalen

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