Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 17 (14.5.1920)
- Date
- 1920-05-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 t i’ i' i ■ i-i i'i i : i|; I -i H! j'i i i. . i 1 ■ t . t! i i-i. nicht zugänglich sind, ausfindig zu machen, und möchte hier im Zusammenhang nur auf die von den Chinesen in der Mandschurei und sonst in verschiedenen Teilen des Riesenreiches schon seit 3000 Jahren mit Erfolg betriebene Ackerbeetkultur des Getreides verweisen, die in Rußland besonders von Demtschinsky propagiert wird. Diese Anbauweise, auf die ich bei anderer Gelegenheit zurückzukommen gedenke, besteht im Umpflanzen und Behäufeln des Getreides und erzielt noch höhere Erträge als die von mir a. a. O. mitgeteilten. Die Kultivierung der bewässerbaren Böden darf in Zukunft, soweit es sich, um Bewässerungsanlagen handelt, die von der Gemeinschaft des Volkes — einerlei, ob durch den J. N.-F. oder die Jüdische Kolonisationsgesellschaft oder die Regierungselbst — geschaffen werden, nur in der weiter unten näher geschilderten — oder einer ähnlichen — intensiven Weise erfolgen. Solche Böden dürfen in Zukunft nicht in Parzellen von 3 bis 4 ha zur Anlage von Orangegärten vergeben werden, sondern sie müssen in einem Umfang, der zur Unterhaltung einer Familie ausschließlich unter Anwendung eigener Arbeit erforderlich ist — ich schätze vorläufig diesen Umfang auf % ha —, an die Siedler zur Verteilung gelangen. Die Fläche von 34 ha 5000 qm wird bei fleißiger, sachgemäßer Arbeit nicht allein die Familie des Siedlers gut ernähren, sondern sie auch zum Wohlstand führen. Der Grad der Intensität der Bodenbenutzung ist allerdings auf den von mir ins Auge gefaßten kleinen .Parzellen ein ganz anderer, ein viel höherer, als der bislang übliche. Mittels Bewässerung und Düngung soll der Siedler auf seiner Parzelle die höchstdenkbaren Erträge erzielen, wie sie in europäischen Gärtnereien unter Zuhilfenahme von Glashäusern, Kästen und anderem Rüstzeug der Gartenkunst neben starker Düngung erreicht werden. Auf seine viel kleinere Parzelle wird er und seine Familie mehr Arbeit wenden als der Kolonist es jetzt tut und auf den großen ihm von anderer Seite in Zukunft zugedachten Parzellen würde tun können. Diese Mehrarbeit bildet mindestens 20 Prozent der gesamten Arbeit — rein quantitativ — schon dadurch, daß mein Siedler auf seiner Parzelle wohnt und täglich die zwei Stunden Weges spart, die1 der Kolonist, der glückliche Besitzer einer größeren Parzelle, braucht, um von seinem Hause auf sein Feld oder seine Pflanzung und zurück zu gelangen. Je größer die Kolonie, um so weiter die Entfernungen zu den Arbeitsstätten, dem Felde und den Pflanzungen. Die Größe einer Siedlung, die intensiven Gartenbau treibt, bleibt dagegen ohne Einfluß auf den Zeitaufwand des Siedlers fein zum Zwecke der Erreichung seines Arbeitsplatzes: er ist stets mitten in seiner 200X25 m großen Parzelle drin. Schon diese Zeitersparnis setzt den Siedler in die Lage, mehr Arbeit auf seine Kulturen zu verwenden. Pas dritte wichtigste Erfordernis für intensiven Gartenbau ist, — neben Bewässerung und Arbeit — Dünger. Bewässerung ohne genügende Zufuhr von Dünger ist Raubbau. Das Wasser schließt die Nährstoffe im Boden auf, erleichtert ihre Aufnahme durch die Pflanze und führt zur um so schnelleren Ausräubung des Nährstoffvorrats im Boden. Daher ist die Düngerzufuhr zur Erzielung dauernder reicher Ernten unentbehrlich. Der Gewinnung des Düngers muß der Siedler die größte Aufmerksamkeit zuwenden. Die Abfälle des Gemüsebaues verwertet er durch Kleintierzucht. Auf den kleinen Parzellen ist kein Platz für Milchkühe. Nur Ziegen — zwei bis drei — und Geflügel kann er gut füttern. Ihre Erträge sollen ihm zur Deckung des eigenen Bedarfes dienen, worauf ich noch unten zurückkomme. In diesem Zusammenhänge interessiert uns die Kleintierzucht zunächst als Produzentin von Dünger. Dies ist die eine Düngerquelle. D i e andere, noch wichtigere, sind die Menschen selbst. Nach chinesischem Vorbild müssen die Fäkalien in zweckmäßiger Weise gesammelt und dem Komposthaufen, der den Viehdünger und die. Abfälle dtr Hauswirtschaft aufnimmt. zugeführt werden. Welche Nährstoffmengen für die Pflanzen die Fäkalien zu liefern vermögen, folgt aus der Tatsache, daß der, Abfall pro Kopf rund 500 kg im Jahr ist, die nach Stuttgarter Untersuchungen 2.10 kg Stickstoff, 1,05 kg Phosphorsäure und 0,85 kg Kali enthalten im Werte von etwa 5 Mk. (Friedenspreis). Die beste Art der Aufsammlung der menschlichen Exkremente, gleichzeitig hygienisch und sparsam, wird durch den Torfmull geboten. Torfmull, der für geringes Geld gekauft und in gepreßter Form auf weite Entfernungen transportiert werden kann, desodoriert vorzüglich und «mgt die Fäkalien auf. Er hat auch Eigenschaften, die ihn zur physikalischen Bodenverbesserung geeignet machen. Neben der Gewinnung von Dünger in der eigenen Wirtschaft wird der Siedler auch noch auf den Bezug von Kunstdünger und auf Gründüngung angewiesen sein. Letztere kann in die Fruchtfolge eingereiht werden. Aber auch die Stadt muß dem Lande einen Teil der wertvollen Stoffe zurückgeben, die ihr in der Gestalt von Nahrungsmitteln vom Dorfe zugeführt werden. Das städtische Abfuhrwesen muß in Palästina landwirtschaf-Hich orientiert sein, d. h. es muß unter dem Gesichtspunkte der möglichst - vollständigen Rückgabe der Dungstoffe an die Landwirtschaft organisiert sein. Die Schwemmkanalisation muß entschieden abgelehnt werden. Das sogenannte Heidelberger Tonnensystem, ebenfalls unter Verwendung von Torfmull zum Aufsaugen der Fäkalien und. zu ihrer Geruchlosmachung oder ähnliche den 'Zweck in gleicher Weise erfüllende Systeme dürfen allein im den palästinensischen Städten Verwendung finden. Palästina wird zu einem bedeutenden Einfuhrlande von Torfmull werden, den es in ganzen Dampferladungen aus den kalten Ländern beziehen und ihnen dafür seine Produkte zuführen wird. In geeigneter Weise — mittels Spezialwaggons — muß dann der menschliche und andere Dünger — soweit er nicht in den städtischen und vorstädtischen Gärtnereien gebraucht wird — aufs Land gebracht werden, in erster Linie für die Bedürfnisse des intensiven Gemüsebaues. Dieser Frage muß beim Städtebau rechtzeitig und in zufriedenstellender Weise Rechnung getragen werden. Die schon bei der Gründung von Städten etwa begangenen Sünden lassen sich später nur schwer und mit erheblichen Kosten wieder gutmachen. Bewässerung, Düngung, intensive Arbeit sind die drei Grundpfeiler des von mir befürworteten Systems. Freilich ist unter intensiver Arbeit nicht die schwere, fast möchte man sagen, Fronarbeit zu verstehen, die der Ackerbauer in Europa zu leisten hat. der, um mit Kautsky zu sprechen, ununterbrochen, tagaus, tagein, vom Morgen bis in die Nacht, ohne Schichtwechsel und ohne Ferien, mit seiner Frau in den Zwergbetrieben sich abschinden muß. Im Gartenbau ist die Arbeit nicht schwer, sie erfordert vielmehr große Sorgfalt und Aufmerksamkeit, das Eingehen jjuf die Bedürfnisse der einzelnen Plätze, eine zum Teil geistige Arbeit. 1 Wer ist schuld? Ln der letzten Nummer des „Haolam“ faßt sich A. Davidsohn mit der bis heute -noch ungeklärten Frage, wo 'eigentlich die Urheber d!er in - der allgemeinen Volksabstimmung durchaus nicht begründeten jtodenfedndlichen Ausschreitungen ist Jerusalem zu suchen seien. Er weilst zunächst darauf hin. daß alle bisher veröffentlichten Bedichte sich um diese Frage herumdrücken und die offiziellen Mitteilungen des Reuter-Büros einerseits die Sache als harmlos, anderseits als den Ausbruch eines angeblich lange verhaltenen Zornes der Araber über den Zionismus darzustellen versuchten. Auffällig sei jedenfalls, daß die Plunder rangen sich zwei Tage wiederholen konnten und die britische Verwaltung nicht die Mittel fand, um dies zu verhindern. Ueber die Rolle der Beamten der britischen Verwaltung schwelge Sich Reuter gründlich aus und) dies allein sei ein untrüglicher Beweis dafür,.daß die Administration in Palästina an den beschämenden Vorgängen mitschuldig ist Es sei nunmehr kein Zweifel, daß die britischen Beamten in Palästina durch diesen von ihnen gebildeten und vielleicht auch geförderten Pogrom dten Zweck verfolgten, die englische Zentralregienumg in einem den Zionisten ungünstigen Sinne zu beeinflussen . Die Beamten der britischen Verwaltung in Palästina waren von Anfang .an den an sie gestellten hohen Aufforderungen nicht gewachsen. Sie haben Verfügungen erlassen, die nicht nur gegen das Interesse des Zionismus, sondern auch gegen dasjenige des von ihnen vertretenen britischen Reiches verstießen. Die zionistischen Kommissionen mußten gegen solche Verfügungen Beschwerden .erheben, welche eine Widerrufung dieser Verfügungen durch die ZentralregierungSzur Folge hatten. Durch diesen Widerstreit zwischen, den zionistischen Stellen in Palästina und den Beamten der Verwaltung wurden die letzteren immer gereizter und sie begannen diesen nur durch ihre Unzulänglichkeit hervorgerufene Kampf als ihren persönlichen Kampf am Zusehen und zu führen. Davidsohn führt weiter aus: Die Luft ist noch immer voll von lügenhaften offiziellen; Meldungen aus Palästina, mit denen die Beamten ihre politischen Blößen zu verdecken trachten. Die Zentralregierung möge doch dieses Lügengewebe endlich zerreißen und durch die Bestrafung der schuldigen oder fahrlässigen Beamten erklären, daß sie dir Vorgehen nicht blligt und daß sie frei ist von jeder Mitschuld an diesem Verbrechen. Davidsohn schießt diese offene Aussprache folgendermaßen: „Pogrom im Jerusalem. Das ist ein Ereignis, das Sühne heischt. Es gibt in der ganzen Welt keinen Juden, den diese Nachricht nicht im Innern erschüttert hätte. Jerusalem ist ■die Hauptstadt unseres Volkes, wie sie es ehedtem war, und bis zum heutigen Tage ist die Mehrzahl .ihrer Bewohner jüdisch. Die Augen aller unserer Volksgenossen sind dieser Stadt zugewendet, und siq bildet heute das einzige Licht in der Finsternis unseres Galuth. Verlischt auch dieses .letzte Licht, dann wird die Finsternis nicht nur. für uns, sondern für die ganze Welt vermehrt werden. Die Pogrome werden unseren Mut nicht sinken lassen.“ » allem beschäftigte sie die Frage dier jüdischen Landarbeiterin. Sie war die Beraterin und wahre Stütze Chana Maiseis. sie plante mit uns gerade vor Ausbruch des Krieges die Schaffung von Ar b ei te rinne n- K w uzo th in Ain- Ganim und Rechobo t. da gerade damals eine ansehnliche Anzahl russischer Arbeiterinnen ins Land kam. Und diese Frau litt an einem Herzleiden. das gewiß durch die Kriegsverhältnisse gesteigert wuirdie und sie in der Blüte ühes Lebens dem Tode weihte. Ihr Name aber und ihre Arbeit bleiben unvergeßlich in der Entwicklung Palästinas und somit in der Geschichte dies jüdischen Volkes» Wien. Schoschana Meyer. Fünfzigster Geburtstag Henryk Glicensteins Am 26. Mai begeht Prof. Henryk Glicenstein, der als Schöpfer des Messias und Bar Kochba bekannt ist, und denWaer Jüdische Nationalfonds so manche hübsche, zur Propaganda verwendbare Arbeit wie die Kindermünze verdankt, seinen fünfzigsten Geburtstag. Prof. Glicenstein hat eine Laufbahn durchmessen, die typisch ist für den aus dem Osten stammenden jüdischen Künstler. In Turek in Polen im Jahre 1870 geboren, wurde er wegen seiner Begabung, die sich von dem unerkannten Vater,auf den Sohn vererbte, zum Handwerk bestimmt. So kam er mit fünfzehn Jahren nach Warschau und Lodz, wo ihn jedoch kein Meister brauchen konnte. Vormittag suchte er eine Lehrstelle, allerdings vergeblich, nachmittags saß er in der Jeschiwah, bis ihn ein polnischer Redakteur „entdeckte“ und ihn in das Haus seines nachmaligen Schwagers Samuel Hirszenbe rg, der damals auf der Pariser Akademie war, einführte. Dort erhielt er die Weisung nach München zu gehen, wo ihm jedoch sein Lehrer Professor Rähmann nichts mehr lernen konnte. Die Kollegenschaft Glicensteins aus seinen akademischer. Jahren weiß sich von ihm als reinen, armen Toren manch köstliches Histörchen zu erzählen. Während seine Studiengenossen zum Mittagessen eilten, schläferte Glicenstein oftmals auf dem Podium des Lehrsaales seinen Hunger ein. Aber er war einer der Begabtesten und konnte bald, mit allen akademischen Auszeichnungen versehen und nachdem er zweimal den Michael Beerpreis erlangt hatte, nach Rom pilgern. Dort begann sein Aufstieg. Glicenstein ist einer der glühendsten jüdischen Künstler, die wir aufzuweisen haben, nicht nur in allen seinen Werken, sondern auch als Persönlichkeit. Seine Freunde veranstalten jetzt eine Ausstellung seiner Werke in Amerika. Gerade jetzt wäre es an der Zeit, daß sich die Zionistenschaft des Meisters erinnerte, dessen Messias würdig wäre, sich als Grabmal auf dem Totenhügel Theodor H e r z 1 s in Palästina zu erheben. In Glicensteins römischen Atelier steht noch unverkauft sein erzerner Bar Kochba, für dessen Gestaltung ihm das,Wort Motto war: Er springt auf eine Meile und schlägt auf eine Meile. An der Schwelle der Verwirklichung des Zionismus müßte sich das jüdische Volk seines Jubilars erinnern und durch eine Nationalsubskription das Kolossalwerk erwerben. Es sollte zum Symbol für den Aufbau Palästinas werden. N. W. Kunst und Literatur Melr Wiener: Messias. R. Löwlt. Verlag, Wien. Von Meir Wiener kannte man bisreun nur Aufsätze, verstreut in Zeitschriften und einige. Nachdichtungen kabbalistischer Lyrik. Die starke dichterische Begabung, die aus ihnen erkennbar ist, legitimieren diesen „Messias“ . . Es ist schwer, über dieses Buch in dter gedrängten Kürze einets Berichtes zu schreiben. Es ließe sich viel sagen: man könnte es vom Standpunkte des Literaranalytäkers werten, vom Standpunkt dies Ethikers, weiß Gott von welchen; Standpunkte noch — mir scheint es aber wichtig, es vom rein menschlichen Standpunkte, vom Standpunkte des empfänglichen, ursprünglichen, aller Systematik fernen, aus Gefühlen wertenden Menschen zu lesen. Auf diesen Menschen muß es einen ganz bedeutenden Eindruck machen — (zumindest das erste und das letzte dter drei Stücke). Aufgebaut in mitunter ganz unglaublich starker Sprache'" (sonderlich in. „Josef delia Reina“). aufgebaiut aus , Blut, Liebe und letztem Haß kämpft hier der Messias in uns um Gott, kämpft, hingeknirscht fei den Staub, .aufragend aus den Einöden aller Wüsten, aiufschreiend durch die Hallen dter Paläste und hingegeben in die verwirklichende Stille zwischen dein Augenblick und dem nächsten — kämpft um Gott, aus dter Zenissenheit dter Vielheit zur Einheit Gottes zu gelangen. „Ihr Feiglinge, seid verflucht! Ihr Stolzen, vergebens erschien euch dter Herr!“ Kein Zeitraum mehr ist für die Feiglinge, nicht Zeit für die Stolzen, die Reichen, .die Zufriedenen, Kampf um das Letzte, um Gott ist angebrochen. Zwischen Samuel, dem Abgefabenen und Gott steht klein, aber sich aufreckend; der in die Endlichkeit Gefesselte, der Glaubende, an den Zweifel trat, den die Erkenntnis seinei Sendung die Himmel herabschreien läßt, Rechenschaft zu fordern von der Ewigkeit — und der hinsinkt in entsetzlicher Verzweiflung. Furchtbar ist des Erkorenen Kampf um Gott, furchtbar der Zweifel des Glaubenden, des um seinen Kampf, um seine Liebe, um seine Mission Kämpfenden Weit hinter ihm der da kämpft mit allen Fibern seines blutvollen Herzens und) Glaubender ist in allen seinen Zweifeln; weit hinter ihm bleiben die leichtfertig Gläubigen, die ihren Glauben Genießenden; die leichtfertig Guten, die kein Zweifel in die Knie warf, aufzuschreien aus.den letzten Schmerzen des Weltalls . . . Einsam steht der Erkorene in seinem Kampf, kämpft gegen Gott für Gott, um Gott — und Gott hört die Stimme seines Dieners, -der ihm dient auch in seinem Fluch — Messias: Kämpfer. Löser, Hassender, Liebender, der um seinen Kampf, um seine Lösung und seine Liebe und um seinen Haß gekämpft hat Gibt es etwas zu sagen über Wieners Buch? Soll ich sagen; daß es .unterhaltsam ist. es als >