Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 17 (14.5.1920)
- Date
- 1920-05-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 und abertausenden Juden, die gerade jetzt in den Ländern, in denen sie in großen Massen leben, den heutigsten Verfolgungen und Bedrückungen ausgesetzt sind, eine Zufiuchtstätte eröffnen, wo sie nach ihrer Eigenart unter dem Schutze des Völkerbundes leben und sich entwickeln können, erweckt überall, wo es Juden gibt und wo noch ein Gerechtigkeitsgefühl lebt, das Gefühl aufrichtigster Freude und innigster Genugtuung. Dieser innigen Freude gibt auch der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, der, im Durchgangstor zwischen Ost und West wirkend, zu allererst die Wirkungen der Pogrome im Osten und des FlücbfJingsstromes nach dem Westen zu fühlen bekommt, aus vollem Herzen Ausdruck. Mögen aber auch die im Zusammenhänge mit der obigen Meldung lautgewordenen Versicherungen der Großmächte, daß, wie im neuen Palästina die volle und effektive Gleichberechtigung aller Bewohner des heiligen Landes gewährleistet werden solle, auch die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden in ihren derzeitigen Wohnländem ungeschmälert erhalten und gewahrt werden sollen, in Erfüllung gehen.“ In Berlin hat anläßlich der Nachrichten aus San Remo der Jüdische Gemeindeverein in seiner Generalversammlung vom 26. April einstimmig folgende Entschließung angenommen: „Die Generalversammlung des „Jüdischen Gemeinde Vereins“, tief ergriffen von der Bedeutung der Erteilung des Mandats zur Schaffung eines nationalen Heims für das jüdische Volk in Palästina an Großbritannien, weiß sich eins mit dem gesamten jüdischen Volke auf der Welt und verspricht treueste Mitarbeit, fest überzeugt, daß in dieser großen Stunde jüdischer Geschichte jeder Jude und jede Jüdin Berlins fest entschlossen ist, mitzuarbeiten an dem Werke der jüdischen Wiedergeburt“ In Warschau wurden anläßlich des Beschlusses der Friedenskonferenz von San Remo am Lag-Beomer Festversammlungen und Demonstrationen veranstaltet Samstag, den 1. Mai, wurde auf Anordnung des Warschauer Rabbinates in sämtlichen Warschauer Synagogen und Bethäusern das Hallalsgebet gesagt als Lob- und als Dankgebet für die Erlösung, die sich mit dem Beschluß in San Remo, ankündigt. Aehnliche Manifestationen wurden in allen jüdischen Zentren veranstaltet Aus Linz wird uns geschrBeben: Aus Anlaß dies endgültigen Beschlusses der Konferenz in San Remo, in Palästina dem jüdischen Volke eine nationale Heimstätte zu errichten. Samstag, den 1. (Mai. fand um 5411 Uhr vormittags ein feierlicher Gottesdienst statt Herr Rabbiner Friedmann hielt die Festrate. Der Wiener Kultusgemeinde- Skandal Die Verhältnisse in der Wiener Kultusgemeinde werden immer unleidlicher. Man hat es sich ia seit langem abgewöhnt, die Wiener Kultusgememdevertretimg als ein Organ amzusehen. das seinen Aufgaben irgend wie gerecht werden kann, und man umschreibt die Situation am besten durch die Feststellung, daß sich die Wiener Kultusgemeindevertretung ihrer eigentlichen Aufgaben gar nicht bewußt wird. Die Diskrepanz zwischen Notwendigkeit und Wirklichkeit ward War um so größer, je mehr der jüdische Aufgabenkreis wächst und je größer die politischen Erfolge des modernen Judentums werden. Die Wiener Kultusgemeinde ist längst zu einem bloßen Verwaltungsapparat herabgesunken, aber es erweist sich täg- JÜDISCHE ZEITUNG lieh mehr, da sie auch du diesen engen Grenzen, die sie sich in ihrer beschränkten Selbstgenügsamkeit gesetzt hat, vollständig versagt. Die Wirtschaft der Kultusgemeinde hat moralisch längst Bankerott gemacht, und wenn es so weiter geht, wird man bald auch von einem effektiven Bankerott sprechen dürfen. Die behäbigen Spießbürger mit dem kleinlichen Kahal-Horizont, welche sich jeder berechtigten Kritik gegenüber auf den bequemen Standpunkt des durch sie all seiner ursprünglichen Größe entkleideten „Chiilul- Hachem“ zurüchzogen und ein Lamento über diefrevelhaft gestörte Wirtschaft erhob, müssen es nun erleben, daß ihre eigene Beamtenschaft sich gegen sie erhebt und die Fortführung der Arbeit in Frage steilt. Die Wiener jüdische Großgemeinde gibt der jüdischen Welt das beschämende Bild, daß ihre Lehrer streiken, das Personal ihres Kranken- und Siechenhauses nur mit Mühe beschwichtigt werden kann und daß schließlich sämtliche Kategorien von Angestellten mit der Einstellung der Arbeit drohen. Es wäre zu viel von den Herren verlangt, wollte map von Ihnen einen irgend wie modernen sozialen Sinn erwarten. Sie sind gewohnt, auf die* misera plebs der im Dienste der Gemeinde Stehenden, als auf eine Schar rechtloser Sklaven herabzublicken, die man unter der Peitsche hält Der Hinweis, daß die tristen, wirtschaftlichen Verhältnisse der Gemeindeverwaltung und ihrer Angestellten eine bloße Folge des allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Oesterreich ist, bedeutet in diesem Falle nicht mehr als eine bloße Ausrede. In der Wiener Judenschaft gibt es zahlungskräftige Elemente genug, welche imstande wären, für .die laufenden Ausgaben der Gemeinde aufzukommen und eine gergeltere Finanzwirtschaft zu verbürgen. Aber die Kultusgemeinde hat es seit jeher systematisch vermieden, einen wirklichen Kontakt mit ihren Mitgliedern zu pflegen, sie hat vielmehr alles getan, um einem solchen auszuweichen. Sie hat nie Sinn aufgebracht für eine Pflege des jüdischen Gemeinschaftsgefühls und hat alles dazu getan, um den jüdischen sozialen Sinn einzuschläfem, den Zusammenhang des Einzelnen mit der Gemeinde zu lockern, die ihm nichts bietet als die Möglichkeit einer Einschreibung in die Matrikel, eine jüdische Hochzeit und einen Platz auf dem jüdischen Friedhof, und höchstens noch, soferne er darauf reflektiert, einen besonders zu bezahlenden Sitzplatz in der Synagoge. Man hat den Unterricht in den jüdischen Fächern auf ein Minimum reduziert, die Erweckung des jüdischen Sinnes schon beim Kinde vernachlässigt und so den Abfall geradezu gezüchtet. Den wohlbestallten Bürgerin; die in der Kultusstube sitzen und die weiß Gott wias für die jüdische Sache getan zu haben glauben, wenn sie die paar Wochen einmal zu einer Sitzung Zusammenkommen, tut der Hunger der Gemeindeangestellten wenig weh. - Aber die Angestellten sind nicht länger gewillt, diese beschämende Wirtschaft mitzumachen und stellten ihre Forderungen. Am 6. Mai sind die jüdischen Rdigionslehrer der Volks- und Bürgerschulen in den Streik getreten und der Verband der Angestellten der Wienei Kultusgemeinde hat der Streikleitung seine Sympathin ausgedrückt. In der Tat gibt es gegenwärtig in Oesterreich keine Angestelltenkategorien, deren Bezüge so tief unter dem heutigen Durchschnittseinkommen stehen wie die, der Angestellten der Kultusgemeinde, die einen wahren Bettellohn beziehen; und die Unruhe hat sämtliche Angestellten der Gemeinde erfaßt, so daß die Krise Nr. 17einen überaus akuten Charakter anzunehmeri beginnt. Diese Zustände enthüllen sich in einer Zeit, da das neue Gemeindestatut mit seinen sehr bescheidenen Reformen die behördliche Genehmigung erhalten hat. Es wäre also Zeit für die Ausschreibung der Neuwahlen, die schon aus dem Grunde nötig wären, weil eigentlich der jetzige Vorstand eine eigentliche Legalität nicht besitzt. Aber die Herrschaften haben Zeit Es kommt der Sommer und man muß aufs Land gehen. Das soll der Grund sein, weshalb die Neuwahlen auf den Herbst verschoben und der Ruin der Gemeinde vollendet werden soll. Der wahre Grund ist natürlich ein anderer. Dem kleien Klüngel, der von dem unrühmlich bekannten Hetzer Siegfried Fleischer geführt wird und den alteR. ahnungslosen Professor Königstein mißbraucht, der Gesellschaft, welche unter dem vorgeschobenen" Titel der „nichtjüdisch-nationalen Parteien“ — schon dieses rein negative Programm ist für ihren Horizont kennzeichnend — hinter hermetisch geschlossenen Türen eine zersetzende und mit Entstellungen operierende Wühlarbeit treibt, geht es darum, einen Aufschub der Wahlert zu erwirken, um Zeit zu gewinnen für ihr Zerstörerwerk. Die Mühe der Herren dürfte vergeblich sein. Sie sollten wenigstens begreifen, daß die Zeit selbst und ihre eigene Ungeschicklichkeit gegen sie arbeitet. Diie Kultusgemeimdevertmetung jedoch, welche sich in ihrer bekannten Plan- und Willenlosigkeit unter das Diktat eines Siegfried Fleischer begibt, sei in letzter Stunde gewarnt und an ihre Verantwortung gemahnt, die sie bisher so gröblich mißachtet hat. Wir fordern die sofortige Ausschreibung der Neuwahlen,’ damit eine neue und modernere Gemeindevertretung die schweren Aufgaben übernehme, zu deren Bewältigung sich die heutige Vertretung völlig unfähig erweist Und wir wissen uns mit dieser Forderung eines Sinnes mit allen denen, denen noch etwas an der jüdischen Sache liegt und die die Notwendigkeiten der Gegenwart begreifen. F. Neue Formen der Produktiv- Genossenschaft Von Bruno Ranecker. Wir veröffentlichen mit einigen Weglassangen aus dem Aprilheft der »Tat*, Monatsschrift fQr die Zukunft deutscher Kultur, bei Eugen Dlederichi in Jena, den nachfolgenden Aufsatz in gekürzter Wiedergabe. Die Darlegungen Ober neue Formen der deutschen Arbeit werden in Ihrer Nutzanwendung auf die Probleme des jüdischen Wiederaufbaus in Palästina für unsere Leser von Interesse sein. Der Gedanke der Produktivgenossenschaft fängt neuerdings an in vielfältiger Gestalt Wurzel zu schlagen. Er liegt den Bestrebungen der Arbeitsgemeinschaften der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugrunde, er bildet den Grundgehalt der Forderung nach Beteiligung und Mitverantwortung der Betriebsräte am Produktionsprozeß, er ist in dem Vorschläge des sozialpolitischen Ausschusses der Nationalversammlung auf Einführung von Arbeiteraktien enthalten und schließlich, in. reinster Form, tritt er in den eigentlichen Produktivgenossenschaf ten der Arbeitnehmer zutage. Nur von den letzteren soll hier die Rede sein, weil sie am klarsten und kräftigsten jenen sittlichen Gedanken zum Ausdruck bringen, der über Wohl und Wehe ünserer Zukunft entscheiden wird: die Gemeinsamkeit der Verantwortung, die Gemeinsamkeit der Arbeitslust und der Arbeitsfreude, die Gemeinsamkeit in Gewinn und Verlust: Genossenschaf tlichkeit des Arbeitslebens. Träumer Von S. M e i s e 1 s. B'schubh adomaj eth - schibhat zion hajjinu k’cholmim. Psalm 126,1. Träume eines Volkes sind Wunschgedanken, deren Verwirklichung im Schoße der Zukunft liegt Gewesene Wirklichkeiten, Schattenbilder aus einer längst entschwundenen frohen und schönen Vergangenheit verlebendigt der Volksgeist in seinen Träumen und läßt sie in einer fernen froheren und schöneren Zukunft zu neuer Wesenhaftigkeit auferstehen. Träume eines Volkes sind Hoffnungen, die nicht trügen, weil hier nicht eine wolkenwandlerische Phantasie aus leerem Dunst Luftwerke baut sondern weil da ein lebendiger Geist Dinge vorwegnimmt, die da früher oder später kommen werden, weil sie kommen müssen — zu jener Zeit, wenn das Volk erwacht und seinem langgehegten Wunschgedanken den tätigen Willen gesellt , Jahrhunderte lang, Jahrtausende lang hat der Traum des jüdischen Volkes um die alte jüdische Heimatstätte gekreist und im Geist entschwundene Schönheiten erneuert versunkene Heiligtümer wieder aufgerichtet und das Glanzbild der Vergangenheit in den Bannkreis seiner Zukunft gelockt. Von den Propheten im Exil bis auf Jehuda Halevy, von diesem bis auf die Schöpfer des Zionismus hat das jüdische Volk viele Zionsträumer hervorgebracht. Und das Volk träumte mit diesen seinen Träumern. Aber dieses Träumen war nicht eines lasterhaften Müßigganges gauklerisches Luftschlösserbauen, sondern ein sehnsüchtiges Zukunftsschauen, wobei Kopf und Herz schwere heilige Arbeit verrichteten. Auch Träume sind etwas, womit man die Zeit ausfüllen kann, hat Theodor Herzl, einer der kühnsten Träumer und zugleich einer der größten Tatenmenschen des jüdischen Volkes, gesagt. Und fürwahr, das jüdische Volk hat lange Zeiten mit diesen seinen Träumen ausgefüllt und sie waren ihm tiefe beglückende Erlebnisse und sie fühlten sich dabei glücklicher, als so manche nüchterne Historiker und wirklichkeitsfremde Chronisten sich haben träumen lassen. Nach einem bekannten französischen Ausspruch besitzt jeder Mensch zwei Vaterländer, sein eigenes und Frankreich. Die jüdischen Träumer haben in der Tat in zwei Vaterländern und in zwei Zeiten gelebt: in dem Wirklichkeitsland der Gegenwart, wohin das Exil sie gebracht hat, und im Traumland der Zukunft, das für sie als göttliche. Verheißung ebenfalls eine wesenhafte, wenngleich ferne Wirklichkeit besaß. Mitten in der düsteren Gegenwart zimmerten sie sich das Reich der Zukunft und lebten in ihm. Je trostloser die Wirklichkeit je bewölkter der Himmel über ihren Häuptern war. um so reiner, strahlender, freudiger war das Bild der Zukunft. Und dieser Zukunftstraum, in dessen Mittelpunkt in flammender Schrift das Wort „Zion“ stand, gab ihrem Leben eine innere Harmonie, eine nie versiegende Hoffnungsfreudigkeit. Denn der Traum war schön und nahm alle ihre Sinne gefangen und verdrängte mitunter vollends die Wirklichkeit mit allen ihren Häßlichkeiten aus ihrem Gesichtskreis. Aus einer Gruhdstimmung heraus, aus der Sehnsucht nach Erlösung und der Hoffnung auf die Rückkehr in das alte Stammland ihrer Väter wurden ihre Zukunftbilder geboren. Nur hie und da waren die Farbentöne dieser Zukunftsbilder und ihre Umrahmungen verschieden. Unter südlichem Himmel glühten sie in majestätischer Pracht und Schönheit, im Osten hatten sie das Aussehen eines ernst-heitern Mysteriums. Aber alle strebten sie traumumfangen nach einem Ziele: sie träumten sich aus der Galuth hinaus. In ihren Träumen lösten sie die Ketten und fühlten sich frei, rissen sie Mauern nieder und weiteten ihren Horizont. Dieser Zukunftstraum war das Geheimnis ihres Lebens, das Ideal, das sie in sich trugen und von dem sie sich tragen ließen. Die anderen, die Fremden, sahen sie durchs Leben im Schatten wandern und wußten es nicht, daß sie in einem Traumland der Zukunft lebten, das ihre Dunkelheiten mit Licht und Glanz füllte. Lange träumte das jüdische Volk seinen Zukunftstraum, Jahrhunderte lang. Jahrtausende lang. Doch eines schönen Tages erwachte es aus seinen Träumen und gesellte zu dem langgehegten Wunschgedanken den tätigen Willen — der Zionismus entstand. Der Zionismus manifestiert das jüdische Wollen, den Traum in Wirklichkeit zu gestalten; er ist nichts anderes als die sichtbar gewordene jüdische Sehnsucht nach Erlösung. Alles andere ist nur die Form, in der sie sich kundgibt, die Betätigung, in der sie sich äußert. Im Zionismus hat der berechnende Verstand das alte Ideal des jüdischen Volkes mit einem scharf umgrenzten Programm ausgestattet. Der Zionismus hat die alte Sehnsucht nicht gesteigert, sondern ihr den Willen zur Tat hinzugefügt. Dieser Tatwille hat jetzt den Beschluß von San Remo gezeitigt. Der alte Traum beginnt Wirklichkeit zu werden. Moses Nach dem Hebräischen „Archiin“ von Chajim Bloch. Gott wölbte die 'Bimmel auf dem Berge Sinai. Er sprach zu Moses, seinem Getreuen. „Komm, steig auf meines Palastes Höhe und fürchte nichts, denn deän Ahne hat sie längst bezwungen; als ihn Nimrod 'in die Glut des Feuers warf, seine Füße aber nicht abbmihten. Das Feuer meiiner Engel wird dich nicht anrühren, weil du ihn ein mächtigeres Feuer tauchst in ein Feuer, das alle anderen Feuer verzehrt. Ich kleide; dich in mein Purpurg'ewand'. damit die Engel sich vor dir erheben. Und ich fasse die Strahlen der Pracht auf deinem Haupte, daß kein Wesen sich dir nähern kann. Nicht für gering halte dich, Mose, denn du. weißt nicht, wie stark ich dich lebe — ich de,r Allbelebende und Ewige, der deine Gestalt schuf, als das Hohe und Tiefe noch nicht geschaffen war“