Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 13 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 J0D1SCUE ZKTUNG Seite 3 stina ausgegebenen Gelder, deren wichtigste Zahlen deshalb hier detailliert wiedtergegeben seien. Vom 1. März bis 31. Dezember 1919 wurden in Palästina ausgegeben: Pfund Für Erziehung«- und Schulzwecke 62.303 „ Ackerbau . 35.854 „ medizinische und1 Samerungszwecke 47.909 „ Verwaltungsfzwecke . 23.543 „ nationale Organisation . . . 17.698 b Industrie und öffentliche Arbeiten .. 1.719 „ Bewässerung. 12.600 usw. Erfreulich ist in dieser Aufstellung die Höhe der Aufwendungen für Schulwerk. Assanierungszwecke und Entwässerung. Sehr hoch sind auch die Verwaltungskosten in Palästina, was sich aus den dort herrschenden Verhältnissen erklärt. Ueberraschend gering ist die Ausgabe für „Industrie und öffentliche Arbeiten“. — die Kosten der Entwässerungsanlagen sind allerdings gesondert angegeben. Auch der Posten „Handel und Industrie“ des Londoner Amtes ist im Verhältnisse erstaunlich gering. Trotz unserer beschränkten Mittel haben wir es als unsere Pflicht betrachtet, auch außerhalb des von der Londoner Konferenz von 1919 bewilligten Budgets einige Aufwendungen zu machen, besonders dort, wo sich Gelegenheit zur Gewinnung neuer Vorteile in Palästina bot oder wichtige Vorbereitungsarbeit zu leisten war. Auf diese Weise haben wir der Zionist Commission 3U0 Pfund zur pachtweisen Uebernabme.der Kolonie W i 1 he 1 ma bewilligt. 539.000 Mark für die Erwerbung des Technikums in Haifa. 300.000 Mark für Erwerbung und Ausstattung eines wissenschaftlichen Laboratoriums. 500 Pfund für wissenschaftliche Arbeiten für die Universität und eine monatliche Summe von 1250 Pfund, um den Bau der Universität in Auftrag geben zu können. Die Weltkonferenz Hapoel-Hazair Zion in Prag Am Donnerstag, den 25. März wurde im Marmorsaale der Luzema die Prager Weltkonferenz der verschiedenen Organisationen des der Landesverbände in Palästina, Polen, Litauen, Deutschland, Oesterreich, Tschecho-Slowakei etc., sowie etwa 500 Gäste aus Prag und dem Auslände. Diese Sitzung wurde namens des einberufenden Komitees von Chawa Josef Sprinzak (Palästina) mit einer hebränischen Ansprache eröffnet. Er führte etwa folgendes aus: Nicht wie wir gehofft haben, in unserem eigenen Lande, sondern in der Hauptstadt eines neuen Staates, treten wir zusammen, dort in unserem Lande ist die Erkenntnis in uns gereift, die uns hierher geführt hat, wir erkannten den1 Weg der innerlichen Befreiung und sahen die Notwendigkeit der Ansiedlung großer arbeitender Massen, für die Renaissance des Volkes und des Landes. Diese Erkenntnis gelangte auch in die Zentren der Gallith. Die Zcire Zion sagen, daß ihr Weg aus den Mühsalen und Verfolgungen unser Weg sei und auch dort wo zwar keine jüdischen Massen, wohl ' aber eine zahlreiche jüdische Intelligenz lebt, wurde der Weg des Hapoel Hazair als der richtige erkannt. Aus diesen drei Strömungen eine große Bewegung zu schaffen, deren Ziel die Befreiung des Volkes ist, das ist der Zweck unserer Konferenz. Den Zionismus durch die Arbeit zu verwirklichen, dies ist unser Weg. Friedlich wollen wir ihn verfolgen, wenn es aber nicht anders geht, so werden wir ihn uns auch kämpfend zu bahnen wissen. Dieser Weg führt in das Land, wo unser Volk sich aus einer moralischen Erniedrigung befreien soll. Dort wollen wir eine Gesellschaft schaffen, in der es keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten geben wird, alle Glieder der Gesellschaft sollen gleich berechtigt sein. Die alte Gesellschaft wollen wir zerbrechen und unsere Hände Arbeit wird das neue Gemeinwesen schaffen. Einige sind diesen Weg schon gegangen, einige, die verstanden hatten, daß eine Idee wie die unsere Opfer fordert, unsere Genossen. und in unserem Lande haben unsägliche Opfer gebracht. Wir gedenken der Chawerin, welche ihre Liebe zum Volk und zum Land mit ihrem Tode bezeugt haben. Wir gedenken besonders der Chawerim, die in den letzten Kämpfen in Galiläa gefallen sind. Besonders des Chawer Trumpeldor, der die Felder Galiläas mit der einen ihm gebliebenen Hand bearbeitete, dann nach G a 11 i p o 1 i ging und von dort mit dert Chaluzum nach Palästina zurückkehrte. Seit Jahrtausenden sind in diesen Karnpien zum erstenmal zwei jüdische Mädchen gefallen. Ihr aller Tod verpflichtet uns zu neuen Opfern. Trotz der tausenden von Opfern in der Ukraine und in Polen werden sie tausende junger Juden finden, welche unserem Rufe folgen werden und mit uns den Weg gehen werden! in das Land. Die Aufgabe dieser Konferenz sollte sein, diesen Weg zu erleichtern und unsere Arbeit im Lande und im Galuth vorzubereiten. Solange es dort im Galuth jüdisches Leben gibt, müssen wir cs verteidigen. Aus dem innersten Herzen des Volkes ist unsere Bewegung erwachsen, sie glaubt an das Volk und an sein Leben. Durch die Arbeit und ein redliches, schöpferisches Leben will sie unser Volk befreien. Ich wünsche unserer Tagung Glück und hoffe, daß sie unserer gesamten Jugend im Osten, im Westen und überall in der Welt die Erlösung bringen wird aus Verfall und. Verzweiflung. Hierauf ergreift der große, palästinensische Arbeiter, A. D. Gordon, das Wort: Ich komme, um zu euch über unsere gemeinsamen Aufgaben zu sprechen. Wir sind vom Volke geschickt, um das Volk zu vereinigen. Das Volk, das nicht von der Gnade der anderen leben will, sondern das sein Land zu ganz neuem Leben erwecken will, um dort selbst ein neues Leben zu begründen Der Krieg hat gezeigt, daß es menschliche Beziehungen kaum zwischen den Menschen, aber nicht zwischen den Völkern gibt. Alles war erlaubt, jede Schandtat wurde verübt. Wir aber, die wir so viel gelitten haben, seitdem wir Fremdlinge waren in Mizrajim, wir fühlen doppelt, was Not tut. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, euch zu sagen, was wir wollen, denn Worte können nicht alles ausdrücken. Wir haben die Zeit vergessen, in der unser Volk ein wirkliches Leben führte und wissen nur von der Zeit der Zerstreuung. Wir kennen kein anderes Leben als. das. von Parasiten, denn wir haben keinen BoaSn . unter unseren Füßen, und nicht nur in Taten, sondern auch in Gedanken und Worten sind wir Parasiten. Hier in Prag, inmitten des tschechischen Volkes,' sollten wir fühlen, was es heißt, wenn ein Volk lebt und Hoffnung auf Leben hegt. Unsere gemeinsame Auf-, gäbe aber ist es, einen Ort zu finden, wo wir leben können. Man sagt, Erez Israel kann nicht das ganze Volk aufnehmen. Ich verstehe davon nichts und weiß es nicht. Aber nehmet irgend ein Volk, das nicht nur und allein in seiniem Lande lebt, sondern auch anderen Orten Teile seines Körpers leben hat. Diese Völker haben doch einen gesunden Kern, der sie davor schützt, ein Volk von Parasiten zu sein. Wenn auch nur ein Teil von uns in Palästina verwurzelt wäre, so könnte unser ganzes Volk gesunden. Es ist nicht genug, wenn wir das Land kaufen, mit Geld kann man ein Land nicht erwerben. Nur die Arbeit kann es zu unserem Lande machen und solange das Land nicht durch unsere Arbeit zu den unsrigen gemacht worden ist, gibt es kein nationales Leben. Wenn wir auf diese Weise das Land erworben hätten, so würden wir auch ein anderes Verhältnis zu den Arabern haben, denn mit Recht sagen jene, daß das Land nicht uns gehört, so lange es ihre Söhne bearbeiten, und die ersten schwachen Gruppen jüdischer Arbeiter waren es, die uns ein Recht auf das Land erworben haben. Dies ist der Gedanke der Arbeit, der uns leitet und es ist ein tiefer Gedanke, der zu tiefen Forderungen führt. In der ganzen Welt gibt es einen Kampf, den schonungslosen Krieg zwischen schöpferischer Arbeit und parasitärem Leben. Auch im Galuth müssen wir das Volk umwamdeln, damit es aus Parasiten zu Schaffenden wird. Ich fürchte nicht, daß das Volk im Galuth bleiben wird. Zwischen uen Arbeitenden gibt es immer Verständnis und dieses Verständnis führt nach Erez Israel. Das Volk wird mit Erez Israel verbunden bleiben, auch wenn es über die Erde verstreut ist und auch die anderen Völker werden wir besser verstehen, wenn wir ein individuelles Leben führen. Nicht im Wesenlosen, sondern in dem Geiste, der aus der Erde herauswächst, müssen wir leben. Hierauf werden verschiedene, inzwischen eingegangene Begrüßungstelegramme verlesen. Hapoel Hazair-uruppen in Palästina telegraphieren: „Wünschen Konferenz eine fruchtbringende Arbeit beim Aufbau des arbeitenden Flüge; > des Zionismus. Hapoel Hazair in Jerusalem, Moga, Dilb, Hebron, Chulda, Karuria.“ Von Uszischkin: „Begrüße euere Konferenz. Möge das Zusammentreffen der Hapoel Hazair-Pioniere unseres Landes mit den Zaire Zion-Pionieren der Diaspoia die neuen Kräfte hervorbringen, die für unser Werk in diesem wichtigen historischen Augenblick von so großer Bedeutung sind. Unsere Zukuiüt hängt ab von dem gegenseitigen Verständnis der Leiter der zionistischen Organisation und den Kräften der neuen Generation. Land, Freiheit, Arbeit. Kultur muß unsere Losung sun. Schalom Braclia iür alle Ussischkin.“ Ferner Begrüßungen e,ucr neuen Gruppe in Amerika, der Zere Zion in Brüssel, des iüdischen Nationalraies für O s tg a I i z i e n. der Jungzionisten in Zagreb, sowie des Verbandes in Jugoslawien, der Hapoel Hazair-Gruppe in üemlzina, einer Gruppe von 105 Chaluzim, die unterwegs nach Paiäsiün sind, von Siegfried Bemitld in Wien. Namens der vorbereiteten Komitees dankt Herr Erwin Arnstein den Behörden und der Regierung für die freundliche Unterstützung “ei der Veranstaltung der Konferenz in Prag und entwickelt sodann in tschechischer Rede die Grundgedanken der jungzionistischen Bewegung. Namens der Zeire Zion hält hierauf Chawer Eliesar Kaplan eine jiddische Ansprache. Er schildert die Entwicklung, die den ostjüdischen Massen vor sich gegangen ist, seitdem zum letztenmal die Delegierten des Zeire Zion mit denen des Hapoel Hazair ihre Gedanken auf dem Wiener Kongreß des Jahres 1913 ausgetauscht hatten. Die Massen sind in Bewegung geraten und der entsetzliche Krieg hat ihnen den Weg von der völligen Passivität zu einer aktiven Politik gewiesen Die Lage der ostjüdischen arbeitenden Massen ist die entsetzlichste auf der ' ganzen Welt. Zweifach lastet auf ihnen der Druck der nationalen und der sozialen Versklavung. Heute wissen sie, daß ihre nationale und soziale Befreiung nur durch eine gewaltige innere Umwälzung erreicht werden kann, die in Palästina mündet. zu Ehren in Wasser und Flammen stürzten, die sich peinigen ließen, Gott zum Gefallen und zu Ehren . . . Die Wonne des Martyriums zog durch seine Seele und machte ihn erbeben. Es wurde Nacht. Jakob Weiß verließ sein Haus. Er ging durch wohlbekannte Gassen und Gäßchen bis zum Sokolwalde. Mühevoll erklomm er auf unwegsamen Stegen den Gipfel und stieg bergab, sich an Bäumen und Sträuchern festhaltend. -denn seine Knie schlotterten, sein Gang war unsicher. Am jenseitigen Fuße des Berges angelangt, legte er sich aufs Gras und ruhte aus. Der Weg nach Ropa iührte übers freie Feld, wo er leicht gesehen werden konnte. Er kroch daher auf allen Vieren längs des Straßengrabens seinem Ziele entgegen. Als Jakob Weiß vor Tagesanbruch schweißbedeckt einen schweren Sack den Sokolberg hinanwälzte, wurde er von einem russischen Posten erblickt Der Posten gab auf ihn einen Schuß ab. Die Kugel durchlöcherte den Sack und ließ das Mehl wie weißes Blut aus der Oetfniing rinnen. Jakob Weiß blieb stehen. Der ■ Posten kam herangelaufen und packte ihn mit harter Faust. „Jud‘, du bist ein Spion!“ Jakob Weiß schwieg. Als der Russe wiederholte: „Jud‘. du bist ein Spion!“ sah ihn Weiß mit großen Augen an und sagte fest: „Ich bin kein Spion!“ Er wurde auf die Wache gezerrt. Die Soldaten umringten und höhnten ihn. Er ertrug ihre gemeinen Worte mit großer Ruhe, denn es ging wie ein Hauch der Ewigkeit durch seine Seele. Ein herbeigerufener Offizier kam auf ihn zu. „Was hast du jenseits der Stadt gemacht?“ „Ich habe mir Mehl für die Feiertage geholt!“ „Weißt du nicht, daß das Ueberschreiten der Stadtgrenze bei Todesstrafe verboten ist?“ „Ich wußte es!“ „Und hast es doch getan!“ „Ich wäre sonst Hungers gestorben!“ „Wieso? Gibt es wenig Vorräte in der Stadt?“ „Wir dürfen am Passah nur rituelle Speisen genießen." „Dir ist nicht mehr zu helfen, alter Jude!“ Jakob Weiß wurde der Spionage verdächtig erklärt und zum Tode verurteilt. Eine Abordnung, welche die Stadt zum Kommandanten entsandte, um für Jakob Weiß Gnade zu erbitten, hatte nicht den gewünschten Erfolg. Jakob Weiß sollte sterben. Als ihm das Urteil verkündet wurde, nahm er es ruhig entgegen und eniefand eine stille Freude über das bevorstehende Ende seiner irdischen Leiden. Als die Aeltesten der Judengemeinde ihn ber suchten. um von ihm Abschied zu nehmen, fanden sie ihn verklärt und selig. Sein Leben, sagte er, konnte nicht schöner und würdiger abgeschlossen werden, als durch einen gewaltsamen Tod zu Ehren Gottes. Es quäle ihn bloß der Gedanke, daß er gehängt werde. Denn der Tod am Galgen sei häßlich und würdelos. Wenn seine Freunde ihm einen Gefallen erweisen wollten, möchten sie beim Kommandanten die Gnade erbitten, ihn zu erschießen. Der Vorsteher der Gemeinde versprach, den letzten Willen des Greises zu erfüllen. Der Kommandant gab der Bitte Folge. Jakob Weiß wurde am Fuße des Sokolberges mit dem Gesichte gegen Osten erschossen. Seine Augen waren offen, denn er sah dem Tode mit der Wonne eines Blutzeugen entgegen. Die alten Juden, denen die russischen Soldaten von den letzten Minuten des Erschossenen berichteten, sagten voll Bewunderung mit bebender Stimme: „Tehi achritenu kamohu.“ Kleines Feuilleton Ein Traum. Das bewundernswerte Rechtsgefühl der Entente, das in dem bekannten Auslieferungsverlangen eine sichtbare Gestalt annahm, bohrte sich in meine Seele ein und in den Traum der Nacht Mir träumte, daß auch das Judenvolk berechtigt war, alle Missetäter vor sein Tribunal zu fordern, die sich wider Gottes und der Menschen Gesetze durch Ungerechtigkeit und Grausamkeit an ihm vergangen hatten. Und wie's in Träumen gewöhnlich geschieht, gerieten Raum und Zeit durcheinander, also daß ich Damaskus sah und das Rom des Titus und< Marokko und Spanien, Pajjis zur Dreyfuszeit/ Xanten und Könitz, Polen und Luegers Oesterreich, Polna, Tisza Eszlar. Rumänien. Kischinew und Hornel und das ganze heilige Rußland bis an das persische Urmia. Und ich, ich trug im Antlitz die Runzeln Ciemenceaus und den Schnurrbart von Lloyd George und saß auf meinem Thron in Jerusalem. Und ich befahl: Bindet sie und bringt sie mir alle vor meinen Richterstuhl! Die ich aber zu nennen vergaß, mögen nicht etwa an eine Amnestie glauben. Sie kommen später an die Reihe. Und ich wetzte mein Richtschwert und gedachte mit den Frevlern abzurechnen und zu vergelten, was seit zwei Jahrtausenden am Judenvolke gesündigt wurde. Da erschreckte mich jäh der Ton einer Posaune und der Ruf: „Mein ist die Rache, spricht der Herr!“ Und ich erwachte und war glücklich, daß ich nur geträumt hatte. Denn wäre mein nächtlicher Himzauber kein Gespenst, sondern eine Wahrheit, so müßten die Völker des halben Erdballs gefesselt nach Palästina gebracht werden. Und sie würden wie Aegyptens Heuschrecken dermaßen das ganze