Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 13 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 15 JÖDSGlfc ZEfföNQ Die Aufgaben des jQdischen Nationalfonds in Palästina Von Adolf Böhm. (Aus .einem Referat, gehalten auf der Nationalfonds-Reichskonferenz am 28. März 1920.) Der Jüdische Nationalfonds wurde gegründei, um den Boden Palästinas als Volkseigentum zu erwerben. Im Laufe seiner praktischen Tätigkeit hat er vielfach Pionierarbeit anderer Art leisten müssen. Heute, wo wir vor dem Wiederaufbau Palästinas stehen, für den die zionistische Organisation eine Reihe von Zweckinstitutionen zu gründen im Begriffe steht, muß der Jüdische Nationalfonds im System der Zusammenarbeit dieser Institute jene Rolle zugeteilt erhalten, für die er von Anfang an bestimmt war. Weshalb die Nationalisierung des Bodens anzustreben ist. das ist heute schon so bekannt, daß ich es nicht, zu wiederholen brauche. Ich möchte nur. eines hervorheben: Meist wird als wichtigste Folge des Gemeineigentums am Boden die Verhinderung der Spekulation mit ihm und der Heimfall des Wertzuwachses an die Gemeinschaft bezeichnet Dieser Effekt läßt sich aber auch bei Bestehen von Privateigentum am Boden durch eine spezielle Gesetzgebung erreichen. Ich möchte daher mehr einen anderen Gesichtspunkt in den Vordergrund stellen: Die Verfügung über den Boden gibt der Gemeinschaft die Möglichkeit, von vomeherein seine Bereitstellung und Nutzung durch eine einheitlich geleitete Bodenpolitik zu regeln. Der allergrößte Teil des Bodens Palästinas wird erst durch ausgedehnte gemeinwirtschaftliche Unternehmungen, wie Assanierung. Wasserbauten (sowohl für Bewässerung als auch für Kraftanlagen) zur Kolonisation geeignet gemacht werden. Darüber hinaus wird noch eine spezielle Arbeit notwendig sein, um den Boden anbaureif zu machen. Der Anteil der Gemeinschaft an der Bereitstellung des Bodens wird daher ein so großer sein, daß sie schon aus diesem Grunde, wenn man auch absehen wollte von nationalen und sozialen Prinzipien. der. Anspruch erworben hätte, als gleichberechtigter Faktor gegenüber dem Bebauer zu gelten. Des weiteren kann es der Allgemeinheit nicht gleichgültig sein, in welcher Weise der Boden genutzt wird. Wohl wird eine relative Bodenverschwendung durch extensive Bebauung schon durch die Statuierung einer Maximalgröße der Bodenfläche, die ein Einzelner besitzen darf, verhindert werden. Dennoch wird das gemeinschaftliche Interesse an der Art der Nutzung im Hinblick auf die Ziele des Zionismus ein sehr großes sein. Die Einwände gegen die möglichste Ausschaltung des Privatbesitzes von Grund und Boden-sind von verschiedenen Seiten bereits widerlegt worden, ich will mich deshalb auf einige weniger beachtete Punkte beschränken. Zunächst fasse ich die Art des Bodenerwerbs ins Auge. Durch den Vertrag mit der Schutzmacht wird es wahrscheinlich möglich sein, daß die zionistische Organisation ein V e r k a u f s r e c h t für alle Böden, die aus irgend einem Grunde der Regierung zur Verfügung stehen werden, zu sichern. Alle Krön-. Staats-, vielleicht auch Vakuländereien. alie herrenlose und wahrscheinlich auch alle nicht genügend genutzten Böden werden unter dieser Kategorie fallen. Das ist beinahe alles, was in Palästina greifbar werden kann. Die zionistische Organisation wird deshalb die Gelegenheit haben, all diese Böden durch den Jüdischen Nationalfonds zu kaufen. Es ist möglich, daß diesem die Bezahlung erleichtert werden wird, durch Kaufresthvpotiieken, Raten oder Ratenzahlung usw. Mit anderen Worten: Nur der Jüdische Nationalfonds wird imstande sein, die Hauptmasse des Bodens so zu günstigen Bedingungen zu er¬ A1 Kidusch Haschern Von David Rothblum. Als der greise Jakob Weiß sich beim ersten Morgengrauen von seinem Lager erhob, bemerkte er vor dem Fenster seines Häuschens einen russischen Wachposten mit aufgepflanztem Gewehr. Er wunderte siqlt darüber, jedoch angstlos. Denn seine Zeit ging hoch, er zählte 82 Jahre und befand sich bereits jenseits von Angst und Furcht Er goß Wasser über seine dürren Hände, zog sich au und ging auf die Straße. Er bot dem Posten einen guten Morgen, der offen und herzlich erwidert wurde. „Sage, Soldat, warum stehst du Posten vor meinem Hause?“ „Der Hauptmar.n hat's befohlen.“ „Du kannst’s mir ruhig sagen, wenn du es weißt, ich will dich nicht verraten." „ich weiß cs nicht.“ Der Alte zuckte seine Achsel und wandte sich zum Gehen. Der Soldat rief ihr. zurück: „Weißt du. Alter, wo du lebst?" „Jawohl, mein Sohn, ich weiß es seit 82 Jahren. Ich lebe in Goriicc." ..Und wer herrscht heute über Gorlice?“ „Dein Hauptmann.“ „Wenn du das alles so gut weißt. Mißtest du auch vorsichtiger sein. Aus den Fenstern deines Hauses aber strahlen Lichter vor Anbruch des Tages, wie Signale in die Feme.“ Der Alte verstand. Man hielt ihn für einen österreichischen Spion. Er stand eine Weile stumm mit himmelwärts gerichteten Augen. Dann fragte er den Posten: „Darf ich mein Haus verlassen oder T n ich dein Gefangener?“ „Ich habe keinen Befehl, dich gefangen zu halten.“ Jakob Weiß kehrte 'n sein Zimmer zurück. Er bewohnte das Häuschen ganz allein, denn seine werben, daß dem gegenüber die Möglichkeiten, die der private Kapitalist haben wird; als äußerst beschränkte erscheinen. Es ist deshalb ganz und gar unrichtig, wenn man immer darauf hinweist daß wir. wenn wir den privaten Erwerb von Boden möglichst ausschalten. damit die Kaufskapazität außerordentlich Mitengen würden. Im Uebrigen steht doch -die Situation heute so. daß durch das Entwerten der osteuropäischen Valuta die Hauptinteressenten an der Kolonisation froh sein müssen, wenn sie das Kapital für den Ankauf von Boden ersparen können. Sie werden in der Mehrzahl nicht einmal das für Inventar und Betrieb nötige Geld aufbringem können. Dadurch wird überhaupt die ganze Kolonisation einen anderen Charakter erhalten, sie wird, wie Lichtheim sagte, durch die Gemeinschaft und für die Gemeinschaft geleistet werden müssen. Um zu resümieren, ist die Situation heute eine solche, daß der Erwerb und die Bereitstellung des Bodens für die Kolonisation in den Händen des Jüdischen Nationalfonds in solchem Umfange konzentrisch sein wird, wie dies unter früheren Verhältnissen gar nicht denkbar war. Dazu kommt, daß heute die Beschaffung enormer Summen für den Jüdischen Nationalfonds. deren Aufbringung früher nicht vorstellbar gewesen wäre, möglich geworden ist. Die Zugkraft der Erteilung des Mandates und der großartige Stil der heurigen Sammlung, namentlich in Amerika, wo immer aufs neue viele Millionen Dollar für jüdische Zwecke aufgebracht werden, sind die Bürgschaften dafür. Unter solchen- Umständen ist der gegenwärtige Moment der gegebene, um das Prinzip des Jüdischen Nationalfonds: Die jüdische Ausiedlung in Palästina soll auf Voiksboden geschehen. mit aller Entschiedenheit als das grundlegende für die zionistische Kolonisation zu proklamieren. Die Frage, ob der private Erwerb von Boden durch Juden überhaupt ausgeschlossen werden kann,, ist nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge zu verneinen. Eine solche Bestimmung müßte gesetzlich verankert werden und dies kann aus begreiflichen Gründen weder gefordert noch erreicht werden. Aber -eines haben wir in unserer Hand: Die zahlreichen Institutionen, die wir zur Hilfeleistung namentlich zur Kreditgewährung für die Kolonisten schaffen werden, brauchen wir nur jenen Siedlern zugute kommen zu lassen, die sich unseren Forderungen unterwerfen. Der dahingehende Antrag, den ich der Aktionskomiteesitzung in London unterbreitet habe, wurde angenommen. Er lautet: Die Aktionskomiteesitzung spricht sich dafür aus. daß die Mittel, welche die zionistische Oig:nisation für landwirtschaftliche Kolonisation aufwendet, nur solchen Kolonisten zugute kommen soll, die sieh jjpri' Grundsätzen der Bodenpolitik des Jüdischen Nationalfonds unterwerfen. (Schluß folgt.) Die Finanzlage der zionistischen Organisation (Ein Bericht des Vermögensverwalters,) Der folgende Bericht über die Finanzverwa'tuug der zionistischen Organisation während der zehn Monate von März 1919 bis Februar 1920 wurde bei einer der kürzlich stattgefundenen Sitzungen des Aktionskomitees von dem Vermögensverwalter. Herrn Boris Goldberg, erstattet.! : : Das Budget für das laufende Jahr wurde mit •491.000 Pfund veranschlagt Dieser Betrag wurde aber nicht erreicht, denn in den zehn Monaten wurden insgesamt nur 291.748 Pfund eingenommen und ausgegeben, was einem Jahresaufwand von ungefähr 350.000 Pfund entspricht. Man fühlt einen Frau war lange tot und seine Kinder hatten sich vor dem Feinde irgend wohin geflüchtet. Die Stadt war fast 4£er, einige Dutzend Greise denen es nicht mehr dafürstand, den Rest ihres Lebens zu bergen, blieben auf ihrer altgeliebten Scholle zurück. Sie ließen die Gewaltherrschaft des Feindes über sich ergehen und trugen die Lasten der Zeit mit der -Gottergebenheit und dem Gleichmut des hohen Greiscnaltcrs, Jakob Weiß sagte sich: „Ich werde von heute an nicht mehr Chazoth verrichten. Wenn der Feind, das Licht an dem ich mein Mitternachtgebet verrichte, für ein Signal hält, so soll es nicht mehr leuchten.“ Schon in wenigen Tagen war vor den Fenstern des kleinen Häuschens kein Posten mehr zu sehen. Es wollte Abend werden und Jakob Weiß stand am offenen Fensterchen seiner Stube und bückte in das dunkle Abendrot Eine kühle Frühlingsluft wehte herein und bewegte den langen, weißen Bart des Alten, der seine Brust bedeckte, ln dieser Brust gab es jetzt eine schwere Sorge, die das Herz drückte. Das Passah-Fest stand vor der Tür und es gab kein rituelles Mehl für Mazolh und es war keine Hoffnung, etwas zu erhalten. Die Verbindung mir -den Nachb^rgemei-iden war abgebrochen, die Stadt durfte nicht verlassen werden. Für die Juden war sogar eine besondere Grenzlinie errichtet. die. emr um d:e Stadt gezogen, bei Todesstrafe nicht überschritten werden dur: ■ Kein Mehl, keine Kartoffel. Und das Pass: i:-r est stand vor der Tür. Es kam ihm vor, ’ daß seine Freunde, mit denen er heute beriet, wankelmütig wurden. Der, Jammer und d:e Not, die wie böse Geister durch die Welt zogen, schienen ihren Gottesglauben erschüttert zu haben. Einer sagte sogar, wenn es Gott -.-rfJIe, daß sie Gesäuertes am Passah-Feste essen, dann sollen sie es auch tun.? klon Frevel hat die Not gezeitigt. Jakob Weiß zitierte die Bibel und sastc lauf: „ln ihrer Gesellschaft soll mtine Ehre nicht sein.“ gewissen Stolz bei der Erreichung ©Ines Budgets von 350.000 Pfund, besonders wenn man sich erinnert, daß der letzte Kongreß in Wien das Budget auf 240.000 Mark bezifferte; wais nach dem normalen (d. h. Vorkriegs-) Kurse 20.000. Pfund beLtagen würde. Die obenerwähnten 350.000 Pfund erschöpfen keineswegs diM Summen, die von der zionistischen Organisation überwacht werden, (d. Ir. über dlfe sie verfügt). Unter die Verwaltung der Zionist Commission (der bekannten Expositur des Londoner. Palästinaamtes in Palästina unter Leitung Ussisclrkins), und unter unsere Kontrolle wurde der gesamte Palästina-Hilfsfonds im Betrage von zirka 200.000 Pfund gestellt Der größere Teil desselben stammt vom Joint Distribution Committee. Daher beträgt unser Gesamtbudget für das Jahr ungefähr 550.000 Pfund oder 13 Vk Millionen Franken, den Franken zum Normalkurse von 1 Pfund gleich 25 Franken gerechnet (Nach dem derzeitigen Devisenkurse beträgt das 25 Millionen Franken oder 181 Millionen deutsche Reichsmark oder 550 Millionen österreichische Kronen). 5 Es folgt dann die Bilanz der Ausgaben und Einnahmen. Unter den letzteren ist die größte der- Wieder her stellungsf onds mit 237 403 Pfund, unter den Ausgaben die bedeutendste die Aufwendungen in und für Palästina mit 238.52S Pfund, eine Summe, die fast genau dem erwähnten Wiederherstellungsfonds entspricht. Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen um die verhältnismäßig sehr geringfügige Summe von 490 Pfund. Aus der Bilanz ist ersichtlich, daß die Aufwendungen an Palästina und direkten Auslagen für Palästina 81.8 Prozen der Gesamtausgaben betragen haben politische und nationale Arbeit und Organisation 11.6 Prozent und die Verwaltungskosten 6.5 Prozent. Die Haupteinnahme des Palästintiamtes stellte der W i ede.r he r s t e 1 lungs f onds dar. der 70 Prozent seiner Haupteinnah-men aus den Vereinigten Staaten (165.130 Pfund) bezog, in weitem Abstande folgen dann- Kanada mit 29 437 Pfund gleich 12.2 Prozent, erst an dritter Stelle England mit 20.681 Pfund, dann Rußland mit 9130 und. Südafrika mit 9033 Pfund. In den kontinentalen Staaten fehlen Polen. Litauen und die Tschecho-Slowakei ganz auf der Liste, von Deutschland und Oesterreich konnten, da der Friede .noch nicht ratifiziert ist, noch keine Beträge angenommen werden, die meisten Beiträge unter den Kontinentalstaaten kamen aus dem bolschewistischen Rußland und aus Holland. Ein sehr trauriges Bild bietet dagegen die Uebersicht über die Schekeleingänge. Praktisch hat keine einziged'er Organisationen mit Ausnahme von England1 (1990 Pfund) und Südafrika (1201 Pfund) in bezug auf die Sch-dkelsammlung ihre Pflicht erfüllt. Das ist schon deshalb bedauerlich, weil die Schekeleingänge noch lieute den Quantitativen Maßsttab für die Stärke unserer Organisation bedeuten. Wir müssen in Zukunft gerade auf die Schekelzahlung besonderes Gewicht legen und allen Vereinigungen ohne Ausnahme auf das dringendste nahelegen, alles an die Durchführung dieser Aufgabe zu setzen. Wir haben den J.T.C. dahin instruiert daß -er seine Korrespondenten in allen Hauptstädten Europas beauftragen möge, die Schekelbeiträge lin dar Währung des betreffenden Landes entgegenzunehmen und zu unserer Verfügung zu halten. Das ist von größter Bedeutung, nicht allein vom finanziellen, sondern ebenso vom organisatorischen und politischen Gesichtspunkte aus. Sehr interessante Einblicke gewährt eine Uebersicht über die Verwendung der in Palä- Jakob Weiß blickte in das immer blaß und blässer werdende Abendrot und sann nach. Dort, wo das letzte Licht des Tages erlischt, ist der jüdische Friedhof, wo seine Eltern und Großeltern und seine Ahnen bis ins zwanzigste Geschlecht in ihren Gräbern ruhen. Dort ist die Wahrheit und das ewige Licht und das Ende aller Pein. Wenn es dem lieben Gott gefiele, ihm noch vor dem ersten Sederabend zu sich zu rufen, das wäre eine Gnade, eine große Gnade. Zeichen und Wunder geschehen aber nicht mehr und so w’ußte Jakob Weiß, daß der Sederabend kommen und ihn am Leben treffen werde. Kein Mehl, keine Kartoffel, von anderen rituell bereiteten Speisen gar nicht zu reden. Da fiel ihm ein, daß in dem Dörfchen Ropa bei Goriice ein frommer Jude wohnt, der sich, wie man erzählte, -die Gunst des russischen Kommandanten erworben hat Der wird Mehl und Kartoffel haben, an den wird er sich wenden. Vielleicht w’ird er sich sogar Mazoth holen können und den Sederabend verrichten, nacii Vorschrift und Brauch. „Jakob Weiß! Und wenn dich die Russen erwischen?“ Er erschrak über seine eigene Stimme und erbleichte. Seine Vernunft wurde scharf und es begann sich in seinem Gehirn zu ordnen, wie manchmal, wenn er über eine schwere Talmudstelle nachsann und ihre Bedeutung in tiefem E'enken finden wollte. Es wurde klar in seinem Geiste und er erwog: „Kein Mehl, keine Kartoffel. Kann ein Mann in meinem Alter acht Tage lang leben, ohne Speisen zu sich zu nehmen? Nein! Müssen mich die Russen erwischen? Nein! Was droht mir, wenn sie mich fangen? Der Tod! Also dasjenige Uebei, das mir droht, wenn ich zuhause bleibe. Und ich würde den Tod der Heiligen sterben.“ Und es zogen Bilder an seinem geistigen Auge vorbei, viele Bilder, die er aus der Geschichte und der Sage kannte. Selige, die sich Gott