Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 13 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£3*9 XiV. Jahrgang Nr. 13 Naiional'jüdifches Organ Redaktion und Administration Wien II., Tab»r»tml* I Fernnprecher Nr. 4403$ U. 43310 Mit der fteilage. „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag» len 2. März SS20 Bo2*a»#rel»: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 K, Einzelnummer 1 K Poataparkasaenkonto 133.404 Die nächste Nummer Oer „Jüdischen Zeitung“ erscheint Oer Pessachfeiertage wegen am 16. April 1920 Das Fest öer Freiheit Von S. M e i s e I s. Ohne Analogie sind mitunter die historischen Begebenheiten in der jüdischen Geschichte, ohne Beispiel die Widersprüche Im jüdischen Leben und beispiellos wie Leben und Geschichte dieses Volkes sind die eigen- und einzigartigen Feste, die •es begeht. Seit Jahrtausenden feiert das jüdische Volk das Fest der Freiheit, s‘man cheruthenu, die Zeit unserer Freiheit, wie wir es nennen, das will sagen, der Freiheit, wie wir sie verstehen; und seit Jahrtausenden lebt dieses Volk gebunden und unfrei unter stammesfremden, wesensfremden Völkern. Achad Haam hat einmal in einer feinsinnigen, den geheimsten Grundzug im jüdischen Volkscharakter aufhellenden Abhandlung dargelegt, wie ein Teil des Galuthjudentums in äußerer Freiheit und innerer Knechtschaft zu leben verurteilt ist. Dieses Charakteristikum der Zwiespältigkeit und der Gegensätzlichkeit im anormalen Leben des Galuth trifft indes nur soweit zu, als man einen Großteil des Westjudentums und einen sehr geringen Teil des Ostjudentums, welche beide ihr Heil in der Assimilation suchen, in Betracht zieht. Aber beim Volke liegt der Fall umgekehrt Jene überwiegende Mehrheit, die die Gesamtheit darstellt, jenes Volksganze, das in seinem innersten Kern trotz aller( ihm vor der Zeit geschlagenen Wunden gesund und intakt geblieben ist, jene breite Massenschicht, die treu ausharrt und nicht vor und hinter sich die Brücken zur Vergangenheit und Zukunft niedergerissen hat — dieses Volk lebt in äußerer Knechtschaft und fühlt sich innerlich frei, als wäre es in Freiheit geboren. Daraus erklärt sich der auffällige, scheinbar unüberbrückbare Gegensatz zwischen jüdischem Alltag und jüdischem Festtag. Daraus erklärt sich, daß-' im Galuth, dessen Zeichen die Finsternis ist, das man sich nicht anders als eitel Dunkel und Düsterkeit vorstellt, h'elle Festesfreude und freudige Festtagsstimmung aufkommen konnten. So haben denn auch die Juden in all den Jahrhunderten der äußeren Knechtschaft das Fest der Freiheit als freie, als frei sich fühlende Menschen begangen. , Im jüdischen Alltag, da kommt die harte Wirklichkeit, stärker als der stärkste Freiheitswillc, und drückt dem jüdischen Leben das Wundmal der Knechtschaft auf. Aber sobald der Festtag naht und unter seinem Flügelschlag die jüdische Seele ihre ursprüngliche Kraft wieder gewinnt, da sprengt der jüdische Freiheltswille des Alltags Fesseln und sucht und findet den Weg zu sich selbst zurück; da ist er wieder Mensel: und Jude, da darf er es sein. Da zeigt er, daß er nicht nur wehklagen und Kinnoth sagen kann, sondern auch lachen und von Herzen lustig sein. Die sonnige Freude, die am Pessachfeste in echt jüdischen Häusern einkehrt, ist Beweis genug hieiür. Du lachst, mein Vater? Welch schauriges Lachen! Wo gäb‘s auch echte jüdische Lust? So herb und weh ist jüdisches Lachen, Als war' es ein Seufzen aus tiefster Brust. Das ist einfach nicht wahr. Der Dichter, der diese Verse schrieb, scheint die ewig jünge Freude am Pessachfeste nie miterlebt, scheint auch sonst an Feiertagen das jüdische Auge, den jüdischen Freiheitsmenschen nie gesehen zu haben; An seinen Festtagen ist der Jude froh und fühlt sich frei und singt Jubellieder und freut sich mit den Seinen. Die jüdischen Fest- und Feiertage sind Gedenktage an historische Begebenheiten. Diese Gedenktage rufen trübe Erinnerungen wach. In das hellste Fest dringen die Schatten einer traurigen Vergangenheit, in den fröhlichsten Gesang mischt sich ein Ton stiller Wehmut. Und doch — das Fest der Freiheit begeht der Jude frohgemut und herzensfreudig, weil er als geborener Philosoph des Ais-Ob so tut, als ob er ein Dasein in Freude und Freiheit führen würde. Und diese optimistische Als-Ob-Phiiosophie auf das Leben zu übertragen, ist ihm nur deshalb möglich, weil er beseelt ist von dem Willen zur Freiheit und von der Hoffnung auf Freiheit, weil er aus dem Rückblick in seine Vergangenheit Mut und Zuversicht schöpft für den Ausblick in seine Zukunft Und in Wahrheit ist das Fest der Freiheit, das wir in der Zerstreuung begehen, zugleich auch das Fest der großen Hoffnung aut die kommende Erlösung. Denn dieses Fest ruft eine historische Erinnerung wach, die uns das Vertrauen zu uns selbst wiedergibt und unseren Glauben an die Zukunft aufrecht erhält Schon die talmudischen Weisen heben hervor, daß die Bedeutung des Auszuges aus Aegypten eben darin liegt, daß dadurch auch alle späteren Erlösungen möglich wurden. Der Auszug aus Aegypten hat uns gewissermaßen für alle späteren Erlösungen reif gemacht Indem er dem jüdischen Volke die Möglichkeit des Freiwerdens zeigte, wurde es in all den Jahrtausenden seiner Geschichte überall, wo es national gebunden und unfrei lebte, sich seiner Unfreiheit auch bewußt; ttnd weil es die nationale Unabhängigkeit als das alleüT^öjntcerwürdige Dasein kennen lernte, ist der Wille zum eigenen freien und unabhängigen nationalen Leben stets in ihm lebendig geblieben. Die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten macht uns daher frei durch das Bewußtsein, daß die Erlösung möglich sei, wenn der Wille zu ihr vorhanden ist Auch in Aegypten gab es Leute, die an ihren Ketten nicht rütteln ließen aus Angst, die anderen könnten ihr Klirren vernehmen, auch dort gab es halb und ganz Assimilierte, die sich an den Fleischtöpfen Mizrajims gütlich taten und nicht frei sein wollten. Aber das Volk schrie um Freiheit und der Schrei seiner Freiheitssehnsucht „stieg zum Himmel auf“ und fand Gehör und Erfüllung. Das Volk hat sich die Freiheit errungen, indem es sie gewollt hat Der Wille zur Freiheit hat die Tat der Befreiung möglich gemacht Und das ist es, was uns das Pessachfest lehrt: Ernstes Freiheitswollen überwindet alle Schwierigkeiten und macht selbst die Erlösung aus ägyptischer Sklaverei möglich. Unnfögiich aber ist Erlösung wider Willen . . . In der Gegenwart steht das jüdische Volk neuerdings vor einem Wendepunkt in seiner Geschichte. Hoffnungen, fast schon zur Gewißheit geworden, reifen der Verwirklichung entgegen. Da gilt es sich zu entscheiden. Da gilt es, sich aufzuraffen und mitzuwirken und mitzutun am Werke des Wiederaufbaues. Mit anderen Worten: wir müssen wollen. Die jüdische Bewegung ist jetzt in ein Entwicklungsstadium gelangt, wo es in der Tat nur noch von unserem Wollen abhängt. ob das altjüdische Ideal verwirklicht wird oder nicht. Der geniale Blick Merzls iiat eine solche Zeit, eine solche zukunftverheißende Stunde der Entscheidung kommen gesehen, und er hat daher auf neue Tafeln den uralten Erkenntnissatz geschrieben: Wenn ihr wollt .... Das jüdische Volk, das innerlich freie, in seiner Vergangenheit wurzelnde und hoffnungsvoll in die Zukunft hinausschauende jüdische Volk muß die nationale Freiheit und Unabhängigkeit wollen, um sie sich zu erringen. W'ir alle müssen zur alten Hoffnung, die junge frische Tat gesellen, auf daß wir von der Erinnerung über die Sehnsucht zu einem wirklichen lebendigen Leben in Freiheit schreiten. Die alte Frage Von Adolf Stand s. AL Dieser Artikel, im Jahre 1918 geschrieben. ist der letzte Festtagsartikel aus der Feder unseres Atiblr Stand. Wir bringen ihn hier zum Abdruck, w«ü et nach Form und Inhalt ein echter Stand ist und ganz den Geist dieses selbstbewußten Juden atmet Pessach . . . Draußen ist ein herrlicher, den Körper erquickender, die Sinne berauschender Frühling. Pessach ist gekommen, das Fest das seit vielen Jahrhunderten unsere Väter so schön, so würdig, so ernst so weihevoll feierten. Das Fest der Erlösung urtd Befreiung. Erlösung aus alter Knechtschaft Befreiung vom blutigen Hasse. Du schönes Fest! Nicht nur. was du feierst, ist Vergangenheit du selbst gehörst schon zur Vergangenheit. Es versammelt sich nicht mehr die ganze Familie, alt und jung, Mann und Frau, Kind und Dienerschaft .und sitzt beim großen gemeinsamen Tische und verzehrt das Brot des Leides und stimmt Hallelujahs an. Nein, seit Jahren ist das nicht mehr. Das Brot des Elends, sofern man es genießt genießt man das ganze Jahr. Und die Hailelujahs sind verstummt. Es versammeln sich höchstens kümmerliche Reste der Familie. Sie versammeln sich größtenteils nicht in ihren alten Wohnsitzen, sie versammeln sich in den westlichen Städten Oesterreichs und sagen nicht mit) lauter, hoher, stolzer, frohlockender Stimme die schönen, Jahrhunderte alten Gesänge, sie flüstern sie mit tränenerstickter Stimme. Nicht der Prolog des Frühlings ist es. sondern der Epilog eines Dramas. Der Kleinste der Tischgesellschaft stellt die •alte Frage: „Ma nischtane?“, wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen Nächten? Seit Jahrhunderten lallen unsere Kinder diese Frage und bekamen darauf eine lange genaue Antwort. Nie noch war die Frage so aktuell, so berechtigt, so brennend wie in diesen schweren Tagen. „Ma nischtane“ — das Kind lallt es. wir hören es aber nicht, wie ehedem in der guten, friedlichen, glücklichen Zeit Das Wehklagen der Leidenden dringt nicht nur in unser Ohr, 'Sondern in unsere Seele und macht uns unempfänglich für die naive Frage dies Kindes. Und doch ist diese Frage so richtig, so klug, so gescheit und berechtigt „Ma nischtane?“ Wodurch unterscheidet sich nicht nur diese Nacht von anderen Nächten, •nicht nur diese Zeit von anderen Zeiten, aber auch dieser Stamm von anderen Stämmen? Andere Stämme! Dort kämpfen, bluten und verbluten auch ihre Söhne. Sie bringen Opfer, große und schwere, an Leib und! Seele, an Körper und Vermögen, aber sie erreichen auch Resultate. Die Opfer werden anerkannt und gewürdigt und das Blut der Väter wird das Los der Söhne verbessern. Bei uns sieht man nur die Opfer und spürt nichts von der Anerkennung dieser Opfer. „Ma nischtane?“ — es ist die alte Frage, die schwerste Frage, die bis nun durch Jahrhunderte beantwortet, aber noch nie gelöst wurde. Eine Hoffnung haben wir! Die Stimme des Kindes, die stille, helle Sitimme wird gehört werden. Zum erstenmal gehört werden in der Gotusgeschichte. Der blutige Krieg wird auch ums verändern. Die Männer und Frauen, die diesen Krieg liquidieren werden; werden ganz andere Männer und Frauen sein, nicht mehr werden wir dem fragenden Kinde, dessen Seele um Aufklärung ringt, die alte Antwort geben „awadim hajinu“. Wir werden ihm nicht nur durch Worte, sondern durch Taten antworten. Wenn das Kind wachsen und sich entwickeln wird, wird es in einem neuen, keimenden; sprießenden Volksleben die Antwort sehen. Es wird seine Brüder und Väter, seine Schwestern und Mütter nicht mehr erkennen. Es werden nicht mehr Sklaven sein, die HekitenliedCT amstimmei!. Es werden starke, kräftige Männer sein, die nicht singen, sondern tun, die nicht wehklagen, sondern handeln, die nicht Werte verkamen. sondern Werte schauen. Und die srärkste, kräftigste, lauteste Antwort wird das Kind sich selbst geben. Es wird sich mit der Zeit zu einem -durch die Not und das Leid und die Verfolgung gestählten, wackeren, kräftigen jüdischen Marine entwickeln, der wissen wird, was das Judentum zu sein hat. Dann, aber erst dann werden wir den Pessach wie in alten, guten Zeiten feiern können. Nicht mehr den düsteren, traurigen Pessach, sondern einen wahren Friedenspessach, ein echtes Frühlings- und Erwachungsfest für das jüdische Volk.! i —^