Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 12 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 Abschrift eines Briefes liegt, den der gewesene Staatssekretär Lansing an Präsident Wilson gerichtet hat, und in welcher er den Präsidenten auffordert, den Zionismus nicht zu unterstützen. Der Brief war die Antwort auf eine Anfrage W i 1sons über Lansings Meinung vom Zionismus. Der Brief enthält die Worte: „Ich bin der Ansicht, daß unsere Regierung die Zionisten bei der Friedenskonferenz nicht unterstützen soll. Ich habe die Empfindung, daß die christliche Welt nicht erlauben wird, daß in Palästina eine Regierung von jenem Volke eingesetzt wird, das Jesus gekreuzigt hat." — Es ist anzunehmen, daß nach Lansings Abgang Wilson noch entschiedener als bisher für die Forderungen der Zionisten eintreten wird. Palästina Zusammentritt der palästinensischen Delegiertenversammlung. Vom 21. bis 23. Februar tagte in Jaffa die zehnte Versammlung des „Waad Hazmani". Vom „Waad Hazirim“ waren anwesend dessen! Präsident U s s i s c h k i n» Dr. E d e r u. a. Auf der Tagesordnung standen folgende Punkte: 1. Bericht über die gegenwärtige Lage. 2. Frage der Einberufung der palästinensischen Delegiertenversammlung. 3. Art und Ordnung der Wahlen von drei Vertretern des Jischub in den „Waad Hazirim“. 4. Wahl von drei Vertretern des „Waad Hazmani“ in die Erziehungskommission. 5 Wahl eines Delegierten für die Züricher Welthilfskonferenz. 6. Immigrations- und Arbeitsfrage. 7. Die Lage in Obergaliläa. 8. Varia. Wie nun aus Jaffa berichtet wird, hat der „Waad Hazmani“ auf dieser Versammlung beschlossen, die Delegiertenversammlung der palästinensischen Juden einzuberufen. Die Wahlen zur «Delegiertenversammlung werden am 18. April und die Eröffnung am 6. M ai (Lag b‘ Omer) stattfinden. In die Erziehungskommission vom „Waad Hazmani“ wurden Rabb. Otrowsky (Misrachi), Dr. Thon und Rahel Katzenelson gewählt Touristenverkehr. Wie der „Doar Hayom“ berichtet, wird .ab März der Touristenverkehr in Palästina, wie vor dem Kriege, freigegeben werden. Die Schneekatastrophe in Jerusalem. Ueber die jüngste Schneekatastrophe in Jerusalem wird der „J. P. Z.“ von ihrem palästinensischen Korrespondenten geschrieben: Der große Schneefall in Palästina, der zirka drei Tage, vom 9. bis 12. Februar, andauerte, und über ein Meter Höhe erweichte. verursachte in Jerusalem großen Schaden. Es gab auch Menschenopfer, deren Zahl zur Stunde noch nicht festgestellt werden konnte. Ueber 100 Gebäude, darunter die Zahnklinik des Rothschild-Spitals, das Schwesternheim der Hadässa. das Mädchengymnasium und die zwei Gebäude der Cinemas „Zion“ und „Jerusalem“, sind ganz oder teilweise zerstört worden. Unzählige Bäume wurden von dem Schnee geknickt Jerusalem war von der ganzen Welt abgeschnitten. da der Eisenbahnverkehr eingestellt wurdfe. Auch Telegraph und Telephon mußten ihren Dienst unterbrechen. Der Verkehr in Jerusalem selbst konnte nicht aufrecht erhalten werden. Da die Bewohner von ' Jerusalem an solch uiedr.ige Temperatur und an Schneestürme nicht gewöhnt sind, blieben sie in den Häusern eingtsciilossen. Nicht einmal die Lebensmittelgeschäfte wurden geöffnet, sc daß die Stadt der Hungersgefahr ausgesetzt war. Der Waad Hazirim mit Ussischkin und Dr. Eder an der Spitze rüstete ein Hilfskorps von einigen hundert kräftigen jungen Leuten mit Lebensmitteln. Kohlen und Schneewegräumgeräten aus, um den verschiedenen Stadtteilen Jerusalems Hilfe zu bringen. Außerdem wandte er sich an die Regierung um Hilfe, die sofort ein Polizeikorps unter Aufsicht von Offizieren und nachher ein ganzes Bataillon Soldaten zur Verfügungstellte, die den Schnee wegräumten. Auch der Munizipalrat von Jerusalem beteiligte sich am Hilfswerk. Zehn Aerzte und fünfzehn Krankenschwestern der Hadassa mit dem Verwalter Dr. Rubinow an der Spitze übernahmen den Sanitätsdienst. Sie durchquerten Tag und Nacht die ärmeren Viertel, die am meisten gelitten hatten, und leisteten überall aufopfernde medizinische Hilfe. Munizipalrat Waad Hazirim und Privatpersonen halfen vereinigt allen, ohne Unterschied der Gemeinde. Nationalität und Konfession. Die Redaktion des „Doar Hayom“ hat eine Aktion zur Sammlung von Spenden für die Opfer der Schneekatastrophe eingeleitet, ohne Unterschied der Konfession. Schon in den ersten zwei Tagen weist das im „Doar Hayom“ abgedruckte Verzeichnis der Spenden eine Summe von 18.040 ägyptischen Groschen auf. Zur arabischen Bewegung. In den letzten Tagen gingen verschiedene zum Teil unverbürgte Nachrichten über Unruhen und eine arabische Unabhängigkeitsbewegung in Syrien durch die europäische Presse. Aus diesen anscheinend übertriebenen, und teilweise einander widersprechenden Meldungen, welche in einzelnen Blättern einen antizionistischen Anstrich erhalten haben, geht vorläufig so viel hervor, daß in Syrien tatsächlich eine Strömung gegen die f r an zö si s ch e Okkupation besteht, welche von den arabischen Nationalisten ausgeht. Es scheinen Kämpfe mit den Franzosen statfgefimden zu haben und nach gewissen inzwischen wieder energisch dementierten Meldungen' soll in Damaskus Emir: F.e-isal zum König von Syrien ausgerufen worden' sein. Im englischen Parlament erklärte die Regierung; auL eine' Anfrage, daß keinerlei Absicht bei der Entente bestehe, von ihrer bisherigen Politik abzugehen und der arabisch-nationalistischen Bewegung, hinter der ein paar fanatische Heißsporne zu stehen scheinen, entgegenzukommen. Auch die Nachrichten von der antizionistischen Araberbewegung in Palästina erweisen sich als Uebertreibungen und die jüngst stattgehabte Demonstration in Jerusalem erwies sich als eine bedeutungslose Mache. Arabische Demonstration in Jerusalem. Der palästinensische Korrespondent der „J. P. Z.“ berichtet: Die Jerusalemer Zeitung „Marath-al-Schrak“ veröffentlicht unter dem Titel „Die Zukunft Palästinas“ eine Unterredung mit dem Generalgouverneur von Palästina. General Bois. Anlaß dazu gab eine Aeußerung von General Bois in Haifa und Sichern zugunsten der jüdischen Immigration nach Palästina.!m Laufe dieser Unterredung sagte Bois unter anderem: Die alliierten Mächte, mit Amerika und Frankreich an .der Spitze, haben der Balfour-Deklaration zugestimmt, die die Errichtung eines nationalen jüdischen Heims in Palästina verspricht unter der Bedingung, daß die religiösen, bürgerlichen und politischen Rechte der Eingeborenen nicht verletzt werden Die von den Zionisten organisierte Immigration wird einer strengen Kontrolle der englischen Regierung unterstellt werden, um der ökonomischen Lage des Landes nicht zu schaden. Die Immigration wird erst dann an fangen, wenn das Land daran vorbereitet sein wird. Die Regierung wird dem Umstande große Aufmerksamkeit schenken, daß die Fellachen ihren Boden behalten und nur in Ausnahmefällen wird der Verkauf dieses Bodens gestattet werden. Eine mächtige Regierung wird die Interessen der Einwohner wahren, sodaß der Stärkere den Schwächeren nicht bedrängen soll. Die Alliierten hegen nicht die Absicht, in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen, sondern die Einwohner des Landes werden selbst ihr Land regieren. Die Gesetze des Landes werden durch die konstituierende Versammlung gegeben werden. Die englische Regierung beschäftigt sich von jetzt ab mit den Vorbereitungen, welche als Bürgschaft für die Rechte der Einwohner dienen und sie zur Selbstverwaltung vorbereiten sollen. Diese Aeußerungen haben in den arabischen, dem Zionismus feindlich gesinnten Zeitungen, wie die genannte „Marath-al-Schrak“ und „Suria-el- Ganubia“ eine große Polemik hervorgerufen. Sie bemühen sich nachzuweisen, daß die englische Regierung ln Wirklichkeit den Zionisten besser gesinnt sei. als General Bois geäußert habe. Der „Marath-al-Schrak“ appelliert an das englische Volk. Palästina nicht den Zionisten zu geben Im Zusammenhänge mit den Erklärungen des General Bois wurde auf den 22. Februar von dem muselmanisch-christlichen Verband in Jerusalem eine Versammlung einberufen. Man beschloß auf den 27. Februar1 eine große Demonstration zu veranstalten. Der Waad Hazirim wandte sich in einem Aufruf an die Juden, und forderte sie auf. an diesem Tage ihren täglichen Beschäftigungen nachzugehen. da die Regierung die notigen Schritte unternommen habe, um die Ruhe und Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten. Die mit so viel Reklame veranstaltete Demonstration der Araber, an der angeblich auch 75.000 aus der Umgebung zugeströmte Araber hätten teilnehmen sollen, fiel ziemlich schwach aus. Es beteiligten sich an ihr nur 5000 Araber. Die Demonstration verlief vollkommen ruhig. Eine Deputation des christlich-muselmanischen Komitees übergab den verschiedenen Konsuln der europäischen Mächte die aufgestellten Forderungen zur Uebermittlung an ihre Regierungen. Wetterschäden in „Petach-Tikwah“. - Wie aus Petach-Tikwah der „J ü d. P r e ßzentrale Zürich“ berichtet wird, haben die O r a n g e n. - P1 a n t a g e ,n. von Petach-Tikwah unter den diesjährigen starken Regengüssen schwer gelitten.' Viele Orangenbäume sind mit der Wurzel ausgerissen worden, andere stark beschädigt worden. Auch viele Baulichkeiten sind zerstört. Große Quantitäten von Orangen, sogar solche, die bereits in Kisten verpackt waren, sind durch den starken Regen verdorben worden. Es hieß, daß gerade in diesem Jahre für den palästinensischen Orangen-Export ein guter Absatz in Aussicht stehe, nun aber hat die Regenkatastrophe großen Schaden verursacht Auch ist die Aussaat auf den Feldern weggeschwemmt worden und verloren gegangen. Aus Tel-Awiw. Der Waad von Tel-Awiw hat beschlossen, auf dem großen, an der Ecke der Haschachar— und Achad-Haam-Straße gelegenen Platz ein großes Gebäude für ein Beth-Am und eine Bibliothek zu errichten. Ein hebräischer „Bädeker“. In Bälde soll in; Jerusalem ein hebTäischer „Bädeker“. betitelt „More Derecli Ibra“, erscheinen. Von der Zionistischen Kommission. Auf seiner letzten Sitzung hat der Waad Hazirim folgende Resolution angenommen: 1. Die drei Ortschaften in Obergaliläa, K s a r - G i la d i, T e 1 - CIi a i und Chamrah, die der Gefahr der Ueberfälle durch die Beduinenbanden ausgesetzt sind, von je 20 Soldaten des Judea-Regimentes zu besetzen. 2. Das Viertel Gi ath-Saul in Jerusalem, das: während.des Krieges zerstört worden* ist, wieder aufzubauen. -3..ln Verbindung % mit der Anglo-Palestine Company einen D aT- Jehensfonds zu gründen, um die Heimfabrikation in Jerusalem. Jaffa und Haifa zu entwickeln. 4. ln Jerusalem unter Leitung von Ing. Krause Landvermessungskurse für eine Gruppe von 24 Schülern zu gründen. Die Schüler müssen Mittelschulbildung haben undi die hebräische Sprache beherrschen. 5. Die Hälfte des Budgets des Beth-Am in Jerusalem auf sich zu nehmen. Vom Jaffaer Gymnasium. Im Herzl-Cymnasium in Jaffa befinden sich zurzeit 400 Schüler; in der Vorbereitungsabteilung 180 Schüler. Das normale Budget des Gymnasiums beträgt jährlich 8500 Pfund Sterling. Für das jüdische Gewerbe Der Jüdische Nationalrat für, Oesterreich versendet folgenden Aufruf: Das jüdische Volk, das nach seiner Vertreibung aus seiner historischen Heimat immer mehr vom Boden des Handwerkes und der Landwirtschaft ab- und in den Handel und die freien Berufe hjneingedrängt wurde, steht heute nahezu außerhalb des Produktionsprozesses und ist nicht zum mindesten aus diesem Grunde Objekt des leidenschaftlichsten Hasses. Die Erkenntnis dieser Lage und ihrer Ursachen hat den Jüdischen Nationalrat Deutschösterreichs veranlaßt, das Uebel bei der Wurzel zu packen und mit den Ursachen auch die Wirkungen zu beseitigen. Neben seinem Schulamte, dem sozialen Organisatiönsamte, schuf er das jüdische Gewerbeförderungsamt. dessen Aufgabe es ist im Wege der Berufsumschichtung die Juden in Deutschösterreich allen Gewerben zuzuführen. Zur Erreichung dieses Zieles erteilt das Amt in seiner Berufsberatungsstelie Rat bei der Wahl eines Berufes mit Rücksicht auf angeborene und angeeignete Kenntnisse und Fähigkeiten, materielle Aussichten uind nicht zuletzt im Hinblicke auf die Bedürfnisse Palästinas als der aufzubauenden Heimstätte der Juden. Nicht mit Rat und Aufklärung allein begnügt sich das Amt, es vermittelt auch unentgeltlich zwischen arbeitgebenden und arbeitsuchenden Stellen und sein Arbeitsnachweis hat sieh schon in vielen hunderten Fällen ganz ausgezeichnet bewährt. Voraussetzung für alle diese Arbeiten ist die organisatorische Erfassung aller jüdischen Gewerbetreibenden und Industriellen. Zu diesem Zwecke wurde ein Berufskataster angelegt, der bereits mehr als 12.000 jüdiische Handwerker, Ingenieure, Industrie He und Techniker, überhaupt alle jene Berufe umfaßt, die unmittelbar der Produktior dienen. Das Amt hat eine Abteilung für technisches und landwirtschaftliches Bildungswesen eingerichtet, welches technische Kurse einrichtet unid Lehrwerkstätten gründet. Die erste Lehrwenkstätte, tdie Schlosserwerkstätte im dritten Bezirke, ist bereits eröffnet, die Vorarbeiten für die Eröfiniung der Werkstätten für Elektrotechnik und Mechanik sind geleistet. Die Abteilung für Arbeiterfürsorge gründet Arbeiterheime und schafft den Arbeitern bessere moralische und . materielle Arbeitsbedingungen. Die Abteilung für Lehrlingsfürsorge führt alle jüdischen Lehrlinge evident, sorgt .für deren Unterbringung bei Meistern und für berufliche und moralische Weiterbildung, gründet Lehrlingsheime und sucht den Lehrlingen günstige Lebensbedingungen zu bieten. * Es ist selbstverständlich, daß ein jüdisches Gewerbeförderungsamt Rücksicht nehmen muß auf die Probleme der Besiedlung Palästinas. Gerade in dieser Richtung kommt diesem Amte eine ungeheure Bedeutung zu. Wien ist aus psychologischen Gründen und infolge seiner geographischen Lage ein Anziehungspunkt für die Juden der östlichen Länder und wird — was sich schon heute zeigt — in hohem Maß die Durchzugsstation für die Auswanderer nach Palästina sein. Der dadurch sich ergebende freiwillige oder unfreiwillige Aufenthalt1 der Auswanderer soll ausgefüllt werden mit der Erlernung irgend eines in Palästina notwendigen Handwerkes, so daß die von hier nach Palästina Weiterziehenden als geschulte produktive Arbeiter nach Palästina kommen werden. Soll das jüdische Gewerbeförderungsamt das ihm gesteckte hohe Ziel erreichen, so ist Mitwirkung der breitesten jüdischen Oeffentlichkeit unbedingtes Erfordernis. E'arum ergeht der Ruf an alle Juden, denen das Schicksal dies jüdischen Volkes am Herzen liegt, die Bestrebungen des Amtes zu fördern. Jüdische Eltern! Führet eure schulentwachsenen Kinder mehr als bisher den manuellen, pro-; duktiven Berufen zu und nicht allein den geistigen Berufen oder dem Handel! Schicket eure Kinder zu unserer Berufsberatimgsstelle! Jüdische Handwerker und Industrielle! Gebet- — soweit ihr es noch nicht getan habt — eure Adressen bekannt und bedient euch unseres Arbeitsnachweises! Gebet alle durch Beistellting der Geldmittel dem Amte die Möglichkeit, seine hohen Aufgaben zu erfüllen, die große Zahl der jüdischen Arbeitslosen produktiven Berufen 'zuzuführen, der öffentlichen und privaten : Wohltätigkeit ‘zu entziehen1 und die gegenwärtige abnormale wirtschaftliche Struktur des jüdischen Volkes einer Gesundung1 zuzuführen, die nicht zum' wenigsten auf das Ver-