Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 11 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sr. 11 JÜDISCHE ZHTÜNQ Seife 3 Bisher haben sich hei uns ungefähr 350 Arbeitgeber gemeldet, und zwar sind! die meisten Anmeldungen erst in der letzten Zeit erfolgt Unter den Arbeitgebern befinden sich bereits solche, weiche ausschließlich unseren Arbeitsnachweis in Anspruch nehmen und zu den regelmäßigen Abnehmern unserer Arbeiter ge-' hören. Bei Betrachtung der Verteilung dieser Vermittlungen auf die einzelnen Berufe ergibt sich, daß die meisten in der Land- und Forstwirtschaft untergekommen sind, in zweiter Reihe steht das Baugewerbe. Sehr viele Arbeiter sind auch in der Papierindustrie, in der Bekleidungsindustrie usw. untergebracht. Unser Arbeitsnachweis wird größtenteils von solchen Stellenlosen im Anspruch genommen, welche sich der manuellen Arbeit widmen. Unser Berufskataste.r. welcher eine Unterlage für unsere Arbeiten bildet. entwickelt sich immer mehr. Er hat bereits einen Umfang von 1 i.500 Karten erreicht; es wird: interessant sein, das Material dieses Berufskatasters Wissenschaft^ lieh zu bearbeiten, um zu zeigen, daß sich die Juden durchaus nicht, wie allgemein behauptet wird, ausschließlich dem Handel und den freien Berufen widmen.! Wir sind: bestrebt, .diesem Berufskataster, welcher sich immer mehr als ein wichtiger Behelf bei den Arbeiten der Gewerbesektion erweist und der auch vielfach von außenstehenden Institutionen und Einzelpersonen in Anspruch genommen wird, auszubauen und, sobald dies der Fall sein wird, werden wir tatsächlich das Material für eine wichtige wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiete der Berufsschichtung der J uden Deutschösterreichs besitzen. Während der letzten Tätigkeitsperiode der ütwerbesektion hat es sich auch gezeigt, daß letztere bereits als zentrale Organisation in jüdischen Gewerbeangelegenheiten bei den jüdischen Vereinen anerkannt wird. So hat sich der Verein „J i s c h u w - E r e z -1 s r a e 1“ an uns gewandt. wir möchten ein Gesuch an den „Joint“ befürworten, in welchem er eine größere Summe für den Ankauf einer Schlosserwerkstätte zur Beschäftigung jüdischer Schlosser angesprochen hat. wofür er sich vertraglich verpflichtete, daß die Gewerbesektion das Inspektions- und Kontrollrecht, sowie das schiießliche Heimfallsrecht besitze. Die Schlosserwerkstätte im 20. Bezirk, ist vor ungefähr fünf Monaten begründet worden und entwickelt sich sehr gut. Erwähnt sei besonders, daß in dieser Werkstätte fast ausschließlich Arbeiter im Alter von über 35 Jahren beschäftigt sind, welche früher n i e auf dem Gebiete eines Gewerbes tätig waren. Es sind dies orthodoxe Juden, welche aus ihrem Aeußern nie auf eine gewerbliche Tüchtigkeit schließen lassen und trotzdem: wenn man sich diese Personen bei der Arbeit genau betrachtet, muß man den Eindruck gewinnen, daß, man die Juden zu tüchtigen Arbeiter heranbilden kann. Durch einen Beschluß des Präsidiums des J. N. R. ist vor Monaten der Gewerbesektion finanzielle Aktionsfreiheit gelassen worden. Die Oewerbesektion hat sich nun bemüht, sich selbst die notwendigen Miltei, die durchaus nicht unbeträchtlich sind, zu verschaffen. Es gelang ihr dies auch für sechs Monate. Vor ungefähr zwei Monaten sahen wir uns gezwungen, eine größere Finanzaktion einzuleitcn. welche nicht in den Aufgabenkreis einer Gewerbesektion gehörende Arbeit einen großen Teil unserer Zeit in Anspruch nimmt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß viele Institutionen in letzter Zeit ebenfalls auf den Gedanken gekommen sind, die Förderung des Gewerbes in ihren Tätigkeitsbereich aufzunehmen. Dadurch ist eime Zersplitterung der Arbeit eingetreten und. wenn es gelingen würde, all diese Kräfte zu konzentrieren, könnte maii ein Vielfaches von dem leisten, was bisher geschehen ist. Aus dieser Erwägung heraus, hat das Präsidium des Jüdischen Nationalrates den Beschluß gefaßt, eine Ausgestaltung der Gewerbesektion zu einem Gewerbeförderungsamte vorzunehmen. Es soll dieses Gewerbciörderungsamt eine Institution des Jüdischen Nationalrates sein, und werden die nationalen Organisationen und Institutionen aufgeiordert, die Agenden, welche in ein solches Gewerbeförderungsamt hitiempassen, diesem Amte abzutreten. Regierungsrat Ing. Löwy gibt in kurzen Umrissen an; wier er sich die Tätigkeit des nengegründeten Gewerbeförderungsamtes vorstellt. Es entspinnt sich eine rege Debatte. Um halb 9 Uhr wird die Satzung vom Vorsitzenden Doktor Margulies geschlossen. Diejuden in der Tschecho-Slowakei und die Wahlen Aus einer Verordnung des Prager Ministeriums des Innern wird ersichtlich, daß die Wahlen für die Abgeordnetenkammer am IS. April und für den Senat am 25. April stattfinden sollen. Das neue Wahlsystem in der Tschecho-Slowakei ist auf die Listenwahlen aufgebaut und kennt daher keine Einzelkandidatur, sondern ausschließlich wahhverbende Parteien. Wie unseren' Lesern bereits bekannt ist, hat sich das täglich mehr zu politischer Bewußtheit erwachende Judentum der tschechischen Länder und der Slowakei eine gemeinsame politische Plattform geschaffen und tritt als „Vereinigte j üdische Parteien“ in den Wahlkampf ein. Die Wahlbewegung setzt bereits überall ein und es wird rührig an der Aufstellung von jüdischen Kreis- und Ortswahlkomitees gearbeitet. Das Wahlgesetz sieht vor, daß sämtliche in allen Wahlkreisen auf den Namen einer Partei abgegebenen Stimmen zusammengezogen werden können, falls es dieser gelingt, in einem der Wahlkreise mindestens 20.000 Stimmen auf sich zu vereinen. Es ist also bei entsprechender Propaganda iür die gute Sache auf einen günstigen Ausgang der Wahlen zu rechnen. Die „Vereinigten jüdischen Parteien“ haben das folgende Programm entworfen: ' Die Judenschaft der tschecho-slowakischen Republik ist sich bewußt, daß nur durch einiges Vorgehen aller oder nahezu aller Juden die beiden Wahlzwecke für uns erreicht werden können, nämlich: 1. die Entsendung jüdischer Delegierter in die Nationalversammlung der Juden im Wahlkampfe. Von dieser Erkenntnis geleitet, haben sich zahlreiche organisierte und nichtorganisierte Gruppen und Parteien ,-inrnerhalb, der .Iudenschaft zu einer geril'e ins a m en wahlwerbenden Partei unter dem Titel „Vereinigte jüdische Parteien“ zusammengeschlossen und kandidieren auf das nachfolgende Programm. Neben diesem alle gemeinsamen Punkte umfassenden Programm wird den besondern lokalen Bedürfnissen durch Aufstellung d'etailierterer Bestimmungen im Einklänge mit den Richtlinien des Generalprogrammes Rechnung getragen. Unsere Postulate sind: 1. Mitarbeit an der demokratischen Ausgestaltung von Gesetzgebung und Verwaltung. Beschränkung der administrativen (Beamten-)Gewalt durch Ausbau fixer gesetzlicher Normen. trotzdem wurde er in seiner Liebe zum eigenen Volke nicht wankend. Als Philosoph ist Masaryk ein Schüler Herdens im soziologischen Gewände. Von der Humanität führt die Entwicklung der Menschheit über Nationalität zum Sozialismus und zur national-humanistischen Demokratie, ln der Auffassung :ctes Kosmopolitismus .ist Masaryk besonders für das Schicksal der kleinen Völker interessiert. „Die Geschichte lehrt, daß nicht bloß im kleinen, sondern auch im großen der einseitige Zentralismus schädlich ist, daß er Leben erhalten muß durch die Autonomie der natürlichen wirtschaftlichen, kulturellen und auch nationalen- Organisationen. Und im Jahre 1915, während sein Name von offizieller Seite gleichsam mit einem Bannflurh belegt wurde, hielt er in London seine Antrittsvorlesung über „Die Probleme der kleinen Nationen in der gegenwärtigen europäischen Krise“. Der Weltkrieg brachte Masaryk mit hervorragenden Vertretern und der Idee des Zionismus in Berührung unti auch das nationaljüdiische Problem begann ihn zu beschäftigen. Es ist kein besonderes Verdienst der böhmischen Politiker, daß knapp vor wenigen Tagen den Juden1 in der Republik erst das langersehnte Recht, öffentlich als jüdisches Volk anerkannt zu werden, gegeben wurde, wie dankbar wir es auch anerkennen. Nach den Grundsätzen Masaryks mußte es notwendigerweise erfolgen'. Masaryks Leben ist auch iür uns Juden vorbildlich. Wir hatten alle Ursache, den Festtag der Republik aus aufrichtigem Herzen mitzufeiern. Kleines Feuilleton Der Segen Jakobs. (Auch ein Beitrag zum Kapitel: Jüdische Namen.) In der, Siebzigen ähren war in Memel der Streit zwischen den Alten und Neuen in der Gemeinde ausgebrochen. Die Alten standen eifernd zur Thora und dam altfrommen Judentum, die Neuen scharten sich um den damals jungen Rabbiner R ii 1 i. Sie wollten vom Kaschrus und Scliechita nichts mehr wissen und kleideten und trugen sich modern und rasiiert, während die Alten in Kleidung, Tracht und allem sich als echte Ostiuden hielten: Damals wurde nun gerade das neue Beth Hamidrasch in Memel eingeweiht und man lud dazu den berühmten Rabbiner Meier Löbus Malbrm aus Königsberg ein. Bei dieser Gelegenheit — es ging gerade die Sidra Waj’chi) — soll dieser wahrhaft fromme Mann folgende Ansprache gehalten haben: „Als Jakob starb, ließ er all seine Söhne kommen, nannte sie mit Namen und segnete sie. Da nahm Josef auch seine beiden Söhne Manasse und Efraim und führte sie dem Vater zu, daß er sie ebenfalls segne. Als unser Vater Jakob sie sah, fragte er: „Mi eie? Wer sind diese?“ Worauf Josef: „Meine Söhne sind es“, antwortete. Da sagte Jakob: „Kochem-no elaj waaworachem! Gib sie mir her, daß ich sie segne!“ — Wie kam, frage ich, Jakob dazu, zu sagen: „Wer sind die?“ Wohnte er nicht in Josefs Haus? Sah er die Enkel nicht täglich? Kannte er sie nicht? — Ei, sie kamen in Aegyptertracht zu ihm, wie sie sonst nie gekommen waren, so erkannte er sie wirklich nicht. Als aber Josef sagte: „Es sind doch meine Kinder!“, da rief Jakob laut: „Herbei mit ihnen, daß ich sie segne!“ Und er segnete sie und sprach: „Der Engel, der mich erlöst hat von allem Uebel, der segne die Knaben, (daß sic nicht mit ihrer Tracht auch noch ihre Namen ändern, sondern) daß sie nach meinem und meiner Väter Namen Abraham und Isaak genannt werden.“ — Ihr Memeler Juden, ich sehe Männer unter euch, die sehen gar nicht aus wie Juden. Frage ich wie unser Vater Jakob: „Mi eie? Wer sind die?“ Was hör ich: Bonaj hem? Auch diese sind Söhne Israels? Nun denn, so mögen sie hertreten, ich will auch sie, ich will euch alle mit dem Segen Jakobs segnen!“ 2. Wahrung der Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Bekämpfung von Antisemitismus und Boykott in jeglicher Gestalt — Rascheste Auszahlung von Schadenersatz für alle Plünderungsschäden. Schutz der wirtschaftlich Schwachen. — Der Grund und Boden als die Hauptrolle aller Produktion darf nicht als gewöhnliche Ware betrachtet werden, seine Bewirtschaftung ist vom Standpunkte der Allgemeinheit und in ihrem Interesse zu regeln (Bodenreform). Gerechte Verteilung der Steuerlasten aui alle Stände und Berufe. Förderung aller sozialfortschrittlichen Maßnahmen^ Hebung der Produktion. 3. Friedliche Zusammenarbeit der Juden mit den Nationen. — Zusammenfassung aller Juden, die die Erhaltung des Judentums wollen und an seine Zukunft glauben. 4. Gewährleistung ungehinderter Religionsübung für die Juden. 5. Vorsorge für eine jüdische Organisation auch für den Fall der Trennung von Kirche und Staat — Ausbau der jüdischen kulturellen Insti- tutionen und der jüdischen sozialen Fürsorge. Von Ost und West Masaryks Geburtstag. Die Festsitzung des Jüdischen Nationalrates in Prag, des Zionistischen Zentralkomitees und des Klub jüdischer Stadtverordneten für Prag und der Vororte zu Ehren des 70. Geburtstages des Präsidenten Masaryk fand am Sonntag, den 7. d. M„ um 11 Uhr vormittags, im Sitzungssaale des Jüdischen Nationalrates statt. Delegierte aller zionistischen und national-jüdischen Korporationen waren erschienen. Präsident des Jüdischen Nationalrates Stadtrat Dr. Ludwig Singer würdigte in einer warm empfundenen Rede de Bedeutung Masaryks als Philosoph und Politiker. Er betonte insbesondere den unparteiischen Standpunkt Masaryks zur jüdischen Frage, besonders seine Sympathie für unsere Renaissancebestrebungen und die starke Unterstützung, der sich unsere Bemühungen stets bei ihm erfreuten. Herr Otto Zucker führte in einer deutschen Rede an der Hand einiger grundlegender Gedanken der Masarykschen Weltanschauung aus, nach welcher Hinsicht uns Masaryk, der Philosoph und Politiker, ein Vorbild sein soll. Dr. Singer teilte mit, daß der Jüdische Natiomalrat und das Zionistische Zentralkomitee beschlossen haben, zu Ehren Masaryks einen Fonds zur ‘Errichtung eines jüdischen Studentenheimes zu gründen und daß zu diesem Zwecke bereits 100.000 Kronen gezeichnet wurden. Die Versammlung drückte ihre Zustimmung aus. Nach Absendung eines Glückwunschtelegrammes wurde die Sitzung geschlossen. Die Wahlen in der Tschecho-Slowakei. Die Wahlkampagne in der Tschecho-Slowakei hat begonnen. Als erste im Mährisch- Ostrauer Wahlkreise hat die Judenschaft in Neutitsc'hein die entscheidenden vorbereitenden Schritte unternommen. Die führenden jüdischen Körperschaften, der jüdische Volksrat und der Kultusausschuß, haben Delegierte in ein provisorisches Wahlkomitee entsendet, das die Konstituierung des Ortswahlkomitees der „Vereinigten jüdischen Parteien“ in die Wege leiten soll. Obmann des Wahlkomitees ist Herr Albert B e r m a n n, Vizepräsident des jüdischen Volksrates. Zwecks Konstituierung des Wahlkomitees fand am 9. März 1920 im Sonnensaale eine Wähtorversanmi i ung statt. Referent war Oberlandesgerichtsrat im Ruhestande S. Schenk. Kunst und Literatur. Das Jännerheit der vom Jüdischen Hochschulausschuß herausgegebenen Monatsschrift „Esra“ ist unter dem Titel „Dies ist nicht unser Weg“ als Sonderheit erschienen. Es enthält Aufsätze von Adolf Böhm, Albert H e 11 m a n n, Eugen H o e f 1 i c h. Elüahu Ra ppaport und Mehr Wiener. Das Heft stellt sich als Kampfschrift dar „gegen Macht- und Geschäftszionismus“ und übt eine vielfach berechtigte scharfe Kritik an den Machtpohrikem und blau-weißen Philistern, die unter dem Deckmantel Zionismus ihr Spiel treiben. Besonders Meir Wiener in seinem Aufsatz: „Ist dies noch Zionismus?“ hält schonungslos Abrechnung mit dem sich breitmachenden „zionistischen Junkertum“, das den hohen geistigen Inhalt des Zionismus der groben Form opfert und aus dem oberflächlichsten Materialismus sich ergibt. Wir sagten schon, daß wir diese Kritik nicht unberechtigt und in seinen Argumenten vielfach zutreffend finden. Es gilt indes zu berücksichtigen: Wohl ist der Zionismus eine Weltanschauung, aber nicht einzig eine Folge; er ist zudem eine große, politische Volksbewegung, die sich nicht allein mit Gedankendingen zu beiassen, sondern auch unausgesetzt mit den Realitäten des Lebens zu rechnen hat. Gewiß hat Adolf Böhm recht, wenn er in seinem wohltuend sachlichen Artikel im vorliegenden Hefte schreibt: .Politik und Geist sind keine Gegensätze; Gegensätze sind Machtpolitik und jüdischer Geist.“ Aber auch Politik schlechthin könnte ein angestrebtes Ziel nie erreichen, wenn sie sich lediglich aut das Reingeistige einstelieh würde. Auch Politik läßt sich mit Geist betreiben; aber der „Geist“ allein, und sei er selbst wie der jüdische, „keine abstrakte Qualität, sondern bestimmter Gestaltungswiiie“. kann nicht das Ausschließliche (Mittel und Zweck zugleich) einer großen: politischen Volkserregung sein. — s —