Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 11 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 j&h&ghe msam Hr. 11 Die „belagerte Festung“ eröffnet mithin recht trübe Aussichten für die Zukunft. Wie, wenn der Feind, des langen Kampf« müde, auf den Gedanken käme, die Belagerung aufzugeben und mit ans einen Waffenstillstand oder gar einen dauernden Frieden zu schließen? Wenn der „Sonne der Freiheit“ e'nfallen könnte, auch den Kindern Israels zu leuchten? Was dann? Würde dann das Sattsein nur Trägheit und der Frieden nur ein Verkümmern des Judentums zur Folge haben? Hätten wir in der Tat von dem Schwinden des Judenhasses, von einem Leben in Ruhe, von den Segnungen dies Friedens statt eines Aufschwunges des Judentums nur seinen Niedergang zu erwarten? Auf diese Fragen gibt der jüdische Nationalismus Antwort Br gibt die einzig richtige Antwort, indem er den einzig gangbaren zielsichern Weg zeigt der den Juden herausführt aus dem häßlichen Börsenspiel des jüdischen -Le-' bens, wo eine Hausse und Baisse von jüdischer Gesinnung gibt Der jüdische Nationalismus ist im Grunde nichts anderes als der in jedem Menschen und ir. jedem Volke innewohnende Wille zur Unabhängigkeit Der Jude soll wieder in seinem Judesein unabhängig bleiben von jeglicher Witterung von außen, der Wille zum Judentum soll wieder innerlich fretwirkend in seiner ganzen Natürlichkeit lebendig werden. Fürderhin soll es nicht mehr, wie es bisher namentlich im Westen der Fall war, geschehen^ daß der Feind der Juden das jüdische Leben befruchtet und das jüdische Selbstbewußtsein aus seinem Schlafe weckt, fürderhin soll der Jude nicht mehr im Judentum verharren, vreil es eine von vielen, vielen Feinden belagerte Festung ist Der jüdische Nationalismus will die belagerte Festung schleifen und der Welt den im Sturm -wie im Sonnenschein gleich aufrechten Juden zeigen. Das will er; zum Teil hat er es bereits vollbracht zum noch größeren Teil, das hoffen wir, wird er es vollbringen. JüdischerNationalratfürÖsterreich (Plenarversammlung vom 9. März 1920.) Dr. Margulies eröffnet die Sitzung, begrüßt die Anwesenden und erteilt dem Sekretär Dr. Brand das Wort welcher einen kurzen Geschäftsbericht erstattet Auch in der laufenden Periode hat das Bureau des J.-N.-R. in zahllosen Fällen bei den verschiedenen Gesandtschaften der Nachfolgestaaten und ausländischen Missionen interveniert und es muß hervorsehoben werdten, daß sich der Nationalrat bei diesen Stellen 'kn allgemeinen des größten Entgegenkommens erfreut Es ist häufig vorgekommen, daß sich ausländische Stellen, so der „Verband der Ostiuden“ in München wegen Unterbringung Wiener jüdischer Kinder au uns-wandten; wir haben die Verbindung mit diesen Stellen aufrecht erhalten und auch zwischen ihnen und unserem Sozialen Organisationsamte die Verbindung hergestellt Wir bekamen auch aus München und Hannover die Nachricht, daß von den dortigen Juden im Rahmen dar Allgemeinen Hilfsaktion für Wiener Kinder Geld gesammelt wurde. Unsere Gemeinderäte haben durchgesetzt daß Frau Auitta Müller in das Frauenhlfskomitee die,r Gernemde Wien kooptiert wurde, in dessen Kompetenz die Verteilung der im Auslande gesammelten Gelder fällt Von größeren Aktionen wäre noch die Erwiderung auf das bekannte Rundschreiben der „U n i o n“ zu erwähnen, in welchem gegen die 'Forderungen der Jüdischnationalen und speziell des Abg. Stricker nach Anerkennung der jüdischen Nationalität Stellung genommen und die Kultusgemeinden aufgefordert wunden, unverzüglich Proteste gegen diese Forderungen an die Staatskanzlei einzusenden. Wir haben sofort ein sehr ausführliches Rundschreiben an die deutschösterreichischen Kultusgemeinden verschickt und es sind uns tatsächlich nur zwei Fälle bekannt daß der von der „Union“ gewünschte Protest eingesaadt worden ist und zwar aus Graz und Linz. Die Linzer Kultusgemeinden haben sogar überdies eineri Protest an den sozialdemokratischen Klub der deutschösterreichischen Nationalversammlung eingeschickt. Von zahlreichen Kultusgemeinden jedoch haben wir die Mitteilung erhalten, daß das Rundschreiben der „Union“ entweder überhaupt nicht beachtet, oder einfach dem Papierkorb übermittelt worden ist Die Grazer Gesinnungsgenossen haben in einer Volksversammlung eine Uegenresolution beschlossen und der Staatskanzlei eingeschickt. Es wird eine unserer, nächsten Aufgaben sein, ein autoritatives Volksgemeindeprogramm zu schaffen. Wir bekamen aus dem Kriegsgefangenenlager Krasnoi a - Rijetschka einen Hilferuf, daß die Polnischen und bukowinischen Kriegsgefangenen ihrem Schicksal überlassen werden, daß sich kein Mensch um sie kümmere und sie keine Hoffnung haben, je in ihre Heimat zurückzukehren. wenn' wir uns ihrer nicht annehmen. Zufällig kam fast gleichzeitig die Nachricht vom Zionistischen Zentralbureau in London, daß Herr Jakob Schiff aus New-York 100.000 Dollar für die Heimbeförderung der jüdischen Kriegsgefangenen der ehemaligen österreichisch - ungarischen Armee gespendet habe. Das Präsidium hat sich sofort als Komitee zur Heimbeförderung der jüdischen Kriegsgefangenen konstituiert und auch durch Vermittlung der hiesigen Abteilung des American Joint Distribution Committee nut der Zentrale des „Joint“ in Amerika telegraphisch und brieflich ins Einvernehmen zu setzen gesucht und1 angefragt, ob wir auf ihre Kosten einen Vertrauensmann nach Wladiwostok entsenden können, der an Ort und Stelle die notwendigen Maßnahmen zur Heimbeförderung der jüdischen Kriegsgefangenen ergreift. Die Antwort steht noch aus. Einen großen Teil der Arbeiten des Bureaus nahm die Schaffung des Jüdischen Gewerbeförderungsamtes in Anspruch. Dieses Amt soll die Zentralstelle für alles bilden, was in das Gebiet des jüdischen Gewerbeförderungswesens fällt. Mit dem Komitee dter, Delegationen der jüdischen Nationalräte in Paris stehen wir in ständigem Kontakt. Abg. Stricker berichtet über seine Londoner Reise, soweit: deren .Resultat den Nationalrat betrifft. In dem Momente, wo sich in den einzelnen Ländern anläßlich!** des Umsturzes Nationalräte gebildet hatten, wurde in Paris, einem gesunden Instinkte folgend!, eine Stelle geschaffen, welche eine Vertretung aller dieser Räte bildet, nämlich das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz. Dieses Komitee hat es sich zur Aufgabe gemacht, während der Friedenskonferenz für die Jud’en aller Länder zu intervenieren und deren Forderungen vor der Friedenskonferenz zu vertreten. Wir Zionisten haben immer betont, daß wir Vertreter des jüdischen Volkes seien. Deshalb haben sch Juden aller Pa r i ei färb unge n um Rat und Beistand an uns gewandt. Es wäre den Juden einfach unbegreiflich, wenn, die Zionisten erklären würden, daß die Fragen, welche die Juden in den Wohnländem betreffen, sie nicht interessierten und daß ihr Augenmerk nur aui Palästina gerichtet sei. Um aber die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Judten wahren zu können, ist es unbedingt nötig, daß eine legitimierte Vertretung der Judten vor dier Friedenskonferenz, respektive dem Völkerbünde geschaffen werde. Daraus ergibt sich die Konsequenz, daß wir in Oesterreich alles daransetzen müssen, um die Idee des Nationalrates besteh en zu lassen, unsere Aufgabo muß es sein, immer jn Verbindung mit dem Komitee der Delegationen der jüdischen Nationalräte in Paris zu bleiben und die jüdische Bevölkerung aufzuklären, wie wichtig die Schaffung einer legitimierten Vertretung der Judten der Diaspora ist. Um Ihnen auch über die Nationalräte der anderen Länder zu berichten, so kann ich Ihnen sagen, daß die Geschichte der Nationalste fast überall dieselbe ist. Anfangs waren im Nationalrat al 1 e Parteirichtangen vertreten, später sind die P o a 1 e Zion und der jüdische „B u n d“ ausgetreten, bloß in Bessarabien sind bis heute alle Parteien im Nationalrat vertreten. Ueberall hat es sich gezeigt, 'daß die Zionisten tatsächlich die Stützen der politischen Arbeit sind. Wir müssen trachten, daß auch in Zukunft zwischen dem Nationalrat und) dar Delegation in Paris die regste Kommunikation bestehen bleibt. Die Wahl der Nationalräte für Sie einzelnen Länder ist in London besprochen worden. In allen Ländern sollen auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes für beide Geschlechter Nationalräte geschaffen werden. die in Paris als Vertreter der Juden ihres Landes auftreten können. Außer in Weißrußland, wo die Wahlen nach Angabe dar dortigen Vertreter jeden Tag ausgeschrieben werden könnten, bestehen in allen anderen Ländern Gründe, die dafür sprechen, daß die Wahlen gegenwärtig nicht durchgeführt werden sollen. Ing. Ar je erstattet dien Tätigkeitsbericht der Gewerbesektion: In der verflossenen Arbeitsperiode hat die Gewerbesektiön sich bemüht, die einzelnen Abteilungen derselben auszubauen und die Gewerbesektion als solche sowohl in den nationalen als auch in den mchtiüdischnationalen Kreisen bekanntzumachen. Der Berufsberatung ist es gelungen, 13 den verschiedensten Berufen angehörende Herren für die Zwecke ihrer Berufsberatung zu gewinnen, so daß der bereits seit langem empfundene Mangel an einem technischen Beirat behoben ist. Wir sind nun,' in der Lage, die sich an unsere Berufsberatungsabteilung wendenden jungen Leute für die allerverschiedensten Berufskategorien beraten zu können. Die Gesamtsumme der von unserer Berufsberatungsabteilung eingehend Beratenen ist schon recht beträchtlich. Die meisten dieser jungen Deute haben sielt dem Gewerbe gewidmet, und zwar vornehmlich dem Baugewerbe, in welchem sie sich auch besonders bewährt haben. Viele haben auch Berufe wie Elektrotechnik, Schlosserei und überhaupt die Metall verarbeitungsprofession ergriffen. Viele haben sich auch den Bekleid' u n g s Professionen und besonders dem Schneiderhandwerke gewidmet. Die Erfahrung lehrt daß sich die wenigsten der von unserer Berufsberatungsstelle Beratenen schließlich den freien Berufen widmeten. Unser Arbeitsnachweis erfreut sich bereits aUgemeiner Popularität was darin zum Ausdruck kommt, daß sich viele Arbeitgeber bei uns melden und bei uns Arbeiter ainiordem. Es ist uns somit bereits zum großen Teile gelungen. das Vorurteil zu beseitigen, welches jüdischen Arbeitern eutgegengebracht wird. Gerade dieses Vorurteil hat die Entwicklung unserer Gewerbesektion sehr behindert Masaryk und die Juden Von Prof. Dr. Josef Lamm, ln der vorwöchigen Nummer haben wir an dieser Stelle aus Anlaß seines 70. Geburtstages den Menschen, Gelehrten und Politiker Thomas G. Masaryk gewürdigt. Nachstehender Artikel, den -wir dem in Mähr .-Ostrau erscheinenden „Jüdischen Volksblatt“ entnehmen, bringt unter Benützung der Broschüre „Aus Thomas G. Masaryks Leben“ von Dr. Oskar Donath einige interessante Einzelheiten über die Beziehungen Masaryks zu den Juden und zum Judentum. Die Redaktion. Im Jahre 1863 besuchte Masaryk die zweite Klasse der von den Piaristen geleiteten Auspitzer Realschule. Die tiefreligiöse Gesinnung, welche von Haus ans sicher mit einer kleinen Dosis von Abneigung gegen das Judentum vermischt war, erhielt — so erzählt Masaryk selbst — durch einen kleinen, aber bedeutsamen Vorfall eine andere Richtung. Bei einem am Freitag unternommenen Ausflug der Klasse in die Poiiauer Berge entfernte sich ein rechtgläubiger Judenknabe für kurze Zeit von den anderen, um — es war der Vorabend des Sabbat herangebrochen — sein Gebet zu verrichten. Die Mitschüler verhöhnten den Betenden, doch Masaryk nahm sich des Geschmähten an und war von der Religiosität seines Kameraden so ergriffen, daß seine vom Hause stammende Abneigung gegen die Juden erschüttert wurde. Aber nicht bloß erschüttert,, sondern sie wurde lamgsa •: \ersehnb-t und an deren Stelle trat sein heißes Streben, dem verkannten Volke dort gerecht zu werden, wo sein scharfes Auge Unrecht erkannte. Dazu trug unverkennbar der Umstand bei, daß Masaryk vielfach mit Juden in Berührung kam, die bedeutungsvoll in sein Leben traten. Ahei auch seine materielle Unterstützung verdank .e er vieiiach Juden. An der Universität war ihm foesondlens der Generalrat der Anglo-Oesterreichischen Bank, Schlesinger, behilflich, in dessen Hause er wohnte und dessen beiden Söhne Alfried ulnd Max er unterrichtete. Inwieweit indische Hochschul- und Mittelschullehr.er (falls es damals solche gab) auf den jungen Masaryk wirkten, ist aus der Broschüre leider nicht ersichtlich, obwohl auch da Beziehungen sicherlich aufgedeckt werden könnten. Außer dem Namen des Gelehrten! Gompert, der Masaryks Schrift „Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der Gegenwart“ als wertvolle Gelehrtenarbeit anerkannte und Masaryks Dozentur erwirkte, ist sonst nirgends ein diesbezüglicher Hinweis zu finden. Hingegen scheint Masaryk als Lehrer auf jüdische Hörer faszinierend gewirkt haben. Ein fast rührender, an Euk-lides aus Metala erinnernder Fall ist die ArihängEohkeit 4« Wiener jüdischen Studenten Flesch, der dem verehrten Lehrer nach Prag folgte.’ Von unüberwindlicher Schwermut erfüllt, erschoß er sich später in Berlin, nicht ohne in nachhaltiger Erinnerung an seinen früheren Lehrer diesem sein ganzes Vermögen von 60.000 Gulden zu hinterlassen, für damals eine bedeutende Summe, die Masaryk später, als er mit „politischen Rettungen“ vor die Oeitentiichkeät trat und den „Cos“ begründete, sehr zustatten kam. In den breiten1 Schichten des jüdischen Volkes wird Masaryks Name erst bekannt, als im Jahre 1899 die hochgehenden Wogen des böhmischen „Dreyfußprozesses“, der Polnaer „Ritualmordafiäre“, die Gemüter der Juden in langer Angst umbrandeten. Ein zweiter Hutten; der vor nichts zurückschreckt, stellte sich Masaryk der verblendeten Volksmeinung entgegen, reißt die gleißnerisclie Maske den Klerikalen vom Gesichtei herab, protestiert in Broschüren und Zeitungen gegen den wahnwitzigen) Aberglauben, die freche Prozeßführung, die „wissenschaftliche“ Beweisführung des damals so oft zitierten Rohling und selbst unter den empfindlichsten persönlichen Opfern erlahmt er nicht, dfesen Schandfleck österreichischer und böhmischer Justiz wettzumachen. Am Leben bedroht, von der tschechischen Gesellschaft geächtet, von der Studentenschaft zur Einstellung seiner Vorlesungen gezwungen, das ganze Land gegen ihn, „den Judenknecht, den Herausgeber einer im Dienste des Judentums stehenden Zeitschrift“ mobilisiert, so stand Masaryk damals wie ein Fels ungebeugt und bewies an der Hand wissenschaftlicher Autoritäten und auf Grund persönlichen Studiums, daß die ganze Beschuldigung auf einer absichtlich böswilligen Interpretation und Interpellation einer strittigen Stelle im Talmud beruht. Masaryks Miilve war umsonst. Hilsner wurde zweimal verurteilt. Masaryk selbst sagte in einem Gespräche mit Dr. R. Lederer; „leih habe mich Hilsliers angenommen, weil es sich um einen unschuldigen Menschen handelte, außerdem, weil « um die Ehre des tschechischen Volkes ging. Ich werde Volksverräter genannt, weil ich die Schande meines Volkes nicht ertrug. Was müßte die Welt von der Kultur ein« Volkes halten, mit dem die Juden seit Jahrhunderten als Menschenfresser, als die sie von den Anhängern des Ritualmordglaubens himgcsiellt werden, rein einsam wohnen; Die Juden Böhmens bilden aber eine Elite der Juden im Reiche. Ich hatte allerdings früher eine bessere Meinung über sie. Es schadete ihnen in meinen Augen, daß soviele unter ihnen nach der Beseitigung der Affäre verlangen, nur um Ruhe zu haben. Es handelt sieh aber in dieser Frage nicht allein um das Ansehen und um die Ruhe der Juden, sondern um die Rehabilitierung ernes unschuldigen Menschen. Wenn Hilsner auch c':: Taugenichts ist, so ist er doch eiu Mensch.“ Man sieht also, daß Masaryk In diesem Prozesse vornehmlich ethische Motive zum Eintreten für Hilsner bewogen: Mit welchen Gefühlen mag heute der Siebzigjährige auf diese Zeit der Verkennung und Verfolgungen zürückblicken? Und