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Jüdische Zeitung · 1920-03-19 · 11 (19.3.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
11 (19.3.1920)
Date
1920-03-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Naiionai'iü Organ Redaktion und Aamiaistration Wui II., Tabarstrale I Fern' teoh-» Sr. 44038 a. 43319 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonas* »«mapf.i«: vierteljährig 13* _ ganzj. 50 K, Eiuehrazamer 1 K Wien, Freitag, d.» 19. Marx 1920 Po.taparka-enkonto 133 404 Der fehlende Kolonisationsplan Die Sitzung des großen.’ zionistischen Aktionskomitees hat den Führern Sokolow und Weitzmann für ihre hingebungsvolle und von Erfolg gekrönte Arbeit Dank und Vertrauen votiert. "Dieser bei allen politischen und Parteitagungen übliche Brauch, der zum Ausdruck bringt, daß die Fortführung der Arbeit in ihren bisherigen Richtlinien gewünscht wird, bedeutet ln diesem Falle mehr als eine kalte, gewohnheitsmäßige Formel. Erst in späteren und ruhigeren Tagen wird es möglich sein, zu erkennen, welch hervorragender Anteil unseren beiden diplomatischen Unterhändlern, die sich in ihrer Art aufs glücklichste ergänzen, an dem großen politischen Erfolg der zionistischen Bewegung gebührt. Die Tätigkeit dieserbeiden Männer ist umsomehr zu würdigen, als sie zu den Mühen und Sorgen auch noch die ganze Last einer fast übermenschlichen Verantwortung zu tragen hatten, durch den Krieg an jeglicher Berührung mit den zionistischen Vertretern in den übrigen Ländern gehindert und in ihrer Tätigkeit ganz auf sich gestellt. Der Leitung fehlte es an weiteren Kräften und die politische Arbeit konzentrierte notwendigermaßen alle Energie auf sich. Die Folgen dieses Zustandes machen sich nunmehr bemerkbar. Alles, was nicht unmittelbar mit der politischen Arbeit zusammenhängt, ist unfertig und provisorisch oder es zeigt einen Mangel an System. Es hat nicht den mindesten Sinn, hier eine Schuldfrage aufzuiollen und Personen für Verhältnisse“ verantwortlich machen zu wollen, die so länge Zeit unabänderlich waren. Aber es tut not, mit allem Nachdruck auf diese Umstände hinzuw eisen und auf Abhilfe zu drängen. Man kann es ruhig aussprechen, daß unsere Vorbereitung für das große Zukunftswerk hinter den politischen' Erfolgen weit zurückbleibt. Es darf nicht so weit kemmen. daß wir erst nach Klärung zu ringen beginnen sollen, wenn die Möglichkeit zur Tat offen steht. Niemand weiß genau, wann England formell im Besitze des Mandats über Palästina sein wird. Aber die Umstände deuten darauf hin. daß es doch allzulange nicht mehr dauern wird. Was wir brauchen, ist ein Kolonisationsplan und die eheste Einleitung der großen finanziellen Aktionen. Die Londoner Leitung ist bisher •— und dies hat sich auch bei den Sitzungen des großen Aktionskomitees gezeigt — im wesentlichen über ihre sogenannten „Richtlinien“ nicht hinausgekommen, welche hauptsächlich der Frage der Kapitalsbeteiligung .und der bankenmäßigen Kreditgewährung gelten. In diesen Richtlinien vermißt man jedoch völlig den großen einheitlichen Leitgedanken und auch die Debatte in London hat erwiesen, daß die Frage keineswegs geklärt ist Die Frage der Kolonisation Palästinas muß von großen prinzipiellen Gesichtspunkten aus behandelt werden. Es ist gewiß, daß sich Bindendes und Endgültiges über das Tempo und die Intensität unserer kolonisatorischen Arbeit heute noch nicht sagen läßt. Aber dies ist kein Hindernis für die Aufstellung eindeutiger Grundsätze. Das Werk, das wir Vorhaben. steht schlechterdings ohne Analogien in der Geschichte da. Wir gleichen Kolonisten, die ihr Mutterland aufbauen wollen und unsere Kolonisation hat das Endziel, ein niedergebeugtes Volk wieder aufzurichten. Während die Kolonialgeschichte der europäischen Kolonialmächte lehrt, daß vielfach Menschen, die in der Heimat Schiffbruch gelitten, mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten waren, waghalsige Desparados oder skrupellose Verbrechernaturen, kurz Menschen, die nichts zu vertieren hatten und die darum die Aussichten auf Abenteuer und Gewinn stärkter anlockten als andere, das beste Material für die Urbarmachung von kolonisatiorischem Neuland abgaben. kommt es für uns durchaus daraui an, eine Auslese unserer Besten und Opferwilligsten als Grundstock des künftigen Aufbaues nach Palästina zu verpflanzen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß wir nicht in der Lage sein werden, von allem Anfang an die Zuwanderung nach Palästina zu regulieren. Und es kann als sicher gelten, daß manche Kreise hinüberwandern werden, deren Anwesenheit uns vielleicht wenig erwünscht ist und die wir darum doch nicht hindern können. Sobald sich die ersten Aussichten einer Rentabilität zeigen werden, wird der Zustrom kapitalkräftiger Elemente wachsen, denen gegenüber man sich wird beschränken müssen, ihre auf private Initiative aufgebaute wirtschaftliche Tätigkeit mit gesunden sozialen Grundsätzen in Einklang zu bringen. Daher ist es von umso entscheidenderer Bedentung, daß der Idealismus zahlreicher junger Menschen in Mittel- und Osteuropa, der dem Augenblick voll Ungeduld entgegendrängt, da in Erez-Israel eine freie Kraftentfaltung möglich sein wira und der sich mit der ungeduldigen Erwartung des produktiven neuen Arbeiterelements von drüben begegnet, welches immer lauter nach dem dringend nötigen Zustrom frischer Kräfte ruft auf keine Hindernisse stoße und sich fruchtbar auswirken könne. Unsere Jungen wollen als freie Arbeiter hinübergehen und neue, unserer Art und Tradition sowie unserer Gesinnung gemäße Lebensformen begründen helfen, mit dem opferreichen Einsatz ihrer Person an der Wiederaufiebung der hebräischen Sprache und des jüdischen Geistes und damit an der Schaffung einer altneuen jüdischen Kultur mitwirken. die sich nur auf den Grundlagen einer von den groben Ausschreitungen des kapitalistischen Systems freien Wirtschaft erheben kann. _Dieses“ ideale Programm- .enthält durchausnichts Unmögliches. VV.r sind nicht Phantasten genug, um zu glauben, daß aus dem kleinen, in das dichte Netz der Weltwirtschaft cinzugliedernden künftigen Palästina über Nacht ein utopisches Wölkenkuckucksheim wird werden können. Aber wir glauben mit aller Kraft unseres jüdischen Optimismus, der zu den Wesensmerkrnalen unseres Volkes gehört daß sich, wenn wir rechten Sinnes ans Werk gehen und den idealen Opfergeist im Volke wachzuhalten verstehen, ein Zustand schaffen lassen wird, welcher den Realitäten des Lebens Rechnung trägt, ohne uns mit der Verpflanzung von zivilisatorischen Formen zu beglücken, die durch den grossen Gegensatz von Luxus und Entbehrungen, durch Jobber- und Schietertum gekennzeichnet sind. Aus dem allgemeinen Chaos, in das die Welt durch eigene Schuld gestürzt ist und das unser zersprengtes Volk schwerer getroffen hat als irgendein anderes, haben wir das jüdische Erez-Israel gerettet. Und heute, da sich aus den krampfigen Zuckungen der Völker neue Lebensformen gebären wollen, sind &ir vor die große Glückschance gestellt, ein neues Gemeinwesen zu errichten und Umwege zu meiden, zu deren Durchmessung die Völker Jahrhunderte brauchen. Für dieses künftige Palästina, wie wir es meinen, muß ein großzügiges Programm ehestens entworfen werden. Wir müssen das Ziel und die Wege dazu mit voller Deutlichkeit umschreiben. Eine freie schaffende Arbeit wird in umso reicherem Maße möglich sein, als die gemeinnützigen Unternehmungen gegenüber jenen der Privatinitiative ins Gewicht fallen. Banken und Kreditgenossenschaften, "ein System privatkapitalistischer Pflanzergenossenschaften, die ihre Mitglieder. zumindest vorläufig, in Europa lassen, während ihre Pfanzungen den Arbeitern zur Bewirtschaftung überwiesen werden, all das ist nicht einmal der Anfang eines entsprechenden kolonisatorischen Planes. Hiebei kommt noch die zerrüttete Valuta Europas in Betracht. Ein osteuropäischer Jude müßte nach den Londoner Berechnungen, deren Richtigkeit nicht im mindesten angezw eifeit werden soll, schon ein kleiner Kapitalist sein. um nach Palästina zu übersiedeln und sich eine Hütte erbauen zu können. Hier kann auch das hochwertige Geld unserer amerikanischen und englischen Gesinnungsgenossen allein nicht helfen. Wir müssen das ganze Volk zu O p f e rn. nicht zu Spenden aufrufen und lehren, zu uns selbst Vertrauen zu haben. Die Schwierigkeiten sind gewaltig, umso gigantischer muß unser Wille sein! Wir können ihrer Herr werden, wenn wir das Werk auf die Schultern des gesamten Volkes levpn. Bisher haben wir angedeutet. Aussichten gemacht, Berechnungen angestellt. Das allein genügt nicht. Sagen wir uns und dem Volke endlich, was wir meinen und rütteln wir es auf zu gemeinsamer Tat! A. F. Die belagerte Festung Von S. M e i s e 1 s. Vor mehreren Jahren hat Ludwig Fulda in einem an den Direktor einer jüdischen höheren Schule in Frankfurt am Main gerichteten Schreiben zu der Frage über das Verhältnis des Judentums zum Deutschtum frei und offen seine Meinung geäußert. Aus dieser „freien“ Meinungsäußerung. die im ganzen keine individuelle Anschauung kundgab, vielmehr sich in bekannten Gedankengängen bewegte, verdient ein Passus besondere Erwähnung. Fukia schreibt: „Ich bin ein Deutscher jüdischer Abstammung, und wenngleich ich der jüdischen Kirche ebenso iernstehe wie jeder andern, nenne ich mich mosaischer Konfession, weil man aus einer belagerten Festung nicht weicht In der Realschule der israelitischen Gemeinde meiner Vaterstadt habe ich, bevor ich, elfjährig, ins Gymnasium übersiedelte, die Grundlagen, deutscher Bildung empfangen. Ich besitze keine andere. Goethe; Schiller und Lessing» so heißen meine Propheten; Kant und Schopenhauer, so heißen meine Evangelisten. Wer es bestreitet, daß ich ein Deutscher bin, dem lache ich ins Gesicht.“ Ekyr ist ein persönliches Bekenntnis, and Bekenntnisse soll man nicht kritisieren, so man nicht in das geistige Privateigentum seines Nächsten eingreifen will. Was aber diesem Bekenntnis eine ganz besondere Bedeutung gibt, ist das Gleichnis von der belagerten Festung. Das Judentum gleicht einer belagerten Festung, die man nicht verläßt, weil und solange sie sich eben im Belagerungszustände befindet — entkleidet man (fiesen Satz seines poetischen Bildes, so enthüllt sich uns ein Gedanke, dien viele denken, der Gemeingut vieler deutschen Juden ist Diser Gedanke hat sogar schon seine Traditionen, weil er durch Zeiten und Generationen gewandert ist Ohne poetische Ausschmückung, aber in seiner schlichten Prosa umso klarer, hat vor einem halben Jahrhundert Gabriel R i e s s e r denselben Gedanken ausgedrückt, indem er sagte, ein Jude dürfe sein Judentum so lange nicht verlassen, bis die volle Gleichberechtigung erreicht' sei. Mit anderen Worten: Je besser es den Juden geht umso schlimmer für das Judentum. Das ist übrigens ein Erkenntnissatz, den die jüdische Geschichte an unzähligen Beispielen bestätigt. Aus dieser Erkenntnis heraus ist das Wort vom Schutz- und Trutzjudentum geprägt worden. Von jeher haben es denn auch viele Juden, die bedingungslos aufrechte Judentumsmeuschen waren, mit tiefer seelischer Betrübnis wahrgenommen, daß wir einen ansehnlichen Teil unserer Existenz denen zu verdanken haben, die unsere Existenz nicht wünschen. Der jüdische Schriftsteller Klausner in Berlin soll sich einmal den blutig ernsten Scherz erlaubt haben, dem Hof- und Domprediger Stöcker seinen Dank auszusprechen, für seine (Stöckers) dem Judentum geleisteten Dienste. Dieses Geschichtchen braucht an sich gar nicht wahr zu sein, aber es enthält in seinem innersten Kern eine Wahrheit, die jedem wahren Juden tief ins Herz schneidet. Ohne Wehleidigkeit müssen wir uns gestehen: Es gibt Juden, und deren Zahl ist nicht gerade gering, die eine Reihe von friedlichen Tagen nicht gut vertragen können, die das Sattsein träge macht und die Trägheit indifferent. — Denn was ist Indnierentismus anders als die Sichtbanverdung der Trägheit? — Ein solcher Jude gleicht da oit dem Marnie mit dem Mantel in der bekannten deutschen Fabel. Je mehr die Winde heulen, je mächtiger die Stürme brausen, umso fester zieht er den Mantel um seinen Leib: die Sonne hingegen mit ihren wärmenden Strahlen veranlaßt ihn,, den Mantel zu lockern oder ihn ganz abzuwerfen. In Wind und Wetter schließt sich solcher Jude eng und fest ans Judentum an; wie mancher aber hat schon unter der „Sonne der Freiheit“ — wie die mehr hohlals wohlklingende Phrase lautet — den Mantel gelockert oder ihn ganz abgeworfen!

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