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Jüdische Zeitung · 1920-03-12 · 10 (12.3.1920) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
10 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Kr. IG?!tv 2 JÜDISCHE ZEITUNG Die Sitzung des großen zionistischen Aktionskomitees Die Vonnittaßssitzung am Montag, den 23. Februar 1920 wurde durch Dr. Ha nt ke eröffnet. Auf der Tagesordnung stand' die Fortsetzung der Debatte über Emlgratioa. Stricker stellt eine Anfrage wegen der Einwanderung jüdischer Untertanen der ehemals feindlichen Länder naöh Palästina. Die Anfrage wurdte von Doktor Hantke und Dr. Jacobson dahin beantwortet, daß alle Anstrengungen gemacht werden, damit kein Unterschied zwischen den Juden in den verschiedenen Ländern in bezug auf die Einwanderungsmögiichkeit nach Palästina gemacht wird. Es steht bestimmt zu hoffen, daß nach dem Mandate auch die Juden aus den ehemals feindlichen Ländern nach Palästina gelangen werden. Podlischewski sprach über die Personen, weiche in Polen zur Auswanderung bereit sind. Es sind eine große Menge produktiver Elemente, Tischler, Schmiede, Zimmerleute. Töpfer. Die Emigranten beabsichtigen, Uebersiedlungskorporativen^ zu gründen, doch haben sie bisher die Regierungserlaubms dazu nicht erhalten. Es muß die politische Möglichkeit hiezu erlangt werden. Es gibt kleine Kapitalisten, welche ihr Geld und Immobilen lombardieren wollen, um die Möglichkeit einer Uebersiedlung zu erhalten. Bisher sind keine Institute dieser Art geschaffen worden. Bei der Organisierung der Palästina-Aemter bereitet das Zusammenwirken der verschiedenen Fraktionen Schwierigkeiten. Diese können nur beseitigt werden, wenn die Palästina-Aemter direkt der Londoner Zentrale unterstellt werden. Boehra berichtet über die Arbeit des Miene,- Palästina-Amtes. Er wendet sich gegen die Abtrennung der Palästinawanderung vom allgemeinen Emigrationsproblem. Die Zionisten gelten heute Ms Vertreter des jüdischen Volkes und müssen alte. Volksfragein zu den ihren machen. Br berichtet über die Chaluzim in Oesterreich. Es sind sehr gute Erfahrungen gemacht worden. Die jüdischen Arbeiter sind viel arbeitswilliger als Nichtjudten. Grundbesitzer, ja sogar die österreichischen Behörden, wenden sich an das Palästina-Amt mit der Bitte um Zuweisung jüdischer Arbeiter. Die meisten Chaluzim haben durchgehalten. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche Mädchen aus reichen Häusern Wiens, weiche aus Idealismus Arbeiterinnen geworden sind. Die Organisation unterstützt sie mit Büchern, Kleidern und Schuhen. Boehm verlangt auf das energischeste, daß nach Erteilung des Mandates alle Beschränkungen gegen deutsche, österreichische und ungarische Juden w e g f a 11 e n, Simon erörtert die Schwierigkeiten der Liqufdierungsgesellschaften. Es sei ausgeschlossen, eine schlechte Valuta mit guter Valuta zu belehnen. Stricker beantragt, daß unsere Bankinstitute den Geidverkehr zwischen den amerikanischen und englischen Juden einerseits und' den osteuropäischen Juden anderseits vermitteln. Dir. Ruppin. Das Emwanderungsproblem zerfällt in drei Hauptfragen:!. welche Institute und Organe wir schaffen können; 2. was kann zur Vorbereitung der Emigranten in der Diaspora und 3. was kann in Palästina geschehen. Zur ersten Frage erklärt er sein grundsätzliches Einverständnis, mit dem Referat Simom-Fmkelsteim. Doch bemerkt er, daß das Zentrum der Auswanderung (Schluß) nicht London sein kann, vielmehr muß die Zentrale in Palästina sein und direkt mit den lokalen Komitees arbeiten. Die Palästina-Aemter der Landesorganisationen müssen die Korrespoardenten der Zentrale sein. Das Emwanderungsamt in Jaffa muß Bulletins herausgeben, den schriftlichen Kontakt aufrechterhalten; außerdem müslen Vertrauensmänner der Palästina-Aemter nach Palästina entsandt werden. Es ist unmöglich, die Palästina Wanderung von der übrigen-Emigration zu separieren. Ruppin verweist auf die Bedeutung derpalästinensischen Nachbarländer, die von Trietsch betont worden ist. . Hier bietet sich die Möglichkeit des Zusammenarbeitens mit Institutionen, die nicht für Palästina arbeiten. Inbezug auf die Ziffern d'ar Einwanderung läßt sich nichts Voraussagen. Jedenfalls wird die Zahl der Leute, welche Europa verlassen wollen, größer sein als die Zahl derer, die wir auf nehmen können. Eine planlose Einwanderung nach Palästina kann alles zerstören, was wir in Palästina aufgebaut haben. Die Einwanderung muß durch die Landsmannschaften reguliert werden und die durch Landschaften empfohlenen Personen müssen gewisse Vergünstigungen erhalten. Zur Frage der Chaluzim übergehend, verlangt Ruppin, daß die Zeit ihrer Ausbildung mindestens zwei Jahre betrage. Bel jedfer Landsmannschaft muß mindestens eine Stelle zur landwirtschaftlichen Vorbereitung geschaffen werden. Ueberhaupt müssen die zionistischen Landsmannschaften dafür sorgen, daß das beste, was in ihrem Lande gelernt werden kann, nach Palästina übermittelt werde. Zur Organisierung der Li quidierungsge Seilschaften verlangt Ruppin die Entsendung einer kaufmännisch gebildeten Persönlichkeit aus London in die Emigrationsämter. Er ist der Ansicht, daß eine englische Gesellschaft zur Organisierung dieser Tätigkeit geschaffen werden muß. dite mit 10.000 Piund Sterling schon sehr viel unternehmen könnte. Die schwierigste Frage, ist die Versorgung der Einwanderer Ln Palästina. Es müssen zunächst dort die Existenzmöglichkeiten geschaffen werden, und zu diesem Zwecke die Mittel zur Anlage von Bauten, Pflanzungen und Werkstätten aufgebracht werden. Keinesfalls können wir den Emigranten ihre Reisekosten ersetzen. Eine Ausnahme sind solche Fälle, wo wir Leute nach Palästina senden. Die Arbeitsmöglichkeiten Ln Palästina müssen solche sein, daß jeder Einwanderer nach zwei bis drei Wochen seine Arbeitsmöglichkeit erhält. Dr. Auerbach empfiehlt ein Zusammenarbeiten mit dien großen Schiffahrtsgesellschaften, welche die Unterkumttshallen auf ihre Kosten errichten werden. Er glaubt nicht, daß es möglich sein wird, die Einwanderung nach Palästina zu kontrollieren, zumal die auf dem Landwege. Kaplan verlangt die Entsendung von Instruktoren in die Länder der Immigration. Der Hechaluz wird demoralisiert, weil bisher nicht einmal die Vertreter dfer Gruppen nach Palästina gelangen konnten. Er empfiehlt, dlaß mit den Arbeitern kollektive Arbeitsverträge gemacht werden. Man muß die Chaluzim von der Zentrale aus stützen. Sprimzak wendet sich gegen die Ansicht, daß der Zionismus nicht berufen sei, die Emir gratlonsfrage zu lösen. Er spricht gegen die Beschränkung der Emigration. Er hat keine Angst daß die hebräische Kultur in Palästina durch- Masseneinwanderung gefährdet wird. bJaiditsch befürwortet, cfie Emigration nach Pahästiua zusammen mit der gesamten Emigration zu regulieren. Goldberg betont, daß die Häuptschwierigkeit darin besteht für die Einwandlerer nach Palästina Beschäf tigung zu finden. Wenn solche Gesellschaften, wie Haboneb, Schämen usw„ gut arbeiten werden, so werden sie Leute ins Land bringen und werden auch die Reisekosten bezahlen. Eine Privatuntemehmung kann so etwas tun nicht aber dfe Orgai isaffion. Ha Ipern spricht ebenfalls dafür." daß die Emigration in ihrer Gänze reguliert wird und daß' wir hiebei mit anderen Gesellschaften Zusammenarbeiten. Wir werden dadurch auch Gelegenheit haben, für Palästina besonders geeignete Leute dorthin zu dirigieren. Inbezug auf Liquidierungsgesellschaften ist er nicht pessimistisch. Die Juden kennen die Verhältnisse im Osten und wir werden Methoden finden.. diese Gesellschaften zu realisieren, ohne große Kredite zu investieren. Klee warnt vor Uebertreibungen in der. Chaluzimfrage. Ein tüchtiger Lehrer ist auch ein guter Chaluz. Er berichtet, dlaß in Deutschland die Realisierung des Lehrgutes näher gerückt sei. Dr. Hugo Herrmann bedauert, daß in der Kolonisation«- und Emigrationsfrage nicht genug Klarheit besteht Die Zahl der bisher untergebrachten Chaluzim ist verschwindend!. An allen Grenzorten stauen sich jetzt schon Massen von Emigranten. In Tsc h ech o-Sl o wakien besteht die Möglichkeit, eine große Zahl von Chaluzim u nterzub ri n gen. Dies kann aber nur von der Zentrale aus gemacht werden. Fried mann bestätigt daß dfer Emigrationsstrom bereits begonnen, hat -In allen Hafenstädten kann man ein hilfloses Hin- und Herrennen der Emigranten beobachten. Es muß dafür gesorgt werden, daß die am drei Orten geplanten Emigrationskongresse vereinigt werden. Das ist unaufschiebbar. M o t z k i n erklärt: Das Wort von der Beschränkung muß aus der Welt geschafft werden. Es hat gar keine praktische Bedeutung, denn wir werden die Einwanderung nicht beschränken können. Die Organisation hat das Recht für die von ihr durchzuführenden öffentlichen Arbeiten sich ihre Arbeiter auszusuchen, aber darüber dürfen wir nicht himausgehen. In den Emigrationsiämtem müssen die^ Vertreter der Arbeiter sitzen, aber nicht'bestimmter Gruppen, sondern die Gesamtheit der Arbeiter, welche auswandern wollen. Katzenelson wendet sich dagegen, däß man bei der Aufstellung der Pläne sich sehr von den finanziellen Möglichkeiten beeinflussen lasse. Ein Privatmensch muß sich nach seiner Tasche richten, ein Volksuntemebmen muß erst fragen, was notwendig ist und dann zur Befriedigung der notwendigen Bedürfnisse die Mittel finden. Dr. Ca leb bemerkte, dlaß die Immigration dezentralisiert werden muß. Es muß ein Zentral- Wandterungskomitee konstituiert werden. Mt. Abrahams meint, man müsse die Emigration nach Palästina ermutigen. Aus Südafrika wollen sehr wohlhabende Personen nach Palästina kommen. Die Einwanderung solcher Personen wird den Arbeitern Arbeitsgelegenheit verschaffen. Theoretische Pläne dürfen nicht zu sehr diskutiert werden. Professor Warburg führte aus: Die Meinung der Konferenz hat sich nunmehr kristallisiert, und wir stimmen alte darin überein, daß wir mit den Komitees in den verschiedenen Ländern Zusammenarbeiten müssen. Die Gründung von landwirtschaftlichem Schulen, besonders Gärntnerschuien, ist notwendig, nicht nur für Palästina, sondern auch für andtere Länder. Mädchen sollen mehr für Hausarbeit erzogen werden. Fink eiste in: Wir müssen wohl mit anderen Emigrationskomitees Zusammenarbeiten, aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Einwanderung nach Palästina noch ganz andere Anforderungen stellt Wir können für die erste Zeit nicht daran denken, die Anforderungen zu bc- Masaryk Von Dr. Sicher. Der 70. Geburtstag Masaryks wurde in der Tschecho-Slowakei tagelang gefeiert. Keine Loyalitätskundgebungen gehorsamer Untertanen, sondern spontane Feiern freier Bürger zu Ehren ihres Besten, der zeitlebens innerlich frei war gegenüber jeder seelischen Gemeinheit, ledern persönlichen Vorteil, jeder Gunstgier nach oben und Beliebtheit nach unten und der vielleicht deshalb zum Befreier seines Volkes prädestiniert war und sich vom Schmiedelehrling zu jener Höhe emporschwisigen konnte, auf denen er die Selbständigkeit seines Staates schmiedete. Man feierte in diesen Tagen keinen König „von Gottes Gnanen“. der diesen Nimbus als Berechtigung zur Gewalt mißbraucht hat sondern einen Menschen von Gottes Gnaden, der stets mit der ganzen Unrast seiner grübelnden Seele den Gott suchte, von dem unser Jeremias sagt: „Der ewige Gott ist die Wahrheit.“ Masaryk war stets und überall die persomfiizerte. unerbittliche Wahrheit Die Wahrheit auch wo sie bitter war, bot er als Heilmittel seinem Volke, auch wenn er ihm liebgewordene Husionen wissenschaftlich zerfetzte, wie anläßlich der Königinhofer Handschriftaffäre, oder wenn er der Masse einen willkommenen Bissen von Grausamkeit gegenüber demjenigen Volke in der ri.lsner- Affäre wegschnappen wollte. Uns Juden bewog zur Feier seines Freudentages aufrichtige Dankbarkeit. Wir sahen zu ihm empor als einem Manne mir dem Glorienscheine unseres Märtyrertums and gedachten der Tage, da er infolge der Stachel« aus unserer Dornenkrone blutete und unter der entsetzlichen Blutlüge litt, ob derer wir litten, als nicht unser, sondern als der Wahrheit Verteidiger. Seine Gegner' waren unsere Gegner: Vorurteile, rohe Gewalt, Aberglauben. Fanatismus. Wir freuten uns. daß der Freund der jüdischnationalen Bewegung, der für sie schon an ihrer Wiege Worte ehrlichster Sympathie fand, den jüdischen Nationalismus als einen Tropfen Prophetischen Oeles bezeichnete und höher als den französischen wertete, einen 70. Geburtstag erlebte. Und doch bedauern wir es innig, daß er in ein Lebensalter teintritt wo die Kraft nicht zunimmt. während wir seine reine Kraft der Wahrheit Gerechtigkeit Sittlichkeit und des Idealismus so sehr benötigten in dieser Zeit des Terrors, der Unmoral und des Materialismus. Wenn Plato in seiner Staatsphilosophie Recht hat daß im besten Staate die Philosophen herrschen müssen, dann wäre Masaryks Staat der beste und glücklichste, denn an seiner Spitze steht sein bester Philosoph. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Es wimmelte in diesen Tagen von Vorträgen über Masaryk und seine philosophischen Anschauungen. Ihm dürfte es kaum genügen, wenn er gelesen, gepriesen, studiert und interpretiert wird. Er war als Prager Philosophieprofessor nie ein Professor der Philosophie im engen Sinne des Wortes, der sich begnügte, sich an der Schönheit des eigenen und fremden Geistes zu sonnen, ihm war der Philosoph stets der moralische Führer seines Volkes. Am Horizonte der Philosophie erstrahlten natürlich intensivere Sterne, aber Masaryk lebte, was er lehrte, bewies und beglaubigte durch sein Leben, was er im Hörsaal vortrug und in seinen Werken niederschrieb. denn er war die keimen Kompromiß und keimte Konzession zubilligende Wahrheit. Darum genügt es nicht, wenn der die höchste Achtung erheischende Philosoph in der Burg ehemaliger Kaiser sitzt solange nicht seine Philosophie alle Schichtern seines Volkes durchtränkt Dieselben Leute, die ihn bespuckten und ihm keinen Bissen Brot giereidht hätten, weil er sdch an die Juden verkauft hätte, als er gegen die Ritualmordbeschuldigung auftrat tauchten bei seiner Rückkehr mit dem umgekehrten Spieß aut indem sie einzelne Juden beschuldigten, sie hätten auf den Kopf des Präsidenten Blutsummen ausgesetzt, und.später verbreiteten sogenannte hussitische Frauen das Gerücht, das vom überraschten Volke vielerorts wörtlich aufgefaßt wurde, daß die Juden ihn in der Burg gefangen halten. Wenn die Lehren Masaryks mit unparteiischer Wahrheit studiert werden, dann wir«, das tschechische Volk nimmer übersehen können, daß sein erster Präsident gegen eine Lüge, die gegen das Judenom gerichtet war, kämpfte, und zwar nicht bloß aus seiner flammenden Wahrheitsliebe heraus, sondern weil er diese Lüge und die aus ihr fließende Roheit als eine Schmach des tschechischen Namens betrachtete, welche die Intelligenz eines freisinnigen Volkes nicht dulden dürfe, und daß er den Antisemitismus unzähiigemal als unverzeihliche Unmoral brandmarkte. Wenn die Worte idleis Begründers des tschechischen Staates über höhere Vaterlandsliebe, die den Hass gegen den Andersgearteten ausschließt betätigt werden, dann wird sich auch ein schöner jüdischer Ausspruch bewahrheiten: „Heil dem Lande, das ein Mann der Freiheit regiert“.

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