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Jüdische Zeitung · 1920-03-12 · 10 (12.3.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
10 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Södaktioc und Administration; Wlso Sä., TaborstrsBe I PecnsD-echer Nr. 44038 3. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Natiocalfonds“ Wien, Freitags ö«a 12» März 1920 äszagsptiU: Viertoijxhrig 13 K gansj. 50 K, Einielnuinraer 1 & Postaparkaaaenkonto 133.404 Mach der Tagung Die In den letzten Wochen in London abgehaltene Sitzung des großen zionistischen Aktionskomitees bedeutet einen beträchtlichen Fortschritt für die jüdische Sache. Die Tatsache allein, daß es nunmehr nach mehreren Jahren einer nahezu völligen Auseinanderreißung der zionistischen Organisation, wo jeder Teil des großen Ganzen auf eigene Faust zu arbeiten genötigt war und man vergebens auf gemeinsame Richtlinien wartete, möglich geworden ist. die gelockerten Fäden wieder anzuknüpfen und die Einheitlichkeit im Geiste auch zur Einheitlichkeit in der Tat werden zu lassen, ist ein Erfolg, dem nur jener nicht in seiner Qänze gerecht zu werden vermag, der außerstande ist, zu beurteilen, was die Geschlossenheit einer politischen .Organisation bedeutet, und noch dazu einer solchen, wie die unsere, die durch eine interterritoriale Einzigartigkeit gekennzeichnet ist. Nach einer schmerzlichen Unterbrechung von über fünf Jahren sind wir wieder so weit, daß eine wirkliche Verknüpfung zwischen der Leitung und den Landesorganisationen und damit erst zwischen diesen untereinander angebalmt ist und daß die Arbeit in dem nunmehr beginnenden ailerwichtigsten Stadium in voller Einheitlichkeit erfolgen kann. Schon die mündliche Aussprache der Führer mit den Vertretern der Landesverbände und Föderationen bedeutet eine» kräftigen Impuls für die künftige Arbeit. Vielleicht wird manches naive. Zionistengemüt enttäuscht sein, das erwartet haben mag, die jüdischen Rechte auf Palästina würden in irgendeiner Form verbrieft und gesiegelt als fertige Tatsache bei dem immerhin der Feierlichkeit nicht entbehrenden Anlaß dieser Tagung aui den Tisch des Hauses gelegt werden. Das ist natürlich nicht geschehen und konnte nicht geschehen. Wohl hat sich die englische Regierung bemüht, den Wünschen der zionistischen Leitung entaegenzukommeu und in-Palästina der jüdischen Arbeit schon jetzt einen gewissen beschränkten Spielraum zh gewähren, aber bei alledem' bleibt Palästina vorläufig nach wie vor Okkupationsgebiet. Die Schwierigkeiten einer sofortigen Lösung liegen an Umständen, an denen wir nichts zu ändern vermögen. Solange der Friede mit der Türkei nicht geschlossen ist, kann das Mandat über Palästina der künftigen Mandatarmacht nicht zugesprochen werden. Die Friedensarbeit in Paris geht nur langsam und zögernd vonstatten, viel zu langsam für die jüdische Ungeduld. Die Lösung des türkischen Problems ist mit einer Reihe von Fragen verknüpft, unter denen die russische die wichtigste, wenngleich nicht die einzige ist; und man weiß, wie weit die Westmächte trotz der einander fast täglich überstürzenden Sensationsmeldungen von einer einheitlichen Behandlung des russischen Problems entfernt sind. In der Orientfrage selbst scheint es, abgesehen von den schwer auf eine Formel zu bringenden italienischen und griechischen Ansprüchen, zwischen Frankreich und England zu einer restlosen Einigung noch nicht gekommen zu sein, und namentlich steht, wie auch maßgebende amerikanische Pressestimmen versichern, die Frage der polästinensischen Nbrdgrenze noch nicht fest, welche zu den entscheidendsten für Palästinas wirtschaftliche Zukunft gehört. Aber eines kann mit aller Bestimmtheit gesagt werden: Der politische Erfolg des Zionismus ist durchaus gesichert. England hat den festen Willen, sein den zionistischen Führern gegebenes Versprechen restlos zu erfüllen und seinen Standpunkt gegenüber jedem gegnerischen Versuche zu behaupten. Die Opposition der sogenannten politischen Zionisten auf der Londoner Tagung, deren Argumente Jahr um Jahr stets dieselben bleiben, .war ein kurzes und nicht übermäßig ernst zu nehmendes Intermezzo. England ist selbstverständlich nicht in der Lage, uns den Judenstaat auf dem Präsentierteller darzuraichen, aber es liegt an uns, durch intensive Arbeit in kürzerer oder längerer Zeit die bisher im Lande fehlende jüdische Mehrheit imd damit die Bedingungen zu schaffen, unter denen erst das Wort vom „Judenstaat“ einen Sinn bekommt. Bedeutsam hiefür bleibt die Aeußerung des vorsichtigen und diplomatisch gewandten Dr. Weizmaam, der in seiner Schlußrede den „Judenstaat“ als ein durchaus mögliches Ziel mit voller Bewußtheit hinstellte. Die Entsendung Sir Herbert Samuels, der als offizieller Berater an die Seite das Gouverneurs von Palästina tritt ist schon als ein Akt von politischer Bedeutung im Sinne einer künftigen Jüdischen Selbstverwaltung zu werten. Indem Samuel in seiner Person das Bekenntnis zum zionistischen Programm mit seiner Eigenschaft' als englischer Staatsmann vereinigt, durch welchen Umstand die Verknüpfung zwischen dem jüdischen und dem englischen Interesse aufs glücklichste angebalmt erscheint. Unsere heutige Situation läßt sich folgendermaßen zusantmenfassen: Die politischen Möglichkeiten sind gegeben. Wir müssen alle Anstrengungen darauf konzentrieren, unsere organisatorischen und finanziellen Kräfte auf jene Höhe zu bringen, die eine Ausnützung der künftigen Möglichkeiten gestatten. Das Schwergewicht beginnt sich vön den äußeren Umständen auf uns selbst zu verschieben. Ein Blick auf die ausführliche 0 r g a n i s a t i o n s d e b a 11 e, welche durch Hantkcs Referat sehr glücklich esngcleitet wurde, beiehrt uns. daß die zionistische Organisation nach ihrem heutigen Stande noch kein gebrauchsfertiges Instrument für die gewaltige Aufgabe darstclll. Wohl ist es uns gelungen, unsere Weltorganisation durch alle Kriegsstürme zu erhalten, aber die allgemeine Lebens- und Wirtschaftslage der europäischen Ostländer ist derart marrig. und ihre Währungen so sehr entwertet, daß diese für dtu fucnziclien Aurbnuplau u m in sehr vermindertem Maße in Bet raunt kommen. Damit wird das Schwergewicht des Zionismus aui .Amerika verschoben, wo die Bewegung in den letzten Zeiten ungeheure Fortschritte gemacht hat. Es ist dies eine Tatsache, mit cer man in allen ihren Konsequenzen rechnen muß. Der Junge amerikanische Zionismus erstreckt sich bisher in seinen Dimensionen viel mehr in die Breite als in die Tiefe und die Auffassung des zionistischen Problems scheint drüben in mancher Hinsicht jene Ideen vermissen zu lassen, zu welcheu wir um> durch eine jahrelange Entwicklung durchgerungen haben. Dies zeigt sich namentlich in der Auffassung von der Arbeit in der G a i u t h. Während dis Ueberzeugung bei uns längst zum Axiom geworden ist. daß alle produktiv-jüdfsche Arbeit eine innere Einheit bildet, und daß die sogenannte Gegenwartsarbeit schon als Mittel zur Vorbereitung für Palästina unerläßlich ist. weil nur eine gestärkte - Galuthposition cm lebensstärkes jüdisches Palästina zu schaffen vermag, hat es den Anschein, als ob der amerikanische Zionismus für die Galutharbeit nicht viel übrig hätte und all seine Kraft auf Palästina zu konzentrieren beabsichtigte. Die Londoner Tagung hat wiederholt und in solenner Weise den amerikanischen Zionisten Dank und Anerkennung votiert und damit zum Ausdruck gebracht, welch überwiegender Anteil dem amerikanischen Zionismus an den künftigen Arbeiten zufallen wird. Es wird nunmehr unsere Aufgabe sein, den Kontakt mit dem jüdischen Amerika in viel intensiverer Weise als bisher zu pflegen und die zionistische Ideenpropapaganda nach Amerika zu verpflanzen, um so eine vielfach noch fehlende Einheitlichkeit in der zionistischen Auffassung zu schaffen, von welcher zu großem Teile das Gedeihen unserer künftigen Arbeit abhängt. Mit der Frage des Verhältnisses zum amerikanischer. Zionismus hängt auch die Behandlung der eigentlichen Palästinaprobleme aui der Londoner Konferenz zusammen. Der vom Berichterstatter Simon vorgelegte Kolonisationsplan, der im wesentlichen mit den vor kurzem veröffentlichten Richtlinien der Londoner Leitung zusammcnfälit, entbehrt allzusehr der konkreten Vorschläge, um schon diese Bezeichnung zu verdienen. Die Frage des künftigen Arbeitstempos, der Aufstellung von exakten Einwanderungsziffem bleibt auch weiterhin in Schwebe. Dieser Umstand hängt wohl zum großen Teile damit zusammen, daß die Frage des Mandats noch nicht erledigt ist, die Unklarheit in diesen Punkten ist jedoch auch zum guten Teile'aus einer Rücksicht auf die Anschauungen der amerikanischen Zionisten zu erklären. Immerhin hat man sich in London aui den Grandsatz geeinigt, zwischen geschäftlich gesicherten und gemeinnützigen Unternehmungen strenge zu sondern und in der Frage der Nationalisierung des Bodens, für welche sich die überwältigende Mehrheit aussprach, einen Beschluß gefaßt, der bei all seiner vorsichtigen Fassung eine geeignete Plattform öiarstellt, die hoffentlich für die künftige Arbeit richtunggebend bleiben wird. Es wurde in London übereinstimmend festgestellt, daß unser Nationalfonds, der das geeignetste Mittel, zur Nationalisierung des Bodens darstellt, aer_ allergrößten Steigerung seiner Einnahmen bedarf, so daß es zum großen Teile von unserer eigenen Opferwilligkeit abhängt, bis zu welchem Grade wir die private Initiative, die wohl nicht auszuschließen sein wird, werden einschränken können. Auffällig bleibt, daß die Leitung nicht nur keinen Kolonisationsplan als Grundlage der Debatte vorlegte, sondern auch die prinzipiellen Fragen nicht mit der nötigen Schärfe zur Erörterung stellte. Auch das Verhältnis zwischen der Leitung und der Palästinensischen Zionist-Commission ist nicht zur vollen Uänze geklärt und auch hier bleibt manche Frage offen. Vorläufig befindet sich die Zionist-Commission im Zustand des Provisoriums, die Wahlen in Palästina konnten bisher nicht vollzogen werden, so daß vorläufig nie Kommission im wesentlichen nur aus dem einen U s s | s c h k i n bestellt. Die Wichtigkeit der Komri.ission. in deren Händen sich die ganze Arbeit in Palästina konzentrieren soll, bringt es mit «ich, daß auch hier ehestens eine Stabilisierung de.- Verhältnisse wird Platz greifen müssen. Namentlich wird R u p p i u. dessen unersetzbare Kraft niemand missen mag. der entsprechende Wirkungskreis und die notige Kompetenz zugewiesen werden müssen. Sehr erfreulich gestaltete sich die Auseinanderstzung über die Tätigkeit des Komitees der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz, bei welcher ja der zionistische Einfluß bestimmend war. Aus dem Berichte M o t z k i n s und der sich daran knüpfenden- Debatte ersieht man, wie wichtig und erfolgreich die in Paris geleistete Arbeit geworden ist, die für die Stärkung unserer politischen Position in den einzelnen Staaten unerläßlich und durch die Schaffung des Waad Haarazot, einer ständigen jüdischen Vertretung aus den einzelnen Ländern, stabilisiert werden soll. Nicht minder befriedigend gestaltete sich die K u 11 u r de b a 11 e. Sie hat den Beweis erbracht, daß es auf kulturellem Gebiete überall vorwärts geht. Während man in früheren zionistischen Epochen darüber streiten konnte, ob und inwieweit das Kulturprobiem in den Rahmen der zionistischen Arbeit gehöre, herrscht in d:esem Punkte völlige Klarheit, und es ist ein Beweis für die Vertiefung der zionistischen Idee, daß heute die innere Verknüpfung zwischen Kulturproblem und zionistischem Programm völlig fraglos geworden ist Die Sitzung des großen Aktionskomitees hat jedenfalls in manchem Punkte dankenswerte Klarheit geschaffen. Wtr sehen mit größter Befriedigung die großen politischen Erfolge und erkennen immer deutlicher die Mängel in unseren Reihen und die Lücken, in unserem System. Diese Klarheit zu vertiefen und sachlich auszusprechen, wie die Dinge liegen, ist ein Gebot der Stunde. Sachliche Kritik soll die Bedingungen zu produktivem Schaffen bereiten. Zu persönlicher Kritik an der Leitung ist glücklicherweise kein Anlaß. Es ist nur das Eine dringend zu wünschen, daß dis Leitung, auf deren Schultern eine stetig wachsende Arbeit und Verantwortung lastet, durch neue Kräfte verstärkt und erweitert werde, w as zum Teile schon geschehen ist. Die Ergebnisse der Londoner Tagung mögen e ne persönliche Genugtuung für unsere politischen Vertreter, W e i t z m a n n und Sokolow. bilden, deren aufopfernde Tätigkeit den großen politischen Erfolg erst möglich gemacht hat. Das große Aktionskomitee hat :m Namen des ganzen jüdischen Volkes gesprochen, indem es ihnen Dank und Anerkennung für ihre hingebungsvolle Arbeit zum Ausdrucke brachte. Das Schicksal, das unser Volk aus tausenden von Gefahren gerettet und uns durch ein Meer von Leiden immer wieder ans rettende Uier geführt hat, es hat uns in allen Epochen unserer Geschichte Männer beschert, die in entscheidenden Augenblicken die Führung zu ergreifen verstanden. Die Vorsehung, die tausendfach bewiesen hat, daß sie unser Fortleben will, möge verhüten, daß der größte Moment unserer G-duthgeschlchte ein unwürdiges Geschlecht finde. Wohl kann man nicht mit Bestimmtheit sagen, wann der Friede mit der Türkei gesohio&sen sein wird, aber die Zeit, die uns vor dem Augenblick trennt, der uns in Palästina die volle Entfaltungsmöglichkeit ein räumt, muß ungesäumt zur Vorbereitung genützt werden. Aut der einen Seite muß an der Klärung der prinzipiellen Probleme gearbeitet werden — etin Mangel, der in London sehr deutlich zutage trat — damit wir im Augenblick, da de trennenden Schranken fallen werden, msiti einem klaren Arbeitsprogramm hervortreten können, ander - seits muß die Zeit genutzt werden, um die finanziellen Instrumente für die Arbeit unverzüglich aui eine, entsprechende Höhe zu bringen. Der Gedanke des Völksopfers muß in die letzten Winkel der Welt dringen, wo Juden leben, die Ueberzeugung muß allgemein werden, daß sich unsere Kräfte vervielfältigen, unsere Hingabe und Oprerbereitscbart versausendiaclien muß, wenn unser Werk gelingen soll, ein Volk nach 2000 Jahren der Verbannung ln seine Heimat wieder zu verpflanzen, diese Opierbereitschaft muß ebenso groß sein, wie dieses Werk einz gartig Ist 'in der Geschichte. Es liesr nunmehr an uns! A. F.

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