Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 9 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 misatian noch nicht vollkommen eirtgegtiedert und die Fonnen hiefür werden enst gefunden werden müssen. Die Entwicklung des ZSanistnus in Europa war bisher eben eine andleme als m Amerika. Eines •der wichtigsten Momente für die Entwicklung und Kontinuität des europäischen Zionismus ist die persönliche Verbundenheit der Männer, die seit 20 Jahren den Zionismus getragen haben. Sie fühlen sich als einheitlicher Körper verantwortlich für den Zionismus. In der zionistischen Bewegung Amerikas scheint natürlich dieses Moment zu fehle«, und es fehlt insbesondere noch die wünschenswerte persönliche Verbindung zwischen den Amerikanischen und den Europäischen Zionisten. aber auch sie wird kommen und zur V er- Binheitlichung des Zionismus beftragen. Mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Verhältnisse beschränkte sich der Referent in seinen weiteren Ausführungen auf den europäischen Zionismus Er ging davon aus, daß die Zionistische Organisation in Europa während des Krieges nicht wie es gelegentlich ausgesprochen wurde, zusammengebrochen ist es hat im Gegenteil immer auch in den schlimmsten Zeiten des Krieges ein innerer Zusammenhang bestanden, nur hat der Mechanismus der Organisation... mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Gegenwärtig natürlich besteht eine Zeit des U eb er ganges, da mit der Zerstörung und Neuschaffung europäischer Staaten auch die zionistischen Organisationen alte Verbindungen verloren und die neuen Verbindungen noch nicht stark genug geknüpft haben. Dazu kommt, daß sich während des Krieges und besonders seither die soziale Gliederung und Differenzierung in-der zionistischen Organisation wie im jüdischen Volk überhaupt sehr stark entwickelt hat. Dieser D i f f e r e n z i e r u n g n a c h sozialen Gesichtspunkten wird auch der Apparat der Bewegung angepaßt werden müssen, wenn sie lebendig bleiben und elastisch genug sein soll, um tatsächlich den Rahmen zu bilden, welcher das ganze jüdische Volk umspannt, das für das nationale Ziel der Schaffung des jüdischen Heims in Palästina arbeitet Wie stark der Zionismus und der zionistische Gedanke in das jüdische Volk eingedrungen ist haben-schon während des Krieges die verschiedenen Kongresse, das Referendum in Polen, die Abst.immung'in, England) gezeigt. Symptomatisch ist auch die Entwicklung der Presse, die mit verschwinlenucn Ausnahmen für den Zionismus eingetreten. ist und auf natlonai-iüdiseher Grundlage steht. Während der zionistische Gedanke so ungeheuer stark geworden ist. hat die Entwicklung der Organisation nicht gleichen Schritt gehalten. Um dem abzuhelfen, wird noch eine gewisse Entwicklung notwendig sein. Durch Tein mechanisch-organisatorische Maßnahmen läßt sich dies nicht bewirken, da‘zu großem Teil geistige -und «soziale Probleme mrtsnielen. »Und diese Probleme können und sollen nicht verkleistert oder nur mit einer gewissen Toleranz behandelt werden. Es geht nicht an. sich an ihnen vorbeizuschleichen. Sie müssen angegriffen und behandelt werden. -Dazu ist auch notwendig, daß kein schematischer Zentralismus eingeführt sondern daß das Verantwortungsgefühl in den einzelnen Föderationen gestärkt wird. Der Einfluß der Zentrale muß allerdings in jedem Teil der Gesamtorganisation lebendig und fühlbar sein, er kann aber nicht durch Zwangsmaßnahmen gestärkt werden, sondern nur durch ein Zusammenarbeiten der Leitung mit allen zionistischen Faktoren. welche ihnen das Bewußtsein gibt, daß sie «eine Führung haben, nicht aber ein Kommando. Die Leitung muß mit alle« Föderationen in jeder wichtigen Sache beraten. Es muß eine organisierte Diskussion geben, in die die Leitung zielbewußt «ine Tendenz hineinzuträgen hat. damit sie der JÜDISCHE ZEITUNG Bewegung dient Die Presse und der ganze Pärteiapparat muß richtig informiert sein. Der Grundsatz, welcher das Verhältnis der Leitung zu den ^Föderationen regeltist Respektierung der Autonomie der Föderationen und anderseits Erhöhung ihres Verantwortungsgefühls. Sammlung von Geldern. Anregung von Privatinitiative und Auswanderung nach Palästina kann aber nicht den Drang nach jüdischer Betätigung aufstellen der im jüdischen Volk und ln der zionistischen Organisation lebt Wenn wir «unsere Kinder im Galutb zu Juden machen wollen, wenn wir die kommende Generation für Palästina gewinnen und vorbereiten w^en-, so sind wir gezwungen, uns um ihre Erziehung, um die hebräische Entwicklung und im Zusammenhang damit um Schule und nationale Arbeit überhaupt zu kümmern. Der Radikalismus auf diesen Gebieten«, welcher in der gesamten zionistischen Jugend herrscht, hat bisher unsere Bewegung lebendig erhalten und wird uns das ganze jüdische Volk in unsere Organisation führen, die der Körper für das sich sammelnde Volk .sein soll. Aber das jüdische Volk wird nur dann stark sein und nur dann auch den Aufbau des nationalen Heims in Palästina kraftvoll durchführen«, wenn die zionistische Organi- . sation als der Kern des jüdischen Volkes stark und lebendig bleibt Hierauf ging Dr. H a n t k e auf die speziellen organisatorischen Fragen ein. Er -teilte mit. daß •die Leitung der Organisation nunmehr in der zionistischen Exekutive liegt welche aus den Mitgliedern des engeren A.-K. und aus den Leitern der Departements in der zionistischen Zentrale besteht. Die Leiter dieser Departements sind gegenwärtig, abgesehen von den Mitgliedern des engeren A.-K„ die Herren Julius Simon. Idelsohn und Dr. Feiwe 1. In der Leitung muß natürlich das bewährte System der Kollegialität werter geübt werden. Die Leitung «ist als Ganzes einheitlich verantwortlich. Die Zusammenarbeit mit den Landesorganisationen wird in Zukunft weiter verstärkt werden können und müssen. Der Apparat des Zentralbüros in London ist mit Rücksicht auf die ungeheueren Anforderungen. die an die Arbeit der Leitung gestellt werden, noch zu klein. Viele Beschwerden der Organisationen haben darin ihren Grund. Das wichtigste Problem ist die Beziehung zu der zionistischen Organisation Amerikas. Wir müssen hoffen, daß die amerikanischen Zionisten eine Vertretung in die Leitung der Gesämtorganisation entsenden, welche der Bedeutung des amerikanischen Zionismus entspricht. Eine wirksame Aussprache' mit den amerikanischen Zionisten über die wichtigsten Probleme ist außerordentlich notwendig. -Mit; Rücksicht hierauf-muß die nächste größere Sitzung so eingerichtetwerden, daß amerikanische Zionisten sich voll beteiligen können. Daher schlägt der Referent namens des engeren A.-K. vor. daß die Jahreskonferenz Anfang Juli stattiiriden soll. Bezüglich des Ortes soll die nähere Bestimmung der Leitung überlassen werden. Dr. H a n t k e führt aus. daß die Leitung am liebsten den Kongreß einberufen würde, führt aber «aus. welche Gründe dagegen sprechen.' Der Referent kennzeichnet hierauf die wichtigsten Grundsätze, welche für das von der Leitung der Jahreskonferenz vorzulegende neue Wahlst'atut maßgebend sein soll Die Zahl der Schekelzahler, welche berechtigt sind, einen Kongreßdelegierten zu wählen, soll von 200 auf 1000 erhöht werden. Es soll eine gewisse Abstufung. die auch bisher bestand, eingerichtet werden, welche den kleinenFöderationen Seite 9 die Möglichkeit der Vertretung sichert. Im übrigen sollen die Wahlen auf der Grundlage des Proportionalwahlsyslems durchgeführt werden, welches die Nachteile der -geographischen Gruppierung überwinden kann. Das große A.-K. muß wiederum eine Körperschaft werden, die den Stimmungen und Richtungen Innerhalb der Organisation entspricht. Im übrigen wird es vorteilhaft sein, daß die vom Kongreß gewählten Kommissionen permanent bleibera, daß aber eine Möglichkeit von Nachwahlen bzw. Abberufungen geschaffen wird _ Der Referent spricht hierauf über zionistische Agitation, über «die Veränderungen, die sie erfahren hat und «erfahren muß. ferner speziell über die Notwendigkeit einer gut entwickelten starken Presse und eines ihren Bedürfnissen angepaßten Pressedienstes der Leitung. Er erwähnt ferner die Notwendigkeit einer Schule für Beamte in Palästina. Zum Schlüsse seines Referates betont der Referent, dessen Glieder der zionistischen Organisation gleich wert sind. Sokolow ergänzt das Referat. Er spricht insbesondere über die Bedeutung des jüdischamerikanischen Kongresses, des jüdischen Kongresses in Südafrika, in Griechenland und in anderen Ländern und über die Tatsache, daß sich das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz den zionistischen Palästinaforderungen angeschlossen hat. Kaplan verweist darauf, daß die zionistische Organisation die Einheitlichkeit in der Gegenwartsarbeit nicht garantieren kann. Es muß freier Spielraum für die Differenzierung gelassen werden. Er verlangt eine Vertretung im A.-K. für die Zeire Zion. Die Jahreskonferenz soll auf Grund vorhergehender Wahlen stattfinden, für welche bestimmte Programme aufzustellen sind. Sie soll, -alle wichtigen- Fragen entscheiden-.. Er führt Beschwerde darüber daß das offizielle Organ der Leitung, der H a o 1 a m, nicht unparteiisch ist üoldbloom spricht über die Entwicklung der zionistischen Organsiation in England. Dr. Schoenfeld spricht über die von der Amsterdamer Misrachiko-nrerenz gefaßten Beschlusses. Dr. Bernstein-Kogan spricht über die zionistische Organisation in B essar ab i e n. Podlischewski über die zionistische Arbeit in P o 1 e n Stricker berichtet über die zionistische O r ganisation in Oesterreich und stellt dar. in welchem Geist die Zionisten in Wien gearbeitet haben. Was das Verhältnis der Gesamtqfganisation zum amerikanischen Zionismus anbelangt' -so muff din enger Kontakt herge-- stelit werden. Stricker wendet sich gegen eine Anerkennung von Fraktionen, bevor sie ihr Existenzrecht bewiesen haben, indem sie sich seibst durchgesetzt haben. Er wünscht eine Klarstellung des Verhältnisses der zionistischen Organisation zu den Poale Zion. Die Debatte über die Organisation wurde in der nächsten Sitzung, Sonntag, den 22. Februar, fortgesetzt. Dr. Hugo Herrmann erklärte sich namens der Zionistischen Organisation für die Tschechoslowakei mit den Grundlinien des Referates Dr. Hantkes einverstanden, wies darauf hin, daß der Apparat der Zentrale vergrößert werden müsse, «damit sie imstande sein könne, den notwendigen Kontakt mit der Gesamtbewegung aufrechtzuerhalten. Der persönliche Kontakt der Leitung mit den Federationen und ein intensiver Pressedienst mit einem Informa- Der Wert eines Fürsten.1 * *) Von Chajitn Bloch, Atzgersdorf. ln Luck wohnte ein mächtiger Fürst ein kränklicher Mann von finsterer_Laune. Alle, selbst seine Hofsleute, fürohteten ihm“ Einmal erfuhr der Fürst, daß in Miedziborz ein Rabbi“) seinen Sitz haben, der ebenso wie er jähzornig und stets traurig sei. . Da sprach der Fürst zu seinem Kanzler: „pewiß tut es der Rabbi, um meiner zu spotten, ich will ihn daher eines Besseren belehren.“ Et ließ seinen Wagen ansnarmen und fuhr ■nach Miedziborz. Als der Fürst in Miedziborz einlangte. ließ 'er den Rabbi zu sich rufen. - Der Rabbi war «aber seit einigen Tagen verreist und sein Verwalter begab sich zum Fürsten, um das Nichterscheinen seines Herrn zu entschuldigen. Der Fürst aber ließ dem Verwalter sagen: „Wenn Dein Herr von der Reise zurückgekehrt sein wird, dann hat er innerhalb dreier Tage nach Luck zu kommen, um mir auf folgende Fragen Bescheid zu geben: 1. Wie groß ist der -Boden, den ich mein Eigen nennen darf? J 2. Wie viel wiegt der Mondi? 3, Wie viel ist der Fürst wert? 4. Was glaubt der Fürst? Wenn -ich binnen drei Wochen auf meine Frakeine Antwort habe, dann werde ich Euren l) Ans dem demnächst erscheinenden Buch: Her,scli von Ostropole. ein jüdischer Till Eulenpiegel «des 18. Jahrhunderts. Seine Geschichten nd Streiche.“ Hersch von Ostrooöle war ein beührnter Spaßvogel. _ . . ’) Rabbi Baruch von Miedziborz. ein beiihmter Chassidimführer. Enkel des Baalschein, tarb 1815. Er war melancholisch veranlagt und [ersch wurd© als „Hofnarr*4 * 'bonden.!uni ihn aufzuheitern. Rabbi und sein ganzes Hausgesinde in den Keiler werfen.“ Man kann sich denken, wie bestürzt die Leute des Rabbi wurden, als sie von dem seltsamen Befehl des Fürsten hörten. Aber sie beschlossen. dem Rabbi davon keine Mitteilung zu machen, damit sich sein Gemüt nicht noch mehr verdüstere und seine Seele ganz in Trauer gehüllt werden, Sie «hofften-, daß der Ewige ihren Meister vom Unglück bewahren wird. Tags darauf kehrte «der Rabbi von seiner Reise zurück Nun berieten die Leute nochmals, was sie da zu tun haben. Da sprach der „Hofnarr“ Hersch Ostropoler: „Ich werde nach Luck fahren und mich dem Fürsten als «unser Rabbi vorstellen: ich werde ihm Rede und Antwort stehen.“ _- „Und wie würdest Du es anstelle®?“, fragten die Leute, über den närrischen Einfall ganz erstaunt „Ganz einfach“, erwiderte Hersch. „gebt mir einen Chalat*) und einen Sflodek *) und ich sage dem Fürsten, ich bin der Rabbi von Miedziborz: ich werde auf seine dummen Fragen dumme Antworten zu geben wissen.“ Man kannte Hersch und man wußte, daß es ihm gelingen werde, dem Fürsten eine treffende Antwort zu geben Schließlich hatten sie doch keinen anderen Ausweg. Hersch zog einen Ghaäat an «und setzte einen Spodek auf. nahm -einen Silber beschlagenen Stecken in die Hand und trat die Reise nach Luck an. „ , Er meldete sich gleich beim Hofmarschall des Fürsten und dieser meldete seinem Herrn, daß der .Rabbi von Miedziborz eingetroffen seL Als Hersch vor dem Fürsten erschien. ließ er sich die Fragen vorlegen. ’) Ein Oberkleid der Chassidim. *) Die traditionelle Zobelmütze. Auf die Frage: „Wie groß ist der Boden, den ich mein Eigen nennen -darf? erwiderte Hersch: „Ich könnte das sagen, wenn ich wüßte, wie viel an Wasserfläche dem Fürsten gehört: ich bitte daher, mir früher genau anzugeben, wir groß die Te;che und Bäche in Euren Ländern sind“ Das sprach der Fürst: „Das ist ein Jüdischer Kniff. Ihr wollt Euch. Rabbi der Beantwortung dieser Frage entziehen. Also diese Frage sei Euch geschenkt Nun aber die zweite Frage: Wie schwer ist der Mond?“ „Er wiegt genau ein Pfund“, erwiderte Hersch. wenn Ihr es aber nicht glaubt dann geruhen Euer Gnaden, nachwiegen zu lassen und Ihr werdet Euch gleich von der Richtigkeit meiner Antwort überzeugen“ Der Fürst lachte. Und es war das erste Mal seit seiner Geburt daß der Fürst lachte. „Nun“, sprach er. .jage mir noch, wie viel bin ich wert?“ „So viel als unser Erzvater Abraham“, antwortete Hersch gelassen Der Fürst fühlte sich damit sehr «geschmeichelt. Doch sprach er: „Und das wäre?“ „Es steht in der Heiligen Schrift“, erwiderte Hersch. „daß Abraham zu Gott sprach, er sei Erde und Asche. Es steht nicht wie viel Erde und Asche, doch da wir die Bescheidenheit Abrahams kennen, so müssen wir annehmen daß er dabei an die vier Ellen Erde, die sein Eigen sein werden wenn er zur Asche werden wird, gedacht habe.“ Dem Fürst gefiel die Antwort vorzüglich und er gab sich mit ihr zufrieden Schließlich kam die vierte Frage: „Was glaubt der Fürst?“ Hersch antwortete: „ihr glaubt, der Rabbi von Miedziborz stehe vor Euch, in Wirklichkeit aber steht vor Euch nur sein niedrigster Diener, nämlich: Hersch Ostropolski.“