Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 JO0JSCHE ZßmJNQ Seite 5 der Auflösung der deutschen1 Kultur und! Ge-, schichte immer sein Judentum und seine jüdische Geschichte. Darin liegt ein .ungeheurer Unterschied. der sich stets offenbaren wird, wo es auf eine entscheidende Tat amkommt wo praktische Entscheidungen aus letzten Instinkten und tiefsten Notwendigkeiten heraus zu treffen sind, ganz besonders in politischen und militärischen Lagen, wo es um alles oder nichts geht Der eine m u ß. der andere kann. Wenn Deutsche und Juden wissen, daß sie zwei Völker sind, wenn sie als solche einander anerkennen und achten, wenn sie sich nicht mehr nur als schranken- und hemmungslose Individuen behandeln, so muß das zu einer solchen Veredelung des wirtschaftlichen Lebens führen, daß dem Deutschtum das freie Sich-Auswrrken nach seinen eigenen inneren Gesetzen gewährleistet ist Sprechsaal Die Krise im „Biau-Weiß'*) Von Med. Dr. Walther Kohner, Karlsbad. In knapp sechs Jahren hat die „Blau-Weiß“- Bewegung, die so hoffnungsvoll begonnen, den Höhepunkt ihrer Entwicklung überschritten und befindet sich, wenigstens hierzulande;, in rapidem Niedergange. Die ersten Führer der Bewegung, zum Teil aus dem deutschen „Wandervogel“ hervorgegangen, haben es nicht vermocht ihre Begeisterung für die Sache auf ihre Nachfolger zu übertragen. Mannigfaltig sind die Gründe, denen das Fiasko des „Blau-Weiß“ zugeschrieben werden muß. und es erscheint um so angezeigter, darauf hinzuweisen, als den» „Blau-Weiß“ auch heute noch von uns als ungemein wichtig und wertvoll angesehen werden muß — schön allein im Hinblick auf seine Funktion als Kräftereservoir für unsere Bewegung. Was so aussichtsvoll und kräftig eingesetzt und fast mit einem Schlage uns große, bis dahin nicht recht greifbare Massen an jungem, vielversprechendem Material gebracht hat darf dadurch in seinem Weiterbestände nicht gefährdet' werden, daß heute eine starke Neigung zur Zersetzung, ja zum Verfalle sich darin geltend macht. ■ Bei aller Skepsis, die wir den geistigen Grundlagen des „Blau-Weiß“, sofern sie aus der Phraseologie der „Jugendbewegung“ herübergenommen sind, entgegenbringen, haben wir nie die Wichtigkeit ja unbedingte Notwendigkeit seines Bestandes für die zionistische Bewegung aus dem Auge zu lassen, wir haben vielmehr dahin zu wirken, daß das, was an seiner Ideologie sich durch die Zeit und die innere Wandlung als unhaltbar ■ erwiesen hat, üy demselben Maße, als es verloren geht, durch andere kräftigere und entsprechendere Stützen ersetzt wird. Hervorgegangen ist die BLaiu-Weiß-Bewegung aus der deutschen Wandervogelbewegung. Nachdem dort der Aufenthalt für die Juden unmöglich oder wenigstens nur mit Hintansetzung ihres Stolzes möglich geworden war, erfolgte des Exodus und die Gründung eigener jüdischei Wanderbiinde. Vollkommen kritiklos wurde das ganze Programm übernommen, narr daß an Stelledes Worbes „deutsch“ das Wort .jüdisch“ gesetzt wurde. Die Bestrebungen der „Pfadfinderbewegung“, die in England ihre Ausbildung erfahren hat und die dahin gipfeln, die Jugend in. dem gefährlichen Alter von 12 bis 18 Jahren von unheilvollen Einflüssen zu befreien, sie moralisch, körperlich und hygienisch zu festigen, aus ihr tüchtige, edle, hilfsbereite Menschen zu machen, wurden von der deutschen Wandervogelbewegung teilweise übernommen und! der einfache Zweck, aus den Kindern brave und gute Menschen zu machen* dahin erweitert, aus ihnen auch gute Deutsche zu machen, nicht durch Festreden und HurrahgeschreL, sondern durch heimatliche, vaterländische Wanderungen. So wertvoll diese Bewegungen auch sind, spezifisch-jüdisches ist an ihnen gewiß nichts zu finden und die eigentliche Tendenz des „W a nd e r n s‘ ist nicht dazu angetan, den Assmulationsprozeß aufzuhalten. In noch geringerem Grade ist dies aber bei der aus der „freddeutschen Jugendbewegung” wiederum kritiklos übernommenen Phraseologie der jüdischen Jugendbewegung zu sagen: auch hier ganz einfach die Ersetzung des Wortes „fr,eideutsch“ durch Jüdisch“. Während jedoch der eigentliche Pfadfindergeist für unsere jüdische 'Jugend nur eine Bereicherung darstellt, indem hievon tatsächlich viel Gutes und Notwendiges unserer Jugend bislang gefehlt hat bedeutet „Jugendbewegung“ einen schweren Schaden für unsere Jugend sowohl als für die Bestrebungen; des Zionismus. Wenn Wyneken und Blüher vermeinen, durch die Präzisierung und Festlegung von Schlagworten und prachtvoll klingenden Forderungen für die lugend dem Deutschtum einen Dienst zu erweisen, so mag das ihr guter Glaube sein! Es ist weder in ihrer Absicht noch in ihrem Erfolge, auch dem J udentum damit zu dienen. Je assimilierter die jüdischen Krcise Deutschlands sind, je weniger von gutem „alten Judentum“ In ihnen noch zu finden ist; destamehr mag die Beweis- *) Die Fragender jüdischen Jugenderziehung ist von einer derartigen Wichtigkeit, daß jede Gelegenheit zu ihrer Erörterung und Klärung ergriffen wenden muß. Wir stellen den hier verfiffentiichjten Aufsatz zur Diskussion, ohne uns mit den darin ausgesprochenen Anschauungen zu idtentifiziereri. (D. Red.). I Wie lebt unser Proletariat? Soeben erschienen i Bilder und Daten von Bruno Frei. Mit 32 photographischen Aufnahmen und einer g. aph. Darstellung. Preis K 24.- Ein erschütterndes Elendsbild aus dem Wiener jüdischen Proletariat, das dutch photographische Aufnahmen eine Illustration von erschreckender Deutlichkeit erhält. Eis Mahnruf ia letzter Stunde u die Eeaellichaft I Zu beziehen durch die Buchhandlung R. Käwit, 8iBn I., RotBntupmstraßB 22 oder direkt von I. Lo»it Virlag, Bien I., Flßisrtunarftt I führung dar Jugendbewegung — sofern sie überhaupt zu Recht besteht — auf sie zutreffen, eine Tatsache, die nur dafür sprächt, daß die Assimilation der deutschen Judenjugend sehr vorgeschritten ist Wir sind darauf gefaßt, daß jede Kritik, der Grundlagen der Jugendbewegung ihren Zweck nur zur Hälfte erreichen kann. Diejenigen der Jugend, die ihre ganze literarische Betätigung mit dem Erhaltensein der Phraseologie stehen und fallen sehen, werden von vornherein alle Gegenargumente ablehnen und uns ganz einfach die Berechtigung absprechen, dlarüber zu urteilen und uns sagen, daß wir eben auch zu den „Alten“ gehören, die den hohen Geistesflug der Jugend nicht mehr mitmachen können. Es soll im weiteren Verlauf dieser Untersuchung auch festgestellt werden, wer von däesen beidien einander gegenüberstehendten Parteien wirklich die Jungen sind und wer die Alten; es wird ein Resultat herauskommen. das die Sache gerade umgekehrt darstellen wird. Die Verquickung der Ideen der „Jugendbewegung“ mit denen des „Wandervogels“ hat als erstes ein Resultat gehabt, das wir mit herzlichem Bedauern vor uns sehen; Die Zerrissenheit, die seelische Unzufriedenheit und! Unausgeglichenheit unserer-Jugend! und den Entfall von wertvollen Kräften für unsere Volksrenaissance. An Stelle der mit ungetrübter Begeisterung „Kleinarbeit“ leistenden Jungen, die alle zionistischen und jüdischen Probleme in ihren, Zirkeln mit Leichtigkeit und nicht durch allzugroße Sachkenntnis getrübter Freude gelöst haben, sind! altkluge, grübelnde, „sich suchende“, verdammt literarisch angehauchte Jünglinge zu sehen, die vor lauter Problemen den klaren Weg nicht mehr, zu erkennen vermögen, denen Schlagworte jede Urteilskraft geraubt haben und die auf dem besten Wege sind!, echte und wirkliche Snobs zu werden. Dank Euch „Führern“, die. gewissenlos genug, „die eigenen Seelenkoliken zum Schmerze der gesamten jüdischen Jugend1“ gemacht habt, wohl nach dem Grundsatz, daß geteiltes Leid! halbes Leid sei, denen es ein Greuel war. daß eine Jugend vergnügt und! etwas dumm, aber zielbewußt heranwuchs, zum Dienste der „vielverlästerten Partei“ und die Ihr in die jungen Herzen und Köpfe Probleme über Probleme. Schlagworte auf Schlagwonte hereinwarfet und di« Ihr nun die „Geister nicht los werdet“. Wenn man Euch nur aus vollem Herzen den guten Glauben zubilligen könnte? Aber schal und unangenehm drängt sich bei der Lektüre aller dieser Schriften der Gedanke auf. daß literarische Eitelkeit und Snobismus Euch die Feder wenigstens teilweise mitgtefuhrt hat und' daß Eure Sünden Tausenden von jungen Menschen die Jugend raubte. Vielleicht wissen sife es selber nicht, die „Führer“ der Jugend; weiche Erfolge sie erzielten, leider, denn es könnte ihnen angst vor ihrer Verantwortung werden. Es sei fern von xms. die bestehende Gesellschaft irgend wie in Schutz nehmen zu wollen: Der Krieg hat aus ihr ein Unding gemacht, von der sich j/edex anständige Mensch mit Ekel trndf Abscheu abwenden muß. Sie ist in ihrer heutigen Form durchaus verdammenswerf vom Standpunkte des Ethikers und des Moralisten (obwohl anderseits gerade ihre heutige Struktur geeignet ist. den Kräftigen, Zielbewußten und1 Energischen zum Erfolge zu helfen.) Denkt aber auch nur einer heute daran, sie als gut oder nachahmenswert hinzusteüen? Sind die heutigen Zuständte auch nur einem Menschen derart erschienen, daß er Ihren Bestand wünschen oder gar zu ihrer Festlegung beitragen möchte? Gewiß nicht Daß aber auch die heutige Welt so ist wie sie werden mußte, nach allder Zerrüttung durch die entsetzEche Katastrophe, welche durch den Krieg über sie bereingebrochen ist das darf heute auch vom Standpunkte des mit ihr zutiefst Unzufriedenen nicht außer Acht gelassen werden. Daß d!er Krieg — trotz allem der elementare Ausbruch urwüchsiger Instinkte — in seinen Trümmern die ganze sogenannte Kultur unter sich begraben hat spricht gegen die Kultur, nicht aber gegen den Krieg. Daß unsere Jugend in dien entscheidenden Stunden (km Kriege unterlegen ist wie Gerhard Scholem, ihr als unauslöschliche Schande vorwirft und daraus folgert daß die „Jugendbewegung“ eigentlich keine war, ist so natürlich und selbstverständlich, weH viel festere und kältere Elemente ihm „unterlegen.“ sind und weil die. die diesem EJementarereignis unterlegen sind, noch durchaus nicht die schlechtesten waren. * Wir wollen also weder die heutige Gesellschaft noch die „Zweckwelt“ in Schutz nehmen» müssen aber doch sagen, daß auch das heutige Leben als ein Entwicklungsstadium vorkommt das durch Revolution nicht geändtert werden kann. Hier Beispiele zu nennen wäre überflüssig. Daß die Gesellschaft durch Revolution geändert werden kann, ist ein tragischer, sich immer und immer wiederholender Irrtum, an dem nicht nur die Jugend teilnimmt, deren Vorrecht ja die Revolution ist Was an ihr geändert werden kam», kann nur durch langsame, zielbewußte und unermüdliche Arbeit getan werden-. Wir können nicht aus ihr heraus, und versuchten wir es dennoch, so hätten wir alle Berührungspunkte zu meiden un<t wie ist es vorstellbar, daß man etwas ändern könne, durch den Wunsch und: Willen allein, ohne sich mit seiner ganzen Person mitten hineinzustelien und durch sein eigenes Beispiel zu zeigen, daß alles auch geschehen könne, ohne doch dasselbe zu sein, kraft des inneren Pflicht- und Zielbewußtseins auf das Edlere und Bessere hin? Hiemit richten sich alle jene Ideologien unserer heutigen „Jugendführer“. die die Jugend als ein vom übrigen Menschenleben losgelöstes, unabhängig (nicht materiell unabhängig, natürlich, wovon noch zu sprechen sein wird) bestehendes Sein definieren möchten. „Sondersein“ der Jugend, „eigenes Leben. Höhewertung dieser ihrer Eigen- . art“. das sind die Grundlagen, auf denen sich die Jugendbewegung aufgebaut hat Hat diese Zerreißung des menschlichen Lebens in unnatürliche Abschnitte einen Sinn, geschweige dienn eine Berechtigung? (Schluß folgt) Ein Aufruf des „Blau-Weiß“ Wir erhalten den folgenden Aufruf mit der Bitte um Abdruck: An die jüdische Jugendl Nach Jahren frischen, munteren Organisierens, den Stürmen und Begeisterungen zweier Jugendtage, kann kein Bund so rechte Befriedigung bei der jüdischen Jugend erwecken. Von der auf dem Wiener Jugendtag im Mai 1918 gegründeten Zentralorganisation hat sich bald genug herausgestellt daß die Grundlagen, auf denen sie eine Einigung der jüdische« Jugendgruppen herbeizuführen suchte, nicht die richtigen waren. Noch nie bedurfte die Welt eines gesunden und kräftigen Nachwuchses mehr als gerade im jetzigen Augenblick. Es gibt für die gesamte jüdische Jugend eine Basis für gemeinsames Wirken, das ist die des Sportes und Spieles, freilich keine, die zum Programmpunkt der iüdischen Jugend erhoben werden könnte. Ihre allgemeine Ausübung erfordiert keine andere gemeinsame Gesinnung als die Freude an gesunder Betätigung und den Wunsch, seinen Körper zu kräftigen. Heute darf es für jüdische Menschen in der Gaiuth kein näherliegendes Ziel als die Erfrischung jüdischer Hirne und Erkräitigung jüdischer Muskeln geben. Die Frage, ob das jüdische Volk seinen Platz an der Sonne behaupten, seine geschichtliche Aufgabe erfüllen wird, hängt davon ab, ob dereinst die iüdischen Grübler von heute ihre Sehnen werden straften können oder nicht Kein Volk besitzt mehr „stille Denker“, nervöse Literaten als das jüdische, kein Volk haßt diesen weltfremden Taumel mehr. Des jüdischen Volkes Krankheit ist die Krankheit der engen Stuben, der winkeligen Gassen, die Krankheit des Ghettos; sie ist in weit höherem Maße dem jüdischen Kinde durch seine Umgebung eingeimpft und! anerzogen als ererbt, mithin also heilbar, wenn es möglich wird, der jüdischen Jugend das Lachen zu lehren, wenn man sie durch eine Schule gehen läßt, in der sie Mut Ausdauer, Genügsamkeit und praktisches Wesen lernt. Dies Ziel ist freilich nicht leicht und rasch zu erreichen. Die Bundesleitung des jüdischen Wanderbundes „Blau-Weiß“ ruft daher heute d’en jüdischen Jungen und Mädchen die Prinzipien des Wanderbundes ins Gedächtnis, die bei seiner Gründung im Jahre 1913 in allen Teilen Oesterreichs ihren Widerhall fanden. Sie tut es in der Erkenntnis, daß nicht alles, das einst war, in dem Strudel der sich drängenden Ereignisse verschlungen werden darf, daß gute Prinzipien, auch wenn sie alt und von wenig Erfolg begleitet waren, trotz ihres Alters gut bleibe«. In der jüdischen Jugend steckt die Freude am Wandern, denn als zur Zeit des Kongresses vor sieben Jahren der Wanderbund seine Fahnen entfaltete, strömten tausende jüdische Knaben und Mädchen zusammen, nur um dabei gewesen, zu sein. Dann kam der Krieg! Die frischen Gemüter und lustigen Seelen wurden von einem endlosen „Geisteln“ angekränkelt, Schlagworte und Phrasen wurden unter die Jugend geschleudert Die Idee des kecke» jüdischen Jungen, der sich so recht seines Lebens freut, ohne dabei ungeistig oder hohl zu sein; mußte unter solchen Verhältnissen leiden. Eine solche „Vergeistigung“ eines „Blau-Weiß“-Gedankens übte auch auf ihre Träger nachhaltigen und vielfach ungünstigen Einfluß. Die Erfahrung mit dem „Blau-Weiß“, der heute wegen seiner verhältnismäßig geringen ziffernmäßigen Ausdehnung seine Bedeutung für die jüdische Jugend zum Teil eingebüßt hat zeigt daß es leicht ist, einen Sturm der Begeisterung zu entfachen.