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Jüdische Zeitung · 1920-02-20 · 7 (20.2.1920) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
7 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Hr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG Saite S gleichartiger Anschauungen über staatliche Einrichtungen. gküchariigenstaatlichen Aufbau, kurz nur auf Grund einer psychologischen und politischen Konformität seines Mitgliederstockes wirken, die Völker müssen ihn wollen, nicht bloß die diplomatischen Verträge. Solche Völker können einen Bund schließen, der alle übrigen zwingt, ihre Interessenkonflikte friedlich auszutragen. Diese politische Umgestaltung dies Denkens der Völker müssen wir erstreben. Werden wir sie erreichen, was momentan allerdings nicht sehr sicher ist, wird auch die Aufnahme von Erez Israel in den Völkerbund kein Rätsel mehr für Diplomaten bleiben, sondern eine selbstverständliche Sache. Werden aber die Völker jene Höhe der Zivilisation, jenes Bewußtsein von Recht erlangt und verallgemeinert haben, welches heute Leon Bourgeois und Lord! Robert Cecil vergeblich suchen, dann werden sie die nationalen Rechte der Juden ebenso respektieren, wie die sozialen Rechte der Arbeiter. Bis dahin aber müssen wir um die Durchsetzung unserer Rechte den Kampf mit den Minoritäten führen, um sie zu jener Höhe emporzuziehen, die der leidenden Menschheit den Frieden garantieren wird. Die Durchsetzung unseres Rechtes ist ein Meilenstein auf dem Wege zur Verwirklichung des Völkerbundes. Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität in Palästina Von Arie L. Rosenblatt. Berlin (Schluß.) Es kann kaum eine Tatsache mit größerer Sicherheit behauptet werden, als diese, daß die Befreiung des Menschen von mittelalterlicher Weltanschauung mit dem Moment begann, wo der Mensch an das organisch sich bewegende, wandelnde und bildende Dinge in d'er Natur mit der Frage nach dem Gesetze dieser Bewegungen. Wandlungen und: Bildungen heranging. Dies geschah vornehmlich im 16. J ahrhuaidert Indem aber dem Dinge ein Recht auf seine Eigenschaft und Eigentümlichkeit zugesprochen wurde, bildeten sich auch humane Denkweisen, die den Menschen als solchen und das Volk als solches als berechtigte Glieder der Gesellschaft zu betrachten begannen. Wohl sind! Jahrhunderte wieder, vergangen. Das auf seine Einzelexistenz hin befragte Ding konnte Jahrhunderte hindurch nur stumm und materiell mit einem physikalischchemischen Gesetz antworten. Soweit waT der Fortschritt indes gediehen, daß man auch, wie gesagt, die Einzelexistenz einer Nation und eines Menschen als berechtigt empfand. In einer so denkenden Zeit konnte sich nach lind nach auch ein .jüdischer“ Anspruch geltend machen, um sporadisch" und vereinzelt hier und da auch erhört zu werden. Die letzten Jahrzehnte haben die Wissenschaft mit einem früher ungeahnten Ruck gefördert. Das Gesetz der Erhaltung der Energie beruht auf einer Verallgemeinerung, die nicht mehr metaphysischer und theologischer Natur ist, wohl aber -im immanenten Sinne gefaßt ist Spinoza hat diesem Gesetz prophetisch wie jüdisch vorgearbeitet durch den Satz: Deus est omnium rerum causa immanens. In diesem Falle wird das Leben in den Dingen gesucht und! ausgedrückt durch die lebende Substanz, die Lebenseiriheit, oder wie dies sonst genannt sein mag. Die Gesellschaft in allen Jahrhunderten von der Wissenschaft, sofern sie es inur war, geleitet stellt auch jetzt ganz im Einklänge mit der modernen Wissenschaft ihre Ansprüche auf Leben. Die menschliche Gesellsciiaft kämpft und ringt und ihr Leitmotiv ist: Freies Leben. Es mögen den Methoden Irrwege zugrunde liegen, näe abeir den Ansprüchen selbst. Für den Juden aber öffnen sich hier neue Wege. Er kann und soll seinen Anspruchs auf Leben erheben und nicht bloß in dem Sinne, daß er in den Besitz des Gefäßes gelange. das sein politisch nationales Leben aufoimmt. Körperlich auf diese Weise gesundet soll er: dann das ewige Orakel des praktischen Lebens, die Wissenschaft zum Hauptfaktor seines Daseins machen. Wir sind und waren nur dann groß, wenn es uns um einen sittlichen Kern ging. Wir ließen zwar oft Unordnung in unserem eigenen materiellen Haushalt walten, weil der Jude diesen als moralisch gleichgültig betrachtete. Wohl hat auch die Umgebung draußen, die seinen Sinn für ästhetische Orientierung und) Ordnung abgestumpft hatte, nicht wenig dazu beigetragen. Dennoch aber, kam es darauf an, die Lebenspraxis nach einem sittlichen Moment zu orientieren, so hatte der Jude, wie kaum ein anderer, einen festen Sinn für Ordnung. Es mag für diese Tatsache etwa auf den geregelten Aufbau eines Sederabends hingewiesen werdten oder auf die Zusammenstellung und Anordnung der Abschnitte und Bücher der Bibel und der Mischna in Sidroth und Sedarim. Auch die Ordnung der Welt nimmt der Jude schlechthin als seder olam hin. Ueberall hier gebraucht der Jude das Wort seder und weist hiedurch auf das ordnende Prinzip hin. Wir sehen, wie auch hierin dies begründet ist, daß der Jude auf Ordnung in seiner Lebenspraxis sehr viel geben wird, sofern er in ihr ihren sittlichen Kern erblicken wird. Dies wird er, wie begreiflich, in der Wissenschaft finden. Wir sollen auch liier, wo es sich um das Sittlichste alles Sittlichen handelt,* um eine Wissenschaft des Lebens, ordnend und sichtend vorangehen und die Prinzipien und Theorien suchen, die die Lebenseinheit bis auf das Wesen zurückführen, das endlich infolge seines absoluten Immaterialismus darum auch völlig unausgesprochen bleiben muß. Es was dies einst der jüdische Gottesname. Man hat uns des öfteren den Vorwurf gemacht, wir hätten keinen Sinn für Leben und Natur. Gewiß ließen wir diesen im ästhetischen Sinne des Wortes oft vermissen und wohl glücklicherweise. Wären wir in unserer Lebenspraxis sinnlich bedingt, es hätte uns als Volk die sinnliche Reaktion, die sich allgewaltig in Jahrtausenden uns auidrängte, lange schon von d'er Erdoberfläche weggeschwemmt Diese wechselt nämlich ihre Objekte nicht allzu schwer, ie nach den Verhältnissen. Die Schwierigkeit eines .solchen Wechsels liegt stets in dem Uebergewicht desjenigen Teiles der Lebensauffassung, der nicht mehr sinnlich bedingt ist . i . Gewiß aber mußten wir, selbst Lebens- und Naturwesen, in einem bestimmten Zusammenhänge uns zum Leben und zur Natur äußern. Wie nun: denn? Die Antwort ist: Wir wahrten unseren Zusammenhang zum Leben und zur Natur, um es an einem Beispiel zu zeigen, nicht in dem Sinne zwar, daß wir Totendenkmäler mit Blumenkränzen schmückten, wohl aber, indem wir die Konzeption schufen, daß. wenn die Gemeinde Israels inbrünstig ihre Gebete in den Bethäusem verrichtet ein Engel, der Sachwalter der Gebete, diese aufnimmt und aus ihnen einen Kranz windet tun das Haupt Gottes. Es ist dies Volkssage, die aber einen ästhetischen Naturgenuß unter einem ethischen Gesichtspunkte auffaßt. Ein anderes Beispiel: daß wir. selbst kein kriegerisches Volk, ein Gesetz aufzustellen wußten zum Zwecke der Schonung des fruchttragenden Baumes während eines Feldzuges; ebenso auch wußte die Sage zu behaupten, daß, wenn ein fruchttragender Baum zerstört wird, seine Stimme von einem Ende der Welt zum ändern rufe. Dies ist Biologie in dem weitesten Sinne des Wortes. Es ist reine Schonung und Förderung des Lebens. Wir werden es wissen, die wissenschaftliche Basis für unsere auf das Leben gerichtet Praxis zu finden. Die Geschichte trägt ihre moralische Konsequenz in sich. Wie sie in einer kausal bedingten steten Entwicklung besteht, in der oft die gleichsam logisch sich orientierende Verallgemeinerung auf Kosten der Mannigfaltigkeit und Intensität differenzierter Kulturerscheinungen den Fortschritt nur scheinbar hemmt, so besteht sie in einer jeweiligen, jedem Weltengeschlechte eigenen Harmonie des Moralischen. Die Schwingungen sozusagen des Moralischen können in jeglichem bestimmten Zeitalter eine bestimmte Höhe und eine bestimmte Tiefe nicht übersteigen. Zu Zeiten Bachja ibn Pakudas würde der sittliche Mut und die sittliche Forderung eines Jesaja ein überspannter und darum ein disharmonischer Mißton gewesen sein. Er war indes berechtigt in d'er Zeit der sittlichen Strömungen und Gesetzgebungen im weiten Orient, die der J esaianisehen Epoche vorangegangen sind. Indes vermochte Bachja. vielleicht dei tiefste Mann der jüdischen Diaspora, kaum mehi als nur auf den inneren Weit der individuellen sittlichen Persönlichkeit hinzuweisen. Eine solche Tatsache, wie die Hebung einer Volksgemeinschaft zum Leben, wie die geist'ge Verselbständigung eines eigenen Voikes es sein dürfte, konnte er kaum in ‘.ein Denken einhezieheti. Wir können es. warum? Darum, .veil die Wissenschaft, nicht eben im Sinne einer sporadischen und bald wieder erlöschenden Erscheinung, sondern in ihrem kontinuierlichen Werden erst im 15. Jahrhundert mit der Wissenschaft ticr Philologie begann. Nach 'und nach gewann der Mensch den Mut, sich auch den Objekten in der Natur zuzuwen-lea, zuerst demjenigen In der Form der trägen Masse. Das Gesetz von ,'i.r Trägheit der Masse war die erste große (irtiiugenschaft des Zeitalters Gatileis und Rep’ers Indes die Frage: welche Kräfte oder Gesetze iiLu'rw »den die materielle Trägheit? war soiort gleichbedeutend mit der Frage: welche Kräfte oder Gesetze überwinden die geistige Trägheit? Letztere Problemstellung ist der ersteren geschichtlich sogar vorangegangem Diesen Fragestellungen liegt aber das Prinzip einer Abwehr zugrunde. Man kann es wohl sagen, auch die Menschheit hatte ihr allgemeines kulturelles Galuth. das auch bis auf die Neuzeit sich erstreckt. Die Neuzeit ist wie gesagt die Zeit der Untersuchungen der energetischen Kräfte, derjenigen Kräfte:, die die Dinge in lebendige Zusammenhänge umbilden, gleichviel ob dies dingliche oder gesellschaftliche Zusammenhänge sind. Das leitende Prinzip ist jetzt die organische Gesamtheit. Sie soll nach ihrer eigenen ihr zugrunde liegenden lebendigen Substanz leben, ohne Eingriffe sie beherrschender äußerer Machtmittel. Man nennt dies politisch: Autonomie. Wir selbst, sofern dies nur im menschlichen Körmen lag. lebten sicherlich nach diesem Prinzip; und wenn wir uns auch fast darin erschöpft haben, uns nicht bestimmen zu lassen-. Wir wollen aber nunmehr in dem Zeitalter, das unter dem Zeichen der Energie steht, in der Uebertragung dieser Wertung auf das Sittliche die sittliche Energie in die Erscheinung treten lassen, sie auf unser inneres Leben rein autonom gestaltend wirken zu lassen. Dazu gehört vor allem Wissen und Wissenschaft. Ihr tretet überall, bei allen Gelegenheiten des Wortes mit Emphase gegen die Assimilanteit auf, aber euer Leben unterscheidet sich in nichts von dem jener. Jene, schimpft ihr, verstecken ihr Judesein — und ihr? Habt ihr es bei euch, bei uns sichtbar werden zu lassen euch bemüht? Wie jene, so verberget doch auch ihr euch hinter fremden Namen, fremder Sprache, fremdem Gehaben, um Ruhe zu haben — ist das euer laut gepriesenes, „neujüdisches Bekennertum“? Laßt uns Jungen wahrer sein, offener sein! Schal, ekel ist uns die Ruhe, das Unbehelligtsein, das nur durch mehr oder weniger Nicht- Erkanntwerden ermöglicht wird. Mit dem Namen beginnend, soll unser Leben, unser alles zu tms selber- und zur ganzen Welt rufen: Jud, Jud, Jud! Will, kann die Welt solche offene Judenmenschen, unter sich verstreut, unbehelligt leben lassen? Will sie es nicht — und ihr, die ihr euch Zionisten nennt, müsset doch wohl sagen, sie will es nicht — so müssen wir hinaus, in eine Heimat hinaus! Dergestalt soll uns die Zwangsläufigkeit, die dem Träger eines jüdischen Namens auferlegt ist, zu einem Zionismus führen, der von einer Rückendeckung, von einer Rückzugsmöglichkeit nichts wissen will: außerhalb des Zionismus gibt es für uns kein Leben! So müsset ihr Jungen zu euren zionistischen Eltern sprechen. Vom jüdisch-arischen Doppelnamen. Manche Zionisten haben aus ejem Bestreben heraus, äußeres Sich-Verstecken mit parteilicher Scheinwahrung zu verbinden, in letzter Zeit begonnen, ihren Kindern Doppelnamen zu geben. Siegbert Gideon, Hildegarde Ruth. Ein zionistischer Schriftsteller, der auch sonst ein Maximalist ist, hat sich neulich sogar ein Töchter- . chen Rahel Sophie Caterina geleistet. Die Maske für die Welt, das Jüdische aber, um damit „unter uns“ zu renommieren. So ist die Doppelnamensgebung. dieses Doppel-, also zugleich Halbbekenntnis; eine wahre Spiegelung ihres ganzen Lebens als Doppelleben, als Doppellüge. Vom Standpunkt der Ostentation könnte das Gegenteil recht' sein: Den jüdischen Namen für die Welt und der nichtjüdische wäre im eigenen Kreise, so seines Assimilationscharakters entkleidet, nicht schädlich. Von diesem Standpunkte allein aus könnte man sogar paradoxerweise sagen: In einem hebräischen Gemeinwesen in Palästina wäre gegen einen nichtjüdischen Namen nichts einzuwenden!. — Allerdings ist dieser äußere Gesichtspunkt allein nicht ausschlaggebend und aus den hier wiederholt erörterten inneren Gründen sind natürlich die hebräischen Namen auch oder erst recht für Palästina von bleibender höchster Bedeutung. Heiteres. Ein wahres Begebnis: Dem Dr. Lewin. Vorsitzenden der zionistischen Ortsgruppe in B„ wurde ein Sohn geboren. Er wird in der „Jüdischen Rundschau“ als Horst Leo Wolfgang David, im „Berliner Tagblatt“ bloß als Horst Wolfgang angezeigt Ein Bekannter, Dr. Namenorg. fragt den Vater nach dem Grund der Namenfülle. Der Vater: Horst — meine Frau wollte ihrem Erstgeborenen einen schönen deutschen Namen geben.“ Dr. N.: „Und Leo?“ Der Vater: „Der ist auch von ihrer Seite: ihr Großvater hat nämlich Leib geheißen.“ Dr. N.: „Und Wolf gang?“ Der Vater: „Der ist, von mir; ich hatte einen Großvater mit Namen Wolf.“ Dr. N.: „Haben Sie ein Glück, daß er nicht Stuhl geheißen hat!“ Ein Inserat: „Kurz vor Schluß der Anzeigenannahme kam noch einer auf die Expedition des „Tagblattes“ gerannt und gab ein Inserat auf: Prima Bimstein Sally Cohn Berlin SW. 18. Das sollte noch unbedingt ins erste Morgenblatt. Kam es auch. Aber nicht, wie vom Auftraggeber erwartet wurde, unter „An- und Verkauf“, sondern unter Familienanzeigen. C|er Metteur hat in der Eile das Inserat für eine Verlobungsanzeige gehalten.“ („Simpliässimus." i Hebräische Dichtung des Mittelalters Matinee im kleinen Musikvereinssaal, veranstaltet von der Lese- und Rede halle indischer Hochschüler. Der ßaal war halbleer. Fasehingssonmag. Die Wenigen aber, welche nicht an der Wiener jüdischen Balltradition festhielten, wurden reichlich entschädigt. Denn diese Veranstaltung bot jüdisches Wesen und vermittelte ’ — wenigstens anregend — jüdisches Wissen. Sie führte in Teile unseres Volkslebens, die nicht salonmäßig europäisiert sind, und tat es mit Geschick und Glück, dem auch Kenntnis zur Seite stand. Die hebräische Dichtung des Mittelalters, weiche für gewöhnlich der jungen jüdischen Generation ebenso nur dem Namen nach geläufig ist, wie etwa die Dante’s oder Ariost’s, birgt nicht bloß ip den Schöpiungen ihrer bekannten Vertreter Jehuda Halevi, Salomo ibn G a b i r o!. Moses und Abraham ibn Esra köstliche Kuiturschätze, sondern auch in der langen Reihe jener wenig Genannten und Gekannten, die, von Eleasar Hakallir bis auf Immanuel aus Rom reichend, in später Folge noch in Mose Chaim Luzzato fortgesetzt, die dichterische Kontinuität zwischen dem jüdischen Orient und dem westlichsten Konzentrationspunkt, den das jüdische Leben in Europa hatte, hersteilen. Schon die Möglichkeit, diesen kulturellen Ablauf durch dichterische Proben, wenn auch in deutscher Uebertragung, ahnen zu lassen, ist ein neuer Wert für das jüdische Publikum, für den dieser Veranstaltung Dank gebührt.

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