Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Br. 7 •Seite 2 Sejm, im Juli dieses Jahres, stellte es sich heraus, daß die Posener Arbeiter sogar für diie nationale Arbeitervereinigung noch zu reaktionär sind und so haben sie sich getrennt; die Posener Arbeiter haben zusammen mit einigen „Arbeitern“ aus der nationaldemokraüschen Partei eine neue Nationalchristliche Arbeitervereinigung gebildet. In der jüdischen Frage ist die letzte ebenso antisemitisch wie die erste. Unter den bürgerlichen Parteien ist die stärkste die nationaldemokratische Partei. Es ist dies eine stark reaktionäre, von Chauvinismus durchdrungene, vorwiegend aus kleinbürgerlichen Elementen bestehende lose Gruppierung, die den „sacro egoismo“ und die Ausrottung fremder Elemente predigt, und, obwohl durch und durch deutschfeindlich, doch den eisernen Kanzler Bismarck als den größten Meister und Lehrer der Politik betrachtet. Wie bereits erwähnt, ist sie eine lose Gruppierung, welche aber doch bei allen Wahlen einen sehr großen Einfluß ausübt, weil sie die niedrigen Instinkte des Kleinbürgertums ausnützt, keine Ideale aufstellt und nichts von ihren Anhängern fordert. Nationaldemokratie ist mehr eine Stimmung als eine Partei, und daraus ergibt sich, daß andere Parteien siegen und am Ruder der Verwaltung stehen können, und daß doch die ganze Masse des mittleren und unteren Beamtentums liationaldemokratisch gesinnt ist, und so dem politischen System bei der praktischen Ausübung der Verwaltung eine nationaldemokratiscfae Färbung gibt. Rechts von den Nationaidemokraten standen früher die Konservativen, die sogenannten Realpolitiker (in Galizien „stänczycy“ genannt), weiche sich aus den Kreisen der aristokratischen Agrarier und reichen Industriellen rekrutierten. Obwohl theoretisch reaktionärer als die Nationaldemokraten, waren sie infolge ihrer höheren sozialen Stellung tatsächlich viel fortschrittlicher, auch in der jüdischen Frage waren sie liberaler als die Nationaldemokraten, doch auch unter der Bedingung der künftigen Assimilation des Judentums. Bei den Seirowahlen gingen beide Parteien zusammen, da die Konservativen sich allein zu schwach fühlten; zu diesen kamen dann noch einige bäuerlich-nationalistische Gruppierungen und der so gebildete Block hieß Nationale Volksverein i- K u n g. Doch während der Agrardebatte fing der Block an, sicli wieder zu zersplittern, weil die ■Nationaldemokraten aus demagogischen Gründen mit den Bauern liebäugelten, was sie in Gegensatz zu den Konservativen bringen mußte. Für die bäuerliclmationaiistischen Gruppierungen aber war der agrare Radikalismus der Nationaldemokraten noch zu farblos. In der jüdischen Frage haben die Konservativen vollkommen den Nationaldemokraten nachgegeben, zumal die Juden im Sejm Forderungen aiifgestellt haben, welche ihre assimilatorischen Träumereien gründlich zerstörten- Der ganze Block führt eine recht judenfresserische Politik, agitiert für den Boykott, für rechtliche Begrenzungen, hetzt überall gegen die Juden und ist nicht ohne Schuld an allen Pogromen und Ausschreitungen gegen sie. Zwischen dem rechten Flügel der Nationalen Volksvereinigung und dem linken Flügel der polnischen sozialistischen Partei und der nationalen Arbeitervereinigung (zu dem linken Flügel gehört auch die kleine Bauerngruppe von Stapinski, weiche in der Judenfrage keine bestimmte Politik, jedenfalls aber keine philoseinitische treibt) befindet sich das Zentrum, welches sich durch den Zusammenschluß von drei Bauerngruppen, der von Witos. von Thugutt und von Pfarrer BHsinski gebildet hat. Von diesen drei. Gruppen ist die erste nur in der Agrarfrage radikal, sonst ist sie vollkommen reaktionär; die zweite gehörte früher in den lin- Jt ken Flügel des Sejm und stand . den Sozialisten nah, hat aber schon sehr viel aus ihrer sozialistischen Bagage bei dem Zusammenschmelzen mit den anderen zwei Gruppen verloren. Die dritte, die auch m der Agrarfrage eine sehr gemäßigte Stellung einnahm, ist eigentlich eine nationaldemokratische Gruppierung, ln ihrer Stellungnahme zur Judenf rage4 ist die Witos-Gruppe die schlimmste, da sie durch ihre hetzerische Agitation Pogrome in Galizien und Südpolen herbeigeführt hat. Die Gruppe des Pfarrers BHsinski ging immer mit der Nationaldemokratie zusammen; Thugutfs Gruppe stand auch in der Judenfrage den Sozialisten nahe, doch hüllte sie ihre Abneigung gegen die jüdisch-nationale Bewegung in keinen theoretischen Mantel, wie das bei den Sozialisten der Fall war. Außer diesen, bisher angeführten Parteien gibt es noch die Kommunisten, welche im Sejm nicht vertreten sind. Die Kommunisten sind prinzipielle Gegner des Antisemitismus, doch sind sie im praktischen Leben gegen das Judentum, da der soziale Stand der Juden, das Kleinbürgertum, diese in das Lager ihrer Gegner drängt; hätten die Kommunisten die Oberhand bekommen, so hätten sie jede jüdischnationale Bewegung unterdrückt, so wie es in Rußland geschehen ist. Das sind in allgemeinen kurzen Strichen die polnischen Hauptparteäen und ihre Haltung in der Judenfrage. Der allgemeine Grundton aller dieser Gruppierungen ist Judenhaß, Boykott und Unduldsamkeit, nationaler Egoismus und die Unfähigkeit, die Rechte eines zersplitterten und bodenlosen Volkes verstehen zu wollen. Es ist leicht zu begreifen, daß, wenn man mit diesen Parteien im Landtage zusammensitzt, jede Arbeit für das jüdische 'Wohl und für eine abstrakte Gerechtigkeit fast ausgeschlossen erscheint. Die jüdischen Abgeordneten werden entweder ignoriert, oder ausgelacht, oder iiberschrieen — und man muß wirklich einen großen Mut, eine heilige Geduld und Kaltblütigkeit haben, um das alles zu überwinden und seine Arbeit zu tun. Die jüdischen Abgeordneten haben sich mit dieser Kaltblütigkeit bewaffnet und sie führen irne Arbeit ohne Rücksicht auf alle Störungen weiter. Die Aussichten für eine größere Fruchtbarkeit dieser Arbeit sind nicht aiizugroß; doch läßt es sich nicht leugnen, daß manches schon geleistet worden ist; erreient ist vor aliem, daß die jüdischen Abgeordneten nicht mehr so wie früher ignoriert werden, ja es haben sich sogar Verständigungspunkte mit den übrigen Parteien gefunden. Das war eine Sisyphusarbeit, aber sie wird nicht ohne weitere Folgen bleiben. Man muß nur Geduld haben und nicht verlangen, daß die Saat sofort eine Ernte geben soll. Die Juden im Völkerbund Von Dr. Max -öiainant (dzt Paris). ' Die Sensationsmeldung des Waschauer ..Haint“, Sokolow hätte, erklärt; daß die Juden mit der Errichtung Palästinas sofort einen Sitz im Völkerbünde erhalten werde, macht jetzt die Runde durch die jüdische Presse. Wer Sokolow kennt, wird wissen, daß er heute eine solche Aeußerung nicht machen konnte. Ist die Aufnahme in den Völkerbund eine Selbstverständlichkeit, hat Sokolow Wege genug, die Judenheit über die Sachlage zu informieren; übrigens wären andere auch bereits darauf gekommen, da man weiß, wie viel Interesse die jüdische Oeffentlichkeit dem Völkerbunde entgegenbrimgt. Müßte die Mitgliedschaft im Völkerbunde auf diplomatischem Wege erreicht werden, hätte Sokolow sich heute darüber noch nicht geäußert. Die diplomatische Lage der Palästinafrage ist lange nicht so verwickelt, wie der Aufbau des Völkerbundes' im Ganzen, man . wird aber nicht behaupten könnea.. daß Sokolow über die Palästinasache selbst; auf die er doch seit Jahren seine diplomatische Arbeit konzentriert, viel in die Oeffentlichkeit bringt Er hält eben in der Sdtuationi wie er sie einsieht; für wichtiger, das Werk zu vollenden, als momentan Sensation und Spannung hervorzurufen; deren Gefolge Mißverständnisse und Enttäuschungen bilden können, weil sich eben die internationale Lage kaleidoskopartig ändert Aber ob Sokolow den Juden den Platz im Völkerbünde bereits angewiesen odter nicht — wie steht es damit? Nach dem Statute des Völkerbundes werden auf dem Gebiete 'des ehemaligen türkischen Reiches gewisse Gemeinwesen vorläufig als unabhängige Nationen anerkannt unter der Bedingung, daß eine Mandatarmacht ihre Verwaltung bis zu einem Zeitpunkte lenkt wo sie fähig sein werden; selbständig zu handeln. (Art. 22, Abs. 4.) Mitglieder des Völkerbundes können aber nur sich selbst verwaltende Staaten. Dominien oder Kolonien (Art. 1. Abs. 2) werden. Es ist demnach klar, daß Erez .Israel nach Erteilung des Mandates an England noch nicht Mitglied des Völkerbundes werden kamt Nun wirft sich die Frage auf; was weiter? Wollen wir. daß die Juden von Erez Israel als Schutzmacht zugunsten der Juden wirken, wo sie Minoritäten bilden, dann' müssen wir die Verwaltung von Erez Israel so in düe Höhe bringen, daß unser Anspruch auf Selbstverwaltung .vor aller Welt klar zutage liegt. Aber der rechtliche Anspruch ist noch lange nicht das Ganze Es ist ausgeschlossen, daß Erez Israel Mitglied dies Völkerbundes wird, wenn nicht gleichzeitig Aegypten und Syrien aufgenommen werden. Diese Nachbarn würden die alleinige Aufnahme der Juden als eine Zurücksetzung betrachten, die ernste Folgen nach sich ziehen könnte. Noch weiter. Die Erteilung von Stimmen, an Staaten, die im inneren Kontakt mit England oder Frankreich wären, ist wieder für die übrigen Mitglieder des Völkerbundes eine politische Frage ersten Ranges. Man sieht aber, daß die spätere Aufnahme in den Völkerbund durchaus keine Sache ist, die mit . einer Sensationsmeldung abgetan werden könnte, sondern' die gleich einen ganzen Komplex internationaler Fragen aufroUt. Allerdings, die Antwort könnte . einfacher lauten, wenn der Völkerbund nicht mehr bloß ein diplomatischer Vertrag, sondern eine vom Bewußtsein der Völker getragene Wirklichkeit wäre. Heute ist er noch ein Kind der Diplomatie, wie etwa seinerzeit der albanische Staat Die Durchführung des Völkerbundes bedeutet, daß an Stelle des Gleichgewichtssystems der alten Diplomatie sich eine politisch und psychologisch gleichwertige Gruppe. Von 1 Teilnehmerstaaten 'und -Völkern bildet, den Völkerbund mit dem Leben dler Völker zu verbinden. Vorläufig herrscht «tos Gleichgewichtssystem Clemenceaus vor. Wohl sind alle Staatsmänner einig, daß dieses System unzureichend geworden, sie kommen aber aus dem Labyrinth vorläufig nicht heraus, in dias sie sich selbst begaben. Wilson sagte am 27. Dezember 1918: „Wenn die Zukunft uns nichts bringen soH als einen neuen Versuch, die Welt durch d!as Gleichgewicht der Mächte in Ruhe zu erhalten, so muß ich sagen, daß die Vereinigten Staaten daran kein Interesse haben, denn sie werden sich keiner Vereinigung anschließen. die nicht uns alle umfaßt.“ Nun, Amerika scheint dieses Versprechen seines Präsidenten halten zu wollen. Der Völkerbund kann nur auf Grundlage eines einigermaßen gleichen Zivilisationsniveaus, Von der Schande Euerer Namen*) „Name ist Schall und Rauch“? Ein Ruf an die zionistische Jugend von Awraham Schwadron. (Aus einer Aussprache in einem bürgerlichzionistischen Vereine.) A; „Wird da nicht, die Richtigkeit aller Argumente zugegeben, einem Nebensächlichen unangemessene Wichtigkeit beigelegt? Welche Bedeutung hat denn der Vorname und welche Auswirkung nach innen, in die eigene Gemeinschaft herein, und nach außen, in die andersnationale Umgebung?“ Ich: Im Sinne eines marktgängigen Wertes, der allen vor Augen liegt und um den) sich das Interesse der „mit beiden Füßen im Leben Stehenden“ dreht, hat der Vorname freilich keine Bedeutung; er ist zur Börse des Lebens nicht zugelassen. Aber im Sinne eines unter der Oberfläche Wirkenden, eines unsichtbar und unhörbar Bestimmenden, einer Kleinigkeit, an die man fortwährend anstößt, auch wenn davon nicht gesprochen wird — in diesem Sinne ist seine Bedeutung eine sehr tiefe. Unzähligemal des Tages wird im Hause und im vertrauten Kreise der Vorname genannt und bei vielen'offiziellen sowie inoffzidlen Gelegenheiten auch im staatlichen und gesellschaftlichen Leben dokumentiert. Es ist demnach' von Wichtigkeit, ob da ein jüdischer Klang gehört wird oder ein unjüdischer oder gar weder ein jüdischer noch ein arischer, sondern ein stammlos häßlicher. Ja, durch die fortwährende Einwirkung seiner Resonanz in der Außenwelt auf seinen Träger hat der Name sogar eine richtende, den Geist und Charakter mit¬ *) Aus der im Verlage M. H i c k 1, Wien, als „Flugschrift des Wiener Arbeitskreises für hebräische Sprache und Kultur“ erscheinenden gleichnamigen Schrift. formende Macht auf diesen Trägen Denn man stelle sich den extremen Fall vor: Der Her sch Leib kommt in eine Umgebung, in der er bisher ganz unbekannt war. Er ist durch nichts sonst als Jude kenntlich, denn durch seinen Namen. Wie muß nun die Art, in der die Umgebung ihm begegnet, eben als dem Hersch Leib begegnet, auf sein Benehmen wirken, auf die Weise seines Sprechens, seines Handels, auf seine Gedanken und Gefühle! Gleichsam ein angeschmiedetes festes Kleid ist ihm der Name, mit unverrückbaren Konturen, durch die seine Bewegungen bestimmt modifiziert begrenzt werden. Und man stelle sich denselben Menschen vor, "in dieselbe Umgebung, ebenfalls als Unbekannter kommend, aber mit fiiiylhamn Christian als Vorname Wie anden^wird sich seine Aufnahme in der neuen Umgebung und seine Einstellung auf dieselbe gestalten! — Natürlich ist das nur ein Grenzfall; Hersch Leib wird gewöhnlich auch sonst charakterisierend, andere^ an sich haben als Johann Christian. Aber auch der Name ist eben in allen Fällen, wo er an ein persönliches oder ein Gemeinschaftsproblem irgend wie anstreit wo durch ihn ein Gegensätzliches oder zumindest ein Unterschiedlich-Bestimmtes gekennzeichnet wird, — wie hier das „Jüdisch oder Arisch“ — von großem Belang und seines Trägers Sein und Wirken ist durch ihn bedeutend mitbestimmt. Man erinnere sich der unzähligen Fälle im Leben' sowie in der Literatur, wo das Bewußtsein; der Träger eines besonderen Namens zu sein, als eine richtunggebende Macht sich kundtut, die den Betreffenden geradezu zwingt, eine Handlung zu begehen oder zu lassen; Auch liegen uns ja auf unserem eigenen Gebiete die Wertbeweise im Verhalten all derjenigen vor, die die unglaübhabenen jüdischen Vor- oder Familiennamens zu die lügenhaftesten, schamlosesten Drehungen, Verrenkungen vornehmen, um sich der Tatsächlichkeit des unglücklicherweise von ihren Eitern erhaltenen jüdischen Vor- und Familiennamens zu entwinden. Man kann sich auf die Gescheiten verlassen; sie wissen immer, was sie tun; und bemühen sich nie um ein Belangloses. Die ihr zionistische Eltern habet... Ihr jungen Juden mit tmjüdischen Namen, die ihr Zionisten zu Eltern habt, tretet vor sie hi» und sprechet zu ihnen so: Ihr habt uns im Geiste einer Epoche, einer Art des Zionismus erzogen, die wir überwinden müssen. Der Epoche, wo Zionist oder Zionisti* sein, hieß: Dem zionistischen Programm zu stimmen. Mehr brauchte man nicht Wir aber müssen die Epoche inaugurieren, wo Zionist sehr, heißen soll: Sich auf die Seite, zu der man* sich entscheidet, ganz stellen. Wo Zionismus heißen soll: Auf sich etwas nehmen, «twas riskieren. Just. Ihr Eltern zionlstelt, ihr habet Bedenken, Rücksichten, Hinsichten, „Nebehsichten“. Ihr möchtet so — und möchtet auck s o. Ihr wollt euer und unser, eurer Kinder Lebensbasis nicht auf eine Karte; auf des Zionismus einzige Karte setzen. Ihr machtet auch bei unserer Erziehung stets eine Reservatio facultatis, einen Vorbehalt der Möglichkeit*). Scho» von derGeburt von der Namensgebung an. Unsern Weg gleich durch den Namen eindeutig, unausweichbair jüdisch vorzuzeichnen, hieltet ihr für inopportun. „Man kann micht wissen . . ." Ihr möchtet wohl, daß euer, daß eurer Kinder Lebe» zionistisch sich vollziehe — „warum denn nicht?“ — wenn es geht, leicht geht Sonst auch anderst, auch halb- oder viertel- oder achtelzionistlsck. "') Ich keime wahrhaftig eine Mutter, eine Zionistin. die ihre heiratsfähige Tochter zwischen den Namen Lea und Laura pendeln läßt vsA offen sagt: .Manche junge Leute heute sind Zionisten, manche nicht . .“ Die Uninformierte! Sie weiß nicht, aaß Laura ein gut „zionistische?“ Name ist.