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Jüdische Zeitung · 1920-02-20 · 7 (20.2.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
7 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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National-jüdisches Organ Redaktion und Adminiacratio Wien II.; Tatsortir«6e I Fern-'V'chor N' 44038 u. 4331 ft Mit der beiiage. „Der jüdische Nationalfonds“ vierten* isir ■ , — _ ganz]. 50 £, Einzelnummer 1 K W'««, Freitag, de. 20. Februar 1820 Poeteparkaseenkonto 133.404 Missionsjuöenium unö jüdische Mission Die verflossene Epoche In der jüdischen Geschichte, die Epoche der Assimilation, ist durch ein allmähliches Abbröckeln der jüdischen Werte gekenzeichnet. Dem Vormärziuden des Ghettos mochten wohl manche Merkmale fehlen, die ein dünkelhaftes Europa als absolute Werte einschätzt, aber er konnte sich über den Mangel an äußerer Würde umso leichter hinwegsetzen, als er sein Judentum viel stärker als Gnade des Geschickes und als dessen Auftrag, denn als Fluch und Verhängnis empfand und im starken Vollgefühl seiner inneren Würde sein seelisches Gleichgewicht fand1. Die Tatsache seines Judentums aber erlebte er viel mehr als selbstverständliche, naturgegebene Realität, denn als kompliziertes Problem. Seitdem sind alle Dinge in West- und einem guten Teil Mitteleuropas erheblich anders geworden. Die Emanzipation,. die an sich eine durchaus notwendige Entwicklungsphase in unserer Geschichte bildet, ein Prozeß, den wir schon darum nicht hoch genug bewerten können, weil wir ihm unseren Aufschwung zu nationaler Aktivität danken, ist einem ganzen jüdischen Geschlecht zum Danaergeschenk geworden, indem sie zur Lockerung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls, zum Abfall von uralten Bindungen führte und langsam jenen liberal-freisinnigen Judentypus schuf, der durch seine seelische Disharmonie gekennzeichnet. ist und so auf der Oberfläche der europäischen Kulturen schwimmt, jenen dem Untergang geweihten Typus von Zeitgenossen, dessen Wesen und Verhältnis zum Judentum uns allen viel zu gut bekannt ist, als daß er erst beschrieben werden müßte. . Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die Früchte der- Emanzipation erst dem nationalen Judentum zugute gekommen sind und daß sich ihr Sinn erst in diesem erfüllt. Das Assimilationsjudentum, das auf beständigen geistigen Kompromissen ruht und seinen immer von neuem wankenden Daseinsgrund durch Surrogattheorien stützen muß, hat sich bekanntlich die Missionstheorie er sonnen, um seinsFesthalten an einem steckengebliebenen Judentum zu begründen. .Nach dieser, der Wirklichkeit der Dinge wie der Realität ihrer Bekenner gleichermaßen widerstreitenden Theorie, ist es unser jüdisches Schicksal, in einer gleichsam prädestinierten Zerstreuung zu leiden, um die Völker, unter denen wir leben, im Lauf der Zeiten zur reinen Idee des Monotheismus zu bekehren und jenen messianischen Zustand vorzubereifen, dessen Kommen die jüdische Lehre verkündet und in dem jeder Menschen- und ‘Völkerhaß schwinden soll. Als die zionistische Idee ihren Siegeszug antrat und man das Judentum auf andere geistige Grundlagen zu steifen suchte, wurde der nationale Gedanke von seinen Bekennern mit solcher Ausschließlichkeit betont, daß die Betonung des Ewigkeitsgehaltes unseres Judentums, unserer übernationalen menschheitliohen Bestimmung, dabei fast zu kurz kam. Die Reaktion gegen die bisherige. in ihrer ganzen Verlogenheit erkannte Missionstheorie führte.- wie es immer in geistigen Entwicklungsprozessen geschieht, ins Extrem. Theodor Herzls berauschendes Bekenntnis: „Wir sind ein Volk, ein Volk“, wurde zum dominierenden Leitmotiv. Nachdem man den nationalen Charakter ■des Judentums begründet hatte, ging man daran, ■unsere nationalen Ansprüche geltend zu machen und suchte zu erweisen, daß wir als ein. Volk von so alter und so hoher Kultur die gleichen Daseins- Techte haben wie die anderen Völker. Unter solchem Tun drohte das Bewußtsein um unsere Mission verschüttet zu werden. Das Wort selbst batte längst einen Mißklang angenommen ■und inan sprach nicht gern von ihr. Erst die letzten Jahre haben auch in diesem IPunkt Klärung gebracht und heute glauben wir erkannt zu haben, daß sich unseres Daseinskampfes Sinn nicht darin erschöpft, „zu werden wie die anderen Völker“. Das Judentum hat eine Mission und erst die Lösung unserer nationalen Frage durch den Zionismus eröffnet einen Weg zu ihrer Erfüllung. Geradeso wie die Scheidung zwischen „religiös“ und „national“ im Judentum letzten Endes künstlich ist, ebenso gehört der Missionsgedanke zu den konstitutiven Merkmalen unseres Wesens. Judentum ist in letzter Reihe eine geistige Kategorie, deren Dauer durch die nationale Unterlage gesichert werden muß, und wenn Theoretiker, wie letztens Klatzkin, das formale Prinzip noch so sehr in den Vordergrund rücken, jene Wahrheit wird durch keinerlei noch so scharfe Logik erschüttert Wir sind nicht umsonst das Volk der Propheten und die Berufung auf sie wird zur hohlen Phrase, wenn wir aus ihr nicht alle Folgerungen ziehen. Es ist eine weitverbreitete Irrlehre, daß das alte Judentum keinen Proselytismus geduldet habe. Die jüdische Ideenpropaganda wurde im Altertum vielmehr mit aller Konsequenz betrieben, wie eine von einer tragenden Idee beherrschte Gemeinschaft überhaupt ohne Bedürfnis nach Propaganda gar nicht gedacht werden kann. Wie sich im Zionismus erst der Sinn unserer Emanzipation erfüllt, so wird durch ihn erst die Erfüllung unserer Mission möglich, deren Inhalt die Assimilationstheorie ebenso richtig begriffen, wie sie den Weg dazu verrammelt hat. Es tut not, gerade heute auf diese Dinge hinzuweisen. da wir den bedeutungsvollsten Augenblick unserer' GaluthgeschicIrVeerleben. Keine noch so günstige politische Konstellation darf uns hindern, auf diese unsere ewigen Ansprüche zu verzichten. Wir müssen uns hüten, als Geschenk hin-. zunehmen, was wir zu fordern berechtigt sind, nicht um unser, sondern um der Menschheit willen, der wir verpflichtet sind zu geben, was verschüttet in uns ruht Der Missionsgedanke muß in den Mittelpunkt unserer Propaganda gestellt werden Er muß die Kraft haben, die Gegensätze zu überbrücken, die sich in unseren Reihen im Augenblick erheben, da wir von der Idee zur realen Arbeit, hinabsteigen, weil sich die Dinge gedanklich viel leichter einordnen lassen, während sich die Wirklichkeiten hart im Raume stoßen. Er muß unser Verhältnis zu den Weltmächten bestimmen, unsere Realisten zur Idee erheben und die Romantiker Besinnung lehren, die übel angebrachten Pessimismus zur Schau tragen, weil ihren Zukunflsträumen nicht sofortige Erfüllung winkt. Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden nnd das Zion, das wir meinen und das ewiger ist als Rom, wird nicht über Nacht erstehen. Aber es wird werden, wenn der zentrale Judentumsgedanke uns auf unseren Wegen leuchtet Was wir brauchen, ist nicht der mechanisch-ökonomische, sondern der sittliche Maximalismus, dessen Feuersänle alle unsere Zukunftsarbeit durchwärmen muß. F. Die polnischen Parteien und das Judentum Von Dr. A. Hartglas, Abgeordneter des polnischen Landtages. Wir entnehmen die interessanten Aus- - führungen des bekannten Vorkämpfers für die jüdischen Rechte in Polen dem Mitteilungsblatt des Posener „Jüdischen Volksrates“. Aehnlich wie bei den Juden ist auch bei den Polen der Parteichauvimsmus überaus stark, so daß die Parteien zu einer gemeinsamen Arbeit nicht kommen können. Dennoch haben die polnischen Parteien einen Kitt, der sie alle zusammenhält und sie in kritischen Momenten eine einheitliche Front bilden läßt: das Streben zu nationaler Selbständigkeit, ein Patriotismus, welcher oft dicht an einen-vulgären Chauvinismus grenzt. Und noch einen solchen Kitt, einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt haben sie: das ist der Antisemitismus. Vom Antisemitismus ist keine politische Partei in Polen frei, selbst der polnische Sozialismus nicht Zwar ist die sozialistische Doktrin gegen jeden Menschenhaß, also auch gegen die Judenverfolgungen- Aber das wirkliche Leben läßt uns ein anderes Bild erblicken. Die führende Intelligenz des polnischen Sozialismus ist nur gegen den jüdischen Nationalismus. Gegen die Juden an und für sich hat sie nichts einzuwenden. Sie behauptet, die Juden seien kein Volk, sie seien bloß eine ethnische Rassengruppe, welche sich assimilieren müsse, und deswegen solle man gegen Juden als zukünftige Polen keinen Kampf führen. Die jüdisohnationaten Elemente aber, ganz gleich, ob sozialistisch oder bürgerlich gestimmt, seien Polens Gegner, da sie den natürlichen Prozeß der Assimilation stören und hemmen, und gegen sie wird ein erbitterter Kampf geführt. Die sozialistischen Massen sind nicht so doktrinär wie ihre Führer und folgen mehr ihren eingeborenen Neigungen. Sie sind antisemitisch, wollen das auch gar nicht verheimlichen und traben, zusammen mit den bürgerlichen Parteimassen, eine verbissene Boykottpolitik. Der Arbeiter kennt und duldet nur „seinen“ Juden, das haßt den jüdischen Führer oder den jüdischen Arbeiter, welcher zufällig zu seiner Partei gehört Alle anderen Juden sind für ihn nicht nur Fremde, er betrachtet sie vielmehr als Feinde. Und diese Psychologie da Masse wirkt allmählich auch auf die Führer ein; ihre Beziehungen zu den Juden werden immer feindseliger; auch sie betrachten nur die wenigen Juden, welche zu der Partei gehören, nicht als Feinde; und auch das nur mit da schlecht verborgenen Hoffnung, daß andere nicht mehr kommen werden und diejenigen, welche noch, da sind, schon im Abstaben begriffen sind. Ihie feindlichen Beziehungen zu den Juden, besonders zu den national fühlenden, hat die polnische sozialistische Partei schon einigemal zu erkennen gegeben, indem sie die Bitte der jüdischen Seimabgeordneten ablehnte, die Intapcllationsvorschläge betreffend die Pogrome m Kalisch oder in Lodz zu unterzeichnen. Erna der angesehensten sozialistischen Führer hat sich sogar geäußert: „Meint ihr, daß wir und die Juden auf einer und derselben Seite der Barrikade stehen, wie zur Zeit der russischen Revolution im Jahre 1905? Wir können den Juden zuliebe die Sympathien unsaa Massen nicht verlieren und sie in das Lager der nationalen Arbeitervereinigung treiben.“ Noch vor 12—15 Jahren trieb dieselbe Partei eine ganz andere Politik. Sie hatte damals eine jüdische Sektion, gab ihre Literatur auch in der jüdischen Sprache heraus, unterhielt eine jüdische Zeitung und erkannte das Recht der Juden auf eigene Volksschulen mit jüdischer Unterrichtssprache an. Das alles ist schon längst vorbei und die Partei schämt sich, eine so kompromitierende Vergangenheit zu besitzen. Vor einigen Wochen wurde zu dem Pressetage der Partei ein der Geschichte der Literatur und Presse der Partei gewidmetes Sammelbuch herausgegeben. Der Artikel des ehemaligen Redakteurs des gewesenen jüdischen Parteiorgans über diese Zeitung wurde durch das Redaktionskomitee nicht angenommen, da er konipromitierend für die Partei gewirkt hätte. Die polnische sozialistische Partei hat fast denselben Weg durchgemacht wie die bürgerlichen Parteien in Polen. Es gab einmal eine Zeit, in der die fortschrittlichen Parteien nicht antisemitisch, eher sogar philosemitisch waren. Sie glaubten aber damals an die Assimilation der Juden. Sie betrachteten das Judentum als einen Stoff zum Düngen des polnischen Bodens. Das war in der Zeit, als die Polen noch dem Handel und der Industrie fern standen und nur die Juden den polnischen Handel zum Aufblühen brachten. Als später die industriellen und kaufmännischen Beziehungen Polens mit Rußland und dem Auslande angekniipft und die internationale wirtschaftliche Stellung Polens gesichert war.’ fingen die Polen an, den Juden die errungenen Positionen abzunehmen. Dabei brach auch der Antisemitismus hervor: der Philosemitismus der fortschrittlichen Parteien verschwand und an seine Stelle trat der Boykott, welcher nach den Wahlen zur dritten Duma zur herrschenden Losung wurde, nachdem der süße Traum von der Assimilation verflogen war. Eine analoge Entwicklung machten auch die polnischen Sozialisten durch. Die stärkste proletarische Partei nach den Sozialisten in Polen ist die N a t i o n a 1 e A rbeitervereinigung. Sie steht weiter links als die christlichsoziale Partei in Oesterreich, hat aber kein ausgesprochen politisches Programm und bestrebt sich, es in allem den Sozialisten nachzumachen. Was ihre Beziehungen zu den Juden anbetrifft, so ist sie ausgesprochen antisemitisch. sie predigt deji Boykott als heilige Pflicht eines jeden Polen. Sie arbeitete bis in die letzte Zeit hinein mit den nationalen Arbeitern Posens zusammen und unterstützte sie bei den Sejmwahlen: doch während der Agrardebatte im

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