Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 6 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITlJNü icife b Nr. 6 Nichts kann bezeichnender sein für das Wesen dieser Richtung. daß ihre Vertreter in Palästina seihst sich in ihrem Verhalten,1 von ihren europäischen Genossen in nichts unterscheiden, ja sie noch übertrumpfen!. Die Orthodoxen in Palästina haben anläßlich der Wahlen zür palästinensischen Deiegiertenyersammhmg eine unerhörte Obstruktion getrieben und die Rahbiner- Klinue von Jerusalem wäre nicht übel willens Seewesen, die ganze Organisation der Jtidertheit Palästinas in die Brüche gehen zu lassen, ehe sie dem Wahlrecht der Frauen zugestimmt hätten. Daß dös nicht Religion, sondern fanatischer Helotismus ist bedarf keines Beweises. Das ganze Verhalten der jüdischen Orthodoxie der hier gekennzeicimet'en Art beweist deutlich, daß jede. auch, die strenggläubigste Jüdische Richtung —; und mag sie hundertmal betonen, daß sie völlig anf dem Boden der Thora steht — in ein trockenes Sektierertum münden muß, wenn sie sich gewaltsam vom Strom jüdischen Lebens abbindet und einen Gegensatz, den die Wirklichkeit nicht kennt durch haarspaiterische Theorien und Differenzierungen zu stützen sucht Nur einem nationalen Judentum ist Dauer und innere Fruchtbarkeit gegeben, das lehrt nicht minder als der Niedergang der Assimilation auch die Verdornung der west- und mitteleuropäischen Orthodoxie, ebenso wie jeder religiösen Richtung im Judentum der Born ständiger religiöser Erneuerung versiegen muß, die aus der Thora ein kunstvolles theoretisches Lehrgebäude errichtet und die fundamentale Wahrheit übersieht daß diese ein „Baum des Lebens“ ist F. Die Misrachi -Weitkonferenz in Amsterdam Nachdem die Misrachi-'Weltkonferenz Dienstag den 13. Jänner mt einer Begrüßung seitens der Vertreter der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde und der Rabbiner Hollands eröffnet wurde, begannen am Mittwoch Vormittag rn Anwesenheit von 38 Delegierten, die Amerika. Belgien. England. Frankreich. Deutschland. Palästina. Polen. Schweiz und Südafrika vertreten, die ordentlichen Sitzungen. Nach Eröffnung durch Hermann Struck wurden einstimmig Oberrabbüner Landau (Zabrze) und Chachambaschi Usiel (Jaffa) als Ehrenpräsidenten und Rabbi Meier Berlin (Amerika) zum ersten Vorsitzenden gewählt Beisitzer sind: Hermann Struck. Dr. Schönfeld (London) und Rabbiner De Vries (Haarlem)- Als Sekretäre fungieren Privatdozent Dr. Fränkel und Rabbiner Brod (Lipno) für Hebräisch. Rabbiner Berlin betonte bei Ueber- •uahme des Präsidiums den Zweck der Konferenz, eine starke Organisationszentrale, die bisher gefehlt habe, zu schaffen.. Rabbi Usiel als Ehrenvorsitzender übermittelte sodann die Grüße der organisierten palästinensischen Rabbiner, sowie des Jäffaer Rabbinats. Das Referat über Palästina erstattete Rabbiroer Fischmann. Die Position der Juden sei stark, nicht nur Infolge der Balfourerklärunsr. sondern durch ihre Leistungsfähigkeit Es gehe dies deutlich aus der Tatsache hervor, daß die Araber Schulen mit hebräischer Unterrichtsnrache gegründet haben. Die ökonomische Lage, sei verhältnismäßig stabilisiert und alles sei erhältlich, wenn auch teuer. Starke Beeinträchtigungen der bevorstehenden Immigration dürfte die große Wohnungsnot verursachen.. In kultureller Hinsicht seien leider seit den Krfegsiahren keine Fortschritten verzeichnen. Die Türken versuchten längere Zeit jeden jüdischen Unterricht unmöglichzu machen. Jedoch habe sich die Lage auch während der englischen Okkupation nicht derart gebessert, wie es Redner gewünscht hätte. Die orthodoxen Lehranstalten, sind im Niedergänge begriffen. In Jerusalem gibt es 64i:0 Kinder, welche Unterricht empfangen: 4000 von ihnen besuchen nicht-religiöse Schulen. Nicht am wenigsten sei daran die Orthodoxie selber schuld. Die Lage des Misrachi1 sei befriedigend, ikid er übe großen Einfluß auf die palästinensische Orthodoxie aus. ln Jerusalem zähle der Misrachi mehr als 100t) organisierte Anhänger. Die Tachkemonie-Schuie ist die größte Unterrichtsanstalt in Palästina, die etwa 500 Schüler zählt. Im ganzen unterstehen dem Mrsrachi 13 Schulen. Tiberias und Petach-Tikwah seien fast ganz misrachistfsch. Die Agudas Jisroel habe bisher in Jerusalem noch nicht recht Fuß fassen können, obwohl der Misrachi sich bisher viel zu wenig um Jerusalem gekümmert hat Jn erster Linie sei ein Lehrerseminar notwendig, das voraussichtlich mit Hilfe Amerikas zustande kommen werde. Der palästinensischen Misrachiarbeit stelle sich die Indolenz vieler führender Persönlichkeiten hindernd in den Weit. Im Waad H asmani befindet sieh nur ein orthodoxes Mitglied, so daß die Orthodoxie sich an dessen Gründung nicht beteiligen woEte. Demzufolge trägt diese Behörde der Orthodoxie, wie auch dem Misrachi nicht genügend Rechnung. Die Aussichten für den palästinensischen Misrachi sind günstig, er bedarf jedoch der Unterstützung der Misrachisten der ganzen Welt. In geheimer Sitzung erstattete Rabbiner Schönfeld( London) einen Bericht über die poitische Lage. Nach ihm erhielt Dr. Hantke. der als Vertreter des Englischen Aktionskomitees eingetToffen war. zu einer Begrüßung das Wort Die Zeit des farblosen, nach den verschiedenen Lebensanschauungen sich nicht differenzierenden Zionismus sei vorüber. Jede Privatperson werde künftig vor die Wahl gestellt sein, einer bestimmten internpolitischen Richtung sich anzuschtießen. Bei der HerauskrisMlisierung .der verschiedenen Strömungen werde sicherlich auch der Misrachi. dessen Tendenzen an die besten Traditionen des jüdischen Volkes appellieren, seinen Einfluß nicht verfehlen Sodann wurde von den einzelnen Berichterstattern die Lage des Misrachi in den verschiedenen Ländern besprochen. Namens der Deutschen Landsmannschaft referierte Hermann Struck. Rabbi Meier Berlin, berichtete, daß der amerikanische Misracht dank der starken Prinzipiellen Propaganda, bereits jetzt auf 30 bis 35 Tausend Mitglieder hinweisen könne. Er habe auch beim amerikanisch-jüdischen Kongreß eine große Rolle gespielt und sei die einzige gesetztreue Organisation von Bedeutung in Amerika. In Amerika pflege die Mehrheit zu regieren, ohne der jeweiligen Minderheit ihre entsprechende Stelle emzuräumen So wurde von der zionistischen Organisation auch kein einziger Misrachist hach Palästina entsandt und auch die Ernennung eines Misrachisten zum Mitglied der Zionistischen Kommission in Palästina wurde verweigert obwohl Weidmann sich in Amerika wiederholt dafür eingesetzt hat Das Verhältnis zum rechten Flügel der Othodoxie wurde von der Ueberzeugiing mitbestimmt, daß dessen Gegnerschaft nicht auf bösen Willen, sondern auf Mißverstehen zurückzuführen sei Es sei auch schließlich gelungen, den überaus bedeutenden Rabbinerverband in Amerika zum Anschluß an den Mißrachi zu veranlassen. Der Misrachi inaugurierte auch ehre großzügige Kampagne für eine fünftägige Arbeitswoche zwecks Wahrung der Sabbathruhe. Ein Lehrerseminar, das auf nationalreligiöser Grundlage steht und rn welchem der Unterricht in Hebräisch stattfrndet ist dem Misrachi unterstellt Des weiteren berichtete Rabbiner D e Vries über den holländischen. Rabbiner Dimson über den englischen. Moe d über den belgischen und Osäas Qroßvogel (Straßburg) über de« französischen Misrachi. Aus den weiteren Verhandlungstagen seien die wichtigsten Resolutionen wiedergegeben: Die Misrachi-Weltkonferenz spricht den politischen Führern der Zionistischen Organisation ihren tiefen Dank aus für ihre unermüdlichen und erfolggekrönten politischen Bemühungen und aber auch einiges sehr Erfreuliches auf, das für die folgenden Jahrgänge, deren viele noch dem NationalkaJender beschieden sein mögen, als guter Fingerzeig dienen mag. Vor allem ist die Zusammenstellung „Aus der jüdischen Sagenwelt" sehr dankenswert sie hat einige gute Werte gehoben (Geheimnis der Mitternacht Die Hand). Diese Art von Zusammenstellungen sollte in derlei Jahrbüchern mit mehr Intensität betrieben werden; sie wind sicher auch dankbare Leser finden und ihnen mehr Werte schenken als die noch immer nicht ausrottbare Familienblattlyrik. Muß Marek Scucrlag noch immer „in bleiernes Schweigen“ versinken und in einem Vers ein Bild .von sich geben, wie „Oeffne den Mund doch, Herz meiner Seele“, womit die ganze Unmöglichkeit solcher Lyrik gekennzeichnet wird? Die eigenartigen, mehr aufs Auge als auis Ohr wirkenden Sonette Urtel Bäruba u m s und die beiden Gedichte Eugen Hoeflichs haben jedenfalls als Kunstwerk an sich Existenzberechtigung, ohne daß jedoch die zwingende Notwendigkeit bestünde, sie in den Almanach aufzunehmen. Eher ist dies bei Bialiks Gedicht zu rechtfertigen, obwohl dieses wieder als Kunstwerk nicht allzu zwingend zu sein scheint. (Das Original habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.) Ebenso ist es mit den beiden Proben ostjüdischer Erzählung. Pins kis schöne Erzählung leidet. unter einer in dendeutschen Tempora. wenig sicheren Uebersetzung, welche die Sache beinahe um ihre Wirkung bringt. Und die Asch-Erzählung ist so miserabel, wie sie nur ein Dilettant vom Schlage Asch* zu schreiben wagt. Bei den Isogejnannten belletristischen Beiträgen wäre weiniger, auf „Namen“ zu sehen und auf „Beiträge“, als vielmehr darauf, Auswahl aus Wertvollem zu geben. Eine kleine Probe aus dei herrlichen Erzählung Agnons „Und das Krumme wird gerade“„ ein paar gute Biabk-Gedichte, Sagen aus den wertvollen Sagensammlungen, die in deutschen Verlagen erscheinen, einige ältere, kleine, literarische Ausgrabungen von Wert, das gäbe dem Almanach einen belletristischen Rahmen, der besser wäre ajs der Abdruck von belletristischen Gelegenheitsarbeiten der Mitarbeiter. Die Studie von Artur F r e ud, „Von Büchern des Jahres“, macht das Leserpublikum aui einige wertvolle Neuerscheinungen des letzten Jahres aufmerksam. Auch diese Art ist für den Almanach von Wert und sollte ausgestaltet werden. Die gute Ausstattung mit Biddschmuck, unter dem eine Studie Elchanan Franks, sowie die von Otto Abeies liebevoll gewerteten jüdischen Bilder Oppenheims hervorgehoben seien, gibt dem Büchlein einen charakteristischen Rahmen. * Im ganzen bringt der Jüdische Nationalkalender wieder Vieles und Anregendes und wird wohl auch (diesmal die Gunst der Leser, die er gewonnen hat, festzuhalten wissen. s—tz. Eine neue Zeitschrift. Im Jänner hat in London eine neue Monatsschrift unter dem Namen „Renaissance“ ihr .Erscheinen begonnen. Säe wird von Leo König redigiert Die erste Nummer bringt unter anderem Originalanfikel und Uebersetzungen folgender Autoren: Leo König. S. Weänfer, Louis Golding, Ch. N. Bialik, Israel Zangwill, Louis ZangwilL, Leopold PElichowski, Luden Pissarro, Dr. I. M. Salkind, S. Winston, Ch. Epstein. gibt der Hoffnung Ausdruck, daß sie m naher Zukunft die ciiesbezügiicben Verhandlungen zum gewünschten Resultate führen werden. Der Anspruch des jüdischen Volkes auf Erezlsrael beruht auf den göttlichen Verheißungen der Heiligen Schrift. Nie ist aus -dem Bewußtsein des Volkes das Vertrauen auf dieses historische Recht geschwunden. Deshalb fordert die Misrachi-Weltkonierenz, daß von Erez-lsrael bei der Errichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk die Grenzen im Sinne der Verheißungen der Heiligen Schrift festgestellt werden Die Misrachi-Weltkonferenz verlangt, daß der in den Proposals vorgeschlagene „J e wi s h Council“ so definiert werde, daß möglichst alle großen jüdischen Organisationen, die sich am Aufbau Erez-Israels als jüdisch-nationales Heim beteiligen wollen, dem Jewish Council bedtreten können. Die Misrachi-Weltkonferenz spricht den dringlichsten Wunsch aus, daß m den Vorschlägen, die die Zionistische Organisation der Friedenskonferenz vorlegt, gefordert werde: 1. 'daß das Zivilgerichtsverfahren zwischen Juden und Juden in Erez-lsrael auf dem Boden dies jüdischen Zivilgesetzes stehen soll; 2. daß das jüdische Ehegesetz in offizieller Weise als das fetnzige Ehegesetz für die Juden in Erez-lsrael anerkannt werde; 3. daß der Sabbat als der gesetzliche Ruhetag in Erez-lsrael eingesetzt werde. Die Misrachi-Weltkonferenz fordert, daß bei der Organisation des allgemeinen sozialen Lebens in Palästina die Verwirklichung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit berücksichtigt werde. Das Auftreiben der Preise für das Ankäufen von Ländereien und die Ausbeute der Arbeiter ist gemäß dem Thoragesetz zu verhindern. Der gegenwärtige Zustand des unter dem ..Waad Hachinucft“ stehenden Erziehungswesens in Erez-lsrael genügt den Anforderungen des traditionellen Judentums in keiner Weise. Im Hinblick auf die religiösen Grundlagen unserer Weltanschauung, auf denen unser Erziehungswesen aufzubauen Ist, ersuchen wir die Leitung der zionistischen Organisation, den Beschluß der Londoner Konferenz auf Schaffung zweier von einander unabhängigen Waadim für das Erziehungswesen in Erez-lsrael innerhalb zweier Monate durchzuführen. Sollte die Leitung der zionistischen Organisation die Ausführung des Londoner Beschlusses ungerechter Weise ableimen, so werden wir die Führung in dem gesamten gesetzestreuen Erziehungswesen in Erez-'sraei unabhängig von den gegenwärtigen zionistischen Erziehungsorganen in die Hand nehmen. Diese Regelung hat Dauer bis zur Entscheidung der Frage durch die jüdische Gesamtvertretung Erez-Israels. Die Misrachi-Weltkonferenz ist von der UebeTzeugimg durchdrungen, daß die Gründung einer Hochschule für jüdische Wissenschaft sehr viel dazu bei tragen wird, das national-religiöse Judentum in Palästina zu stärken und zu heben. Sie beauftragt daher die Zentralleitung, die Vorbereitungsarbeit sofort m Angriff zu nehmen, um möglichst bald diese Hochschule eröffnen zu können. Dfe Weltkonferenz des Misrachi spricht ihre große Freude darüber aus, daß die Errichtung einer hebräischenUniversität in Jerusalem von der zionistischen Organisation in Angriff genommen ist. Sie beauftragt die Leitung der Organisation, eine Kommission einzusetzen, die sich mit der Universitätsarbeit beschäftigt. Sie drückt die Erwartung aus, daß es gelingen wird, eine Grgaräsationsform für die Universität zu finden, bei der die Gewissensfreiheit der verschiedenen religiös-kulturellen Richtungen gewahrt bleibt. _ Die Konferenz spricht ihre Freude über die Gründung eines Lehrerseminars in Jerusalem aus und zugleich der Misrachi-Organisation m Amerika ihren Dank für ihre Hilfe bei der Gründung dieser wichtigen Anstalt. Sie verpflichtet oie allgemeine Organisation, die Unterstützung dieser Anstalt auf sich zu nehmen und bald auch ein Beth-Hamidrasch für Mädchen zu gründen. Dre Weltkonferenz des Misrachi beschließt in Ausführung der Beschlüsse der Misrachi-Konferenz m Jerusalem eine Delegation zum Baron Rothschild nach Paris zu entsenden, mit der Bitte, daß die Schulen, die von Baron Rothschild in den Kolonien in Erez-lsrael gegründet sind, unter die Aufsicht und Leitung der Misrachi - Organisation gestellt werden mögen. Das Zentralbureau des Misrachi wurde nach London verlegt. Als Mitglieder wurden bestimmt: Stuart Samuel. Oberrabbincr Doktor Hertz, Dr. Schön fei d. Prof. Pick und Abgeordneter F a r b s t e i n (Warschau). In Palästina wird vorläufig ein Zweigbureau errichtet. Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität in Palästina Von ArJe L. Rosenblatt, Beriln. Wir entnehmen diesen interessanten Artikel dem demnächst - erscheinenden Heft 9 der Zeitschrift „Der Jude“, aus der ihn uns der Verlag R. Löwit zur Verfügung gestellt hat. Die Red Inmitten der weltumwandelnden Ereignisse unserer Tage wandelt sich auch das ewige Prohlem, das das jüdische heißt. Es sucht nach einer endgültigen, erschöpfenden Lösung, nach derjenigen Tat, die mm endlich einmal ganz jenseits, des Galuth, nicht zum Zwecke der Abwehr