Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 6 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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öetteS Nr. 6 Erwachen und Erstarrung Das Judentum in der Slowakei schreitet auf dem Wese zur Aktivierung des Judentums rüstig fort. Seitdem der politische Umsturz die slowakischen Juden von Ungarn losriß und ein plötzlich ausbrechender exzessiver Antisemitismus ihnen die Augen öffnete, daß es nicht länger angehe, im Schlepptau fremdnationaler Interessen Politik zu machen, hat das slowakische Judentum, in dem starke jüdische Energien leben, sich auf seine wahren Aufgaben besonnen und entschlossen die Bahn einer Politik beschritten, die von den eigenen Interessen und dem Verlangen nach Erlösung der jüdischen Würde vorgezeichnet ist Der Zusammenschluß zu einem jüdischen Volksverband war der erste Schritt Nunmehr hat in Pistyan ein jüdischer Volkstag für die Slowakei stattgefunden, der eine sehr zahlreiche Beschickung aufwies und mit Einstimmigkeit die Aufstellung eigener jüdischer Kandidaten für die künftigen Wahlen in die Prager Nationalversammlung beschloß. Es wunde zu diesem Zwecke unter dem Titel Vereinigte jüdische Parteien in der Slowakei eine politische Organisation geschaffen, die sich das folgende Programm gegeben hat: Das Judentum hat nach Beendigung des Weltkrieges, besonders in den Ländern der Mittelmächte, am eigenen Leibe die schlimmsten Erfahrungen gemacht, welche jeden einzelnen Juden zu der Ueberzeugung bringen mußten, daß wir aufeinander angewiesen sind und in unserer schweren Lage einen wirksamen Schutz nur an unserer Einigkeit finden können. Dadurch, daß es uns an diesem Solidaritätsgefühl gefehlt hat, hat sich das Judentum selbst zum Prügelknaben und bei allen Völkern mißliebig gemacht In dem bevorstehenden Wahlkampf soll daher das Judentum aus dem erbitterten Streite der Partmen herausgezogen und möglichst neutralisiert werden. Es ist ein günstiger Umstand, daß das neue Wahlgesetz mit Einführung des Proportionalsystems auch so Weinen Minoritäten, wie wiT es sind, die Möglichkeit einer eigenen Vertretung gewährt.,. Dieses neue System legt uns aber gleichzeitig die gebieterische Pflicht auf, unsere jüdischen Interessen durch jüdische Vertreter, die auf ein jüdisches Programm gewählt sind, zu sichern. Denn da es keine Majorisieruhg bei der Wahl gibt, werden unsere Stimmen nicht mehr (wie bis jetzt ,so oft) das Zünglein an der Wage sein und aus diesem Grunde wird auch keine andere Partei als die unsere die Gunstder jüdischen Wählerschaft durch. Aufnahme jüdischer Postulate in ihr Programm zu bewerben geneigt sein. Die Listenwahl macht auch Versprechungen einzelner Abgeordneter, für uns einzutreten, illusorisch, denn es werden m'cht mehr einzelne Männer gewählt, sondern ganze Parteien. Wir sind daher ganz allein auf uns und unsere Kraft angewiesen. > In Berücksichtigung dieser Situation haben sich die Juden der Slowakei, ungeachtet der Parteäschattierungen, unter dem Titel „Vereinigte jüdische Partei“ zusammengeschlossen, um bei den Wahlen geschlossen und einheitlich vorzugehen.!ä v Diese einheitliche „Vereinigte jüdische Partei“ des Judentums in der Slowakei hat sich zum Zwecke der Wahlen, mit Rücksicht auf die durch das Wahlgesetz gegebene technische Notwendigkeit, mit den übrigen jüdischen Parteien Böhmens, Mährens und Schlesiens unter dem Namen „Vereinigte jüdische Parteien“ als eine gemeinschaftliche wahlw erbende Partei vereinigt Es wird ausdrücklich bemerkt daß diese Vereinigung bloß zum Zwecke der Wahlen gilt, weil die Lage des Judentums in der Slowakei scharf zu unterscheiden ist von der Lage der übrigen Judenheit Die Vereinigte jüdische Partei des Judentums in der Slowakei tritt mit nachstehendem Programm in den Wahlkampf. Die Vereinigten jüdischen Parteien erklären, daß sie sich zur Wahrung der jüdischen Interessen zusammengeschlossen haben. ' Die Grundlage unseres Programmes bildet der unermüdliche Kampf um die volle Emanzipation und Gleichberechtigung des Judentums in a) politischen, b) wirtschaftlichen, resp. sozialen. c) kulturellen und d) religiösen Hinsichten. Ad a) in politischer Hinsicht kämpfen wir um die vollkommene politische Freiheit. Gleichheit vor dem Gesetze und gegen alle Beschränkungen jeder menschlichen Rechte Am eigenen Leibe haben wir die Ungerechtigkeit der Internierungen in den Sommermonaten des Jahres 1919 gespürt, daher werden wir sorgfältig darauf achten, daß sich solche Verhältnisse nicht wiederholen mögen. Wir werden dahin arbeiten, daß die Kompetenz der Verwaltungsbehörden durch die Gesetzgebung eingeschränkt werde. Wir werden alles aufbieten, um sämtliche Schickanierungen unmöglich zu machen. Wir kämpfen gegen Antisemitismus und Boykott in jeder Form. Wir streben an, daß dem ausgeplünderten Dorfjuden die Möglichkeit geboten werde, ungefährdet in sein Heim zurückzukehren und auf den Trümmern seines Vermögens eine anständige Existenz aufzubauen. Wir wünschen die Zusammenfassung aller Juden, die die Erhaltung des Judentums wünschen und an seine Zukunft glauben. Ad b) in wirtschaftlicher und sozialer Beziehung wollen wir unter Berücksichtigung der besonderen jüdischen. Wirtschaftsverhältnisse für die Interessen des Judentums eintreten. Die Frage der Lizenzen werden wir im Auge behalten und alles daran setzen, daß der existenzlose Dorfjude seiner letzten materiellen Stütze nicht beraubt werde. Wir werden die Vergütung der Plünderungsschäden energisch verlangen und namentlich in jenen Fällen auftreten, in denen die Räuber das gestohlene Gut vor den Augen der ausgeplünderten Juden benützen, ohne daß letzteren die Möglichkeit geboten wäre, wenn schon nicht kriminell, so doch wenigstens privatrechtlich vorzugehen. Ad c) in kultureller Hinsicht wollen wir alle jüdischen kulturellen Institutionen weitgehendst unterstützen. Wir kämpfen für die unbedingte Aufrechterhaltung, respektive Wiedererrichtung der jüdischen Schulen (inklusive Tahnud-Thora-Schulen. Jeschhvoth und so fort), für die Neuerrichtung von jüdischen Fach- ,und Gewerbeschulen, Rückgabe der ehemaligen jüdischen Schulen und Beibehaltung des religiösen jüdischen' Unterrichtes, wobei wir uns darauf stützen, daß unsere jüdischen Schulen in der Slowakei stets Musterschulen waren und als solch^ auch' von nicht]üdisehen Schülern besucht wurden. - - ' ‘ ' Ad d).. Die Partei als jüdische und demokratische Partei rerhorresziert jeden Gewissenszwang und wird dafür sorgen, daß die breiten Massen des Judentums, die ihre Lebensauffassung auf die Grundlage des Schulchaji Aruchs eingestellt haben, in der Ausübung ihrer religiösen Betätigung weder durch Gesetz noch durch Verwa'ti’n^sorgane behindert werden. Wir werden dafür eintreten. daß unsere religiösen Institutionen in traditioneller Weise erhalten,bleiben und von der Regierung Paritätisch im Verhältnisse der jüdischen Bevölkerungszahl moralisch und materiell gleichwie di.e Institutionen und Anstalten der io-en Konzessionen gefördert werdten. Wo Juden in Massen wohnen, die ihr Geschäft am Samstag gesperrt halten, soll es ihnen frei stehen, dieses rm Sonntag bis Mittag offen zu halfen. Das Judentum, als geistige Wesenheit basiert auf dem festen Standnunkte der Nächstenhebe. Daher wird die Indische Partei alles aufbieten. um endlich den Abbau des Hasses zwischen de" Nationen zu ermöglichen. Unsere Ideale sind: Völker Versöhnung, allgemeine Toleranz. Mitarbeit an der demokratischen Ausgestaltung von Gesetzgebung und Verwaltung. Wir wollen, soweit es in unseren Kräften ist dahin wirken, daß die durch einen fünfjährigen Krieg heimgesuchten Länder und Nationen sich verständigen und wir werden im Rahmen unserer Politik alle Bestrebungen unterstützen,-;die darauf hinzielen, sowie auch initiativ Vorgehen, damit diese großen menschlichen Ziele verwirklicht werden. Widerstand ' findet diese beiwußti üdi sehe Tätigkeit nur auf der Seite der in der Slowakei starken Orthodoxie, deren Führer den Geist der Zeit nicht begreifen, wollen und. wie verschiedene Anzeichen künden, sich wie früher! der ungarischen, so jetzt der slowakischen Regierung in einer unpolitischen ServBltät die mit loyalem Verhalten nichts gemein hat anzubinden suchea Gewisse orthodoxe Kreise, die sich selbst zu Führern der Orthodoxie ernannt zu haben scheinen. und den unjüdischen Zustand, der zwischen „orthodox“ und „neodox“ eine strenge Scheidewand aufrichtete, welche die beiden Richtungen zu Sekten stempelte. — ein Zustand, der als Entartungserscheinung der Assimilative zu werten und darum nur in Ungarn und Deutschland zu finden ist wo die Orthodoxie immer starrer und lebensfremder wird ’ und strengen Buchstabenglauben auf nationaler Assimilation zu verknüpfen sucht — um jeden Preis in die Slowakei hinüberretten möchten, wollen nunmehr eine Schwenkung von der magyarischen' zur slowakischen Assimilation vorbereiten, ohne im mindesten das Unwürdige und Schädliche eines nur in der politischen Selbstentmündigung konsequenten Charmäleonspolitik“ zu empfinden. Diese ungarisch-slowakische Trennungsorthodoxie hat ihre rechten Gesinsiungsverwandten in der deutschen Gruppe, die sich um den Mainzer „Israelit“ schart Das Blatt widmet den Juden, die nunmehr mach der Ratifizierung des Friedens unter polnische Gewalt kommen, einen Artikel, in dem es heißt: „Die* Juden Neupolens. bislang gut deutsch gesinnt werden schon aus Gefühlsmomenten sich nicht nach einer Assimilation orientieren können, die im politischen wie sogar im religiösen Leben auf der Anpassung an den polnischen Nationalismus beruht“ Die Ausdrucksweise ist so vorsichtig wie der Stirn klar: die Juden Neupolens werden, so hofft der „Israelit“, ihre „gutdeutsche“ -Gesinnung auch unter der neuen Ordnung bewahren. In Deutschland. Ungarn und der Slowakei — diese Orthodoxie bleibt sich überall gleich. Im übrigen aber ist zu merken, daß die strenggläubigen Juden der Slowakei von ihren bisherigen Führern vielfach bereits abzurücken beginnen, Daß das Charakterbild dieser Orthodoxie beständig schwankt rührt davon her. daß sie seit ie eine - Schaukelpolitik *• betreibt- ■ und!' atif - zwei Stühlen sitzen möchte. Die deutschchauvinistische Orthodoxie Frankfurter Couleurs will von ihrem Deutschtum um keinen Preis lassen und wird mm unruhig, weil die englische Besatziingsbehörd© „den jüdischen Bemühungen“ worunter natürlich die Zionisten zu verstehen sind — deutlich entgegenkommt; und besonders die Mitwirkung eines Zionisten wie Herbert Samuel, des gewesenen englischen Ministers und -nunmehrigen Beraters des Gouverneurs von Palästina bei der Verwaltung, bedeutet „eine eminente Gefahr, für die ganze Zukunft Erez Jisroels“. weil ia Palästina zionistisch und nicht jüdisch im Sinne der deut-, sehen Trennüngsorthodoxie" zu werden droht Leute, welche der zionistischen Arbeit seit ie Steine auf den Weg streuten, die jede Mitarbeit ablehnten und von ihrem deutschnationalen Bekenntnis nicht lassen wollen, möchten nun. da das Werk unserer Bemühungen reift, ihren Anspruch auf Palästina anmeldenl Aber Palästina' ist das Land künftiger jüdischer Arbeit und nicht länger der Sitz eines volksverderbenden Chalukahschnorrertums. Der Zionismus als Reaktionserscheinung In liberalen Kreisen wird bekanntlich der Zionismus durch das Argument zu entwerten gesucht, er sei eine bloße Reaktionserscheinung auf den Antisemitismus. Hiezu schreibt in einer Polemik gegen ein liberales Tagblatt die Prager „S e Ibst w eh r“: Man glaubt etwas gegen den Zionismus zu sagen, wenn man zeigt, daß er aus einer Abwebr entstanden ist. daß er edue Reaktion auf den Antisemitismus ist; nur vergißt man dlabei. daß man mit diesem Argument einfach alles deklassieren könnte. Man braucht nicht allzutief zu denken, um zu erkennen, daß die höchsten menschlichen Errungenschaften derartige Reaktionen sind, daß alle Fortschritte der Kultur nichts anderes sind, als Schöpfungen des Geistes, mit welchen er die wechselnden Widerstände der Materie zu überwinden sucht — also nichts anderes als Reaktionen des Geistes auf Angriffe und Hindernisse, die ihm die materielle Welt entgegenwirft Das ist im Einzelnen nicht schwer durchzudenken. So betrachtet ist auch die menschliche Sprache „nur“ eine Reaktionserscheinung; es ist die Art. wie der menschliche Geist auf das Hindennis des intdävidufellen Lebens reagierte; die Methode, wie er die Getrenntheit dier einzelnen Geästessubjekte, der menschlichen Individuen, überwand. — So ist auch die Religion „nur“ eine Reaktion des Menschen auf das Erlebnis der Unendlichkeit des Weltalls, genauer, auf die Widerstände, welche die Begrenztheit des sinnlichen Seins der Unendlichkeit des Geästes und des Denkens entgegensetzen. Und wie aufreizend panadbx es auch klingen mag. selbst dter Idee der schöpferischen Freiheit schadet es nichts, daß die Freiheit abhängig ist von den Widerständen, die sie zu überwinden hat Die Frage also, ob eine geistige Bewegung als Reaktion entstanden ist oder nicht, ist nicht Maßstab für den Wert dieser Bewegung; das ist vielmehr einzig und. allein die schöpferische Kraft die in ihr lebt die Größe des Ideals, zu dlem sie Blick und Tor öffnet und die Herzens- und' Willensmacht, mit der sie den Menschen auf ein neues herrliches Reich des Lebens und des Geistes hinweäst: Siiehe. das gibt es zu erobern! Jüdischer Nationalkalender Almanach au! das Jahr 5680. Fünfter Jahrgang. Der von Otto Ä b e 1 e s und Ludwig B a t o herausgegebene Nationalkalender ist zum fünften Male erschienen und erweist dadurch, daß das jüdische Lesepublikum gern zu diesem Jahrbüchlein greift, welches sich mit Geschick bemüht das jüdische Jahr, die jüdischen Zeiten und die jüdische Zeit in gut perspektivischen Bildern festzuhalten. Diesmal hat der Almanach, entsprechend den schwerwiegenden Ereignissen des verflossenen Judenjahres, die'Ludwig Batos einleitende Betrachtung gut zusammengefaßt und wertet, besonders reichhaltigen Inhalt An grundlegende und Detailfragen unserer Existenz wird von mancher kundigen Hand gestreift Hingewiesen sei vor allem auf Heinrich Margulies* Essay „Politik und Sendung“, welcher — im knappen Rahmen wohl etwas zuwenig tief eindringend; dennoch gerne eindringlich und klar — auf die wichtigen Aufgaben der europäischen Gaiuthpolitik gerade im Zusammenhang mit der Palästinalösung hinweist und auf Emil Steins Artikel „Palästina“, welcher mit ruhiger, von ernstem Verantwortlichkeitsgefühl getragener Sachlichkeit auf die schweren Aufgabenhinweist, die die Ueberantwortung Palästinas an uns stellt. Ueberhaupt berührt die im ganzen nur selten gestörte, anständige, des ernsten Augenblickes würdige Sachlichkeit der Beiträge' wohltuend. Von jüdischer Würde getragen und aus ihr geformt, sie iordemdi ist die hier abgedruckte Antrittsrede des Oberrabbiners Chajes „Das Amt“. Viel weniger einheitlich in der Linie Abraham Schwadrons „Von den zwei Polen der Judenfeindschaft“. Auch der Zorn braucht L'niel Ein wenig bläßlich, aber mit Seele geschrieben Anold Zweigs Abschnitt über „Staat, Gemeinde, Dauer“ aus einem Ostjudenbuch. Jedenfalls wird der Wunsch rege, das Ganze ken-, nen zu lernen. Einige feine Bemerkungen über die zentral» Bedeutung des Sabbats für die Volksseele der Juden und die eigenartig zeitgebundene Religiosität des Galuthjudentums steuert Ernst Müller in seinem Aufsatz „Zur Charakteristik des religiösen Judentums“ bei; freilich wird auch hier nur gestreift, gestreift . . Daß die Dinge nicht erschöpfend sein können und daß sich unter dem vielen auch Unzulänglichkeiten; Eitelkeitsabbilder u. dgL fihden, liegt im Wesen . eines Almanachs. Der literarische Teil des Jahrbuches, mit einer Betrachtung über Ludwig Doczi von Ludwig B a t o begonnen, weist möhr Mängel, daneben