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Jüdische Zeitung · 1920-02-13 · 6 (13.2.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
6 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XiV. Jahrgang *r. 6 Redaktion and Administration -. Wl» li., TaborstraBe I tf-ru pveoher Nr 44038 n. 43319 Nalional-jüdifche* Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds* «iea, Freitag» den 13. Februar 1620 BtniWfcIs: Viert» jüipg 13 K ganxj. 50 S, Einselnammer 1 S. Poatsparkassenkonto 133.404 Gesinnungsgenossen! Mit Riesenschritten nähern wir uns dem Ziele der Verwirklichung des Baseler Programmes. Je näher wir dem Ziele stehen, desto größer wird die Arbeit, das Aufgebot an Kräften. Ungeheure Mittel sind erforderlich, um das gewaltige Werk zu vollenden.- •Die Steuer der von Herzl geschaffenen zionistischen Organisation ist der Schekel. Durch diese von unseren Vorfahren überkommene Steuer haben wir uns seit dem Bestände der Organisation als Bürger des jüdischen Zükunftsstaates bekannt Und diese Pflicht wird um so lieber und mit um so größerer Gebefreudigkeit erfüllt werden, je mehr man das Wesen und Wirken des Staates bejahen und freudig bejahen, kann. Und wie in jedem, geordneten Gemeinwesen die Steuer, so muß bei uns in der zionistischen Organisation der Schekel die Grundlage unseres Budgets und. damit unserer organisatorischen und politischen Arbeit werden. Der Schekel kündet der Welt, daß das jüdische Volk lebt, leben will, eine politische Kraft ist mit der gerechnet werden muß. Das durch den Schekel in der zionistischen Organisation geeinte Judentum kann von den Völkern seine historischen Rechte verlangen. Und der Schekel ist nicht nur Symbol, er ist selbst Mittel zur Verwirklichung. Um politisch, wirtschaftlich und kulturell Palästina zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes zu machen, bedarf es der starken zentralen Organisation, die die Lebenskräfte des jüdischen Volkes weckt sie organisiert und zweckentsprechend leitet Die schweren Jahre des Krieges haben die politische Kraft des Zionismus gewaltig gestärkt Jetzt gilt es, diese politische Kraft auch neu zu organisieren. Notwendiger als jemals ist es heute, die zionistische Organisation zu stärken, auszubauen und alle Juden, denen unser Ziel heilig ist in unsere Organisation, einzugliedern. Zionisten! Eure erste Pflicht ist bei der Aufbringung des Schekels mitzuwirken. Weckt die Gleichgültigen? Mahnt die Saumseligen! Organisiert die Hilfsbereiten! Das Schekeljahr 5679 (1919) .ist abgeschlossen; wer noch unverr ec knete Schekel hat, muß sie unverzüglich verrechnen, respektive abführen. Die Schekelpropaganda fürdas Jahr 5680 (1920) muß mit aller Energie sofort begonnen und unermüdlich fortgesetzt werden. Ihr Ergebnis muß der Bedeutung entsprechen, die dem laufenden Jahr in der Geschichte unseres Volkes zukommen wird. Zionisten, tut eure Pflicht! Zionistisches Landeskomitee für Deutschösterreich. Jakob Weiner. Ing. Robert Stricker. mmmaamamBamamammmmmmmm Die innere Krise in der Deutschen Assimüa+t.on Als Theodor Herzls Weckruf ersc.l .'/- eine neue Epoche im jüdischen Empfinden" und jüdischen Tun einleitete, als unter dem betebenden Hauch des uralten und doch neuen jüdischen Zentralgedankens wesensfremde Krusten sich von der jüdischen Seele zu lösen begannen, da war es doch eigentlich nur die Jugend, welche die Stimme der neuen Zeit begriff. Diese Erscheinung ist keineswegs verwunderlich. Sie ist vielmehr das Kennzeichen einer durchaus natürlichen Entwicklung. Die diamaligen Menschen von reiferem Alter, deren Jugend unter die Einflüsse des „Liberalismus“ geraten war und deren Auffassung von_d'er Welt und ihrer Stellung zu dieser auch ihre jüdische Auffassung bestimmte oder die das Leben lediglich durch die rationalistische Brille sahen, brachten nicht mehr die Spannkraft auf, um sich geistig nach der neuen Idee umzuschalten, sofern diese auf sie einen gewissen Eindruck gemacht hatte. Sie wurden im besten Fall Mitläufer, höchstens Anhänger, aber keine Verkünder. Zum' großen Teil wird diese Erscheinung — über alles Jüdische hinaus — durch die Stellung des Bürgertums, sofern man unter diesem eine geistige Kategorie versteht, zu aller Politik erklärt, wenn man unter „Politik“ das Streben nach radikaler Umformung von Welt und Menschen begreifen will. Je mehr der Jude bereits der europäischen Verbürgerlichung hingegeben war, umso äußerlicher mußte sich seine Beziehung zur Idlee des Zionismus gestalten. Am auffälligsten tritt dieses Verhältnis bei den Juden von Deutschland zutage. Der Zionismus, der in den Jahren, die seit dem Erscheinen des „Judenstaates“ verflossen sind, eine neue Generation um sich geschart und dessen. Anhang in den letzten Zeiten ungeheuer gewachsen ist, ist in Deutschland bis auf den heutigen Tag eine reine Jugend- und Intellektuellenbewegung geblieben, an welcher das soziale und geistige Bürgertum keinerlei wesentlichen Anteil hat. Das deutsche Durchschnittsiudentum von heute unterscheidet sich kaum irgendwie von dem der Neunzigerjahre. Es ist intellektuafistisch und liberalireisinnig, fühlt sich mit dein deutschen Wesen und Schicksal innerlich verbunden und ist eifrig bestrebt, diese Verbundenheit in sich hochzuzüchten, ohne sich von seinem unbegriffenen, aber doch gefühlten jüdischen Erbe lösen zu. können. Dem tieferen Beobachter kamt es nicht verborgen bleiben, daß dieses Judentum einer auf halbem Wege stehengebKeberien Assimilation gegenwärtig ins Stadial einer heftigen innere« Krise eintritt Solange das deutsche Volk sich auf seiner vollen Höhe behauptete und in ungehemmter Macht immer mehr danach strebte, sich nach -ailieo; J2ichiungen.in.-dierBeeite za entfalten, seinen Lefb zu dehnen und' in'.angemessene Weite« irdischen Tuns htnauszuwirken, so lange konnte sich der Jude als willig'begrüßter Mitarbeiter am nauonalen Werk fühle». Gelegentliche antisemitische Ausschreitungen wurden als außenseiterische Erscheinungen empfunden und der Kampf des jüdischen Liberalismus beschränkte sich auf das Streben, die verweigerten Ofiiziersstellungen zu erringen, tim so nach allen Richtungen als „vollwertig“ zu gelten, und 'die restlose Gleichberechtigung galt als Sei aller Wünsche. Nunmehr ist es beträchtlich anders geworden. Dem deutschen Expansionsdrang sind die Flügel beschnitten, der Blick, der in die Weite schweifte, fällt auf enger gewordene Räume, das deutsche Lebern das nach außenhin wirkte, muß sich, nunmehr nach innen konzentrieren. Hand in Hand mit dieser äußeren Umwälzung ging eine noch viel stärkere innere Erschütterung. Das zur Hypertrophie erzogene Machtgefühl eines Volkes ist gebrochen, die Götzen, die es anbetete, sind in den Staub getreten, die konservative Tradition sieht ihre Hierarchie entthront und ihre Ideen außer Kurs gesetzt, während die politische Demokratie die freigewordenen Positionen bezogen hat Der jüdische Freisinn in Deutschland mochte gehofft haben, so sehr er auch mit der Geistesrichtung der Gottesgnadentumepoche verschwistert sein mag, daß die deutsche Republik alle Reste des verhaßten Antisemitismus tilgen werde und sieht nun entsetzt und verwirrt einen Judenhaß von ungeahnter Heftigkeit in die Halme schießen. - Die deutsche Reaktionhat auf der Suche nach einem Sühnopfer ohne viel Zögern den Juden gefunden, dem die ganze Schuld an Deutschlands Sturze auigeladen werden solL Die nationalistischen Parteien und ihre Presse, alle möglichen Ortsgruppen und Vereine wetteifern in einer rüden Judenhetze, bei welcher ihnen der Anteil der Juden an der Revolution und an der Sozialdemokratie, die Teilnahme jüdischer Sozialdemokraten an der Regierung und ihr Hervortreten im deutschen Untersuchungsausschuß das bequeme Stichwort bildet Die Zuwanderung von etlichen Tausend von Ostjuden, welche die ungünstigen Verhältnisse in ihrer polnischen Stiefheimat vertrieben haben — durchaus produktiver Elemente — hat genügt, um neues Oel ins Feuer zu gießen. Aber nicht so sehr der eindeutige und krasse Antisemitismus der entfesselten Instinkte kennzeichnet die innere Krise, in welche das deutsche Assimilationsjudentum geraten ist als vielmehr jener feinere und geistigere Versuch von ernster za nehmender Seite, zwischen deutschem und jüdischem Wesen zu scheiden und die Gefahr einer geistigen Verschmelzung aufzuzeigen. Man würde diesen Versuchen Unrecht tun, wollte man sie mit dem bloßen Schlagwort „Antisemitismus“ ab tun. Hier kündet sich vielmehr ein innerer Entwicklungsprozeß an, der als Reaktion gegen die jüdische Assimilation und gegen das Ueberwuchem des jüdischen Einflusses auf dem Gebiete deutscher kultureller Tätigkeit zu werten ist Ais vor Jahren Moritz Goldstein seinen bekannten Aufsatz im „Kunstwart“ veröffentlichte, in welchem er di« innere Unwahrheit eines Zustandes aufzeigte, der darin bestand, daß die Verwaltung der kulturellen Güter des deutschen Volkes zu übergroßem Teile in jüdisohen Händen liege, begann wohl eine Erörterung dieser Frage :n der deutschen Oeffentlichkeit Aber es blieb charakteristisch, daß es ein Jude war, der auf diese Verhältnisse himieutete und die Diskussion eröfmete. Nunmehr erheben sich in Deutschland auf verschiedenen Seiten ähnlich klingende Stimmen, und diesmal sind es deutsche Stimmen, die vor der Verfälschung des deutschen Wesens durch ihn wesensfremde Elemente warnen. Das bürgerliche deutsche Judentum, das sowohl seine sozialen Anschauungen wie seine vaterländische Auffassung von der Sozialdemokratie scheiden, stößt auf Kälte oder Ablehnung, wo es sich so gerne ganz hingeben möchte und sein umso stärker betontes deutsches VaterJandsgefühl, an 'dessen subjektiver Aufrichtigkeit nicht zu zweifeln ist und der die Bürgerloyalität nicht gejiügt, vermag über die Tatsache nicht hinwegzutäuschen, daß das deutsche Judentum sich in einer schweren inneren Not befindet Mit dem niedrigen Hetzantisemitismus istman seit je leicht fertig geworden, indem man m — natürlich wieder von Juden besuchten — Vorträgen gegen ihn amkämpfte und das letzte, ganz auf den Kampf gegen den Antisemitismus eingestellte - Heft der Zeitschrift des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ zeigt wieder, daß man in den versciücdencn Ortsgruppen dieser Vereinigung der deutschen Assimilation die hauptsächliche Tätigkeit darin erblickt, in diesen jüdischen Vereinen den Antisemitismus durch Vorträge vor jüdischen Hörern zu vernichten. Schwieriger wird es den Deutschen mosaischer Konfession werden, gegen jene Stimmen Recht zu behalten, welche vom Gegensatz zwischen deutschem und jüdischem Wesen ausgehen und auf die Geiährdung des deutschen Geistes hmweisen, welche ihnen durch ein allzu starkes Vorwalten des Judentums auf kulturellem Gebiete gegeben erscheint. Es sind dies Stimmen, die umsomehr ins Gewicht fallen, als sie nicht von demagogischen Hetzpoliitikern her rühren, sondern von Menschen geistiger Prägung, weiche sich ausdrücklich gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwahren. Die geistigen Grundlagen, auf denen die jüdische Assimilation ruhte, seneinen ins Wanken geraten zu wollen und der viel besprochene Selbstmord des Münchener jüdischen Studenten, den die Ausschließung aus eurem Geselligkeitsverein in den Tod trieb und dessen testamentarisches Bekenntnis dem Falle menschliche Größe gibt, ist die glücklicherweise vereinzelt gebliebene äußerste Konsequenz aus dem Verhalten und der geistigen Einstellung einer ganzen Gemeinschaft Es ist fraglich, ob die heutige Generation des jüdischen Bürgertums von Deutschland noch den inneren Anschluß an ein lebendiges Judentum zu finden vermag, aber die innere Krise des deutschen Assimilationsjudentums kann der Ausgangspunkt werden für eine neue Generation, die m den großen Strom eines aktiven Judentums mündet A. F.

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