Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 5 (6.2.1920)
- Date
- 1920-02-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschreiben der zionistischen Kommission Rußlands hervor, welches gewisse Irrtümer der jüdischen Massen zu berichtigen sucht, die für diese von katastrophalen Folgen sein könnten. Es ist ebenso notwendig, diese Irrtümer zu zerstreuen, wie anderseits die wirkliche Sachlage in nicht mißzuverstehender Weise festzustelien. Die Notwendigkeit, ehetunlichst in irgendeiner möglichen Form eine größere zionistische Tagung, und sei es auch nur einen Raimpfkongr'eß. an einem leichter zugänglichen Punkte Europas, als es dermalen London ist, einzuberufen, ergibt sich von selbst Das zionistische Gegenwartsproblem wie das-andere einer etwa bevorstehenden jüdischen Massen Wanderung muß im Zusammenhänge beraten werden und die Vorarbeiten müßten in Einklang gebracht werden mit der für den Monat März einberuferuen allgemeinen jüdischen Hilfskonferenz. In diesem Zusammenhänge verweisen wir auf den in der Berliner „Jüdischen Rundschau“ vom 9. Jänner veröffentlichten Aufsatz von Hans Goslar, der für eine internationale Emigrationskonferenz eintritt und dessen wesentlichen Inhalt wir unseren Lesern wiedergeben. Das Rundschreiben der zionistischen Kommission in Rostow am Don. _ Die provisorische zionistische Kommission in Rostow am Don hat im Herbst ein Zirkular an die jüdische Bevölkerung Rußlands gerichtet, in dem es laut „Zionist Bulletin“ heißt: Wir erhalten von allen Teilen Südrußlands Berichte von dem dringenden Wunsch der jüdischen Bevölkerung, nach Palästina auszuwandem. Es laufen ständig Anfragen bei uns ein, sowohl von einzelnen als auch von zionistischen Vereinen, über die Möglichkeiten dorthin zu reisen. Viele Juden haben ihre Häuser und all ihren Besitz verkauft und sind bereit, sich jeden Augenblick in Bewegung zu setzen. Andere setzen zwar noch ihre Beschäftigungen fort, kommen aber ständig in das zionistische Emigrationsbureau, um Informationen aus Nowo-Rossyjsk und Konstantinopel zu erhalten. Ihre Augen sind so starr auf Palästina gerichtet, daß sie nicht die Kraft haben, ihre eigenen Geschäfte zu f ü h r cn. Seit der Befreiung der Ukraine von den Bolschewiken begann sich gerade in den Bezirken, wo Juden eine hervorragende Rolle im wirtschaftlichen Leben zu spielen pflegten, eine Wieder- .belebung von Handel und Industrie zu zeigen; aber h und er ttausen de unserer Brüder sind so gepackt von der'Idee, unverzüglich nach Palästina zu gehen, daß sie sich nicht entschließen können, ihre gewöhnliche Beschäftigung zu betreiben, und dementsprechend leiden ihre materiellen Interessen. In einigen Orten wurde allerdings eine vernünftige Handlungsweise gewählt Die Auswanderer handeln nicht gesondert, sondern bilden genossenschaftliche Gruppen für die Auswanderung, den Landerwerb und Hausbau. Sie wählen Delegierte, die nach Palästina vorausgehen und den Weg für sie bereiten sollen. Aber auch diese sind von schwerer Erschütterung bedroht wenn irgend ein Mißgeschick die Ungeduldigen unter ihnen betrifft, die sich nicht zurückhalten lassen. Diese Leute würdigen nicht die Hindernisse auf dem Wege der Auswanderung. Sie nähren die trügerische Hoffnung, daß sie imstande sein werden, in 'wenigen Monaten nach Palästina zu gehen und sich dort unter normalen Bedingungen anzusiedeln. Dieses Auswanderungsfieber der jüdischen Massen im Osten Europas ist die unvermeidliche Folge des Elends, in das die Juden durch die fünf Kriegsjahre und durch die russische Revolution gestürzt wurden. Die ununterbrochene Folge schrecklicher Massakers und das Andanem antisemitischer Ausschreitungen legt es unseren Massen nahe, ihre jetzigen . Heimstätten zu verlassen. Hunderttausende von Juden sind bereit, zu Fuß nach Palästina zu gehen und alle Schwierigkeiten dort auf sich zu nehmen, bevor sienoch länger die schrecklichen Verfolgungen ertragen, denen sie in Rußland ausgesetzt sind. Es gibt Leute, wdche glauben, daß ein Element dieser Art kein gutes Kolonisationsmaterial liefern kann und daß darum die Auswanderungsbewegung unter diesen Gruppen unterdrückt werden soll. Es scheint uns, daß eine solche Haltung unsererseits gegenüber unseren jüdischen. Massen grausam und ungerecht wäre. Wenn die zionistische Organisation einen Zauberstab besäße, mit dem sie sofort Fahrzeuge, Züge, Dampfschiffe, Häuser und fruchtbare Felder schaffen könnte, dann würden wir diese hunderttausende unserer gepeinigten Brüder, die unter den Schrecken des vergangenen Jahres in der Ukraine und Polen gelebt haben, nehmen und nach Palästina schaffen. So könnten wir ihre Existenzfrage und die der jüdischen Heimstätte lösen; wo sogleich eine jüdische Majorität geschaffen wäre. Aber die Kolonisation Palästinas gehört der Welt der harten Tatsachen an und nicht der der Märchen. Und die erste Tatsache, der wir gegenüberstehen, Ist die, daß der Friedensvertrag mit der Türkei noch nicht unterzeichnet ist. Infolgedessen können wir keine Einwanderung nach Palästina bringen, solange das Land unter den Bedingungen der Militärverwaltung steht Die zionistische Kommission in Palästina wendet sich energisch gegen eine vorzeitige Einwanderung nach Palästina. Sie macht jene, die ohne besondere Erlaubnis nach Palästina reisen, darauf aufmerksam, daß sie nicht an Land gehen dürfen und, selbst wenn ihnen dies gelänge, nicht dort bleiben könnten. Wir müssen anerkennen, daß unsere Freunde in Palästina die richtige Anschauung vertreten und die einzige, welche nicht nur mit den Interessen Palästinas, sondern auch unserer unglücklichen jüdischen Massen hier übereinstimmt. Sobald der .Friedensvertrag mit der Türkei unterzeichnet ist und die zionistische Organisation in die Lage kommt, dem Problem der Kolonisationsarbeit näherzutreten, werden wir vor allem anderen den zwölften Zionistenkongreß einberufen und eine endgültige Kolonisationspolitik beschließen müssen, ohne die wir nicht in die Lage kämen, die notwendigen Arbeiten in Palästina durchzuführen. Und nach dem Kongresse erwartet uns auch weiterhin noch eine große Menge vorbereitender Arbeit; und erst wenn diqpe Arbeit durchgeführt ist, wird es möglich sein, aie Tore Palästinas für die Massenemigration zu öffnen. Es wird notwendig sein, im Lande Wohnung und Nahrung für einwandernde Massen vorzubereiten, Arbeit und Beschäftigungs- •mögHchkeif. für... sie., -zu -schaffen, beträchtliche Lager von Baumaterial' 'iind Maschinen anzusammeln. Wir werden zahlreiche Fabriken errichten und die Ausstattung der Häfen vervollständigen müssen. Das alles kann nicht in einer Woche oder in einem Monat ausgeführt sein. Allerdings wird die Fassungskraft Palästinas für Neuein wandernde mit dem Fortschritt der Kolonisation verhältnismäßig steigen. Aber während des ersten Jahres wenden wir selbst unter den günstigsten Bedingungen nur in der Lage sein, einige zehntausende Menschen hinüberzunehmen, während die Zahl derer, die nach Palästina geben wollen, Millionen beträgt. Daher wird nur ein kleiner Teil von ihnen in der Lage sein, in das Land zu kommen. Die Eckigkeiten und Eigenschaften des AuswandeTeTS|werden eine große Rolle für die Entscheidung spielen, ob er die Erlaubnis, ins Land zu kommen, erhalten soll. Das Gesetz des Selbstschutzes fordert, daß eine strenge Quarantäne eingerichtet wird, und die zionistische Kommission in Palästina hat schon angekündigt, daß sie sich einer ungeregelten Einwanderung ins Land widersetzen wird. Wenn diese Haltung auch hart erscheint, so ist sie doch durch die Notwendigkeit diktiert, und wenn .wir die Vorwürfe und Magen einzelner auf uns nehmen, wird uns das jüdische Volk dafür segnen, daß wir das Land auf systematische und ordnungsmäßige Weise aufbauen. Wir hören häufig von Leuten, die auswandern wollen: „Zwar verbietet man uns offiziell, nach Palästina zu gehen, aber die Abenteuerlichsten schlagen sich nach Konstantinopel durch und kommen von da nach Palästina. Man wird keinen Juden zurückschicken, wenn er einmal im Lande ist.“ Solche Redensarten halten wir für sehr irrig. Viele von jenen, welche versuchen, auf türkischen Schiffen nach Palästina zu kommen, laufen Gefahr, unterwegs zugrunde zu gehen, und auch die, welche Palästina erreichen, werden dort hilflos dastehen und der zionistischen Kommission zur Last fallen, da sie die Ernährungs- und Wohnungsschwierigkeiten im Lande vermehren. Und die Folgen solcher unüberlegter Handlungen können sein, daß die Einwanderung ins Land überhaupt verboten wird Wir glauben, daß jeder Jude, der nach Palästina auswandera will, sich mit all den angeführten Umständen bekannt machen soll. Es betrübt uns tief, daß wir die Gerüchte von einer jüdischen Flotte, die unter der blau-weißen Flagge segeln und die Kinder des Exils nach Palästäm bringen soll, nicht bestätigen können. Unsere heutige Mitteilung wind eine tiefe Enttäuschung Hervorrufen. Aber da wir verantwortlich sind für das Schicksal des künftigen Palästina, halten wir es für unsere Pflicht, offen zu sprechen. Das jüdische Volk hat Tausende von Jahren auf die Rückkehr nach Palästina gewartet es muß sich noch für einige Zeit mit Geduld wappnen. Die zionistische Organisation versteht die Empfindungen der jüdischen Massen und fühlt vollauf - mit ihren Leiden und Schmerzen. Sie wird alles tun. was in ihrer Macht steht, um den Augenblick herbeizuführen, wo der Wanderungsstrom frei gemacht werden kann. Aber je mehr die Massen Selbstbeschränkung und Geduld üben, je mehr sie sich davon zurückhalten, an die Tore Palästinas zu hämmern, desto rascher und desto weiter werden diese Tore geöffnet werden können. Die Tätigkeit der jüdischen Delegationen bei derFriedenskonferenz Ein Vertreter der Jüdischen Preßzentrale in Zürich hatte eine Unterredung mit Leo Motz kirn, in welcher dieser einen Ueberblick über die Arbeiten des Komitees der Jüdischn Delegationen gab. Herr Motzkim äußerte sich folgendermaßen: „D;e Aufgaben, welche das Komitee der Jüdischen Delegationen an der Friedenskonferenz zu erfüllen hatte, wurden.von verschiedenen Delegationen bald breiter, bald enger aufgefaßt. Eine Uebereinstirnnrang herrschte von vornherein nur darüber, daß die Delegationen der verschiedenen Jiiiidenheiiten; welche insgesamt zwölf Millionen Juden repräsentieren, eine gemeinsame Marschroute haben sollten. Kennzeichnend ist aher für den Willen des jüdischen Volkes, daß alle Delegationen schon vorn Hause aus den Auftrag hatten; nicht-für bürgerliche Emanzipation, sondern auch für nationale Minderbeitsr echte zu kämpfen. Selbst der amerikanischjüdische Kongreß, der ein sehr mächtiges und sehr verantwortungsvolles, dazu aus sehr divergierenden Elementen sich zus amm e nsetze nd es Judentum repräsentierte, hatte nach langjährigen Kämpfen während seiner Tagung durch die sogenannte Kommission dier 52 Kongreßmitglieder. auf Grand von heftigen Diskuss'onen die Formel geprägt, vor der Friedenskonferenz im allgemeinen politische, bürgerliche und religiöse Rechte für die Juden, sowie Minoritätsvertretung zu fordern. Was die Juden Rumäniens betrifft, deren Forderungen vom amerikanisch-jüdischen Kongreß Freie jüdische Volksbühne •J’ Der Stimer, Drama in vier Akten von A. Weiter. (Aufführung im Wiener Bürgertheater am 31. Jänner 1920.) Zweimal liat das russische Judentum eine Zeit des großen Bereuens gehabt: das erste Mal, als die Pogrome im Anfänge der Achtziverjähre des vorigen Jahrhunderts die Hoffnungen der Haskaia auf eine Einordnung der jüdischen Kultur in die russische vernichteten, das zweite Mab als die kurzen Blütenträume, welche die lussische Revolution in den führenden Geistern der russischen Judenhelt hatte knospen lassen, durch die Ereignisse des Jahres 1905 und’ der folgenden Jahre jäh verflogen. Beide Ma'e ist dter kulturelle Niederbruch und die kulturelle Umbiegung in die jüdische, sich auf sich selbst besinnende Beschränkung, aber auch in die großen oder Meinen Stillen der Resignation in der jiddischen Literatur deutlich zu spüren. Das erste Mal in der literarischen Natlonalhymmk eines Fmg. ja sogar eines Schuda Leib Gor dom aber auch im schöpferischen Verstummen Mendel es. Das zweite Mal sozial konzentrierter geworden wie die ganze „jüdisch-weltliche“ Kultur: im Hinabsteigen Perez* „zu den Mukern“ weil er den Zauberschlüssel 'einer Persönlichkeit habe, aber auch im pathetischen Klageruf einer halbentjudeten Generation, welche ein „C h o t o ß i“ zu einem Gotte schickte, dien sie nicht mehr vesfiartd. nicht mehr verstehen konnte. ln diese letzte jüdisch-geistige Sphäre gehört das Drama A. Weiters „Der Stimer“ (der Mensch, welcher stumm wird), das jetzt zum Gedenken des im 36. Jahre seines Lebens durch Wifaaer polnische Pogmmbandken der Literatur entrissenen Dichtens zuir Aufführung kam. Es ist ein Reuebekenntnfe in literarischer Form, ein Versuch, Gestalten und Gestaltung zu formen aus der Stimmung, welche die jüdische Geistes weit Rußlands nach dem Zusammenbruch ihrer sozialen Hoffnungen ergriffen hatte. Ein Versuch, der nicht ganz geglückt ist, weil er zu literarisch angepackt wurde Zu eng-ängstlich, wo Kühnheit und Weile nötig gewesen wäre. Alexander; Ingenieur Sohn treditionstreirer Juden, ist dtir Irrnis und Wirrnis der großen Welt müde geworden und kehrt in düs heimatliche Meine Judenstädtchen zurück, mit einer Gefährtin seiner Wahl; auch sie. Asia, ist in der weiten Welt umhergeirrt und hat — als Weib — viel geirrt. Auch sie wäll die Ruhe vor den Qualen ihrer „weltlichen“ Vergangenheit im Zurückkehren zur engen J üdisclii.-eit des Heimatskreises als „ehrliche“ jüdische Braut Doch die weltliche Vergangenheit in welche Asja durch ein Kind gebunden ist. das sie mit einem Freunde (der auch Alexanders Freund ist) hatte, — diese weltliche Vergangenheit ist zwischen Asia und Alexander und gibt ihnen nicht den Frieden der Jüdlischkeit. den sie , einst verlassen haben und zu dem sie mm zurückkehren wollen. Beide sind .nicht mehr reim, wie es die Generation vor ihnen gewesen ist. beide können nicht mehr bauen; denn sie haben dlas Fundament, den Halt, nicht mehr und noch nicht den die jüdische Kulturkontinuität welche sie und ihresgleichen gesprengt haben, gehabt hat Und da die verlorene jüdische Reinheit nicht mehr zu gewinnen ist so gibt es nur eines: Absonderung, Verstummen. Nicht mehr die Stimme haben im Chor, des Volkes, bis dlar „Gott dies Er- banmens“ die . Stimmen der Menschen löst Alexander tut in der Klaus1 .em Gelübde, zu schweigen; er wird ein Stummer. Asja, die jüdisonc urau, gent ms Nichts. Der Freund will ein Rufer werden in dar Wüste, ein hoffnungsloser Rufer. Und die Zehnschaft der Juden in dfer Klaus* beginnt im alten, ewigen Chor das Minchagebet mit den Worten des „Erbermens“. Dass die Judenheit braucht. Dies ist eine „literarische“ Wiedengabe däteses Stückes, Die Vorgänge sind im Gründe unwesentlich; Jbre Stimmungsausdeutung gilt.ihnen erst Bedeutung, aber nicht viel Gehalt Das Drama voh der Reue, vom „Chotoßi“, das zum Verstummen eines „heimlosen“ Geschlechtes führt ist hier zu wenig belangvoll geballt zu viel Spiel einer Stimmung. Verfutternd. Denn diese Stimmung ist nicht die der Masse. Der starke Sinn fehlt. Dennoch gibt es in diesem Stücke seelische Feinheiten, die, mögen sie auch von den literarischen Pessimisten Europas kommen, durch persönlichen — oder voMichen — Adel im einen Abglanz von Größe gehoben werden. Einen Abglanz nur. Der Glanz, das Licht, Ist .es nicht Dazu fehlte wohl dem Dichter, der starkes soziales Empfinden hatte, die harmonische Stabilität der •eigengebundenen Persönlichkeit. Ein Perez hatte sie. Weiter hatte — wie so viele seines Geschlechtes — d!as Stimmungspathos der labilen Uebersänge. Literatur, derivative Literatur. Was jedoch wir, was unsere Kultur braucht ist das Pathos der Stimme; des Rufes, das alte jüdische Pa th o s. Ist es verloren? Oder wird es aufersteherv? Trotz allem und allem aber ist das Stück Weitetns, dlem Dr. E. Wattenberg innige Worte fneiundwiertvollen Gedenkens vor der Aufführung ins frühe Qnab nächrief, ein Wert Der Wert eines Zeitzeichens. Aus einer gezeichneten Zeit Auch wir leben in Ihr. Die Aufführung hatte zu wenig Stimmung. Regle, Regie! Die Schauspieler wären ja vor-