Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1920-02-06 · 5 (6.2.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
5 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438777-2438782--6575-2446669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XiV. Jahrgang Nr. 5 Naiional-jüdifches Organ Redaktion and Administration: Wtia II., TaboratraBe I Fernspreeher Nr. 44038 u. 43319 Mit der beitage: »Der jüdische Nationalfonds“ ■las, Freitag( das 6. Februar 1920 Bazagaptela Vierte11 Ihrig 13 K ganzj. 50 S. Einielnnmmer 1 K Postsparkassenkonto 133.404 Der Schwerpunkt Des jüöischen Lebens Von Dr. Siegfried Schmitz. Ein wichtiges Element für die Erhaltung des Judentums bifdet die Tatsache, daß es der Judenhea't inmitten ihrer weitgehenden Zerstreuung immer gelungen ist, irgendwo einen Zentralpunkt zu finden, welcher sozusagen der Schwerpunkt des gesamten Volkslebens, seiner wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte wunde. Dieser Schwerpunkt, nach welchem alle schaffenden Kräfte der Judenheit jeweils gravitierten und von dem sich immer Verbindungslinien unserer Produktivität bis in die entferntesten Orte der Galuth zogen, hat — im Zusammenhang mit den sich mehrfach wandelnden Funktionen unseres Volkslebens — im Laufe der Zeit gewechselt. Von Spanien, und der Rheingegend, wo beide Male eine homogene wirtschaftliche und kulturelle Funktion des Volkslebens bestand, verlegte sich der Schw.erpunkt des jüdischen Lebens nach Süd- und Mitteldeutschland, allmählich nach Ostdeutschland, wobei sich abermals eine einheitlche, aber wieder einseitige wirtschaftliche Funktion der Juden und gleichzeitig eine kulturelle Homogenität aiusbildete. Von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an blieb dann dieser Schwerpunkt durch fast ein Vierteljahrhundert in Osteuropa, wohin er ungefähr nach dem Dreißigjährigen Krieg verlegt worden war. blieb dort in verstärktem Maße nach der Eingliederung der westlichen Judenheit in den Wirtschafts- und Kultirrprozeß ihrer Umgebung und der damit zusammenhängenden Loslösung, die dort am stärksten ist, wo kein ostjüdischer Einfluß einwirkt. Gekennzeichnet ist die Stellung des jüdischen Lebens in Osteuropa wieder durch eine einseitige Wirtschaftshomogenität (Klein- und Mittelbürgertum in Zwischenhandel und Handwerk), kulturell durch eine ganz Osteuropa umfassende Sprachhomogenität und durch die Bewegungen zur sozialen Erneuerung der Traditionswerte. Nicht nur die Abschwächung des jüdischen Lebens in Westeuropa stärkte die Zentralpositiön der osteuropäischen Juden, sondern auch die äußeren Verhältnisse den Juden Osteuropas trugen dazu bei. Wichtig war schon die Tatsache, daß die Juden Osteuropas fast alle unter der Herrschaft Großrußlands standen. Und als sich äm letzten Jahrhundert in Rußland der bekannte Empferchungsprozeß der Juden vollzog, bewirkte er mit der rein äußerlichen Zusammenballung der Judenmassen sicherlich auch eine Intensivierung und Konzentrierung des jüdischen Eigenlebens und eine Stärkung des Einflusses der Juden Rußlands infolge rascher Leitungsmöglichkeiten. So lag in Osteuropa und besonders in Rußland vor dem Kriege der Schwerpunkt des jüdischen Lebens. Der Weltkrieg hat dies geändert. Die äußere Form (der russische Einheitsstaat) wurde zertrümmert, aber noch mehr: auch die innere Homogenität des jüdischen Lebens in Osteuropa. Die einstige Wirtschaftseinheit der osteuropäischen Juden war schon vor dem Kriege einerseits durch die äußere Konkurrenz der Westvölker, weiche die fast monopolistische einständische Stellung der Juden brachen, anderseits durch die innere Konkurrenz, welche immer zwerghaftere, immer mehr zersplitterte Wirtschaftsgebilde hervorbrachte, ins Wanken geraten. Die Folge war Verelendung und Emigration. Wirtschaftliche Umschichtungsbestrebungen (Ueberfiihrung von Juden ins Industrieproletariat) erwiesen sich aus Gründen der allgemeinen osteuropäischen und auch der jüdischen Wirtschaftsfähigkeit als zu schwach gegenüber der unheimlich wachsenden Verelendung und der durch die Emigration hervorgerufenen E’issoziierang. Durch den Krieg wurde diese Situation katastrophal, da die Juden Osteuropas in einen wirtschaftlichen Umwälzungsprozeß eimbezogen sind, in welchem ihre bisherige Wirtschaftsform (Klein- und Mittelbürgertum) gänzlich über den Haufen geworfen wird. Die Folge einer solchen wirtschaftlichen Dispersion, die mit der politischen Dissoziation durch die staatliche Zerreißung Osteuropas Hand in Hand geht, ist naturgemäß eine soziale Zerreißung der bisher im wesentlichen sozial einheitlichen Judenheit Osteuropas sowie die drohende Zersplitterung der bisher — trotz der in den letzten Jahrzehnten immer stärker werdenden kulturellen Annagung durch die Umwelt — im wesentlichen gewahrten Kultureinheit des jüdischen Ostens. So hat die Judenheit wieder einen Schwerpunkt verloren, dessen sie zu ihrer Erhaltung stets bedurfte. Die Bestrebungen, welche durch Schaffung eines in seiner organischen Form vor Katastrophen gefeiten Schwerpunktes ln Palästina die Existenz der Gesaantjudenheit sichern wollen, stehen vor der Verwirklichung. Doch es muß, da in Palästina erst die wichtigsten grundlegenden Positionen für eine Volksexistenz geschaffen werden müssen, naturgemäß noch lange dauern, bis es Schwerpunkt für die Judenheit werden kann. Inzwischen hat es den Anschein, als ob nach der jüdischen Katastrophe in Osteuropa der Schwerpunkt des jüdischen Lebens heute nach Amerika verlegt wäre. Amerika hat in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege eine ostjüdische Millionenbevölkerung aufgenommen, die dort eine imglaublich rasche wirtschaftliche Umschichtung mitmachte und doch im Großen und Ganzen eine Wirtschaftseinheit (Industriehandwerk) d'ärstellt, wobei außerdem eine ziemlich starke Einordnung von Juden ms reine Industrieprolebarilat gelungen ist. Die durch Absorption von Juden in die „entjudeten“ modernen Wirtschaftszweige eintretende jüdische Destruktion wurde durch den stetig fließenden Strom neuer Immigranten wettgemaclit, welche in Amerika zunächst fast alle den Weg durch das gewissermaßen eigenjüdische Wirtschaftsgebiet gehen. Die Erhöhung des wirtschaftlichen und sozialen Niveaus sowie die persönliche und politische Freiheit in Amerika ermöglichte den Juden auch ein intensives kulturelles Eigenleben; welches hauptsächlich an die Kulturwerte der allerletzten jüdischen Entwicklung anknüpfen, die durch die Elemente des vitalen Nationalismus (Palästina als Kolonisationsproblem), der profanen Kulturschöpfungen (jiddische Literatur und Presse), der sozialen Umformungen (jüdischer Klassenkampfsozialismus) gekennzeichnet ist. Der Krieg hat nun zugleich mit der europäischen Judenkatastrophe ein starkes Hervortreten der amerikanischen Judenheit, als der heute einzigen konsolidierten Gruppe des Volkes, mit sich gebracht, so daß in Amerika heute der Schwerpunkt des jüdischen Lebens zu liegen scheint. Vielfach wird auch heute für die Besserung der katastrophalen jüdischen Verhältnisse in Europa die materielle und moralische, eventuell politische Hilfe der amerikanischen Judenheit als prima et ultima ratio angesehen. Zu solchem Werke haben sich auch unsere Brüder jenseits des Ozeans in eifriger, der Großzügigkeit nicht entbehrender Weise bereit gefunden. Dennoch fehlt etwas, ein Entscheidendes, Sicherndes, wodurch Amerika wirklich als der Schwerpunkt des jüdischen Lebens gelten könnte, wodurch es überhaupt erst wünschenswert wäre, daß das jüdische Gesamtschicksal von der amerikanischen Judenheit beeinflußt werde. Ihr fehlt bisher sozusagen die se'elische Einstellung auf die j üdische Frage als Gesamtkomplex. Es scheint, daß sich den Juden Amerikas die Lösung der europäischen Judenfrage als ein rein ökonomisch-finanzielles Problem darstellt, während in Wirklichkeit dieses Hilfswerk, sei es noch so großzügig, die Katastrophe nicht barmt. Ebenso ist die gerade von Amerika propagierte möglichst intensive Kolonisation Palästinas allein keine vollständige Lösung der jüdischen Existenzfrage. Das Judenschicksal wird noch lange mit Europa verknüpft sein und zur Lösung des jüdischen Problems bedarf es ebenso der Gewinnung Palästinas als Schwerpunkt des jüdischen Lebens wie einer grundlegenden Neuordnung der Verhältnisse der europäischen Judenheit, der Juden der Galuth überhaupt. Literarische Dilletanten oder abgehauste Politiker haben wohl die „Fundamentaltheorie“ aufgestellt, daß die Juden der Galuth zum Untergang verurteilt seien, daß daher die Besiedlung Palästinas die einzige Möglichkeit darstelle, die Juden zu erhalten, daß es also für die Juden der Galuth nichts zu tun gäbe als — auf ihren Untergang zu warten, der möglichst schmerzlos zu gestalten wäre und dabei gutherzig für etliche Zehntausend oder mehr Juden die Möglichkeit zu schaffeu, in Erez-israel — konserviert zu werden. In Wirklichkeit aber kann es heute ein jüdisches Palästina als Zentralpunkt der Judenheit ohne ein gefestigtes Judentum der Galuth ebensowenig geben wie eine Galuthexistenz des Volkes ohne einen organischen Schwerpunkt in Palästina. Daraus müssen ale Konsequenzen gezogen werden. In der Judenheit Amerikas scheint ein volles Verständnis für diese grundlegende Tatsache nicht zu bestehen. Die Probleme der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung der Galuthjudenheit begegnen in Amerika geradezu der Ablehnung. An ihre Stelle hat sie die Hilfsaktionen gesetzt die, so verdienstlich sie sind, keine Festigung der Verhältnisse schaffen können. Den Fragen der nationalen Autonomie, der beruflichen Umschichtung der Juden in der Galuth, welche gelöst sein müssen, soll unser Bestand gesichert sein, weicht die amerikanische Judenschaft mit geradezu ängstlicher Beflissenheit aus, anscheinend aus gewissen Eigenopportunitätsgründen, die vielleicht im Augenblick maßgebend sein könnten. Und doch können diese Fragen in absehbarer Zeit für die Juden Amerikas brennend wenden. Denn ob sie, wenn der stete Zustrom frischen jüdischen Blutes bei der zu gewärtigenden Sperre der Einwanderung nach Amerika versiegt, imstande sein werden, ihre jüdische Stellung zu behaupten, ist nicht ganz sicher. Es ist anzunehmen,» daß die Juden Amerikas den dissoziierenden, entjudenden Einflüssen der Umgebung nicht werden standhalten können, wenn sie nicht beizeiten ihre jüdische Position sichern. Dazu aber gehört eben jene Klarheit über den Gesamtkomplex der jüdischen Frage und die daraus notwendigen Folgerungen, die bei unseren Brüdern jenseits des Ozeans, wie aus den Aeußerungen der jüdischen Presse und jüdischer Vertreter Amerikas hervorgeht, noch nicht zur Gänze vorhanden zu sein scheint. Sie muß kommen, die es zu spät ist. ehe die Juden Amerikas in den Dissozüerungsprozeß hineingezogen werden, der sie ihrer funktionellen jüdischen Eigenart, die gesamte Judenheit eines wichtigen Stütz- und Schwerpunktes beraubt. Gerade die Einstellung der amerikanischen Judenschaft auf das grundlegende Problem unserer Existenz würde der Gesamtjudenheit, von der ein erheblicher, ihr bisher wichtigster Teil so geschwächt ist, die Kraft geben, ihn durchzuführen. So, nur so wäre Amerika jetzt wirklich der Schwerpunkt des jüdischen Lebens, bis wir für unsere gesicherte Volksexistenz endlich den organischen Schwerpunkt schaffen, statt der bisherigen jeweiligen iunktionellen Schwerpunkte. Palästina wird dieser organische Schwerpunkt sein für und durch eine organisch neugeordnete Judenheit. Dies gilt für die Juden diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans. Die Auswanderung nach Palästina und die jüdischen Massen Wir haben im Leitartikel unserer vorigen Nummer auf die dringende Notwendigkeit hingewiesen, den jüdischen Massen, unter denen vielfach unklare und geradezu phantastische Anschauungen über die sofortigen Auswanderungsmöglichkeiten nach Palästina herrschen, eine eindeutige und klare Parole zu geben. Wie wichtig es ist, daß endlich ein wirklicher Kontakt zwischen dem jüdischen Volke und der zionistischen Leitung hergestellt werde, für welche Zweck eine in London tagende und daher vermutlich ungenügend beschickte Sitzung des Großen Aktionskomitees nicht ausreicht, geht aus dem nachstehend abgedruckten, im offiziellen Londoner zionistischen Bulletin veröffentlichten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.