Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 4 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ' JÜDISCHE ZEITUNG _ viele andere überlebte. Wie lange ist es überhaupt her, daß noch keine Grenz en’waren, über die man .unzufrieden hätte sein können? Und wann hat sich das jüdische Volk vollständiger ökonomischer Sicherheit erfreut oder war frei von der unangenehmen Notwendigkeit, unbegründeten Ansprüchen Konzessionen zu machen? Aberwenn die. Lösung der inneren Probleme, mißglückte, .wenn durch gedankliche Fehler oder Willens- 'schwäche das neue -'Zion unserer Hoffnungen und Träume,’ welches in Palästina im Entstehen begriffen ist, sich des so alten Idealismus, der heißen Sehnsucht vcm Generationen, die für seine Verwirklichung gekämpft haben, unwert erweisen sollte, wenn das jüdische Leben in Palästina nicht der reine, freie, natürliche und ungetrübte Reflex der besten, tiefsten und wahrhaftesten Eigenart jüdischen Wesens sein sollte, sondern wenn bloß eine jüdische Siedlung mehr wäre, die in geistiger Verbannung von dem Königreich 4 lebt, welches ihre Propheten und Lehrer ihnen in allen Zeiten als wahres Ziel ihres Strebens vorhielten, dann fürwahr würde das jüdische Volk einer Enttäuschung gegenüberstehen, die grausamer und schmerzender wäre ’ als jene, welche so viele europäische Völker heute erleben. Palästina ist gewiß das „Land der Verheißung“; aber es ist Sache des jüdischen Volkes, die Verheißung zu verwirklichen und dort eine Gemeinschaft zu schaffen, welche des Landes und seiner’ Traditionen würdig ist. Niemand kann Palästina besuchen, ohne von seinem Zauber gefangengenommen zu werden. Es ist tatsächlich das schönste aller Mittelmeerläuder, die ich gesehen habe. Es ist'unbeschreiblich schön, in seinen Formen wie Farben, bei Tag, bei Mond- und Sternenlicht, wenn die schon lange vorher durch rötliche Wölkchen angekündigte Sonne ihre prächtigen Strahlen über die dunklen Gefilde von Moab wirft und wenn sie, nach ihrem glänzenden Lauf über den klaren Himmel, im Mittelmeer versinkt und die vielfarbigen Reflexe langsam von den Hügeln verschwinden. Aber die Schönheit Palästinas ist ■nicht bloß ein glänzendes Schauspiel, sie erzwingt sich vielmehr unsere innerste Anteilnahme. Der Anblick des Landes und seiner Szenerien ruft in uns ein Heimatsgefühl hervor. Hier müßte gut zu leben sein. Wenn ich an das große und fruchtbare Ackerland von Ekron denke, mit seinem weiten Ausblick über die ruhige Ebene bis zur dunkeln Gebirgskette von Judäa, an die wundervollen Gegenden, welche immer lebendig sein werden in den jüdischen Annalen wie der historische Hügel von Sichron Jaakob, an das heitere und vielgeprüfte Petach Tikwah, „Pforte der Hoffnung“, und, für mich wenigstens, nicht nur der Hoffnung, sondern. auch froher und schöner Erinnerungen, an Poriah mit . seinen unerschrockenen Pionieren, errichtet auf den einsamen Hügeln, welche die berühmteste Wasserfläche —unserer Welt umrahmen, an die glücklichen Stunden, die ich mit Plaudern, Pläneschmieden und Träumereien in Rechoboth. Rosch Pinah, Tel Awiw und vielen anderen Zentren lebendiger Arbeit und Strebens verbrachte, fühle ich, daß die kleinen Anfänge, welche einigermaßen, so sclunerzlich von den Hoffnungen und Phantasien der Studierstube abstechen, Früchte tragen werden. wert des Geistes und der Leiden ihrer Schöpfer. Es ist kein Raum in diesem kurzen Artikel, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Ich wollte nur meiner Ueberzeugung Ausdruck geben, daß von allen Problemen, mit denen sich die zionistische Bewegung befassen muß. politischen.- wirtschaftlichen. hygienischen und anderen, welchen mit Recht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, das wichtigste und entscheidenste doch das Erziehungsproblem ist Denn es genügt nicht einzelne Juden oder jüdische Gruppen zurück in die Heimat zu bringen. Land und Volk müssen einander nicht nur physisch, sondern auch seelisch und geistig näher gebracht werden. Sie müssen ineinander verwachsen. Die her anwachsende Generation soll nicht ..Kolonisten“ als Eltern haben, wie in Kanada oder Neu-Seeland. Sie müssen im wahrsten Sinne des Wortes heimisch sein. Für diejenigen, die in der alten Heimat geboren sind und harmonisch inmitten ihrer Natur aufwachsen, verknüpft mit ihrer Sprache und ihren Traditionen, werden Europa und Amerika ..Kolonien“ und Palästina die „Heimat“. sein. Wie die Verbindung zwischen Land und Volk wiederherzustellen, wie das palästinensische Leben zu bereichern und zu verschönern sei. daß die heranwachsende Generation fühlt daß ihre tiefsten Wünsche, ihr. Strebe« nach vollständiger persönlicher Entfaltung in der vielseitigen modernen Welt befriedigt werden können, daß Palästina aus seinen unerschöpflichen Schätzen sowohl alte wie neue Werte geben kann, das Beste an Schönheit und Gedanken ■der modernen Welt verschmolzen mit allem, was wehrstes und dauerndstes Wesen des jüdischen Volkes ist dies ist das größte der Probleme, das sich den Errichtenn des neuen Zion und nicht zuletzt den Pionieren der nationalen Universität in Jerusalem entgegenstellt. Zangwills und Nordaus „Maximalismus“ Bel einer in London sfatügefundenen zionistischen Versammlung wurde ein Schreiben Zangwills verlesen, worin er sein großes Bedauern über den Aufschub der Baseler Konferenz j ausspricht -Nach Abschluß des Friedens mit der Türkei werden die Zionisten vor einem faät äccompli stehen und die weiteren Konferenzen oder Kongresse werden nichts anderes als eine reine Formsache sein, abgesehen natiüriicb von der zu leistenden Arbeit die den Charakter des „Chowewe Zionismus“ — nur in größerem Maßstabe — tragen wird.' Es wäre, wichtig gewesen, daß die Richter des Friedensrates einen-Begriff bekommen hätten, was-.dem-jüdischen Volte in der : Wirklichkeit not tat und ‘daß die solange von einander...getrennten Zweige der zionistischen Organisation gemeinschaftllche Beratungen pflegen.’ Diese Möglichkeit wurde nicht ausgenützt und dem kann nicht mehr abgeholfen werden. .. . _ Nord au erklärte in seinem Schreiben, daß er mit dem .Faktum rechne, d!aß Palästina unser sein wird, unser‘nicht als „Homeland“! nicht als Zentrum, sondern einfach als unser Land und unser Staat. Es ist kein Grund vorhanden, unklare Worte oder Methoden von Camouflage zu gebrauchen. . Wir müssen den Mut haben, klar, deutlich und! offen zu sagen, was wir denken. Wer mit. weniger zufrieden ist. als einen jüdischen Staat , der vorerst --unter Schutz Englands als Mandatar ■ und nachher in Unabhängigkeit dasteht ist. kein politischer Zionist sondern etwas ganz anderes, für das er .sich erst irgend einen beliebigen Namen erdenken und auswähieri kann. (Jüd, Preßzentrale Zürich.) jabotinsky über die gegenwärtigen Aufgaben .. Jabotinski bespricht in’ „Haarezu (früher „Cha.daschöth Häarez“.) die Frage der Emigration nach Palästina und schreibt unter andterem: Als Anhänger einer großen Emigration nach Palästina will ich zu erklären versuchen, was wir gegenwärtig „brauchen. 1. Maxi bedarf keiner Experten, um zu wissen, daß man Vorbereitungen treffen müsse, wenn Palästina fähig gemacht werden soll, .eine große Zahl von Emigranten aufzuhehmen: 2. Man darf nicht übertreiben bei der Feststellung der. Zahl eventueller Emigranten aus Osteuropa. Es könnte jetzt scheinen, daß alle davongehen wollten: Aber ich bin überzeugt, daß nur ein gewisser Prozentsatz aus dem osteuropäischen Judentum zum Warnderstabe greifen wind, wenn der Sturm vorüber sein wird. 3. Man will uns einred'en. daß die Vorbereitungen lange Zeit in Anspruch nehmen müssen. Ich glaube jedoch nicht an diese Einbildungen. . Die zum Aufbau von Erez Israel nötige Zeit .hängt von der Intensität des Bauens ab: beginnt man mit dem Baue des zweiten Hauses, nachdem man das erste beendigt * hat. ’dann wird man zehn Häuser in zehn Jahren fertig bringen, man kann doch aber tausend Häuser während eines Sommers errichten. Denn worin besteht eigentlich die vorbereitende Arbeit? Im Austrocknen von Sümpfen, in d<er Aufforstung der Berge; Im Weg- und Eisenbahnen- , und Hafenbau, im Ländteuf.im Erlangen: von Konzessionen auf gesellschaftliche Einrichtungen, in der Errichtung von Fabriken, der Schaffung einer Handelsflotte, von Städten uind Kolonien und der Schaffung neuer Iiandfelsmärkte. _ Von all diesen Arbeiten. ist nur die letzte von der. Zeit abhängig und fordert eine langsame Entwicklung. Das übrige jedoch hängt' von der Arbeitsintensität ab. Wehn zehn Menschen einen Quadratkilometer Sumpf in einem Jahre austrocknen können, dann können zehntausend! in einem Jahre .tausend’ Quadratkilometer austrocknen, usw. Man kann nicht sagen, daß es „wissenschaftlich“ ■ unbegründet sei, ein ganzes Netz von Eisenbahnen in Palästina zu. erbauen, wenn sie im jetzigen Augenblick nicht nötig seien. Ebenso wie man nicht gegen den Bau einer Schule in einer neugebauten Kolonie sein, kann, wenn die Kinder für die Schule noch gar'nicht vorhanden sind. Beim Bau eines Landes muß mah. mit den Eventualitäten, rechnen. Vier Bedingungen sind1 für eine intensive Arbeit nötig: Politische Möglichkeiten, Menschen- , material. Geld und ein Plan. Was die erste anlangt, hat Dr. We izm ann auf einer Sitzung des „Waad hasmani“ erklärt, man müsse unsere nationalen Forderungen' in. diesem Sinne formulieren. Di© zweite Bedingung — Menschenmaferial — haben wir unbegrenzt An der Quantität wind! es nicht , mangeln, vielleicht an der Qualität Eies aber wird nicht geändert werden, wenn wir noch zehn Jahre in der Galuth bleäben woBeit Wir. müssen das vorhandene Material an Menschen benützen. Die dritte Bedingung — Geld' — ist schwerer. Wir haben früher. auf die kleinen Kapitalien gerechnet welche die Mittelklassen von Osteuropa bringen werden. Jetzt .' sehen wir aber die Entwertung der Geldmittel. Die Geldlasten wird man deshalb auf die Schultern des amerikanischen Judentums laden'müssen. wobei England .und Frankreich mithelfen sollten. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß man sich gleichzeitig an Amerika um Hilfe auch aus den zerstörten Ländlern wenden wird. Und wenn wir nicht den Aufbau /Palästinas als eine teilweise Antwort auf die Zerstörung, die in unserer‘Geschichte .nicht ihresgleichen hat, aufstellen, dann1 wird im Interesse unserer hungrigen Brüder in Osteuropa das Schlagwort ausgespidlt werden, daß der Zionismus zufällige Katastrophen nicht berücksichtigt und jetzt nicht am Platze ist Die jetzige Katastrophe ist keine zufällige, wir Zionisten haben immer gepredigt daß die Galuth. auf einer falschen Grundlage ruht und ein Moment kommen muß. der dies beweisen wird'. Die jetzige Katastrophe ist eine organische Konsequenz der Galuth. Der. Zionismus muß auf die Lüge von der. Galuth antworten sonst bleibt er selbst eine Lüge. Die' vierte Bedingung, der Plan, muß sich dem historischen Moment anpassen. Es muß ein Arbeitsplan auf gestellt: werden. weicher alle möglichen Arbeiten im Lande iir;. 4 umfassen soff. Bewässerung, Aufforstung. Wege-, Eisenbahnen-, Hafenbau usw„ ein. Plan, welcher die Beschäftigung von zehntausenden von Arbeitern „ermöglichen soll. ein Plant der uns den Mut geben soll, Milliarden und nicht Millionen zu fordern. Wenn wir großzügig beginnen wollen, werden sich viele unseren Reihen an schließen und uns helfen. Wenn wir .-uns mit Kleinlichkeiten begnügen, dann, wird nicht einmal die Masse mit uns gehen.. Ussischkin für die sofortige Aufnahme der Arbeit in Palästina Der Pariser P. Gewährsmann der. „Jüdischen Preßzentrale Zürich“ berichtet: . In der Meinung, daß die zionistische Jahreskonterenz stattfinden .■ werde, übersandte Üssischkin, der an^j^et Spitze der zionistischen Palästinakommission steht, der Konferenz ein Begrüßungsschreiben. Der Inhalt. dieses Briefes wirft, ein heiles Licht auf die gegenwärtige Lage des Zio nismus. Vor allem .konstatiert Ussischkin. sein völliges Einverständnis mit Weizmann in allen Palästinafragen. Was die Lage ln Palästina anbetrifft, so stellt er folgernde Forderungen auf: . ■ Es ist notwendig,: so schnell wie möglich die Lage der Juden im Palästina gesetzlich zu regulieren, damit wir nicht von den Launen dei einzelnen Beamten abhängen. . Obwohl das Mandat noch-nicht erteilt ist, ist auch eine gr oße.praktische Arbeit ta Palästina bereits unter den . jetzigen Verhältnissen möglich. Man müßte sofort das in unseren Händen sich befindende Land bearbeiten und kann bereits.--jetzt viel. Land pachten, das .man.- später käuflich erwerben könnte. Man kann und muß sofort eine große Reihe von öffentlichen Arbeiten beginnen; H ä u s e r -sowohl für private als für öffentliche Zwecke bauen und auch verschiedene Industrien lassen sich bereits jetzt entwickela Trotz der mannigfachsten Parteiströmungen zeichnet sich das ganze palästinensische Judentum durch Liebe und Hingebung an das Land unserer Väter aus. Im Prozesse der Arbeit würde sich die Einheit aller Parteien manifestieren Es ist aber notwendig, daß neue Einwanderer mit starken Nerven, mit materiellen Mitteln oder reichem Wissen ins Land kommen, um sich sofort am Aufbau unseres "nationalen Heimes zu beteiligen. - Es ist notwendig, sofort große Finanzmittel zu schaffen, aber nicht auf dem Wege der Sammlung freiwilliger Gaben,: sondern durch Gründung gut fundierter’Fin’amzinsfitute, da es sich nicht um WoMtäigkeit, sondern tun den Aufbau eines- Volkslebens handelt Kein Augenblick ist zu verlieren, Arbeit ist möglich und alles •Hängt von dem Willen des Judentums ab. Die Entwicklung des Ackerbaus in Mesopotamien Das alte kolonisatorische Problem: aus Mesopotamien wieder ein reiches Agrikulturland, eine Kornkammer der Welt zu machen, hat während des Krieges durch die britische Verwaltung eines Teiles von Mesopotamien einen neuen Lösungsversuch erfahren, und die Neuordnung der politischen Verhältnisse, bei der England sicherlich seine Vorherrschaft in Arabien festigen wird, dürfte die Fortsetzung der ’ hier im Krieg begonnenen Arbeiten wohl fördern. Im Oktoberheft der „Q u a r 11 e r y R e v i e w“ wurden in einem Artikel-über die britische Verwaltung in Mesopotamien beachtenswerte Mitteilungen gemacht.;. . Die beiden Wilajets Basra und Bagdad, die den Irak, das Land zwischen' Euphrat und Tigris; bilden, stad von der türkischen Regierung nicht wie ein eigener Landesteil der Türkei, sondern wie ein fremdes erobertes Land, und die arabischen Einwohner dieses Landesteiles nicht wie Bürger sondern wie Untertanen des türkischen Reiches behandelt worden. Dieser Umstand hat für die Verwaltung und die mangelhafte Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte im Irak eine große Rolle gespielt. Ein großes Werk, das die türkische Regierung im Irak in Angriff genommen. hat war bei Beginn, des Krieges zwar in der Entwicklung, aber noch nicht durchgeführt Es handelt sich um das Projekt Sir William Willcocks1: durch die Errichtung von Talsperren am Euphrat und am Tigris und durch ein dadurch zu schaffendes Kanalsystem 12,5 Millionen Acres zu bewässern. Im Herbst 1914 waren die Talsperre selbst und die Hauptstücke des Hillahkanals fertiggestellt Einer der beiden Zugangskanäle, die notwendig sind, um der Talsperre ihre Wirksamkeit zu’ verschaffen, war’projektiert, andere Nebenarbeiten waren im Fortschreiten. Nach' der britischen Besetzung des Landes bestand für die britische'-Verwaltun g das dringende Interesse an der Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion Mesopotamiens, schon zur Erhaltung der Armee. Das Land war im Jahr© 1917 nicht nur nicht in der Lage,-zu dem Bedarf der englischen Armee von 90.000 Tonnen Getreide, hauptsächlich Gerste, beizutragen, es mußten sogar die Bedürfnisse der Zivil bevölkerung durch Einfuhren aus Indien mitgedeckt werden. Der erStfe Versorgungsoffizier stellte mm 1917 einen groß angelegten Plan zur Ackerbau’entwicklumg im Irak aus. Nach diesem Plan sollte die Ernte im Jahre 1918-19 auf 250.000 Tonnen gesteigert werden, von denen 160.000 Tonnen für die Bevölkerung dienen sollten und 90.000 Tonnen für die“ Armee. Die erste Voraussetzung für den'Erfolg dieses Ackerbauplanes war, daß die Bauern vor den Kriegsgefahren