Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 4 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Worten. begrüßte und Sir. fruchtbare Arbeit wünschte. Er hoffe ahif die baldige Ertüllimg der ewigen Sehnsucht dies .jüdischen 'Volkes nach /seiner nationalen Heimstätte in Palästina. Jüdische Volksbanken. Um das jüdische Spar- und Leihkassenwesen acrszubaiueh und zii zentralisieren, ist in Kowno eine zentraile jüdische Volksbaink für Litauen gegründet worden!. Diese Bank will die Provinzkassen bei ihrer dreifachen Aufgabe unterstützen: 1. dien jüdischen Kaufmann mit Ware aus erster Hand zu versorgen; 2. das jüdische-Handwerk durch Beschaffung .von Rohstoffe« aufzurichten; 3. den Uebergang der litauischen Judten zur Landwirtschaft weitgehendst 'zu ermöglichen. Von den Statuten der Baink sind - die. wichtigsten foügeride : § 1. Die zentrale jüdische Volksbank will alte jüdischen wirtschaftlichen Vereines unterstützen/, die ihre Geschäfte auf den Grundsätzen gegenseitiger Hilfe führen, wie Konsumvereine, Produktionsgenossenschaften, Darlehenskassen, Einkauf sgese] lschaf ten usw. § 3. Das Grundkapital besteht aus 3,000.000 Mark, die auf 3000 einfache umMO Vorzugsaktien verteilt sind. Die 'privilegierten Aktien - sollen unter verschiedene jüdische Organisationen nach der Bestimmung der obersten Instanz der jüdischen Selbstverwaltung in Litauen verteilt werden, um die gemeinnützigen Ziele der Bank zu wahren. Die 10 privilegierten Aktien /sollen über soviel Stimmen verfügen, wie alle anderen Aktien zusammen. ■ § 18. Vom Reingewinn/ wird nach Abzug alte- Kosten und Verluste vor allem eine bestimmte Summe zugunsten der Bankangestellten abgerechnet, 5 Prozent vom Rest werden dem Reservefonds abgeführü und! 10 Pozent als Dividende verteilt. Die übriggebliebene Summe zerfällt wiederum wie folgt: 25 Prozent sollen einen Sonderreservefonds bilden, 25 Prozent werden für die jüdische Genossenschaf tsbeweg/ung im Litauen laut Anweisungen der Inhaber ‘der Vorzugsaktien verwendet, über 59 Prozent verfügt die Generalversammlung der Aktionäre.- Das jüdisch -• skandinavische Hilfskomitee hat /drei Millionen Mark für das Grundkaptall der Bank bewilligt, die den wirtschaftlichen Wiederaufbau dler titanischen Juden finanzieren wird. Das Komitee verlangt aber vom litauischen Judentum selber die Anlage von =10 Prozent des Kapitals, dlas sind' 300.000 Mark. Die Zeichnungen dler Aktien in Litauen sinfd! im Gang. Demission des Unterstaatssekretärs Rosenbaum. Der Kownoer I.-Rorrespondent der .Jüdischen Preßzentrale Zürich“ berichtet: Der litauische Politiker und bekannte Zionist S. Rosenbaum hlat seine Demission als Mitglied' der litauischem Regierüng eingereicht. Er bleibt jedoch weiterhin Mitglied! der Taryba. Zu gleicher Zelt wurde Rosenbauin von der litauischen Regierung mit der Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfes für die litauische Republik betraut. Auch auf anderen Gebieten ist Rechtsanwalt Rosembaum legislatorisch tätig. Ebenso verlautet, daß auch der andere jüdische Vizeminister Dr. Rachmilewicz demnächst seine Demission eduzureichien gedenkt Inwieweit diesen Rücktritten politische Meinungsverschiedenheiten mit der neuen Regierung zugrunde liegen, läßt sich nicht feststellen. Zahlet die jüdische gotetcmi1! J@13!6£i£ ZE£RM0 Gedanken über die politische und - soziale Zukunft Palästinas Von Prof. A. E. Zimmern. Der hier aus dem Englischen übersetzte Aufsatz verdient durch die Person des'Autors besonderes Interesse. Erst unlängst hat Mr. Asquith Prof. Zimmern als einen der hervorragendsten Gelehrten Englands bezeichnet. Während er noch in Oxford studierte, besuchte er den fünften Zionistenkongreß. Sein Interesse am Zionismus datiert seit lange her und er betrachtet Achad Haam als einen seiner wichtigsten Lehrer. Nach dem Verlassen Oxfords trat Mr. Zimmern ins Unterrichtsmini- ’ sterium ein und spielte7 bei der Errichtung der Arbeitererziehungsvereinigung eine wichtige Rolle. Vor etwa einem Jahre wurde er zum Professor der Universität von Wales ernannt. Im Sommer 1919 besuchte er Palästina in Gesellschaft von Louis Brandeis. Das Jahr 1920 verspricht ein besonders bedeutendes in der jüdischen Geschichte zu werden. Es wird sich zweifellos von den übrigen dadurch unterscheiden, daßder Friedensvertrag zwischen' den Alliierten und der türkischen Regierung unterzeichnet und Palästina endgültig an den Völkerbund abgetreten wird; ebenso sicher wird darauf die Uebergabe Palästinas an Großbritannien als Mandatar erfolgen, unter den Bedingungen, über welche die zionistischen Vertreter während des ganzen vergangenen Jahres mit den - britischen Vertretern in Verhandlung standen, indem sie die Durchführung der durch d:e Balfoursche Erklärung eingeschlagenen Politik in konkreten Details vorbereiteten. Wir alle wünschen, daß Mr. B a 1 f o u r zehn Jahre jünger wäre oder, möchte ich sagen, daß sein Körper so jung wie sein Geist wäre. Diejenigen aber, die der Meinung sind, daß sein Rücktritt einen Schlag für die zionistische Sache bedeute, sind Opfer jener Nervosität, welche die schweren Zeiten kennzeichnen, in denen wir leben. Solchen Pessimisten möchte ich einige grundsätzliche Tatsachen vor Augen führen. Erstens verbleibt Mr. Balfour im Kabinett, er nimmt eine Stelle ein, die ihm mehr Muße läßt, wobei er aber ebenso verantwortlich für die allgemeine Politik des ganzen Kabinetts ist und damit für die besondere Politik, mit welcher sein Name verknüpft ist und auch, was ihn mit Stolz erfüllen muß, stets verknüpft bleiben wird. Zweitens bleibt Mr. Lloyd George an der Spitze des Kabinetts; er war Ministerpräsident zur Zeit, als die Deklaration herauskam und seitdem die Frage vom politischen Standpunkt praktisch behandelt wird, ist er ein wahrer Freünd der zionistischen Sache. Tatsache ist, daß Lloyd George schon länge vor seiner ministeriellen Tätigkeit Palästina ein eifriges persönliches Interesse entgegenbrachte. Seine erste Bekanntschaft mit dfTrn heiligen Lande vollzog sich in der walisischen Sonntagsschule Ich erinnere mich recht gut, wie er einmal in einem Gespräch mit Dr. Weizmann eine geographische Erklärung des letzteren unterbrach, indem er erklärte, daß er die betreffende Gegend recht gut kenne, da ihm ihre Einzelheiten in der Sonntagsschule eingepaukt worden waren. Erst vor kurzem, als ich meinen Wohnsitz nach Wales verlegte, kam mir zu Bweußtsein. welch ein tiefes Interesse die wallisische Erziehungsbewegung an Palästina nimmt. Bereits das walisische Lesebuch, welches mir. für meine ersten Studien in dieser Sprache diente, trägt auf der Titelseite eine geographische Skizze Palästinas. Und nicht zuletzt hat sich das britische auswärtige Amt in Lord Curzon einen Leiter gesichert. der durch seine konzentrierte und gew'sscnhafte Arbeit wohl bekannt St. Die Politik Lord Curzons in der jüdischen Frage wird, wie er Seite 3 selbst erklärte, jene sein, zu welcher sich die britische Regierung verpflichtet hat; und er wird hiefür und für das Verständnis der zionistischen Ansprüche und Argumente Vorkenntnisse mitbringen, welche die gründliche Beherrschung der Materie und das fruchtbare Wirken Balfours. die auch weiterhin erhalten bleiben, nutzbringend e'rgänzea Schließlich, obgleich es mir beinahe peinlich St, se zu erwähnen, möchte ich unsere Pessimisten daran erinnern, daß ein Versprechen der englischen Regierung etwas St, auf das man vertrauen kann. Die britische Regierung machte im Jahre 1839 Belgien ein Versprechen, zu dessen Einlösung, als die Gelegenheit es erforderte, Millionen britischer Staatsbürger zu den Waffen griffen. Im Jahre 1915 verpflichtete sie sich Italien gegenüber, unkluger- und kurzsichtigerweise, wie einige von uns dachten; da sie aber einmal die Verpflichtung eingegangen war, so kam sie ihr auch nach, ungeachtet der daraus entstehenden unendlichen Schwierigkeiten. Während des Krieges machte sie den Arabern eine Zusicherung, welche nicht nur sie selbst einhielt, sondern sie veranlaßte auch die französische Regierung, diese zu achten und von der Besetzung Aleppos, Horns, Hamas und Damaskus’ abzulassen. Ist es angesichts aller Umstände wahrscheinlich, daß sie ein Versprechen zurücknehmen wird, welches sie dem jüdischen Volke nach so gründlicher und reiflicher Ueberlegung gegeben hat — überdies ein Versprechen, welches ein so wunderbares Echo in jedem Winkel der Welt wo Juden siedeln, hervorgerufen hat? Nein, unsere Kritiker und Pessimisten sind im Unrecht, wenn sie ihrer begreiflichen Ungeduld freien Lauf und sich durch die allgemeine Nervosität beirren lassen. Es ist immer ein leichter Ausweg aus schwierigen Situationen, die Schuld auf andere zu wälzen. Daß da irgend ein Grund zur Mißbilligung ist, möchte ich nicht in Abrede stellen. Die britische und alle alliierten Regierungen zeigten Mangel an Voraussicht, indem sie mit der Türkei nicht schon vor Monaten Präliminarverhandlungen - anknüpften. noch vor der Demobilisierung ihrer Truppen, und bevor sie mit der Ausarbeitung der umfangreichen Details des deutschen und österreichischen Vertrages begannen. Aber all dies gehört der Vergangenheit an. Der Fehler wurde erkannt und seinen Folgen wurde, soweit es möglich war, vorgebeugt. Es wäre für die zionistische Sache viel wertvoller, wenn unsere Kritik sich von den Diplomaten endlich abwendete und ihre Aufmerksamkeit auf zionistische Arbeitsgebiete lenkte, wo sie tatsächlich von einigem Nutzen sein könnte. Denn es ist Raum genug für kritische Diskussionen innerhalb jenes zionistischen Arbeitsgebietes — und dieses ist und wird, wie ich hoffe, immer das überragend wichtigere und weitere sein —, über welches die Zionisten nicht mit fremden Mädchen verhandeln, sondern selbst die volle und ungeteilte Verantwortung tragen. Einer der Haupteindrücke, den ich von meiner nur allzu kurzen Palästinareise mit Brandeis und M. de Haas mitbrachte, war, daß die inneren Probleme, denen der Zionismus gegenübersteht, viel schwieriger sind als die äußeren und daß von ihrer befriedigenden Lösung viel mehr die Zukunft des jüdischen Volkes abhängt. Wenn das jüdische Volk auch nicht die Grenzen festiegt, innerhalb welcher es sein Zentrum errichtet und von welchem seine wirtschaftliche Sicherheit abhängt, wenn dieser oder jener Punkt des Mandates schlecht verfaßt ist oder dies oder jenes gewünschte Privilegium verweigert wird, wenn Vorsicht oder Aengstlichkeit die Mächte dazu bringen, christlichen oder arabischen Gefühlen übermäßige Konzessionen zu machen, so mag die jüdische Sache wohl in den Hintergrund gestellt sein, aber in ihrer Lebenskraft wird sie nicht verletzt werden. Das jüdische Volk würde das Mißgeschick überleben, wie es so . . . Nein! . . . nein! Ihr lügt! Es ist eine niederträchtige, hirnverbrannte Lüge! Kein grausir ger Nebukadnezar, kein goMringklirremder Römer, kein Engländer, kein Deutscher, kehl' geschundener Türke, kein Mensch kann machen, daß Jerusalem fällt, das Jerusalem meines Blutes und meiner himmelschreienden Liebe. O ihr wißt nicht, was es ist, ihr könnt es nicht wissen1, denn ihr habt es nicht erlebt, euer Fühlen könnte es gar - nicht fassen; nicht reißt euch der Gedanke hoch, aufschreiend in wahnwitziger Lust zu küssen die Mauern der Heiligsten über die Meere hinweg und über die Zeiten und Gezeiten der Historie.- Gassen, Straßen, Plätze, Menschen, Sonne, Rufe, Leben: wie in irgend einer Stadt. Irgend eine,Stadt aber ist schal, nichts, lächerliches Nichts gegen dieses Jerusalem, gegen.' dieses ewige Loblied dem Herrn. Aufbrausend, unterirdischen Stöhntens voll sind seökie nächtlichen Gassen, verklungene Rufe brechen allnächtlich auf, wie blutige Narben, Karawanen schaukeln lautlos in die Tiefe' der Tore. Still . . . ich sehe wieder . . . Visionen ziehen über den Himmel . . . Ihr! wer weiß etwas über Jerusalem, wenn nicht ich, der ich der Hirten Einer war vor dem Tore der Schafe. Noch hängen meine Lieder in den Zypressen und meine Rufe liegen im Tale Schiloah, die ich hinab warf vom goldenen Tor, als der Opferrauch in steilen Schwaden zum Himmel stieß, und-Mein Blut klebt an den Steinen, die im Boden verschüttet sind. Kreuzrittern höhnte ich dann mit den Mameluken und den Gottfrieden lache ich ihr Ende ins Gesicht. Alles tot. Ich aber lebe und Jerusalem lebt. Und Jerusalem wird sein nach dem Ende der Welt. Spei deine Lüge in den - Straßenstaub, lügnerische Geschichte, unwahr ist deine Meldung! Jerusalem ist nicht gefallen, wenn auch fremde Steuereintreiber?m Lande sitzen und römische Kohorten oder britanlsche Divisionen oder des Sultans Bakschischsoldaten. Kein Fremder kann je Jerusalem besitzen. Aus seinen Toren zog noch jedesmal der Sieger, geschlagen^ zerbrochen und verhöhnt, von dnen, die warten körnten, länger als je ein Mensch vor ihnen. Die Nachricht, die mir ein Zeitungsverkäufet ins Gesicht schrie, schmerzte mich einen Augenblick lang, ich leugne es nicht, mehr als der Tod eines Lieben. Nun aber lache ich über diesen Triumph der Waffen,' denn ich weiß, daß nur meine Waffen ewig sind, weil ich ewig bm und ewig mein Blut (Aus dem Dezember-Heft des „Esra“, Monatsschrift des jüdischen Hochschulausschusses Wien.) . Literatur „Die Arbeit“, Organ des deutschen Landesverbandes „Hapoel-Hazair“. Soeben erschienen Heft 23—24. Aus dem Inhalt: Das Echo des Londoner Aufrufes. — Zur Weltkonferenz. — Israel Reichert: Hapoeil-Hazair und Ächduth. Haawoda. — A. D. Gord.on: Die Aufgaben der Konsumgenossenschaft Hamaschbrr in Palästina. — Ludwig Strauß: Die.Weitrevolution und wir. — Dr. Kadisch: Nationalismus und Sozialismus. — Peter Lawrow: Zur Theorie des gesellschaftlichen Fortschrittes. — Aus Palästina: Zur Gründung unserer Arbeitersiedlung. — Aus Obergalilea. — Zur Frage der Einheitspartei. — Zun Gegenwart: iVL ’Ch. A rlopjoirof f: Die Sabotage der Orthodoxen. — Professor O. Epstein: Volkssozialismus und Klassehkampi. — Bücher. — Aus der Bewegung. — Berichte. — Zu beziehen durch den Weltverlag Berlin NW. 7, Dorotheerrstraße 35. Moriah, Monatsschrift iür die jüdische Jugend. Inhalt des Jännerheftes (polnisch): Apolinary Hartglas: Unsere Sendung. — Dr. Ignaz Schwarzbart: Voraussagen über unsere Zukunft. — S. Hirschhorn: Die Juden in Polen zu den Zeiten des Fürstentums Warschau (1807 bis 1813) II. — Achad1 Haam: Die Geltung des Verstandes (Maimonides), übertragen von Dr. I. Frenkl (1IL). — Matthias Mieses: Die Personifikation der Naturkräfte in Talmud und Midrasch. — Jechiel H a I p e i m: Ideengrundlagen der Zeire- Zion-Bewegung. — Uri Nissan G me sin: Othello im Kramladen. — Ueb ersieht: W. B.: Assimilation und Antisemitismus. — Dr. S. Ellenberg: Ueber die künftige Judenemigration. — Dr. I. F.: Aus der palästinensischen pädagogischen Literatur. — Bibliographie: I. Schwarzbart: Holdheim-Pretiß: Die theoretischen Grundlagen des Zionismus. „Haawoda“. Die zweite Nummer der hebräischen Zeitschrift „Haawod:“ (Organ des Hapoel-Hazair in Wien) ist soeben erschienen: Aus dem Inhal tr Bruch der Disziplin. — Sawlan: Eine Kolonie d'er Selbstarbeitenden. — D. Silberbusch: Erinnerungen an Perez Smolenskin. — Dr. Ernst Müller: In den Spuren des Sozialismus. — VV a c h s rn a n n: Hapoel-Hazair und das Galuthproblem. — N. M. Leder: Zwei Lager. — Aus der Bewegung: Brief eines Chalus in Palästina an seine Verwandten. Die Hechaluzkonferenz In Lemberg. Dr. R u p p i n in Wien, usw.