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Jüdische Zeitung · 1920-01-30 · 4 (30.1.1920) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
4 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 j&mctm zm&m Nr. 4 Das große zionistische Aktionskomitee einberufen Wi« aus London gemeldet wird, ist die Sitzung des großen zionistischen Aktionskomitees für den 10. FeBruar nach London einberufen worden. Das amerikanische Judentum und die Pogrome in der Ukraine Dar amerikanische Korrespondent der „J üd i s chev Preßzentralc Zürich'* berichtet: Die jüdische Delegation, bestehend aus Mitgliedern dies amerikanisch^ irdischen Kongresses und des Protestkomitees gegen die ukrainische® Judenpogrome wurde vom Staatssekretär Lansing empfangen. Lansing erklärte folgendes: „Ihr Protest ist auch der Protest der Amerikaner. Niemand bedauert diese schrecklichen Geschehnisse mehr als wir hier im Staatsdepartement, aber beim besten Willem etwas in der Sache zu tun, fürchte ich, daß wir beinahe hilflos sind. In der Ukraine gibt es jetzt keine verantwortliche Regierung und mdtat einmal verantwortliche militärische Führer. Es gibt keinen, mit dem man sich in eine Diskussion einlassen könnte. Wir haben jedoch alles, was möglich ist, getar-. Dieser läge entsandten wir einen amerikanischen Generalkonsul nach“ Odessa, mit-dem Aufträge, die Pogiomfrage zu studieren und zu;■ berichten, was zu ihrer Abstellung sich tun ließe. Davon erwarten wir seJur viel Gutes. Was . die Zukunft anbelangt. kann ich Sie versichern, daß, wenn die Zeit der VerhandlungsmögUdikeiten mit Süd-West-Rußland und den anderen Teileu Rußlands — ich möchte nicht, daß Rußland zerstückelt werden soll — gekommen sein wird, die Ukraine odci irgend eine andere Nation so lange nicht anerkannt wenden wird, bis sie nicht genügend Garantien gegeben Rat, da® sie die Juden gegen Pogrome beschützen und auch ihnen Minoritätsrechte erteilt haben wird.“ Trotz des letzten Passus hat die Antwort Lansings keineswegs befriedigt. Fast alle jüdischen Zeitungen, vom linksstehenden „Forward" bis zum rechtsstehenden „Jewish Mornimg Journal“ bezeichnen dis Resultat als Bankrott der jüdischen Diplomatie. Sie erheben den Vorwurf, daß ein. Teil der Juden nicht mit genügender Liebe und Enthusiasmus der Sache sio'i angenommen habe, in der Befürchtung, man . könnte sie der Sympathien für den Bolschewismus verdächtigen. Sie hätten sonst die Antwort Lansiugs nicht stillschweigend hängenommen und ■ .wäreu um keine Antwort verlegen gewesen. Zumindest hätten sie-däe Delegierung einer: Jüdischen Kommission sofort verlangen müssen unter Betonung, daß eventuelle Lebensgefahr für die Kommisskxnsinitglteder nicht o!b schrecken ■dürfe, wo es so viele Indische Opfer gegeben hat. Tatsächlich wird die Entsendung einer solchen jüdischen Kommission weiter verlangt Gleich nach der. Rückkehr von Lansing begannen unter Vorsitz Von Rabbiner Stephen Wise die diesbezüglichen weiteten Beratungen. .Der Vorschlag von Schalem Asch, daß diese Konferenz selbst sofort die Kommission ernennen solle, wurde verworfen unter Begründung, daß diese Konferenz keine permanente sek sondern einzig 'Und allein den Auftrag hatte, bei Lansing zu intervenieren, Es wurde eine Resolution angenommen, dhß die Konferenz es unbedingt für notwendig erachtet ehestens eine einzige und vereinigte Kommission nach der. Ukraine zu entsenden, deren Zusammensetzung in wirksamster Weise für die Hilfeleistung an die ukrainischen Julien Gewähr bieten soll. Ein Neuner-Komitee soll eine Konferenz zwischen dem. amerikanisch-jüdüscjhieoi Kongreß, dem Jewish Disfribiuitiön Committee, der Föderation der 'ukrainischen Juden und anderen ähnBchlehi Körperschaften einberufen, mm die Wahl dieser Komnussion vorzunehmeiL; Inzwischen hat der ukrainische Pressedienst gemeldet, daß Lainsing eine Erkiäntng abgegeben habe, wonach die Juden der Ukraine unter dien Schütz Amerik.as-gestellt werden sollen. Diese Meldung wände durch einen Erlaß der ukrainischen Regierung ihre Bestätigung erfahren, indem es heißt: „De Uebemahme des Schutzes der auf ukrainischem Staatsgebiet wohnenden Jtfdenschaft durch die -Vereinigten Staaten erfüllt die ukrainische Regierung mit größter Genugtuung. Sie ist sich wohl bewußt, daß sie trotz besten Willens mit ihren eigenen geschwächten Machtmitteln nur unzureichend dazu imstande ist, da einerseits ein anigezwungener Äbwehrkatnpf gegen die Invasion dter feindlichen . Armeen ihr die Möglichkeit nehme, Ruhe und Ordnung aufrecbtzuerhalten und. anderseits die Feindseligkeiten gegen die Judenschaft sich fast ausschließlich auf dem durch die Invasion dter Martitsphäre der ukrainischen Verwaltung entzogenen Territorium absipieleit“ Da aber jede bisherige Bestätigung dter Nachricht von anderer, autoritativerer Seite fehlt,"scheint es sich hier bloß um einen Versuch zu handeln, die Verantwortung für alle Geschehnisse änderen Faktoren aufeuhiinden. Inzwischen dauert das Chaios im Osten an und) es will sich keine Aussicht auf wirksame Abhilfe zeigen. Unter Denikins. Herrschaft Die „Vossische Zeitung“ bringt nachstehenden Bericht eines Augenzeugen: Odessa bietet augenblicklich ein trauriges Schauspiel. Die Bolschewiken sind schon lange nicht mehr da, trotzdem sind die Straßen um 9 Uhr abends vollkommen verlassen. Die Stadt gleicht einem Friedhof. Nur die Offiziere und die Agenten der Denikinschen Verwaltung amüsieren sich, während sich die Bevölkrung, die sie beschützen sollen, abends in ihren Häusern verbirgt. Am 14. Oktober, abendis,-als man in Odessa noch nicht wußte, daß die Bolschewiken Kiew genommen hatten, schickte man den ersten direkten Zug über Birzuia und Boforinska mit der Bestimmung, Kiew zu erreichen.- Augenzeugen, die am Bahnhofe waren, als ‘diese Züge abgingen, erzählen ' von Geschehnissen, die die Zersetzung innerhalb der Denikinschen Armeekorps beweisen. Diese letzteren halten die Wagen an, treiben die Juden aus .den Wagen, selbst /diejenigen...die mit Fahrkarten- und "den, Genehmigung zur Reise., versehen sind, - Die Requirierung und der offene Diebstahl des Reisegepäcks und des Geldes wären eine Folge dieser „Revisionen“. Am 15. Oktober nötigte man einen jüdischen Advokaten in Kiew, der von Konstantmopei. kam und über Odessa in sein Vaterland zimickkehren wollte, gewaltsam aus dem Wagen und fügte ihm Verletzungen zu. Die Offiziere verteilten vor seinen eigenen Augen sein Gepäck unter sich, ebenso wie einige zehntausend Rubel, die er mit sich, führte, um. sie seiner Familie zu bringen, die durch die Bolschewiken auf grausame Weise geschädigt worden war. Alles in allem ist die Haltung der Freiwilligen-Armee den Juden gegenüber empörend. Die Welle der Pogrome überflutete eine ganze Reihe von Städten und Ortschaften, durch die die Freiw riligen-Armee auf dem Wege von Charkow nach Kiew, Fastow usw. marschierte. Der Antisemitismus in dter Regierung und in der. Verwaltung führt dazu, daß man die Prozentnorm dler Juden für den Schulbesuch wieder eingeführt hat Man hat das Gefühl, daß die Herren Fürst Lwow, Maklakow. Sawinkow und Tschäikowsky, <£te in Paris sitzen. ohnmächtig stad; auf das Regime -und die EütrtdKtungen, die in dem von der Freiwiiligen-Armee besetzten Territorium eingeführt sind, keinen EKühiß. haben. Die Beamten der Exekutive in den.-Ortschaften werden aus den Vertretern dler alten russisehen Polizei und!. Verwaltung gewählt;, sie "sind .voll Rachegefühl allem gegenüber, was forri schriftlich und liberal ist *" •* \ Polen In Warschau fanden' vor einiger Zeit zwei! iüdjschei (Leihreirk;|oniferenizenj statt Die Konferenz jüdischer Mittelsch ul lehr er, die von etwa 'siebzig Teilnehmern besucht war, weJche die ungefähr dreißig jüdischen Mittelschulen- Polens vertraten, galt der Schaffung eines Verb an des, welcher das jüdische Schulwerk ’organjisderen jund vereinheitlichen und die Feststellung der Lehrpläne besorgen soll. Die Konferenz; der jüdischen Volksschullehrer an den hebräischen Elementarschulen, welche letztere der zionistischen Organisation unterstehen, während dies bei den Volksschulen mit jiddischer Unterrichtssprache nicht der Faill ist behandelte hauptsächlich die Frage der Ausbildung dler VolksschuUehrer und das Problem des Lehrziels der hebräischen Volksschule. Das Gesetz über die Zwamgssonritagsr u h e, welches der Landtag beschlossen hat, ist biher noch nicht sanktioniertworden:.und die jüdischen Abgeordneten sowie die interessierte Oeffemtlichkeit bemühen sieb einen Aufschub und gewiß Erleichterungen zu erlangen. Der, Klub der jüdischen Abgeordneten hat einen Aufruf an die Juden in Polen erfassen, in welchem das Gesetz kritisiert und die verräterische Haltung der jüdischen AsslmJlanten sowie der Geist, der zur Beschlußfassung führte, angegriffen werden. Die jüdischen Abgeordneten betonen; daß sie den Kampf nicht aufgeben, sondern ihn. weiter fortsetze®, wollen. Die antisemitische Presse Polens fordert, die Regierung auf. gegen die jüdischen Abgeordnetem welche durch diesen Aufruf angeblich „Aufruhr verbreiten“ Und zu Gesetzesübertretungen auffordem, gerichtlich emzirschreiten. Seit einigen Tagen ist ‘die reich entwickelte jüdisch Presse'in Polen durch, das' Wiedererscheinen der hebräischen „Hazefirah“ beträchtlich bereichert fwörddrt. JDie „Haz}efirab*£ die bisher als Wochenblatt erschien, erscheint nunmehr als Tageszeitung und ist das einzige hebräische Tagblatt in Polen. Das offizielle Organ - dter; .zicmlstischen:; OrgaTiisation-,. „Das jüdische Volk“ hat sich mit dem ' gleichfalls zionistischen „Haüret“ fusioniert: -und erscheint .unter dem Titel „Naj.es fun Hai ti t“. Littauen Gemeindetag ln Litauen. Wie der „Jüdische® Rundschau“ gemeldet wird, fand am 5. Jänner in Kowno die feierliche Eröffnungssitzung des ersten litauischjüdischen Gemeindetages durch den Minister für jüdische Angelegenheiten Dr. Soloweitschik statt. Es waren 78 Gemeinde® durch 139 .Delegierte anweseodl Zahlreiche Gäste wohnten außerdem den Verhandlungen! bei, Der Ministerpräsident Galwanowski und der Außenminister Wolde mar begrüßten däe Versammlung und drückten ihr dien festen Willen der litauischen Regierung aus, aluf den Gnundlagen der. nationalen Autonomie weiter zu bauen. Sie wünschten den Arbeiten der Tagung reichen Erfolg. Dann sprach dter englische Major de Beaumont, der die Konferenz mit warmen Auch eine Geschichte der Juden Von Adolf Böhm. Anläßlich einer Arbeit, zu der ich einige Daten benötigte, blätterte ich wieder einmal die „Neueste Geschichte des Jüdischen Volkes“ von Dr. Martin Philippson durch, obzwar ich .schon bei ihrem Erscheinen, 1910, sie mit dem Vermerk: „Völlig unbrauchbar“ beiseite gelegt hatte. Ich schlug Kapitel 2 „Der jüdische Nationalismus“ auf und möchte dis Belehrung, die ich über diesen daraus erhalten habe,-nicht allein genießen, sondern auch andere daran teilnehmen lassen. Das Kapitel beginnt mit einer kurzen Darlegung, warum der Zionismus aussichtslos sei. Niemals würden die Mächte auf eine Christianisierung Palästinas verzichten, site werden die Judaisierung des heiligen Landes mit Gewalt verhindern. Nun, politischen Weitblick muß man ja von einem Historiker nicht verlangen. Man fragt sich aber, oh er befugt ist, die Geschichte in parteiischer Beleuchtung vorzutragen. Diese Herren „Wissenschaftler des Judentums“ triefendoch sonst von Anstand, Gerechtigkeit, Objektivität usw. — Doch regen wir uns darüber nicht auf, und lesen wir weiter: Jeder, der die Ostjuden kenne, spreche ihnen staatsbildende Kraft ab. Das hätte auch der „Idealzionist“ Schad Haam verstanden. Infolgedessen sei der Zionismus eine Utopie Und nun kommt ein interessantes Geständnis: Den Westjuden war die Vorstellung, daß sie ihr Dasein inmitten der Ordnung und Behaglichkeit der modernen Zivilisation mit dem. Leben in dem unkultivierten und durch die türkische Miß- -wirtschaft zerrütteten Palästina an der Seife ihrer — ich zitiere wörtlich — „geistig und seelisch zurückgebliebenen polnischen und russischen Glanbensbrüder vertauschen sollten, durchaus widerwärtig“. Wir erfahren weiters, daß den liberalen Juden gar nichts an einem Judenstaat „gelegen“ war, „ihr Ideal war lediglich die Anerkennung des einzig einigen Gottes durch die ganze Welt“. Hier stutzte ich unwillkürlich. So hatte ich mir die liberalen Juden nicht vorgestellt! Streiter für die Anerkennung Gottes, an den sie selbst nicht ~ glauben, mitten unter anderen Monotheisten, die in der Mehrzahl ja an ihn glauben, das verstand ich nicht recht. Hören wir aber weiter. Der vierte Kongreß war ein Fehlschlag. Der Gedanke, in England „erobernd“ auftreten zu können, wurde enttäuscht. Allerdings muß sofort darauf von dem Landanbot der englischen Regierung (El Arish) berichtet werden ..... ..An Herzls Stelle erwählte der siebente Kongreß in Basel zum Präsidenten Max Nordau“. Herr Philippson glaubt also, daß die Wahl zum Kongreßpräsidenten Nordau auch zum Vorsitzenden des Aktionskomitees gemacht hat. — Natürlich ging nun, nach Herzls Tod, der Zionismus in Brüche: „Auf der einen Seite die Territorialisten, die einen Judenstaat außerhalb Palästinas — freilich vergebens — suchen,- auf der anderen die Freunde der friedlichen Kolonisierung, das ist alles, was von dem praktischen Zionismus geblieben ist. Und dann („und dann“, man bewundere den deutschen Stil dieses Mitglieds einer berühmten Gelehrten- , familie) der reine „Nationalismus“, der aus der Judenhelt, anstatt einer Religionsgemeinschaft, ein Volkstum macliten will. Ein Volk, dem der Staat fehlt und, aller Aussicht nach, stets fehlen wird. Das ist ein Unding. Niedergeschmettert von diesem apodiktischen Weisheitsspruch lese ich beschämt weiter. Zu meiner Freude folgen mildernde Umstände. „Dennoch wäre es verfehlt, den Zionismus zu verurteilen,“ Hier geht mir aber wirklich die Geduld aus. Herr Philippson, der berufen ward, ein wissenschaftliches Buch zu schreiben, mißbraucht seinen Auftrag und maßt sich an. den Richter in Israel zu'spielen. Ich kann: wirklich nicht weiter lesen und suche nur noch konkrete Daten. Die erstfolgende ist schon falsch. Der Haschaeher erschien nicht 1868, sondern 1869. Es folgt eine „Charakteristik“ Achad Haams, die zu treffend ist, um sie nicht zu zitieren: „Er bekämpft den völkischen Zionismus; Erneuerung und Entwicklung des Judentums zur Religion der Vollkommenheit, Gestaltung des jüdischen Stammes zur mustergiltigen Glaubensgemeinschaft mit Abwertung alles überlieferten Zeremonialwerks.“ Mit Empörung und Entrüstung muß man konstatieren, daß dieser „Wissenschaftler“ die Gedanken einer der größten Gestalten des Judentums in ihr Gegenteil verkehrt. Achad Haam als Religionsreformator! Achad Haam als Umgestalter der Nation in eine Glaubensgenossenschäft! Ich sehe die Zeit kommen, in der diese famose Geschichte der Juden als menschliches Dokument für den völligen Mangel an-Urteilskraft und die Flachheit dieser Schrift von Wissenschaftlern des Judentums gelten wird. Sie ist nicht mehr weit. Jerusalem Ist gefallen Von Eugen Höflich. Als ich die Straße betrat, heulte es eine Zeitnug mir ins Ohr: Jerusalem ist gefallen! Oft habe ich den Ruf gehört: Blut spie mir Nebukadnezar in die Seele, als er mich nach Babylon führte, das Herz riß mir der Römer weg, als er Feuer in den Tempel warf, und mm, nicht vernarbt noch Ist die Wunde meiner Niederlage, schreit mich Vertriebenen ein Camelot wieder zu Boden: Jerusalem Ist gefallen.

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