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Jüdische Zeitung · 1920-01-30 · 4 (30.1.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
4 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XiV. Jahrgang Nr. 4 I Naüonal-jüdifches Organ Redaktion and Administration; Wien II., Taboratrale I . Fernsprecher Nr. 44038 a. 43319 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds44 Wen, Freitag, riaa 30. Jänner 1920 Bezugspreis: Vierteljährig 13 JK ganxj. 50 K, Einselnommer 1 K Postsparkassenkonto 133.404 An unsere Leser! Infolge der behördlich verfügten Stromabschaltung mußte von Oer Herausgabe unserer Nummer in der vorigen Woche abgesehen werden. Die auf geschobene Konferenz Die Frage der politischen Zukunft Palästinas und damit der Entscheidung über die zentrale Hoffnung des jüdischen Volkes tritt allgemach m ihr letztes Stadium. Wir stehen vor dem Wiederzusammentritt der Friedenskonferenz und es kann •nicht lange mehr dauern, bis die türkische Frage zur Verhandlung, kommt. Mehr denn je ist ' in diesem für unsere Volksgeschichte entscheidenden Augenblicke die größte Geschlossenheit unseres Volkes notwendig, eine Geschlossenheit, die sich nach außen und nach innen manifestieren muß: die große. Welt.muß erkennen,^.daß sie einem einmütig en,Wi 11 en eines durch Jahrtausende gedemütigten, aber nie gebrochenen Volkes gegenübersteht, das, unverrückbar auf das eine Ziel gerichtet, die endliche'Einlösung des. ihm feierlich verpfändeten Wortes erwartet „und die jüdischen Massen1 auf dem weiten Erdenrund müssen ihre Reihen enger zusammenschließen ' und wie ein Mann, durch Einheit stark, die Parole erwarten, die sie ans große Werk ruft. Noch bevor die Zugbrücken fallen, um den Einzug des jüdischen Volkes En sein Land zu ermöglichen, muß sich dieses in einem gewaltigen Willensaufschwung erheben, um für die gigantische Aufgabe innerlich bereit zu sein. Schöpferische Politik heißt, nicht nur Vorbereitung der Bedingungen,', sie setzt auch den Einklang mit der Volksseele voraus, aus deren innersten Wünschen sie ja geboren wurde und unser Volk ist ein Volk von kranken Nerven. Allznlange schon und mit zermürbender Ungeduld warten unsere Massen, daß das erlösende Wort falle. In den zwei Jahren seit Balfours Erklärung ist das Martyrium unseres Volkes womöglich noch gewachsen. Eine Welle von"Haß und von Pogromen rast über die Welt und noch; will der Verheißung die erlösende Tat nicht folgen. Die Umstände, die es verschuldet haben, daß die Palästinafrage noch immer ihrer endgültigen Lösung harrt, sind stärker als wir und unsere führenden Männer trifft daran keine Schuld. Wir werden hoffentlich nicht allzulange mehr zu warten haben. Weizmann selbst hat vor seiner Abreise aus Palästina in einem Interview mit einem Redakteur des „Haarez“ die besten Worte für die Sachlage gefunden: „Di e J u d e n h e i t hat auf die Deklaration noch nicht geantwortet. Noch ist die große Vision nicht da, noch fehlt der Sturm in den Massen, wie wir ihn bei der Schaffung der ersten englischen Freiwijligenbataillone sahen, und das setzt den Wert der Deklaration sehr herab. Vielleicht sind auch wir schuld daran. Denn wir — haben nicht inmitten der Massen und mit ihnen gelebt. Auch hängt alles davon _ ab, daß wir innerlich reif und vorbereitet seien. Bisher tappte man betreffs vieler Fragen von entscheidender Wichtigkeit im Ungewissen. - Man wußte nichts Näheres über Englands konkrete Absichten und über die Tätigkeit und die Pläne der zionistischen Leitung fehlten die nötigen Informationen. Erst jüngst sind wir durch W e i t z m a n n s und Rupp i n s Erklärungen über den ungefähren Stand der Dinge unterrichtet worden und die Londoner Exekutive ist endlich mit. einem Arb e i t s- A Programm an die Oeffentlichkeit getreten, dessen Kenntnis wir unseren Lesern vermittelt haben. Aber das alles bedeutet keine völlige Klärung. In bedeutsamen Punkten, so in der Frage des möglichen Arbeitstempos und der Beschaffung der Mittel, in der Frage der Nationalisierung des Bodens, gehen die Anschauungen der Zionisten auseinander und der „maximalistischen“ Auffassung steht jene andere gegenüber, welche nichts überstürzt sehen und zunächst die Festigung der n ationalen Grundlagen der künftigen jüdischen Siedelung sichergestellt haben will. Eine Aussprache, der führenden Zionisten ist nötiger denn je. Es ist unerläßlich, daß der solang#, unterbrochene und immer sehnlicher herbeigewünschte Kontakt zwischen den einzelnen Föderationen und der Leitung wieder aufgenomrrien werde, daß sich die Vertreter der einzelnen Föderationen am gemeinsamen Beratungstische, zusammenfinden, die Wünsche und Auffassungen der einzelnen Gruppen gegenseitig erörtert und dadurch geklärt werden und daß aus der Gegenüberstellung zwischen dem Gewollten und dem Möglichen eine gemeinsame Resultante gefunden werde, die als Willensausdruck der zionistische;; Weltorganisation angesehen werden kann. Wir miisen mit klaren und eindeutigen Worten, die den weitesten und stärksten Widerhall finden müssen, den Ruf ans Volk ergehen lassen. Man hat ungeduldig den Tag erwartet, da die durch die Weltereignisc zerrissenen Fäden wieder angeknüpft würden und die Ankündigung der Jahreskonferenz mit Freuden begrüßt. Die plötzliche Absage ist allenthalben mit ungeteiltem Bedauern aufgenommen wordern Wir hab.en dieses Bedauern seinerzeit zunt Ausdrucke gebracht, allerdings auch die Gründe gewürdigt, welche zu dieser Absage geführt haben. Wir hofften damals, daß der Aufschub nur ein kurzer sein werde. Nun aber mehren sich die Stimmen der Ungeduld und die Umstände erfordern immer dringender eine Klärung. Wir haben von einer als offiziell anzusehenden Seite die Kunde vernommen, daß die größten politischen Hindernisse überwunden zu sein scheinen und man mit der Arbeit in einem für die erste Zeit beschränktem Maße werde ersetzen können. Auch in Palästina selbst werden die Stimmen immer lauter, die zur sofortigen Inaugurierung der Tätigkeit drängen. Ussischkin erklärt, daß eine große praktische Arbeit in Palästina bereits unter den jetzigen Verhältnissen möglich sei, Jabotinsky entwirft in „Haarez“ ein großzügiges und geradezu maximalistisches Programm und die von der Londoner Leitung kürzlich veröffentlichten Richtlinien enthalten zahlreiche Punkte, die einer Erörterung dringend erheischen und über welche eine Beschlußfassung unumgänglich notwendig ist. Auch was die Frage der Einheitlichkeit in der Londoner Leitung selbst betrifft, steht man manchem Rätsel gegenüber. Die Londoner Exekutive hat selbst die Notwendigkeit erkannt, sich durch neue Kräfte zu verstärken und die Verantwortung auf mehr Schultern abzuwälzen. Max Nordau ist über Einladung der Leitung in diese eingetreten und nimmt nunmehr an der führenden Arbeit teil. Sein Verhalten jedoch erweckt manchen Zweifel, ob durch seinen Entritt eine Stärkung in der Einheitlichkeit in der Auffassung der Leitung erreicht worden sei. Während wir neulich seine Erklärung lasen, daß gegenwärtig eine prinzipielle Opposition ausgeschlossen sei und aus London von einer jüngst stattgefundenen feierlichen Massenmanifestation zu Nordaus Begrüßung berichtet wird, auf welcher W e i t zm a n n den Vorsitz führte und Nordau als Führer imd Schöpfer des Baseler Programms feierte und dieser selbst Weitzmanns und Sokolows große Verdienste um das jüdische Volk rühmte und seine Uebereinstimmung mit ihnen betonte, nimmt ein Briefwechsel Nordaus seinen Weg durch die jüdische Presse, in welchem er, der gegenwärtig der Leitung angehört, unverblümt gegen seine gegenwärtigen Mitarbeiter auftritt. In der Londoner jiddischen Zeitung „Die Zeit“ von Ende Dezember hat Nordau erklärt, daß dfe Leitung kein legales Recht hätte, als offizielle Vertretung des Zionismus mit den Mächten zu verhandeln, da ihr Mandat nur von einem zun; andern Kongreß gegolten habe und daher im Jahre 1915 erloschen und eigenmächtig verlängert worden sei, weil kein Kongreß abgehalten werden konnte. Auf eine Erwiderung von Boris G o 1 d b e r g, der ausführte, daß infolge der Unmöglichkeit der Abhaltung eines Kongresses eine force majeur ein getreten sei, welche die Leitung auf ihrem Posten zu bleiben und alles Erforderliche zu tun zwang, antwortete Nordau mit deutlicher Ironie, cline sich eines Besseren belehren zu lassen, und außerdem ist neben einem Briefe Z a n g w i 11 s an einen Londoner zionistischen Verein, der beklagt, daß der günstige Moment vertan sei und man bestenfalls einen erneuerten „Chowewe-Zionismus“ zu gewärtigen habe, eine Zuschrift Nordaus an den gleichen Verein an die Oeffentlichkeit gelangt, in welcher er nur jenen das Recht zugesteht, sich „politische Zionisten“ zu nennen, die sich nicht mit der Heimstätte begnügen, sondern den Judenstaat fordern. Auch in seiner früher erwähnten Londoner Rede hat Nordau dieses Problem berührt und seine Auffassung, allerdings mit den entsprechenden politischen Einschränkungen, versehen. Die Frage, ob Heimstätte oder Judenstaat soll jetzt nicht erörtert werden. Wir finden bloß, daß Herrn Dr. Nordaus Aeußerungen sich in einer gewissen Zickzacklinie bewegen, die man nicht ohne weiteres politisch nennen möchte und die man von einem Manne besser vermieden sähe, der gegenwärtig an der obessten zionistischen Leitung teil hat. Wrr fragen also: Welches ist Nordaus wirklicher Standpunkt und wie verhält sich der übrige Teil der Leitung zu ihm? Es ist dies eine Frage von keineswegs sekundärer Bedeutung und dazu noch im gegebenen Augenblick. Alle diese hier besprochenen Umstände machen eine Aussprache zu einem immer dringenderen Erfordernis. Wir müssen klar sehen und zu klaren eindeutigen Beschlüssen kommen. Die Forderungen in dieser Richtung wachsen in der jüdischen Presse ständig an. Auch die kleine, aber eifrige Gruppe der holländischen Zionisten hat aut ihrem jüngst abgehaltenen Parteitag die dringende Forderung nach baldigster Einberufung der Jahreskonferenz erhoben, und die Wünsche der Wiener zionistischen Parteileitung bewegen sich in ähnlicher Richtung. Die Londoner Leitung hat in einem ausführlichen Schreiben die Gründe auseinandergesetzt, welche sie zur Verschiebung der Konferenz veranlaßt haben. Man erfährt daraus nichts, was man nicht schon früher gewußt hätte. In erster Reihe war für diesen Entschluß die Absage der amerikanischen Zionisten bestimmend. Man weiß, daß angesichts der völlig darniederliegenden europäischen Valuten dem amerikanischen Judentum bei der Inangriffnahme der Arbeit in Palästina eine überragende Rolle wird zufallen müssen. Aber es erscheint uns nicht ohne Bedenken, daß der Weltzionismus in vollständige Abhängigkeit von Amerika geraten soll. Ueber die Stimmungen und Absichten der amerikanischen Zionisten sind wir bisher zu wenig unterrichtet, aber wie es sich auch damit verhalten mag, die zionistischen Organisationen müssen in die Lage kommen, ihre Wünsche zu formulieren und den amerikanischen Gesinnungsgenossen zu sagen, was sie wollen und was sie von ihnen wollen. Es ist hoch an der Zeit, daß der so lange vermißte Kontakt endlich wiederhergestelit werde und es ist für die Londoner Leitung eine dringende Aufgabe, dafür Sorge zu tragen. Cie Einberufung des großen Aktionskomitees, das am 10. Februar Zusammentritt, kann nur einen Anfang bedeuten. Die indische Sache muß ehebaldigst vor einem größeren Forum beraten werden. Es ist höchste Zeit, ein Volk wartet auf die Parole. Lassen wir nichts ungetan, damit der große Moment kein verzagtes und führerloses Geschlecht finde! A. F.

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