Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nachdrücklichsten Weise garanti-erl. So wirf an österreichischen Friedensvertrage im Art 66 ausdrücklich, erklärt: „Alle österreichischen Staatsbürger, ohne Unterschied der Rasse, der Sprache oder Religion sind vor dem Gesetze gleich und genießen dieselben bürgerlichen und politischen Rechte. Unterschiede in der Religion, Glauben oder Bekenntnis sollen keinem österreichischen Staatsangehörigen beim Genüsse der bürgerlichen und politischen Rechte nachteilig sein, wie namentlich bei Zulassung zu öffentlichen Stellungen, Aemtem oder Würden oder bei Ausübung verschiedener Gewerbe und Industrien.“ Im Art 69 wird ausgesprochen, daß die Bestimmungen dieses Artikels Bestimmungen von internationalem Interesse darstellen und unter den Schutz des Völkerbundes zu stellen sind. Da Oesterreich diesen Friedensvertrag unterschrieben hat, so folgt daraus allein schon, daß alle Pläne zur Entrechtung der Juden, mit welchen die Herren von der „Uni on“ die Kultusgemeinden schrecken und gegen die jüdischnationale Partei mobilisieren wollen, wenn sie überhaupt bestehen, für unabsehbare Zeit fromme Wünsche ihrer Urheber werden bleiben müssen. Denn es glaubt doch wohl niemand daran, daß man in Oesterreich oder auch nur in Tirol durch ein Gesetz nach rumänischem Muster den Friedensvertrag in krasser Weise verletzen und dem Völkerbund wird herausfordern wollen. Diese internationale Gewährleistung der vollen und unbeschränkten staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit der Juden haben die Jüdischnationalen durch ihre Delegation in Paris durchgesetzt und damit beantwortet sich auch die Frage von selbst, ob die Macht der Antisemiten den Juden zu schaden, durch die jüdischnationale Organisation und Bewegung gestärkt oder geschwächt wird. Ueber den Schutz dieser Rechte, gegen jede in der Praxis versuchte Beeinträchtigung zu wachen,/Wird nunmehr eine der Hauptpflichten der jüdischen Volksorganisation sein, welche als Konsequenz der Anerkennung der jüdischen Nation sich bilden soli. Hat doch auch schon bisher und noch vor dem Friedensvertrage der jüdische Nationalrat als vorläufige Vertretung des jüdischen Volkes eine seiner wichtigsten Aufgaben darin erblickt, gegen die beabsichtigten Verletzungen der Rechtsgleichheit der Juden anzukämpfen; und es ist wohl bekannt, daß neben seiner Tätigkeit für die Anerkennung der nationalen Rechte, neben seiner Aktion gegen die Pogrome und für die Opfer derselben, neben dem Schutze der Flüchtlinge, neben seinem Schulwerk, seiner sozialen Hilfstätigkeit und neben seiner Tätigkeit, welche darauf gerichtet ist, das jüdische Gewerbe und die jüdische Landwirtschaft zu fördern und eine den Bedürfnissen entsprechende Berufsiimschichtung der Juden vorzubefeiten, der jüdische Nationalrat-auch in wirksamer Weise allen Versuchen, die staatsbürgerliche Rechtsgleichheit der Juden zu verletzten, entgegengetreten ist, insbesondere bei dem Staatsbürgergesetz, bei der Frage der Entlassung der Staatsbeamten, von Aerzten, Einschränkung des Universitätsbesuches usw. Bei dem jüdischen Nationalrat, bei dem jüdischnationalen Abgeordneten. bei den jüdischnationalen Gemeinderäten haben alle Juden Oesterreichs, auch die sich nicht zum jüdischen Volke zählen, gegen alle Bedrohungen ihrer staatsbürgerlichen Existenz Schutz gesucht und gefunden. Und bei dieser Sachlage glauben die Herren von der „U n i o n“, von deren Tätigkeit in dieser Richtung man auch nicht das geringste wahrgenommen hat, die Kultusvorstände zu einer der Protestaktionen verleiten zu können, welche ein übles Inventarstück früherer Judenpolitik waren, aber in unsere Zeit, wo das jüdische Volk ein aktiver Faktor in der Weltpolitik geworden, wirklich nicht mehr hineinpassen und das Ansehen der Kultusvorstände in bedauerlicher Weise beeinträchtigen könnten. In Wien, wo der. nach einem veralteten Wahlrecht gewählte Kultusvorstand, dessen Mandat längst abgeläufen, nur die Bestätigung des neuen Statutes äbwartet um Neuwahlen auszuscbreiben, in W i en. wo die. Entsendung eines Jüdischnationalen in das Abgeordnetenhaus, dreier Jüdischnationaler in d«" Gemeinderat unzweideutig beweist, daß das Gros der jüdischen' Bevölkerung sich zum jüdischen Volkstum bekennt, wird der KultusVorstand wohl von niemandem als legitimiert angesehen und sich selbst auch nicht als legitimiert betrachten, im Namen der jüdischen Bevölkerung Wiens zu reden und zu Protestierern Sollten aber die Kultusvorstände in den anderen, kleineren Städten Oesterreichs, wo doch nur ein winziger Bruchteil der österreichischen Juden wohnt, der Meinung sein, daß ihre allfälligen Proteste bei dieser Sachlage einen Eindruck machen würden, der ihrem Ansehen und dem Ansehen des Judentums förderlich wäre? Die Jüdischnationalen haben den Grundsatz des freien Bekenntnisses zum jüdischen Volkstum proklamiert. Wer sich zu diesem Volke nicht bekennen will, mag sich als Deutscher, Tscheche, als was er will erklären: wir zwingen niemand und üben Toleranz, auch wo wir in der Mehrheit sind. Jeder Protest aber, zu dem die „U n i o n“ die Kultusvorstände verleiten will, würde den Versuch zufälliger, lokaler Mehrheiten darstellen, die große Zahl der Jüdischnationalen Oesterreichs daran hindern zu wollen, daß sie sich zu ihrem Volke bekennen und zusammenschließen, also nichts anderes bedeuten, als Mangel an Freisinn und Toleranz. Ein derartiger Versuch, dem jüdischen Volke bei seinem bitterer. Kampfe um seine Existenz und Ehre in den Rücken zu fallen, .wäre der Schadenfreude der Feinde des Judentums sicher, den Gang der Ereignisse würde er nicht aufhalten. Zionismus in Rußland Unseren Lesern ist der Kampf bekannt den der Zionismus gegen die Ungunst der Verhältnisse in Rußland .zu führen hat Während es nun bisher den zionistischen Bemühungen gelungen war. die Erklärung der Regierung durchzusetzen, daß d'er Zionismus keine konterrevolutionäre Bewegung ist begannen die jüdischen Volkskommissare einen Feldzug gegen die „konterrevolutionäre“ hebräische Sprache und die jüdischen Schulen. Besonders tat sich der Volkskommissär Diamanstein hervor, der, die Taktik des Assimilantentums der bolsctoewikäschen Tonart adoptierend, gegen den verhaßten imperialistischen Zionismus ■mit allen Mitteln der Verleumdung seinen Feldzug begann. Umso höher ist die Tätigkeit unserer wackeren Gesinnungsgenossen einzuschätzen. die allen Anfeindungen und Schwierigkeiten zum Trotz in der Arbeit nicht erlahmten. Nun aber haben die jüdischen Kommunisten, den Vogel abgeschossen und das „Kommissariat für israeliti/ch-nationaie Angelegenheiten“ und Ider „Hauptverband der jüdischen Kommunisten“ haben sich jüngst in einem Aufruf an alle Juden der Erde gewendet sich nicht der zionistischen Partei anzuschließen. Die Begründung ist interessant: der Zionismus arbeite mit der Entente Hand in Hand und betreibe keine Freiheats-, sondern imperialistische Politik, wolle die Araber aus Palästina ausweisen und mittels der jüdischen Legionen gegen das türkische Selbstbestimmungsrecht kämpfen, Nichts kann die tragische Situation des Judentums greller beleuchten, als die Lage, in der es sich dem Bolschewismus gegenüber befindet. Weil etliche Juden an der Spitze der bolschewistischen Bewegung stehen, wird das Judentum als bolschewistisch verfolgt, die jüdisch-bolschewistischen Volkskommissäre aber führen eine gehässige Kampagne, um die nationale jüdische Bewegung mit allen Mitteln zu ersticken. Das Zentrum der jüdischen gesellschaftlichen Arbeit ist jetzt Hömel. Dort erscheinen die jüdischen Zeitungen. Dort ist auch der Sitz der Zentralkomitees mehrerer jüdischen Parteien. Früher gab es auch ein reges gesellschaftliches Leben in Dwinsk und in 0rscha. Diese beiden• Städte liegen jedoch dicht am der Front und bilden den Sammelplatz für die vielen Tausende jüdischer Flüchtlinge, unter denen eine furchtbare Not herrscht Noch schlimmer wurde die Lage, als etwa im Monat Juli die Flüchtlingszüge wegen der Eisenbahnschwierigkeiten eingestellt wurden und viele Hunderte von .Flüchtlingsfamilien ihren traurigen Wanderweg zu Fuß zurücklegen mußten. Die Vertreter der indischen Hilfsorganisation tun zwar ihr möglichstes, aber aus Mangel an1 Mitteln kann den Unglücklichen Hilfe in genügendem Maße nicht erwiesen werden. Auch diese Schwierigkeiten sind vornehmlich auf die Schikanen. 4er jüdischen Kommissäre zurückzuführen Die meisten dieser Flüchtlinge, 'die in ihre Heimat Polen und Litauen zurückkehren wollten, kommen aus dem Woigagebiet wohin sie die frühere Zarengewalt vertrieben hatte. Die Vertreter der „Jüdischen Hilfsorganisation“ in Saratow. Samara. Zarizyn. Simbirsk. Tambow usw. hatten seinerzeit alle Vorbereitungen für die Repatriierung der Flüchtlingsmassen getroffen, konnten aber ihre Arbeit nicht zu Ende führen, weil ihnen die unfähigen und unwissenden jüdischen Kommissäre aus Konkurrenzneid diese Arbeit „abgenommen“ haben, im Glauben, daß sie mit HiJfe der reichlich von der Regierung zur Verfügung gestellten Geldmittel die ganze Arbeit würden leisten können. Die jüdischen Kommissäre übersahen aber, daß für eine solche Arbeit ein großer und erprobter Organisationsapparat notwendig ist. wie ihn das „Jüdische Hilfskomitee“ in der Tat besitzt. Als Rettung in der Not muß die hilfreiche Unterstützung der jüdischen Gemeinden bezeichnet werden, die den unglücklichen Flüchtlingsmassen Nahrung und Unterkunft gewährten. Glücklicherweise ist die Tätigkeit der „Jüdischen Hilfsorganisation“ wenigstens in den Gebieten des früheren Ansiedlungsrayons. so vor allem in Orseha .und Dwinsk, noch nicht ganz eingestellt, so daß man doch auf eine baldige Lösung ' der Flüchtlingsfrage hoffen darf. Allerdings wird die Durchführung der ganzen Aktion ohne die tatkräftige Hilfe des Auslandes nicht möglich sein. Auch in der Provinz werden die zionistischen Arbeiten trotz aller Schwierigkeiten fortgeführt Es ist charakteristisch für die Geschichte der zionistischen Organisation in Rußland. daß zum größten Teil dieselben zionistischen Vertrauensmänner, die in den Zeiten des Zarismus die Last der ganzen Arbeit auf ihren Schultern trugen, auch heute noch die treuen Träger und Erhalter der Organisation sind. Die jüngeren Elemente sind zum Teil eingezogen, zum Teil stehen sie im schweren Kampf mit den lokalen Sowietbehörden. die. die zionistischen Ortsgruppen als konterrevolutionäre , ..Nester“ betrachten. Das zionistische Zentralkomitee hat eine Reihe von Berichten über die Arbeit in der Provinz veröffentlicht, ‘die ein interessantes Bild von der zionistischen Tätigkeit in den verschiedenen Gouvernements Sowjet-Rußlands geben. Einige dieser Berichte mögen hier angeführt werden: Smolensk. ■ Hier hat eine Konferenz der zionistischen Delegierten aus den Gouvernements Mohilew, Smolensk und Kaluga stattgefunden. 33 Delegierte und zahlreiche Gäste haben an der Konferenz teilgenommen. Die Konferenz widmete einen großen Teil ihrer Arbeit der Achusahfrage (Referent Dr. M. J. Pewsner) und dem Hechaluz (Referenten Geller und Grünblatt). Großes Interesse rief das Referat des Herrn Schachnowitsch über die Palästina-Uebersiedlungsgesellschaften hervor. Lebhafte Debatten schlossen sich an das Kulturreferat. Es 'wurde beschlossen, die Kulturvereine sowie das Schulnetz der Tarbuth mit aller Anstrengung aufrechtzuerhalten. Literatur „Haawodah“. Die Wiener Organisation des „Hapoelliazair“ gibt eine hebräische Zwehvochenschrift unter dem Namen „liaawod'ah“ heraus, deren erste Nummer bereits erschienen ist Der Programmartikel dieser Zeitschrift besagt folgendes: „Hier im Zentrum Mitteleuropas gründen wir ein Organ für die Idee des „Hapoel Hazair“, die in den Kreisen der Arbeiter und Arbeitenden in Palästina entstanden und1 großgezogen wurde, denen die Renaissance unseres Volkes ihr ganzes Leben bedeutet Jene beleben unser Volk und sein Land mit dem Schweiße ihres Angesichtete und ihrem Herzensblute und wir — höchstens mit Hilfe kleiner Werke. Jene leben den Zionismus und wir sprechen und halten Reden über ihn. Jene bringen ihr Leben zum Opfer und war — Heller. Hier im Golus können wir nicht einmal bis an ihre Knöchel heranreichen. Und trotzdem begründen wir hier eine literarische Tribüne für diese Ideen, um mitzuhelfen, daß der Golus befähigt werde, einzu treten in die Reihen dieser Pioniere des zionistischen Gedankens, um ihnen mitzuhelfen in ihrem schweren Kampfe mit dem Lande, mit unserer Gewohnheit die uns zur zweiten Natur geworden ist der Gewohnheit von Kaufleuten und Vermittlern und mit den imschöpferischen Kräften in unserem Lande, die noch “immer von der „Chaluka“, von fremder Arbeit oder von der Arbeit anderer allein leben. Unser Ziel ist es, in unserem Herzen das Gefühl der Abscheu zu erwecken vor unserem „Luftleben“, das wir hier führen, und ein mächtiges Verlangen nach einem schöpferischen Leben, nach dem einen Leben der fruchtbaren und reinlichen Arbeit Außerdem ist es unser Streben, daß unser Organ Zu einer Zufluchtstätte werde für das hebräische Wort dessen Mängel sich in unserem gegenwärtigen Leben so fühlbar macht - In einem weiteren Artikel dieser Nummer, betitelt: „Die Konferenz des Hapoel-Hazair und der Zeire Pion in Basel“, heißt es: „Da diese Konferenz dlazn berufen ist, eine gemeinschaftliche Grundlage und vielleicht aucn eine ideelle und! organisatorische Einheit dieser Parteien zu schaffen, erscheint es angebracht vor allem das beryoTZuheben, was uns eint. Unserer Meinung nach ist dies folgendes: 1. Unser Verhältnis zur zionistischen Organisation: Es muß ein feststehender Grundsatz sein, daß all diese Parteien einen organischen Bestandteil der zionistischen Organisation bilden und kein Gebilde außerhalb derselben sind. Obwohl es vielleicht an dieser Organisation zu kritisieren gibt, trotzdem darf es nicht einen Moment vergessen werden, daß wir alle treue Söhne dieser Organisation sind, die wissen, daß diese Organisation die große Pflicht übernommen hat die Befreiung unseres Volkes der Verwirklichung entgegenzuführen. Wir können und denken gar nicht daran, diese Organisation zu verlassen; wenn sie nicht in ihrem eigenen Geiste wirkt, wenn die Führer zuweilen Wege wählen, die unserer Meinung nach nicht zum Ziele führen; sondern in solchen Fällen ist es unsere Pflicht uns aller ehrlichen Mittel zu bedienen, damit die herrschende Richtung gegen eine bessere umgetauscht wird. Denn wir glaub enfest. daß die zionistische Idee eine' vollständige Revolution der ganzen Art unseres Lebens bedeutet, und daß sie mit bloß äußeren Mitteln allein nicht verwirklicht werden kann ... 2. Der Zionismus ist vor allem eine Bewegung und in zweiter Linie erst eine Organisation. Unserer Meinung nach ist der, Zionismus ein tiefer nationaler Prozeß^ der bis in den die tiefsten Tiefen der Seele unseres Volkes reicht. Gewiß ist unser Endziel ein eigenes Gemeinwesen. aber in erster Linie ist uns der Zionismus eine Bewegung, deren Ziel es ist eine feste gesunde Grundlage für unser Volk zu schaffen. Und dies kann nur durch das jüdische Volk allein und nicht durch äußere Kräfte geschaffen werden. Es versteht sich von selbst, daß wir gar nicht den Wert der äußeren Umstände unterschätzen, die ups als Mittel erscheinen, die geeignet sinffl, unseren schweren, sehr schweren Weg zu erleichtern. jedoch das Wesen unserer Erlösungsarbeit vermag einzig und allein durch dias ganze jüdische Volk vollbracht zu werden, oder um genauer zu sein: Die Arbeit der Renaissance vermag nur durch 1 edles einzelne jüdische Individuum geschaffen werden; jeder von uns muß all seine ' Kräfte des Körpers und dies Geistles anstrengen, um sich an schöpferisches Leben zu gewöhnen, an ein Leben der wirklichen Arbeit bei diem eine Ausbeutung fremder Kräfte nicht vorhanden ist 3. Der Zionismus ist nicht das Monopol der Reichen allein .... der zionistische Gedanke ist das jüdische nationale Ideal: Daraus folgt, daß jene Bewegung, die bloß den Reichen die Möglichkeit gibt sich im Lande niederzulassen — niemals die nationale Bewegung sein kann . . ., denn-dann wäre Palästina bloß eines der Länder des Golus. Der, Boden würde zwar im Grundbuche als Eigentum einzelner Juden erscheinen, die Mehrheit d'er Landesbewohner und auch der-