Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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^*ite 4 JU8HSCHE ZPITIJN© Nr. 2 versteht. Er wollte aber nichts was er sonst hätte tun müssen, dne vollkommene sozial-ökonomische Darstellung der Lage der Juden liefern, was noch viel - umfangreichere Vorarbeiten erfordert hätte, sondern nur eine solche der transterritorialen Wanderung — die eine viel größere Umänderung dieser Lage verursacht hat, als die Binnenwanderung, und durch die allein, in der Form einer planmäßig geleiteten Kolonisationswanderung das sozial-ökonomische Judenproblem lösbar erscheint Innerhalb dieser selbst gesteckten Grenzen hatte er eine Arbeit geliefert, die mustergiltig war. Er geht nun daran, den Stoff viel ausführlicher zu bearbeiten und aus dem schmächtigen Buche sollen drei Bände werden. Als Teil des dritten, die neueste Zeit behandelnden Bandes ist soeben das vorliegende Heft erschienen. _ In bezug auf die Disposition des Stoffes fällt zunächst auf, daß der Autor, entgegen der Erwartung, in diesem Hefte, in dem er das statistische Material gewaltig vermehrt und die theoretische Behandlung des Stoffes ausführlicher behandelt, doch in gewissen Partien weniger gibt, als, im ersten Buche. Dies gilt vor allem in bezug auf die Darstellung der Lage der Juden in Rußland, sowie auf die Untersuchungen politisch-sozialen Charakters (III. Abschnitt des ersten Buches). Wahrscheinlich ist dies in der Gesamtanlage des neuen Werkes begründet, da die vorliegende Arbeit nur ein'Teil des dritten Bandes' sein soll. Die Verschiedenartigkedten der einzelnen Editionen wären aber iedesfalls besser vermieden worden. Neu ist in dem vorliegenden Hefte nicht nur die Vermehrung und viel ausführlichere Behandlung des statistischen Materials, sondern auch teilweise die theoretische Behandlung des Stoffes, z. B. der Abschnitt über „die Wirkungen der jüdischen Wanderungen“, in dem der Drang nach systematischer Durchdringung der Probleme, die den Autor auszeichnet, besonders zur Geltung kommt Allerdings begnügt er sich hauptsächlich däniit, ein Schema aufzustellen, ohne die verschiedenen Wirkungen der jüdischen Wanderung auf die Lage der Juden näher zu untersuchen. Wenn man. wie Ruppin es berechnet hat („Der Jude“, IL Jahrg., S. 141),• annimmt, daß die riesige Auswanderung der Juden aus Rußland, doch nur ungefähr so viel Menschen aus dem Lande brauchte, als der Geburtenüberschuß betrug, so ist leicht einzusehen, daß diese Wirkungen keine allzu großen gewesen sein können, um so mehr die durch die erfolgte Erleichterung der Lage fortwährend durch irgend welche neu auftauchende Bedrängnisse der Juden (z. B. Boykott in Polen 1913) •wettgemacht wurde. Ueber die 'Wirkungen im Eihwanderungsland sagt Kaplan u. a.. daß im Hauptproduktionszweig der jüdischen Immigranten, der Bekleidungsindustrie,' eine Anpassung an die Verhältnisse im Wirtsland erfolgen müßte. Dies stimmt iii dieser ausschließenden Fassung nicht N. W. Goldstein hat in seiner Unterteilung dieser Erscheinung nachgewiesen, daß die Juden jenen Produktionszweig im Einwanderungsland erst eingeführt, also dessen Volkswirtschaft durch Schaffung eines neuen Erwerbszweiges bereichert haben. ' Der Ausstellung von H. Mdaß Kaplan nicht die Unterscheidung von Flucht- und Ziel Wanderung macht, kann ich mich nicht anschließen Da der Autor nur die Auswanderung behandelt und deren Ursachen erforscht, so kommt dabei eine „ZielWanderung“ nicht in Betracht Demi die Massenwanderung aus dem Osten ist begründet durch politische und ökonomische Bedrückungen und Spielraum-Einengungen, ist daher, wenn man schon diese Terminologie gebrauchen will, eine Fluchtwanderung. Daß ihr „Ziel“ nur Länder sein können.- die für zuströmende jüdische Massen Erwerbsgelegenheiten zu bieten haben, ist selbstverständlich. Und soweit eine wirkliche Zielwanderung vorliegt, wie nach Palästina, bildet7 Kaplan j* eben dafür den Begriff der Kolonisätionswanderung. die auf „wirtschaftliche Okkupationeines wirtschaftlich noch nicht fertigen Gebildes“ gerichtet ist, deren Wesen er scharf und treffend charakterisiert Sein Buch klingt geradezu in dem Gedanken aus. daß mit- H. M/s. Terminologie gesprochen, die Fluchtwanderung in eine Zielwanderung übergeht Deshalb ist jener Vorwurf nicht berechtigt. Auch der Einwand bezüglich Rumäniens — daß die Auswanderung aus diesem Lande sinkt, trotz der Prophezeiungen auf Zionistenkongressen — trifft Dr. Kaplan nicht da dieser ausdrücklich hervorliebt, daß in diesem Lande die Auswanderung keine ökonomische Notwendigkeit ist sondern lediglich politische Ursachen-hat, bei deren Verschwinden auch die Auswanderung aufhören werde. Es sei bei diesem Punkte erwähnt, daß bei dem Satz Kaplans, daß die jüdische Emigration aus Galizien ausschließlich verursacht wird durch wirtschaftliche Depossedierung, zu . ergänzen wäre, daß diese letztere sehr häufig auf rein politische Art erfolgt wie z: B. bei Vertreibung der Juden aus dem Salz-, Tabakhandel etc. und dem Schankgewerbe. Abgesehen von einigen Flüchtigkeiten und von der schon besprochenen Inkonsequenz in der Disposition des Stoffes gegenüber dem ersten Buch, ist die vorliegende Arbeit eine ihre Vorgänger weit überragende, erschöpfende Darstellung der jüdischen Emigration bis zum Kriege. Man kann auf die weiteren Bände gespannt seid und wünschen, daß der Autor einmal das Gesamtgebiet der sozialen' und ökonomischen Lage der Juden bis zum Kriege bearbeitet. Adolf Böhm. Ostjfidische Arbeiter für den Wiederaufbau Nordfrankreichs Beim Wiederaufbau Nordfrankreichs wird di'e deutsche Regierung bekanntlich größere Mengen von Ärbeitem.zu stellen haben. Es ist fraglich, ob sich ihr so viele’ deutsche Arbeiter zur Verfügung stellen werden, wie Frankreich anfordem wird. Im Anschluß , an die Tatsache, daß nach einer polnisch-französischen Vereinbarung polnische Arbeiter nach Frankreich gehen werden, hat die „Jüdische Emi gration s-Organisation“ in Berlin, wie die ..Jüdische Preßzentrale Zürich“ meldet in;. deutschen Regierungskreiseil angeregt daß diese, falls ihr nicht genügend deutsche Arbeiter zu Gebote stehen, auf ostjüdische Arbeiter zurückgreifen soll, die namentlich aus den polnischen Industriestädten ihrem Rufe wahrscheinlich Folge leisten würden, wo die große Arbeitslosigkeit sie jedem annehmbaren Angebot geneigt macht Die deutschen Regierungskreise, die in, der Sache bisher.verhandelt haben, stehen der Anregung sehr'i^feuhdiieb gegenüber.. _ Einen ähnlichen Vorschlag macht Dr Alex. Hausmann im „Lemberger Tagblatt“ aus zionistischen Gedankengängen heraus: Mit Rücksicht darauf, daß unser für Palästina bestimmtes Meflscbenmaterial sich an andauernde, schwere physische Arbeit erst gewöhnen müsse, und in Anbetracht des Umstandes, daß die Reisekosten nach' Palästina derzeit Zehntausende von Mark, resp. Kronen pro Person betragen, so daß sie weder von den Arbeitern noch von den humanitären Institutionen.: aufgebracht werden können, wäre es angezeigt, mit der polnischen und französischen Regierung in Verhandlungen zu, treten, damit in die von Polen zum Wiederaufbau nach Frankreich zu entsendenden Arbeitertransporte auch zahlreiche Juden aufgenommen werden. Bei dieser Gelegenheit würden die Juden nicht nur auf fremde Kosten reisen, sondern auch, was sonst nicht der Fall ist, schon während; ihrer Vorbereitungszeit vollen Unterhalt finden. Man könnte dann mit der 7 französichen Regierung ein Abkommen treffen, daß die Juden nach Beendigung der' Arbeiten in Frankreich nicht, zurück7.thaci Polen, sondern nach Palästina gebracht wfefdeit Auf jeden Fall dürften die Juden Palästina voa Nordfrankreich aus nicht nur auf kürzerem Wege erreichen, sondern auch imstande sein, die-nötige» Ersparnisse zu machen, um die weit geringeren Reisespesen nach Palästina eventuell aus eigene« Mitteln zu decken. Griechenland . Die Atilaaco and die Jüdische Gemeinde von Saloniki. Die in Saloniki erscheinende „La Renaissance Jüive“ veröffentlicht in; ihrem spaniolischea Teil an leitender Stelle unter obiger Üeberschrift folgenden Artikel: Als vor 50 Jahren die Alliance ihre ersten Schulen im Orient gründete, war es die Absicht ihrer Leiter, das intellektuelle Niveau der Juden in der Türkei und Nordafrika zu höben; Und man kann sagen, daß die -Juden des Orients ihre Bildung der Alliance zu verdanken haben. Das Programm der Alliance-Schulen und beson-, ders der in Saloniki war den früheren Zeiten angemessen und diese Schulen trugen zur geistigen und materiellen Entwicklung der dortigen Jude» viel bei Nach dem Tode der' Begründer der Alliance kamen jedoch neue Leiter an die Spitze der Institutionen, die es sich zur Aufgabe, machten, das zu zerstören, was die Begründer gebaut hatten. Sie versuchten mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln das Schulprogramm zu ändern und dank ihren „Vertrauensmännern“ gelang es ihnen, in ihrer widerwärtigen Aktion aus den Alliance- Schulen Zentren des Verderbens der jüdischen Jugend zu machen. Die jüdischen Kinder, die die Alliance-Schulen verlassen haben, waren ihrem Volke in vollem Sinne des Wortes entfremdet. Die Alliance wollte nicht mit. der nationalen Bewegung rechneu. Die bulgarischen Zionisten waren die ersten, die die Alliance bekämpften und in kurzer Zeit ihre Gemeinde von deren Schulen befreiten. Aber die Saloniker Juden wollten nicht die Zukunft voraüssehen. Sie begnügten, sich damit ihre Kinder eine oder zwei Sprachen lernen zu lassen, um ein kleines Büro oder einen kleinen Laden aufmachen zu können. Diese schamhafte Gleichgültig-, keit unserer Gemeinde dem Schuiprogramm: gegenüber droht nun gefährliche Folgen zu zeitigen. Die Alliance-Schulen sind die Hauptzentren, in weichen unsere Kinder ihre Bildung erhalten. Die Direktoren dieser Schulen arbeiten, wie wir'es! sehen, gegen die Interessen des Judentum». Saloniki in seinem gegenwärtigen Zustande, bedarf höherer Schulen, die dem Geiste, unserer jüdischen - Massen entsprechen und iin -denen un-/ sere Jugend eine befriedigende Bildung erhalten soll. Heute kann uns die Pariser Alliance mit ihrem uns aufgedrängten Programm, das unseren Bedürfnissen nicht angepaßt ist nicht mehr be-' friedigen. Werden wir fortfahren, gleichgültig zu sein, und ist nicht die Stunde gekommen, ernst an die Zukunft unserer Jugend zu denken? Mit welchem Recht läßt die Gemeinde die Alliance- Schulen in den Händen eines unverantwortlichen Komitees? Wir halten die Stunde für gekommen; daß die Gemeinde selbst die Verantwortung für die Schulen der Alliance übernimmt Sollten sie sich jedoch uns nicht fügen wollen, so müssen wir daran denken, so schnell wie möglich von diesen Schulen und deren Repräsentanten, loszukommen. Literatur in Palästina Der „Haarez“ vom 30. November v. J. veröffentlichte einen von den bekannten jüdischen Schriftstellern A. Z. Raibinowitz, Dr. A. Zifroni und J. Ben-Zwj unterschriebenen Aufruf an die jüdischen Gelehrten und Schriftsteller, in welchemdiese aufgeforidlert werden, an der Fortsetzung der Herausgabe der vor 40 Jahren von dem bekannten jüdischen Gelehnten A. M. L.unz gegründeten Sammelsdhrift „Jeruscha- 1 a i m“ teilzunehmen. Zu Lebzeiten sind von Lueiz 13 Bände erschienen. Da nach dessen Ableben die Herausgabe dieser Sammelschrift eingestellt wurde, wollen jetzt die Verehrer dies Verstorbenen die Herausgabe wieder auinehmen, um zur Verewigung seines Namens 'beizutragen. Die Sammelsdhirift „Jernscihalaim“ soll vorläufig folgenden zwei Fächern gewidmet sein: Der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel, der'Apokryphen, Mischnah, Tosseptha, Midrasch, Talmud usw. und 2. der wissemschaftlich-historischen Erforschung Palästinas wie auch der Publizlerimg von alten Inschriften. Die Aldiresse lautet: A. Z. Rabinowitz. Jaffa Tel-Avviw (Palästina), Unter dem Titel „Ost unld West“ erscheint seit kurzem in Jerusalem ein neues bisttorisohhterarisches und wissenschaftliches Journal in hebräischer Sprache. Die unter Leitung von Abraham Almoliach stehende Zeitschrift ist der Erforschung des Juidanitiums im -Osten, speziell des sephaxdischen, gewidmet. Dr. Max Wertheimer. „Go ttes Volk o der Gott es Völker“, eine Entgegnung auf Dr. Nathan Birnbaums Gottesvolk, Wien und Berlin, 1919, in Kommission bei R. Löwit Verlag. Wer da der Meinung ist. unsere vom HaeckeJianismus ergriffene Zeit um nicht ein stärkeres Wort zu gebrauchen, werde von der Behandlung religiöser Fragen nicht mehr angezogen, stehe allem, was mit der Religion in Zusammenhang gebracht wird, fremd, ja feindlich gegenüber, dem sei die Lektüre der Broschüre des Verfassers warm ans Herz gelegt. Sie ist gerichtet gegen die Schrift Dr. Nathan Birnbaums „Gottesvolk“, der mit ihr eine künstliche Spaltung herstellen will zwischen den.. „Ojlim“, den „Aufsteigenden“ im Judentum und1 dem von ihm sogenannten, „Judenheidentum“. *) — Doktor Birnbaum schreibt das Judenbeidtentum den „Westjuden“ zu, während ihm die „Ostjuden“ noch immer das auserwählte Volk sind! Diese sind es, die an das'Erscheinen eines persönlichen Messias fest und unerschütterlich glauben er werde es „durch seine Tat der Taten aus Erniedrigung emporheben“. Mit großer Schärfe und mit wissenschaftlichem Rüstzeug ausgestattet, niemals die Grenze anständiger. Kampfesweiße überschreitend, wendet sich Dr. Wertheimer in seiner vorzüglich geschriebenen Schrift, dito sicherlich vielseitig Zustimmung, aber auch, wie nicht anders, bei einem so heiklen Stoffe, zu erwarten, Gegner finden wird; gegen solchen Dogmatismus, gegen 'die Aufrichtung einer Art) von priesterlichen Volks-Gottesgnadencum, das eben so zu verwerfen ist, wie das zum Glück überstamdene persönliche Gottes-Greadentum der Herrscher. Dr. Wertheimers Schrift, ist eigentlich ein Plaidoyer für die Henzensreligion der Zukunft gegen jedien religiösen Dogmatismus, ein Kampf, der auf den Schiachtfeldern unserer Geschichte nicht zum erstenmal geführt wirdl E* *) In dfcr Broschüre Dr. Wertheimers wiederholt sich leider der Druckfehler „Huojlim“. statt, wie es richtig heißen sollte. „Haoilim“. sind zwei Welten, die sich hier gegemibersfceheu, entgegengesetzt spiegelt sie sich in den Köpfen Birnbaums und Wertheimers. Die „dogmatische Farbe“ ist die der Religion der. Vergangenheit diese Farbe aber wird der „Religion dier Zukunft“ fehlen. Kein Zweifel, die Religionen des priestexlichen Gottesgnadentums sind vielfach zu Iippeaneligionen herabgesunken. Aus dem dogmatischen Schutte wird sich die demokratische Religion erheben, die nichts wissen will von dem Gottesgnadentiun der jetzigen Priesterreligionen — Sicher ist. daß die zorndurchglühten „Predigten altprophetnscher Prägung“ dlem Religionsdogmatismus nicht zu neuer Blüte verhelfen werden. Darüber sind wir uns alle einig. Jede gleichgültige Formel der Religion als einen ihrer Grundpfeiler binstellen, heißt nicht an dem Bestände unseres Judentums bauen, sondern sich an/ ihm versündigen. Freuen wir uns, daß wir in unserer Mitt® Gottessucher besitzen, die, gleich Dn Wertheimer, vom wahren und warmen Idealismus erfüllt den Weg weisen, der zur Rettung der Religion für die Zukunft führen kann. Wenn ihm auch nicht alle auf diesem Wege folgen werden, seinen guten Willen wird man nicht leugnen können. - Dr. M. Grünfel dl Brünn. „Haawoda“. die erste Nummer der hebräischen Zweiwochenschrift ist soeben erschienen.. Inhalt: 1. An die Leser! 2. M. J. Leder: Messianismus oder nationales Schaffen? 3. Sawlan: Zur Kanferenz des „Hapoel-Hazair“ und Zeire Ziem in Basel. .4Dr. Cliaim Tartakower: Adolf Stand. 5. Meier He nasch: Briefe an die Heimat I. 6. R. Ehrlich: Mein Lebenswandel (Erzählung). 7. Menachem Fr o s tig: (Gedicht). 8. Z entralkomitee des „Hapoel-Hazair“!■', Palästina: Ein Brief an den „Hapoel-Hazair^ in Wien. 9. A. Tr.: Der Wiener, „Heehaluz“. 1QL Die Arbeit des „Hapoel-Hazair“ in Wien.