Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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a»ite 4 JÜDISCHE ZflTUWQ Mr. 1 Die Lageder Juden in Siebenbürgen Ein verläßliclier Gewährsmann, der soeben* ans Siebenbürgen kommt, berichtet der „Jüdisches. Preßzentrale Zürich“: Allmählich schließt sichdie gesamte Judenschaft dem Jüdischen Nationalverb andean. Die früheren Assimilanten, welche auch nach dem Zusammenbruche Ungarns der nationalen Konsolidierung der Juden heftigen Widerstand entgegensetzten, haben nunmehr aus der gesamten Situation die einzig richtige Konsequenz gezogen und sich dem Nationalverbande angeschlossen. Auch die Orthodoxie wird allmählich aus ihrer Indolenz aufgerüttelt Der zibnistische Gedanke hat eine ungeahnte Verbreitung gefunden Die Zahl der Schekelzähler ist von 500 vor dem Kriege auf 50.000 im letzten Jahre gestiegen. Für den' Nationalfonds fließen wöchentlich 10.000 bis 12.000 Kronen ein. Leider ist die nationale und zionistische Organisationsarbeit durch .die politische und wirtschaftliche Lage äußerst behindert Die Ausweisungen der aus den Dörfern in die Städte vertriebenen Juden sowie aller derer, die ihren Wohnort gewechselt haben, werden mit unerhörter Strenge vollzogen, auch wenn sie bisher ungarische Staatsbürger waren. Wenn dem Befehle binnen 5 Tagen nicht Folge geleistet wird, werden die Leute in die Waggons verladen und, wenn sie früher nicht im besetzten Gebiete gewohnt haben, über die Grenze geschafft Unser Gewährsmann traf . in Budapest solche Angewiesene; die wochenlang in Waggons leben mußten.. Die Agrarreform. mit ihren Enteignungsbestmnriungen hat besonders viele jüdische Grundbesitzer und Pächter ins Elend gestürzt. Gewerbekonzessionen werden an Juden nicht erteilt Geschäftsläden der jüdischen Kaufleute werden enteignet und rumänischen Kaufleuten übergeben. Die Vertriebenen können in die Dörfer nicht zürückkehren, . weil ihre ganze Habe vernichtet ist und die Bauern sich gegen ihre Rückkehr wehren. Entschädigungen werden nicht gewährt Man hört auch nichts davon, daß strafgerichtliche Untersuchungen gegen die Plünderer eingelötet worden wären. Die Korruption blüht Für große Summen sind auch Aufenthaltsbewilligungen zu erlangen. Die Armen natürlich müssen wandern. Ein weitverbreitetes Spitzelwesen bedroht jedermann mit Denunziation. Das System der zaristischen Ochrana ist bei weitem in. den Schatten gestellt Das Lokal des Jüdischen Nationalverbandes würde requiriert Die Forderung der Juden nach einer nationalen Schule wurde abgelehnt Jetzt versucht man die Bewilligung zur Errichtung von sogenannten Religionsschulen zu erlangen, wie Sie die Kultusgemeinden in Ungarn auch besitzen. Eine Enquete in Sachen des jüdischen Schulwesens erhielt nicht die behördliche Bewilligung. Die Verkehrsfreiheit war früher weniger beschränkt Seit dem Zeitpunkt der Wählen ist allgemeiner Passierscheinzwang eingeführt Wer Rumänien kennt, weiß, welche Korruption das erzeugt Bei den Wahlen zur sogenannten Konstituante haben sich die Juden der Wahl enthalten. Nur in der Provinz wurden einige Juden von den Präfekten gezwungen, sich an der Wahl zu beteiligen. Außer einigen Ungarn und Sachsen in den rein nicht-rumänischen Bezirken wurden alle offiziellen Kandidaten natürlich gewählt In Chij (Koloszvär) wurde schon eine halbe Stunde nach Beginn der Wahlhandlung mangels jeder Beteiligung und mangels von Gegenkandidaten erklärt daß die offiziellen Kandidaten gewählt seien. Und der Welt wird man einreden wollen, daß hinter der Konstituante das Volk steht. Trotzdem zirka 30 Prozent der Bewohner Siebenbürgens Nichtrumänen, sind, geht das Bestreben der Herrschenden' dahin, jede nationale Regung der Minoritäten mit Gewalt zu ersticken. Alle einsichtigen Elemente sind überzeugt, daß dieses System zum Abgrund führt J&dische Arbeit in der Slowakei Dem Tätigkeitsberichte des Prager jüdischen- Nationalrates -entnehmen wir den folgenden Abschnitt über die Arbeit in der Slowakei: Der Vizepräsident des Nationalrates Dr. Max Brod benützte einen längeren Urlaub, um auf einer größeren Propaganda- und Informationsreise die Verhältnisse in der Slowakei aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Auch der Sekretär des J. N. R. Herr Emil Wald stein ist wieder nach Bratislava zurückgekehrt und hat neuerlich die Leitung des Büros des Volksverbandes der Juden für die Slowakei daselbst übernommen. Dr. Brod ist von dm Ergebnissen durchaus befriedigt und berichtete insbesondere, daß die naticnaljüdische,- besonders die zionistische Bewegung in der Slowakei mächtige Fortschritte gemacht habe. Insbesondere die Jugend, auch die orthodoxe, sei ganz von nationaijüdischem Geiste erfüllt Dr, Brod hat in einer großen Anzahl von Städten gesprochen und der dortigen nationaljüdischen Bewegung neue Impulse gegeben. In Bratislava hatten sowohl Herr Dr. Brod wie auch der zweimal dort weilende erste Vizepräsident des J. N. R. Herr Rudolf Ko ihn mit den dortigen Staatsmännern und Politikern wiederholte und sehr eingehende Besprechungen, ln denen auf beiden Seiten der Wunsch für ein künftiges gedeihliches Zusammenarbeiten hervortrat Es sind insbesondere Verhandlungen mit dem bevollmächtigten Minister Dr. S r o b a r. dem Staatssekretär Dr. Markovicz und anderen zu erwähnen. Daß die in der orthodoxen Landeskanzlei organisierte Orthodoxie in der Slowakei. in der gewisse Gruppen, gegen den Widerstand einsichtiger Elemente, in letzter Zeit anscheinend . auf den Bruch mit dem Volksverbande hinarbeiten, überhaupt noch eine politische Bedeutung hat ist nach Mitteilungen von Dr, Brod auf ein unglaublich reaktionäres Wahlrecht ln dien Kultusgemeinden zurückzuführen. Hoffentlich wird dieses Wahlrecht von einem neuen demokratischen abgelöst werden. Der J. N. R. hatte in slowakischen Angelegenheiten auch wiederholt bei den Prager Behörden zu intervenieren. So gelang es ihm, die Räumung der jüdischen Schule von Volke Tapolcany und anderer jüdischen Schulen, die von Militär belegt waren, durch Interventionen im Unterrichtsministerium durchzusetzen. Auch in der Angelegenheit der slowakischen Lehrerkurse in Tinava. deren Subventionierung angestrebt wurde, unternahm er eine erfolgreiche Intervention. Besonders bemerkenswert und erfreulich ist das Ergebnis der vom J. N. R. in Angelegenheit der von dem militärischen Höchstkommandierendem General Hennoque im karpathorussischen Gebiete erlassenen Verordnung, nach welcher die jüdischen Kaufleute zur Offenhaltung ihrer Geschäfte am Sabbath gezwungen wurden, unternommenen Schritte. Durch rasches Eingreifen bei dem Präsidialchef des Ministeriums des Innern und in der Kanzlei des Präsidenten der Republik gelang es. die Zurückziehung dieses die streng religiösen Gefühle der dortigen jüdischen Bevölkerung verletzenden und für sie geradezu verhängnisvollen Erlasses zu erzielen. Die Verhältnisse in diesem Gebiete machten auch mehrfache Interventionen im Mimsterratspräsidium notwendig. Der Standpunkt des J. N. R. fand hiebei volles Verständnis. Bezüglich der Verhältnisse in der Slowakei stand der J. N. R. u. a. auch mit dem Generalinspektor Machar in Schriftenwechsel. Die Fortschritte des Zionismus in England Ueber die Fortschritte, die der Zionismus nicht nur im jüdischen East-En-Londom sondern auch in den „westlichen“ Bezirken macht, berichtet der Korrespondent des „Manchester Guardian": Die zionistische Bewegung wird sichtlich auch unter den Juden von West-End populär, wie aus einer sehr stark besuchten Versammlung hervorgeht. die am Nachmittag des 24. November im Hause der Frau Herbert Cohen im Orme Court stattfand und bei der Herbert Samuel über den Zionismus sprach. Mr. Samuel bekannte, daß er sich vor dem Krieg sehr wenig für Zionismus interessierte und daß er erst, als die Türkei in den Krieg eintrat, sein Augenmerk der Frage des voraussichtlichen Schicksals der ottomanäschen Besitzungen zugewendet: habe. Und da habe er den Wert und die Notwendigkeit des Zionismus erkannt und sich um seine Verwirklichung bemüht Er stützt seine Aufrufe zur Mitarbeit hauptsächlich auf zwei Griincüasrem. 'auf ’ die’ jiölitisclie und auf die. wirtschaftliche. Essei für die britische Politik wesentlich, daß Palästina, das Nachbarland Aegyptens.. von einem.-, befreundeten und loyalen Volk bewohnt sei und er glaube, daß dieses so lange vernachlässigte Land nur durch jüdische Unternehmungslust jüdische Energie und jüdisches Geld zu neuem Aufblühen gebracht werden könne. Mr. Samuel betonte dann noch, daß die Errichtung eines jüdischen Palästina in keiner Weise die bürgerlichen Rechte, derjenigen Juden berühren würde, die in anderen Ländern lebten und daß diese Bedingung in Balfours Brief an- Lord Rotschild ausdrücklich betont war. Der Berichterstatter betont zum Schlüsse nochmals, daß fast allLe Zuhörer dieser Ausführungen Gesellschaftskreisen augehörten, die sich bisher der Bewegung ganz ferngehalteii haben und der zionistischen Idee völlig unzugänglich -waren. Ein neues Regulativ für Achusoth „Haolam“ Nr. 7 verlautbart: „Achusa“ ist ein altes Wort in der zionistischen Welt. „Achusoth“ wurden seit jeher gegründet und waren zahlenmäßig, finanziell und statutenmäßig verschieden. Im allgemeinen stellten sich die „Achusoth“ zum Ziel, Pflanzungssiedlungen zu gründen, die von Lohnarbeitern bebaut werden. In Vder letzten Zeit schließen sich auch kleine Gruppen von Leuten zusammen, die wenig Mittel haben und sich als Kleinbauern ansiedeln wollen, um ihren Boden selbst zu bearbeiten. Die letzteren werden im Gegensatz zu den ersterwähnten Achusoth Kleinbauernwirtschaften genannt. Entsprechend den neuen Umständen, den Boden- und Arbeitspreisen hat eine Kommission von Sachverständigen aus Palästina und der Diaspora die Statuten der Achusoth revidiert und gelangte zu folgenden Beschlüssen: Durch eine besondere Gesetzgebung kann en eicht werden, daß der ganze Boden allein vom Nationalfonds gekauft wird, vorausgesetzt, daß er dazu genügend Geld hat. Damit aber mit dem Ankauf von Boden im größeren Maße sofort angefangen werden kann, müssen die Privatachusoth laut folgenden Grundsätzen gegründet werden: 1. Die Achusoth sind Grundstücke für Pflanzungen, die hauptsächlich von Lohnarbeitern bebaut werden. 2. Jedes Mitglied muß, um sich einen Anteil zu sichern, der ihn und Familie ernährt, mindestens 2000 Pfund Sterling (über 300.000 Mk.) deponieren, die auch in sieben Raten gezahlt werden können, und zwar die erste Rate bei der Gründung, die zweite beim Bodenkauf und die fünf weiteren Raten alljährlich im Laufe der nächsten fünf Jahre. . 3. Der Boden wird durch eine zentrale Agentur der zionistischöl Organisation angekauft, in deren Händen alle Bodenkäufe überhaupt konzentriert •'werden. Der Boden wird nach Vereinbarung zwischen der Achusa und der Agentur gewählt, wobei darauf. Gewicht gelegt werden soll, daß jede Achusa von einer Reihe Kleinbauernsiedlungen umgeben wird, so daß man Immer in' den Achusoth jüdische Arbeiter der nahen Dörfer beschäftigen kann. Die Größe der Grundstücke in den Achusoth einzuschränken, ist vorläufig nicht nötig. 4. Die Urbarmachung und die Pflanzungsarbeit müssen von jüdischen Arbeitern gemacht werden. Die Arbeiter schließen sich iu Gruppen zusammen, die mit Hilfe der zu gründenden Arbeiterbank die Arbeit selbständig übernehmen können. Die Bank wird -ihnen das nötige Geld zur. Verfügung stellen und für sie Bürgschaft leisten. Dadurch wird der ganze Gewinn, der bis jetzt in die Kassen von Privatpflanzungsgesellschaften floß, den Arbeitern zugute kommen. Sollte die Urbarmachung und Pflanzungsarbeit einer Privatgesellschaft übergeben werden oder voii der Leitung der Achusa selbst verwaltet werden, so muß dafür gesorgt werden, daB jüdische Arbeiter beschäftigt werden und daß di» Beziehungen zwischen Arbeitgeber -und Arbeitnehmer vom zu gründenden Arbeitsamt überwacht werden. 5. Sollte ein Achusamitglied seinen Garten nicht bebauen, sondern ihn in Pacht geben wollen, so hat er den jüdischen Berufsarbeitergruppen den Vorzug zu geben. 6 Die Gründer von Achusoth müssen sich dessen bewußt sein, daß alle Arten. voii Pflanzungen erst nach sechs oder sieben Jahren Gewinn abweifen, deshalb muß jeder von .ihnen, falls er früher nach Palästina übersiedelt, für eine andere Erwerbsquelle sorgen. t Alles Gesagte gilt auch für Privatleute, die auf eigene Faust sich ansiedeln wollen. Große s Güter für Getreideöder Gemüsebau sowie für v Milchwirtschaft sind vom Standpunkt der nationalen Kolonisation n ich t wünschenswert Palästina und Syrien Unter der Ueberschrift ..Palästina und Syrien“ veröffentlicht die englische Zeitschrift „Pa- 1 estine“ an leitender Steile einen Artikel, in dem zunächst eine Meldung des „Daily Telegraph“ wiedergegeben wird, .wonach Clömenceau titid der Emir Feisiil als Supplement zu dem' militärischen Uebereinkommen vom 1. September zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten eine spezielle Konvention unterzeichnet haben, worin der Emir Feisul sich mit der Ersetzung der arabischen Truppen in gewissen Gebieten durch französische Truppen einverstanden erklärt und sich verpflichtet französische Experten in der Zone der. indirekten französischen Verwaltung, die im Geheimvertrag von 1916 verzeichnet1: ist zu verwenden. Aus dem Bericht des „Daily Telegraph“ geht nicht mit Genauigkeit hervor, welche Gebiete von den französischen Truppen besetzt werden sollen. Es heißt dann in dem Artikel weiter: „Wir haben immer nicht nur ein englischfranzösisches Uebereinkommen bezüglich Syriens und nicht nur eine jüdisch-arabische Verständigung und Zusammenarbeit sondern auch ein französisch-arabisches Einverständnis befürwortet Es gab und gibt ohne Zweifel noch heute Leute in Frankreich, die geneigt sind, -die Existenz arabischer Rechte und arabischer Interessen mit -einer Geste .vvegzufegen. Einzelne Beobachter an Ort und Stelle sind fneilch -davon überzeugt, daß eine solche Haltung nicht nur unpolitisch und -ungerecht sondern auch außerordentlich gefährlich wäre. Die Araber haben protestiert und erklärt daß sie. was sie als ihr Recht betrachten, nötigenfalls mit dem Schwerte verteidigen würden: und obwohl man vielleicht annehmen kann, daß die Größe der Gefahr militärischer Verwicklungen übertriebenworden ist, wäre nichtsdestoweniger jedes vermeidbare Blutvergießen ein Unglück.' Es gehören zwei dazu ein Uebereinkommen abzuschließea und! die französische Regierung und der Emir Feisul haben jetzt wesentliche Achtung vor der beiderseitigen Position gewonnen. Damit sollte hinfort ein Konflikt ausgeschlossen und die Ordnung aller damit zusammenhängenden Fragen in 'eine sehr wünschenswerte Nähe gerückt worden sein. Ein jüdisches Palästina hat natürlich das ernsteste Interesse an der friedlichen- Entwicklung des benachbarten Syriens: daher kann eine wirkliche Verständigung zwischen Frankreich und den Arabern keine wärmeren Freunde haben als die Zionisten. Vom Standpunkte eines jüdischen Palästinas aus ist es dabei natürlich von größter Bedeutung. daß die Grenze zwischen Palästina und Syrien richtig bestimmt wird. Der ausschlaggebende Faktor für die Bestimmung der Grenze ist in unserer Zeitschrift wiederholt da-rgelegt worden; aber grundlegende Wahrheiten können'nicht oft genug wiederholt werden, bis man sie angenommen und beobachiet hat Die grundlegende Wahrheit über die Grenzen Palästinas ist daß Palästina innerhalb seiner Grenzen die Gewässer einschließen muß. die es für Bewässerung und 'elektrische Kraftanlagen braucht; mit 'anderen Worten, die Litani-Schluc-ht die Ouellwasser des Jordan und den Schnee des Hermon. Verglichen mit -diesem Faktor der Wasserzufuhr sind ein paar Meilen Küstenstrecke mehr oder weniger nur von geringer Bedeutung. An. der Küste ist es natürlich wesentlich, daß Palästina die ganze Bucht von Acco und so viel Küstenstrecke im Norden 'erhalten muß. wie für die Entwicklung und den Schutz des in der Zukunft bedeutendsten See-. hafens von Palästina notwendig ist. Die ganze übrige Nofdküste mag ein Gegenstand für Unterhandlungen und ü'ebereinkünfte sein und mag als Tauschobjekt dienen, tun das zu sichern, was le-