Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Nun, nachdem der Zionismus als Folge seiner geschickten Politik nicht minder wie infolge der praktischen Arbeit, die als Modell für größere Möglichkeiten und als Beweis für den Ernst der Bewegung von unschätzbarem Werte war und infolge der allgemein politischen Konstellation seinen denkbar größten politischen Erfolg 'errangen hat, regt sich wieder die alte Opposition und man sieht, daß die Herren wohl ihre Argumente den Gegenwartsumständen angepaßt, aber sonst nichts -gelernt haben. Gegen die zionistische Leitung haben sich in der letzten Zeit verschiedene kritische Stimmen erhoben und man wird, selbst wenn man die ungeheuren Schwierigkeiten der Leitung würdigen will, der Kritik keineswegs alle Berechtigung absnrechen. Es hätte doch ein Weg gefunden werden müssen ~ wir wissen, wie schwer es war—, um den Kontakt mit den Landesverbänden aufrechtzüerhälten und Vorsorge zu treffen, daß man nicht dauernd im Ungewissen bleibe und die begreifliche Ungeduld der Massen wenigstens teilweise befriedigt werde. Nun, da man .seine Hoffnungen auf die Jahreskonferenz gesetzt hat, welche die so lange erwartete Aussprache bringen und einem größeren Kreis von führenden Zionisten die dringend erwartete Aufklärung werden sollte, erlebt man neuerdings die Enttäuschung, daß die Jahreskonferenz auf unbestimmte Zeit verschoben worden, ist. Die Kritik wird hier sicher einen neuen Angriffspunkt finden. Eines ist aller Kritik gegenüber als unbedingtes Erfordernis aufzustellen: daß sie sich des Ernstes des Augenblicks und ihrer Verantwortlichkeit bewußt bleibe. Seit einiger Zeit nun macht sich im Zionismus eine, wie sie sich nennt, „politische Opposition“ bemerkbar, die sich größtenteils oder ausschließlich aus den früher gekennzeichneten Männern aus dem einstigen Herzl-JCreise zusammensetzt. Eine Aendemng in der Situation hat sich insofeme ergeben, als Max N o r d a u auf. die. Aufforderung des Aktionskomitees nach London gegangen ist, um an der Arbeit der Leitung teilzunehmen. Damit teilt sich das geistige Oberhaupt der Opposition der „Politischen" in die Verantwortung. Nordaus Standpunkt ist den Lesern dieses Blattes nicht unbekannt Er hat in einem Aufsatz in „Chadaschoth Haarez“ seine Auffassung von der Notwendigkeit daß Palästina in die Lage kommen müsse, sofort der großzügigsten Masseneinwanderung seine Tore zu öffnen, verfochten und dabei Anschauungen zum Ausdruck gebracht die man beim besten Willen, nicht als politisch bezeichnen kann (s. „Jüdische Zeitung“ vom 5. Dezember), und in einem Schreiben an den Delegiertentag der amerikanischen Zionisten in präziser Weise, der man nur vorbehaltlos beistimmen kann, die politischen Forderungen des Zionismus niedergetegt ($. „Jüdische Zeitung“ vom 24. Oktober). Das E ln w an d er ungs p r ob 1 em ist gegenwärtig eine Frage von solcher Dringlichkeit daß dessen Erörterung und Klärung aus der zionistischen Debatte nicht verschwinden darf. Der Moment-dem wir alle entgegenharren, darf uns nicht unvorbereitet antreffen Aber die dilettantische Kritik der politischen Zionisten sollte endlich aufhören. Es zeugt von geringem Verantwortungsgefühl waren, wie es in letzter Zeit mehrfach in London geschehen ist im öffentlicher Erörterung der Leitung vorgeworfen wird, daß sie von England zu wenig verlangt habe und das ^n:P.l mit dem Sch-lagwort vom „souveränen Staat“ fortgesetzt.wird. Die Herren Cowen und Greenberg scheinen unbelehrbar und es hat kaum einen Sinn, ihnen zu sagen, daß Politik ans Rechnen mit dem Möglichen bedeutet und man Staaten nicht durch Dekrete uud Regierungserklärungen schaffen kann. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß Palästina heute bloß von einer jüdischen Minderheit bewohnt wird imd _JÜDISCHE ZEiTUNQ das Araberproblem nur mit großer Vorsicht behandelt werden kann. Geradezu grotesk ist die letzthin von Herrn Cowen vörgetragene Theorie, die Araber müßten in nationaler Beziehung Juden werden, wenn sie in Palästina bleiben.; Der Weg wäre freilich bequem, aber der Zionismus wird sich wohl hüten müssen, durch chauvinistische Methoden, die nur den entgegengesetzten Effekt haben könnten, Augenblickserfolge anzustreben. Das Araberproblem wird durch gefährlichen Dilettantismus nicht aus der Welt geschafft und ein Blick auf die Nationalitätenkämpfe in Mitteleuropa genügt, um solche dilettantische Theorien ins Nichts verilattern zu lassen. Auch die Deutschen im neuen tschecho-slowakischen Staate sind plötzlich politisch „Tschecho-Slowaken“ geworden. Glaubt man, daß dadurch allem die nationale Frage in der Tschechoslowakei gelöst ist und sollen wir vielleicht in Palästina diese Methoden nachahmen, wo wir im Gegensatz zu den Tschechen gegenwärtig eine bloße Minderheit sind? Alle zionistische Politik muß auf allmähliche Entwicklung eingestellt werden und auf eine friedliche Auseinandersetzung mit den Arabern hinarbeiten. Das ist eine Binsenwahrheit, welche die „Politiker“ anscheinend noch immer nicht begriffen haben. A. F. Die jüdische Lage in Poleu Die jüdische Frage gestiftet sich zusehends schlechter. Das Ausschalten der Juden aus allen Lebensgebieten und der unaufhörliche Haß gegen alles Jüdische überhaupt werden systematisch durchgeführt Gegen die jüdische Presse wird ein Kampf geführt Verschiedene Redakteure (z. B. des „Kurier Nowy“) sind verhaftet worden, ganze Zeitungen sind verboten worden („Haint“, „Dzienik Nowy“). Gegen die Abgeordneten Grünbaum und Nomberg ist ein Prozeß angestrengt worden. Eie Sejmkommission beschloß, Grünbaum auszuliefern. — Die Untersuchungskommission von Pinsk hat ihre Tätigkeit beendet und alle ihre Mitglieder sind zum Schluß gekommen, daß die 35 erschossenen Juden keine Bolschewiki gewesen sind und ohne jede gerichtliche Vernehmung hingerichtet wurden.— Bei der Ausarbeitung des Verfassungsentwurfs sind alle Verbesserungen des Abgeordneten Grünbaum durchgefallen und selbst diejenigen christlichen Abgeordneten, die mit ihm einer Meinung waren, haben doch gegen ihn gestimmt, denn „es schickt sich doch nicht; gleich mit einem Juden abzustimmen“. — Das Fremdengesetz wird! weiter mit aller Strenge durchgeiührt. Man ist auch in den maßgebenden polnischen Kreisen bestrebt Juden, die schon lange im Lande wohnen, ja, in der polnischen Armee gedient haben, als Fremde zu behandeln, nach rumänischem Muster. — Die Zwangssonntagsruhe, die durch das Parlament beschlossen wurde, ruiniert dje jüdischen Händler. Es ist merkwürdig. daß' hier diepolnische' . nationale Demokratie“ Hand in Hand mit der P.-P.-S. geht, welche die Sabbatruhe trotz der Proteste der jüdischen Arbeiter bekämpft — Vorlesungen über jüdische Bluttaten (Njemoiewski, Czerbak) werden gehalten. Die einzige Hoffnung der Juden auf die Besserung ihrer traurigen Lage gründet sich auf die Hilfstätiekeit der amerikanischen Juden, die eine grandiose Nationalbank zu gründen Dianen, die zur Aufgabe haben soll, die ökonomische Lage des Ostjudentums zu heben. Dagegen macht sich imgeistigenLeben des polnischen Judentums ein großer Auischwung bemerkbar. Das nationale Bewußtsein dringt immer tiefer in die breitesten Massen ein. Diese organisieren sich immer stärker. Die zionistische Partei, welche die stärkste ist im polnischen Judentum, organisiert das iüdische Leben auf allen Gebieten: gründet Schulen. Genossenschaften, Fa.'hkurse, Farmen und Kolonien. Auch die jüdische Seile 3 Arbeiterschaft ist in professionellen Vereinen organisiert. Sie erreicht die Zahl von 90.000, von denen 50.000 dem Bund, 34.000 den ’ Poale Zion und 6000 den Vereinigten (Zionisten, Sozialisten) angehören. Berufschichtung der PoaleZion. Allgemeine Berufe.11.000 Nadelarbeiter.2.450 Sodabranche .1.169 Zuckerindustrie. 906 Metallindustrie. 800 Textilindustrie. 788 Speiseindustrie. 715 Gelegenheitsarbeiter. 744 Lederarbeiter. 705 Amtsdiener ......... 407 Bürstenarbeiter. 575 Kellner .. 460 Wäschearbeiter . 450 Theaterangestellte ....... 298 Papierindustrie. 245 Hausdienerschaft. 250 Handelsangestellte . 250 Baugewerbe. 150 Berufsschichtung des „Bund“. Allgemeine Arbeiter.9.309 Nadelarbeiter.7.441 Manufakturindustrie ....... 5.658 Hausdienerschaft .2.199 Holzindustrie .2.151 Papierindustrie .2.053 Leder, Galanterie.2.023 Mehlfach.1.908 Speisefach .1.500 Sodafabrikation.1.287 Bürstenarbeiter.1.049 Bauarbeiter. 432 Chemische Industrie. 250 Drucker. 247 Träger. 162 Handelsangestellte . 154 Andere Vereine .5.050 Die Abreise Samuels. Die polnische antisemitische Presse, die berühmten „Dwa Grosze“ voran, begleiten die Abreise Samuels mit einem Schwall von Beschimpfungen und Verleumdungen. Der Anführer der polnischen Antisemiten. Herr Niemojewski. verleumdete Samuel fast in iedem Heft seiner „Mvsl Niepodlegia“. Er beschimpfte Samuel einmal dafür, daß dieser sich geweigert habe, eine Spende für das polnische Rote Kreuz zu geben. Samuel stellte darauf in der jüdischen Presse-fest daß er einmal für die polnische Rote Kreuz-Gesellschaft einen namhaften Betrag gespendet habe, aut eine zweite Aufforderung aber sich wirklich geweigert habe, da er inzwischen erfahren habe, daß im polnischen Roten Kreuz jüdische Schwestern imd' iüdische Aerzte nicht aufgenommen werden und deshalb fühle er als Jude sich nicht verpflichtet, eine solche Gesellschaft zu unterstützen. Im übrigen erklärte Samuel es unter seiner Würde, mit dem „Judenfresser Niemojewski. welcher in keinem kulturellen Lande geduldet würde“, sich in eine Polemik einzulassen. „Niemojewski“. schreibt Samuel „hat wahrscheinlich geglaubt ich sei Botschafter Morgenthau und werde ihm die Genugtuung verschaffen, ihm einen Besuch abzustatten.“ Im Gegensatz zu Morgenthau hielt es Samuel vor seiner Abreise für angebracht in einem offenen Brief vom polnischen Judentum Abschied zu nehmen. In diesem Brief dankt Samuel der jüdischen Bevölkerung für das ihm entgegengebrachte Vertrauen, versichert daß er die Juden Polens nie vergessen werde, und drückt die Hoffnung aus. daß sich die jüdisch-polnischen Beziehungen in Zukunft bessern werden. war auf in einandergreifendes Zusammenspiel soweit es nicht durch die zu stark geschonten dialektischen Zeugen des Stückes gehindert war, in erfreulicher Weise Wert gelegt. Nur Herr Podzanicze wäre daran zu gewöhnen, daß er sich in den Rahmen des Ensembles einzufügen habe, ohne daß sich genadte die Handlung um ihn dTelit Der Titelrolle lieh Herr Deutsch echtes schauspielerisches Können, das mit sparsamen Mitteln bezwingend wirkt Freilich konnte auch die von ihm als einziger rettender Ausweg aus der Unmöglichkeit des HeMen versuchte und fein durchgeführte leise pathologische Färbung der Figur sie nicht zu vollem Leben bringen, da sie totgeboren ist Frau Weint raub wird1 gebeten, nicht Kosak zu tanzen; ein undankbares Gemüt könnte sonst vergessen, daß sie sonst einige schöne Töne der Empfindung hat die sie als Schauspielerin wertvoll machen In einer ein wenig’ maggidischen Episodenrolle fiel Herr Waldberg angenehm aui Der jüdischen Volksbühne sei geraten, die richtigen Stücke zu suchen r für ihre Aufführung ist sie auf gutem Wege. s. s. Literatur Georg Ellots hundertster Geburtstag. Am 22. November iährte sich der hundertste Geburtstag von George Eliot die eine der bedeutendsten Romanschriftstellerinnen Englands war. Sie hatte stets reges Interesse für das jüdische Problem empfunden, beschäftigte steh viel mit jüdischer Geschichte und Literatur, hatte die hebräische Sprache erlernt und soll auch den Talmud , gekannt haben. Das Martyrium des alten Judentums begeisterte sie zu dem 1876 erschienenen Roman Daniel" Deronda. In ihrem —i ä Aufsatze „Die Juden und ihre Gegner“ trat sie als eine der ersten mit Wärme für die nationaljüdische Idee ein. A. M. Goldschmidt. Ende Oktober wurde in den literarischen Kreisen Dänemarks der hundertste Geburtstag des jüdisch-dänischen Dichters A. M. G o 1 d s c h m i d t gefeiert Alle dänischen Zeitungen, vom offiziellen Regierangsorgan „Politiken“ bis zu den kleinsten Tageszeitungen Dänemarks brachten größere Artikel, in denen sie die Bedeutung des jüdisch-dänischen Dichters Goldschmidt schilderten. Seine Verehrer beschlossen, ihm auf einem der schönsten Plätze Kopenhagens ein Denkmal zu setzen: ein dänischer Bildhauer hat es übernommen, den Entwurf für dieses Denkmal auszuarbeiten. Die Literatur der Arbeiter in Palästina. Die English Zionist Federation hielt vor einiger Zeit eine hebräische Versammlung, in welcher Berl Katzenelson aus Palästina über die palästinensischen Arbeiter und ihre Literatur referierte. Den Vorsitz führte Doktor Schmarya Levin. Der Vorsitzende charakterisierte die Literatur der palästinensischen Arbeiter als eine Literatur des Willens; sie habe kein literarisches, sondern ein Lebensziel. Im Gegensatz zur übrigen hebräischen Literatur, welche in den letzten Jahren apologetisch geworden ist, fürchtet sie nicht, auch bittere Wahrheiten auszusprechen. Während in den europäischen Literaturen der Stil der Sprache für den Menschen dichtet und man es einem Werke oft nicht ansehen kann, ob es das Werk eines Schöpfers ist oder nicht, spricht in Palästina jeder sein eigenes Wort. In einem Brief einer Korrespondenz, die in irgend einer Zeitschrift abgedruckt wird, spricht sich oft ein jahrelanges Erleben eines Menschen aus, der nachher völlig verstummt. Katzenelson ließ die ganze Reihe der jungen Schriftsteller Palästinas vor den Zuhörern vorübergehen und stellte in den Mittelpunkt die Persönlichkeit von J. Ch. Brenner, der wie kein anderer die junge Generation Palästinas erzogen hat und den Arbeitern Hilfe und Trost war. Der zweite Mittelpunkt des palästinensischen Schrifttums ist A. D. Gordon, in dessen Persönlichkeit sich der sozialistische Gedanke in tief jüdischer Form verkörpert hat. Katzenelson schilderte dann das innige Verhältnis zwischen Schriftsteller und Leser in Palästina und gedachte der großen Opfer, welche die palästinensischen Leser für die Literatur bringen. Er schloß mit der Aufforderung an die hebärischen Leser im Galuth. der palästinensischen Literatur die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. „Morlah“. Soeben erscltien das Dezember- Heft der bekannten und trefflieh redigierten jüdischen Monatsschrift in polnischer Sprache „Moriah“ mit folgende« Beiträgen: Wilhelm Berkelhammer: Zwei Posten: Dr. Simon Lustig: Die Nationalisierung des Bodens; AbsC. S. Hirszhorn: Die Juden in Polen zur Zeit des Herzogtums Warschau (1807—1813) I.: Achad Ha am: Majmomdes — die Herrschaft des Verstandes (Übertrager, von Dr. J. Frenkel): Dr, Ignaz Schwarzhart: Die Zukunft des jüdischen Volkes in der Beleuchtung Klatzkins und Zollschans: B. Zimmermann: Zwei Schlagworte (II): Jehoasz: Gedicht — Rundschau: W. B.: Antisemitismus und jüdische Ethik: Dr. J. F.: Aus der neuhebräischen Literatur: Dr. Heinrich Lilien: Pädagogische Neuerscheinungen: Dr. M. Bienenstock: Eine iüdische Kunstausstellung in Lemberg. — Bücherschau. — Preis^ieS"'s. Heftes K 4.50 (3 Mark). Vierte liahrsabomi «mg*!, \ K 12.— (9 Mark). Adresse des Verlages: Rsäflpfe^, Xj Stadem 15. ’&l&'il' Si