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Jüdische Zeitung · 1920-01-02 · 1 (2.1.1920) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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oeiteZ JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 4 An unsere Freunde und Gönner! Während des abgelaufenen Jahres sind die Preise aller zur Herstellung einer Zeitung notwendigen Materialien, insbesondere die des Papieres und des Druckes um mehr als ein Fünffaches gestiegen. Nichtsdestoweniger hat die Verwaltung der „Jüdischen Zeitung“ im abgelaufenen Jahr gar keine Erhöhung der Bezugsgebiihren vorgenommen. Nun drohen neue, ganz wesentliche Erhöhungen der Herstellungskosten und sehen wir uns leider genötigt, Im Interesse der Erhaltung der „Jüdischen Zeitung“ die Bezugsgebühren für das kommende Jahr hinaufzusetzen. Ab 1. Jänner haben folgende Abonnementpreise Gültigkeit: 1 Jahr.. . . K 50.— M; 25.— ^4 »»•»••••••„ 13.— Wir hoffen, daß unsere Abonnenten die notwendige Erhöhung würdigend, unserem Blatte wie bisher Treue und Freundschaft bewahren werden. Oer heutigen Nummer liegen Erlagscheine bei, die wir zur Einsendung der Abonnementsgebühren zu benützen ersuchen. Verschiebung der zionistischen JahresRonferenz Vor einigen Tagen hat in London eine Sitzung des Aktionskomitees stattgefunden, an welcher die Herren Sokolow, Dr. Max Nordau, Dr. Schemariahu Lewin sowie alle In London anwesenden Mitglieder teilnahmen. Bezüglich der für die dritte Jännerwoche anberaumten Jahreskonferenz, die in Basel stattfinden sollte, wurde festgestellt, daß die Vertreter der zionistischen Organisation aus Amerika, Kanada und. Südrußland unmöglich rechtzeitig zu den Beratungen erscheinen könnten. Da anderseits die Verhandlungen des Obersten Rates mit der Türkei über den Friedensvertrag unmittelbar bevorstehen und aller Wahrscheinlichkeit nach in der zweiten Hälfte des Monats Jänner die definitive Entscheidung über das Mandat in Palästina erfolgen wird, kaum dse Leitung London, respektive Paris nicht verlassen. Aus diesen Gründen wurde beschlossen, die Jahreskonferenz zu verschieben. Das große Aktionskomitee soll wegen der Mandatsfrage für einen noch zu bestimmenden Termin in der allernächsten Zeit nach London einberufen werden. Soweit das von London ausgegebene Communique. Man wird die Nachricht daß die Jahreskonferenz. deren Zusammentreten man mit Spannung entgegensah, auf unbestimmte Zeit aufgeschoben wurde, nur mit lebhaftem Bedauern aufnehmen können. Der Umstand, daß der Kontakt zwischen der Leitung und den Landesverbänden ein viel zu loser ist und viele Fragen von grundlegender Bedeutung einer Klärung dringend harren, hat in der zionistischen Organisation verschiedene Mißlichkeiten gezeitigt, deren Beseitigung ein dringendes Gebot ist. Die Kriegsfolgen, die Schwierigkeiten des Verkehrs, die völlige Abgeschnittenheit ganzer zionistischer Gruppen, all diese Umstände machen sich zu einer Zeit erheblich fühlbar, da straffe Zusammenfassung der Organisation und größte Vereinheitlichung allerdringendstes Erfordernis ist. Die Jahreskonferenz sollte nach fünfjähriger Unterbrechung wieder die dringend nötige Verknüpfung der Verbände untereinander und mit der Leitung anbahnen und endlich die Vertreter der zionistischen Organisationen an gemeinsamem Beratungstische vereinigen. Aber jedenfalls muß man einräumen, daß die Gründe, welche zu einem Aufschub geführt haben — er mag noch so ungelegen sein —, von genügendem Gewichte sind. Ungewisses Zuwarten ist gewiß kein erfreulicher Zustand, zumal wenn es so lange dauert wie in unserem Falle. Aber die politische Konstellation erfordert es einmal und es gibt Umstände, die außer dem Bereich des zionistischen Wollens liegen. Daß wenigstens -das große Aktionskomitee ehestens einberufen werde, erscheint dringend nötig. Der rumänische Friedensvertrag und die Juden Die Rumänen haben sich lange Zeit geweigert. den ihnen von der Entente vorgelegten Friedensvertrag zu unterfertigen. Wiederholt wurden Noten mehr oder minder drohenden Inhalts an die Adresse der durch ihre Erfolge übermütig gewordenen Regierung von Bukarest gerichtet und es bedurfte eines fortgesetzten Druckes, bis sich endlich. vor etlichen Tagen, die Rumänen bereit erklärt haben, den Friedens vertrag zu unterfertigen. Was die jüdische Frage betrifft, so enthält der Vertrag die allgemeinen Bestimmungen über die Rechte der Minderheiten, wie man sie auch in den von der Tschechoslowakei und von Polen gefertigten Verträgen findet. Es sind also die bekannten Grundsätze darin medergelegt. von der Gleichberchtigung aller Staatsangehörigen ohne Unterschied der Sprache.- des Glaubens und der Rasse, das Verbot der Beschränkungen im freien Gebrauch einer Sprache, im Privatverkehr und in der Presse, das gleiche Recht bei Zulassung zu öffentlichen Aemtem und bei Vorhandensein einer beträchtlichen Anzahl von Staatsangehörigen einer Minorität ein entsprechender Anteil an den Erträgen, die aus öffentlichen Mitteln zum Zweck der Ei Ziehung. Religion oder Wohltätigkeit verwendet werden sollen. Diese allgemeinen Bestimmungen über die Minoritätenrechte decken sich ungefähr mit den im polnischen Vertrage aufgenommenen: Jedoch fehlt der Passus, in dem davon die Rede ist. daß die von den jüdischen Gemeinden eingesetzten lokalen Schulkomitees die Verteilung des proobrtionellen Anteiles der aus öffentlichen Mitteln für die jüdischen Schulen bestimmten Gelder sichern und die Organisation und Leitung der Schule besorgen sollen; Ferner ist. der § 11 des polnischen Vertrages unterblieben, der bekanntlich der Regierung die Rücksichtnahme auf die jüdische Sabbatnruhe auf erlegt, die jüdische Bevölkerung vor einer gerichtlichen Ladung am Sabbat schützt und die Wahlen am gleichen. Tage verbietet. Die rumänischen Proteste, daß die Minoritätsbestimmungen einen Eingriff in ihre Souvere-- nität bedeuten, sind doch nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Obwohl nun das jüdische Mmoritätenproblem durch diesen Friedensvertrag noch' nicht in seiner Gänze gelöst erscheint, so bedeutet dieser für die Judenheit Rumäniens anderseits einen nicht gering einzuschätzenden Erfolg. Durch die Unterfertieung des Vertrages erscheinen die rumänischen Juden automatisch und ohne erst auf dem Wege der individuellen Petitionen den Schikanen der berüchtigten rumänischen Verwaltung unbesetzt zu sein, im Besitze ihrer vollen Bürgerrechte. Damit ist ein einzig dastehender Zustand beseitigt worden, der einen An unsere Leser! Zufolge der durch die Weihnachtstage bedingten Arbeltsrube mußte die Herausgabe der vorwöchentlichen Nummer unterbleiben. Hohn auf alle neuzeitliche Gesetzgebungen bedeutete, indem er den im Lande lebenden und dort geborenen Juden alle Pflichten des Bürgers auferlegte, sie für das Land, das sie nicht „Vaterland“ nennen durften, bluten ließ und sie gleichzeitig als Fremde behandelte, denen man jederzeit mit der Ausweisung drohen durfte. Unter den Augen der europäischen Mächte hat es Rumänien durch lange Zeit wagen dürfen, eine ganze beträchtliche Minorität seiner Bewohner offiziell als Parias zu stigmatisieren und es einfach, so oft es ihm beliebte, aus dem Lande zu jagen. Der Friedensvertrag hat wenigstens diese brennendste Kulturschande Europas beseitigt Es wird Sache des organisierten rumänischen Judentums sein, unentwegt für die Durchsetzung seiner Rechte zu kämpfen und die Herrschenden an ihre nunmehr beschworenen Pflichten zu mahnen. Die Opposition der „Politischen“ Konsequente Demokratie ist an viel zu sehr schematisches Ideal — als eines, das auf der These von der Gleichartigkeit der Menschen die Forderung nach gleichen Rechten auf baut —, als daß nicht die Natur, die Selbstherrlichkeit der Persönlichkeit immer wieder gegen deren Satzungen anrennte. Auch die demokratischeste Ordnung kann des Verhältnisses von Führer und Geführten nicht entraten und es gibt keine Form aktiver Gemeinschaft, die nicht irgendwie durch den Einzelwillen der Ueberragenden widerstrebend- und mitgezogen geformt würde. Der Kampf der Oppositionellen in der zionistischen Organisation, die immer wieder mit dem Vorwurfe der Geheimdiplomatie gegen Theodor Herzl operierten, wird auf solche Weise ohne alle Mühe begriffen.- Dazu kommt freilich, daß sich Herzls Methode neben dem Persönlichen in ebensolchem Maße aus seinem ganzen System.^ aus seiner Auffassung von den Wegen zum zionistischen Ziele erklärt. In der Tat war die eigentliche zionistische Arbeit der Herzl-Epoche ganz-auf Herzls zwei Augen gestellt und seine wenigen Vertrauten waren mehr Mitwisser als Mitberater. Der Nimbus, der Herzl umgab, mußte naturgemäß auf den engen Kreis seiner Getreuen abfärben und so gewann mancher ein Ansehen und eine Bedeutung, die ihm in Wahrheit kaum zukam. und als Herzl plötzlich,starb, gab es nicht wenig entrüstetes Erstaunen in jenem Kreise, der plötzlich sali, daß die Repräsentanten des Zionismus nicht gewillt waren, die Führung der Bewegung den Männern anzuvertrauen, die als die Trabanten um die Sonne Herzl gekreist waren und nun mit unbelehrbarer Starrheit an seinem System festhielten, ohne der * Entwicklung und den geänderten Verhältnissen irgendwie Rechnung tragen zu wollen. So hebt der Kampf zwischen den „Praktischen“ und den „Politischen“ an, ein Kampf, der vielfach bloß den Charakter des Wortstreites trägt und bei dem es sich keineswegs um einen Gegensatz der Ziele, sondern ausschließlich um einen Widerstreit der Meinungen bezüglich des Weges. handelte.. Behaupteten doch die „Praktischen“, und nicht zu Unrecht, daß sie die eigentlich Politischen seien, indem nur die praktische Arbeit die Vorbedingung für politische Erfolge bilden könne, während die „Politischen“ in ihrer den Gedanken der Entwicklung übersehenden blinden Anbetung der „Großzügigkeit“ für jede Aktion praktischer Art in Palästina nur Spott übrig hatten. Wie weit gekränkter Ehrgeiz mit im Spiele war, läßt sich nur vermuten, nicht beweisen. Freie jüdische Volksbühne Der Dorfsjlng. Drama in vier Akten von Leon Kobrin. (Erstaufführung im Bürgertheater am 20. Dezember 1919.) Jankel Bojle. der Sohn des Krejtschmers Schaje, ist der stärkste Bursch, der flotteste Tänzer im Dorf und liebt (mit versicherter Gegenseitigkeit) Natascha, die schöne Enkelin des Tischlers Prokop. Name genügt; Konflikt kommt sofort: Jankei ganz unjüdisch, zusehr mit der „Umgebung“ verhandelt Sterbender Vater, verzweifelt über den entjudeten Sohn, beschwört ihn: „Jankele, sei a Jid!“, droht, tut der Sohn nicht das Nötige dazu, aus dem Grabe zu kommen and ihn zu erwürgen. Jankel, erschüttert gelobt Jüdischkeit, verlobt sich — mit begreiflichem Widerwillen — mit einem entsetzlich häßlichen Judenmädchen und-der Vater stirbt beruhigt. Und doch nicht beruhigt denn der „alte Maidwurf“ (Mann aus Stnatford. sei gegrüßt!) erscheint den trauernden Hinterbliebenen mehrfach zur Nachtzeit beklagt sich über die schwächliche Jüdischkeit des Sohnes und bringt diesen zu mehrfachen Gehörshallizunationen auf offener Szene: „Jankele sei a Jid!“ Einmal sogar nach einem ausgewachsenen Kosakentanz, den Jankel mit Natascha und der ganzen Bauernschaft des Dorfes getanzt hat zum Entsetzen der versammelten Judenheit Jankel, der sieht daß es dem Vater Ernst ist tut in rebus iudaids, von Tefilüm bis Tillim, was er kann. Was ihn jedoch nicht abhält obwohl er inzwischen angeblich ein halber Zuddik geworden ist zur anderen Hälfte Natascha ein Kind zu machen. (Laesio inonmis?). Ihr Groß- <£yS™5,JJrokop. in Rede und Kleidung gleichermaßen^Weißrusse, will ihn zu Taufe und Heirat nachdm ihm schon Natascha1 dasselbe nahegelegt hat, eine ordnungsmäßig scharf, geschliffene Axt unterstützt die Forderung. Jankel jedoch erklärt, daß er Jude sei und bleibe. Die Axt blitzt durch die Luft ha, Natascha — mit Wolterschrei — -wirft sich dazwischen. Prokop versucht es daher lieber mit dem Rechtsweg: er hat kein Glück. Jankel auch nicht: denn er steht nun vor. seiner Hochzeit mit der häßlichen Fuhrmannstochter Clejke. Natascha zieht sich in die notwendige Einsamkeif zu einer Tante zurück, nachdem sie Jankel nochmals zur Taufe und Flucht hat überreden wollen. Jankel kann nicht: der Vater, sein Wort, drohende Höllenstrafen, welche ihm für sein. „Vergehen mit einer Christin“ bevorstehen, halten ihn ab. Er hängt sich — natürlich — knapp vor der Trauung, auf. Der „alte Maulwurf“ hat seine Schuldigkeit getan. Vorhang. Dieses Drama leidet und macht leiden an seinem untypischen Konflikt, der aus der Konstruktion erwachsen ist Hier ist einfach das bekannte Problem des „Abfalls“ umgekehrt in das Problem des „Verbleibens“ eines eigentlich’ schon „Abtrünnigen“. Die typische Wirklichkeit hätte diesen Jankel Bojle als Abgefallenen betrachtet und das Problem des Verbleibens dann aus seinem Wollen, aus ihm selbst lösen lassen; In dieser Konstruktion jedoch ist die Frage, um die es sich dreht, ganz und gar nach außen verlegt, abhängig gemacht von einer zum Glaubenseifer drängenden, doch selbst eigentlich glaubensleeren und aberglaubensvollen Umgebung. Diese causa moveos hätte in Wirklichkeit in Jankel den Widerstand gegen die _ von Hirn verlangte Jüdischkeit her-vorrufen müssen. Hier aber erliegt er ihrem Einfluß ganz. Endurteil: Abergläubischer, ein wenig neurasthenischer TrotteL Tür. ein Drama am bedauerlichsten, wenn der Held ein Trottel ist Die Umgebung Jankeis ist nicht viel besser. Natascha, die sonst so gern allerhand Geschenke nimmt, läßt sich kindein, nachdem sie schon weiß, daß Jankel verlobt ist; der Gedanke daran, daß sie ja zum Judentum übertreten könnte, um Jankel zu kriegen, muß jedoch der abergläubischen russischen Bäuerin fern sein. Dies macht ihre Dummheit noch unentschuldbarer. Die Juden des Stückes sind alle — mit Ausnahme eines langweilig nationalistischen Raisonneurs, ganz än Dummheit und Aberglauben verkommene Geschöpfe. Was nach der Wirklichkeit .vielfach gut gesehen ist, jedoch, für die Fundierung einer im Typischen fortreißehden Handlung nicht ausreicht. Der Verdacht läßt sich nicht abweisen, daß im Grunde des Herzens beim Autor dieses Dramas der abgedroschene Haskalaaufklärichtgedanke mitschwang: „Seht ihr, Juden,.wohin der abergläubische Popanz führt?“ Etwas jüdisch Lebendiges, Interessantes, Wertvolles jedoch kann Kobrin ihm hier nicht entgegensetzen. Jankel Bojle ist es nicht, trotz Kraftmeierei, Liebelei und Lebelei: Jüdisches Manko einer sich selbst mißverstehenden Spätaufklärimg, welche ja in Wirklichkeit weit mehr, viel mehr Leben, gewesen ist. Die gut abgerundete Aufführung, welche die „Freie jüdische Volksbühne“ mit den Kräften der Jüdischen Bühne bot, vermochte trotz des Beifalls, welchen sie fand, die grundlegenden Mängel des Stückes nicht zu beheben. Das wäre auch zuviel verlangt Das Knirschen in den Scharnieren der Konstruktion war zu laut. Doch hätte eine furchtlose Regie den schwächsten Punkt des Stückes, wo nämlich der Unterweltsruf des Vaters, der nur dem Sohne vernehmbar sein soll, aus der Tiefe tönt und von allen im Theater Anwesenden gehört wird, nur angeblich dicht von den Mitspielern Jankeis, mit einer ‘kühnen -Abänderung ihrer Lächerlichkeit entkleiden können. Sonst

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