Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438777-2438778--6539-2446629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion and Adminietration: Wu II., Taberatmle i Femipreeher Nr. 44088 u. 43318 Mit der Beilage: »Der jfidische Natiosalfonds" Vtee, Freilag, den 2. Jenner 1920 XIV J«hr*a»g Nr. 1 National-jüdifches Organ 332-9} i- Sezngeprile: Vierteljährig 13 2t ganpj..S0 K, Eiasabuunmer 1 K Poitepukaseeakonto 133.404 p Adolf Stand Das jüdische Volk hat wieder einen schweren Verlust erlitten. In der Vollkraft seiner Jahre, kaum fünfzig Jahre alt, ist Adolf S t and einem tükkischen Uebel erlegen, das ihn monatelang ans Krankenlager bannte. Er ist nur um wenige Jahre ä'.ter geworden als sein . angebetetes Vorbild, Theodor H e z 1. und er ist gleich ihm einem Herzübel erlegen. Ein namhafter Wiener Arzt, der ihn behandelte, hat einem Freunde Stands gegenüber das Wort gebraucht, er leide an seinem Zionis^enherzen. Die Arbeit für; das jüdische Volk stellt in der Tat ungeheure Anforderungen an jeden, der sich ihr mit ganzer Seele ergibt und ihr seinen vollen Menschen weiht Wenn das Gefühl der moralischen. Verantwortung das erste Erfordernis ist. das man an. einen politischen Führer zu stellen hat so gilt dies im Zionismus, der von seinen Führern den vollen Einsatz, ihrer Persönlichkeit fordert und die innerste seelische Verknüpfung mit der Volksgemeinschaft zur Grundlage hat. in noch erhöhtem Maße. Und wenn man den ursprünglichen Ehrennamen des Führers von allem kleinlich Zweckhaften und jeglichem demagogischen Beigeschmack säubert und ihm seinen hohen Sinn wiedergibt so war Adolf Stand ein wahrer Führer seines Volkes. Es hat sicher größere Männer als er auch im modernen Judentum gegeben; aber keinen, der treuer, war und edler, keinen, der sein Volk inniger geliebt hätte und keinen, der ihm wütiger und selbstloser ge- Vom ersten Jünglingsalter an bis zu dem Tage, da ihn das immer bedrohlicher auf tretende Leiden aufs Lager warf, waren) seine Tage eine einzige Kette rastloser Volksarbeit. Schon als Jüngling hatte er zu einer Zeit als die politische Formulierung des uralten Zionsideals noch nicht gefunden war. den Weg zum modernen Judentum beschritten] der Student Stand war eines der eifrigsten Mitglieder der gatizischen Chibat-Ziou- Bevegune und unter den Begründern des ältesten zionistischen Vereins in Lemberg findet sich auch sein Name. Er war einer der ersten, die sich in stürmischer Begeisterung Thodor Herzl anschlosseu, als er wie ein leuchtendes Meteor plötzlich mit seinem ..Judenstaat“ am Himmel des jüdischen Zukunftswillens aufstieg; Die Verbreitung des zionistischen Gedankens im damals österreichischen Osten ist vornehmlich Stands Werk. Was das bedeutet, wird der ermessen, der sich die geistige Struktur des gatizischen Judentums in jenen Tagen vor Augen hält In jenen Massen, die keinerlei moderner Gesamtwille beherrschte, die; geduckt und ausgebeutetein Spielbali in 'den Händen einer übermütigen Schlachta und einer die Gesetze mißachtenden politischen Verwaltung waren, in denen der Gedanke an den Wert der politischen Betätigung. noch gar nicht erwacht war und die bei Wahlen mit innerer Apathie zur Stimmenabgabe für den dem Bezirkshauptmann und seiner Clique genehmen Kandidaten komman¬ Die Arbeit in seinem Land» ist ihm nicht leicht geworden. Er hatte einen schweren Kampf gegen die verrottete Wirtschaft der skruppeflosem Kahalmächtigen zu kämpfen und den Druck der polnischen Machthaber abzuwehren, denen kein Mittel zu schlecht war, um die nationale Bewegung des Judentums zu bekämpfe» und zu verdächtigen, weil sie sich an dem Gedanken nicht zu gewöhnen vermochten, daß die Zeit der mittelalterlichen indischen Passivität endgültig vorüber sei und das jüdische Volk es satthabe, sich als willenloses Objekt im Dienste einer polnischen Diktatur im Lande mißbrauchen zu lassen. Bald •erkannte man. daß der Zionismus über seinem palästinensischen Programm die Gegenwartsinteressen des Volkes nicht vernachlässigen dürfe. Es wurdfe dier bedeutungsvolle Schritt zur politischen G egen w ar tsar b eit gemacht und Adolf Stand wurde als jüdischer Kandidat fürs Parlament aufgestellt Zunächst hatte er kein Glück, denn die polnischen Wahlpraktiken taten das ihre und die Toten, die aus dem Grabe er- Adolf StandvLebensgangg - Adolf Stand wurde in Lemberg am 21. Marx 1870 als Sohn eines angesehenen Bürgers geboren. Er studierte in Lemberg am Gymnasium und! an der Universität und schloß sich bereits als Student der, zionistischen Bewegung aa Er war einer der Begründer des ältesten zionistischen Vereines in Lemberg und gehörte zu den begeistertsten undeifrigsten Propagatoren der zionistischen Idee noch vor dem Auftreten Theodor Herzls. Nach dem Erscheinen des „Judenstaaces" gehörte der junge Stand zu denen, welche den neuen Führer des Zionismus enthusiastisch begrüßten und ich ihm anschlossen. Er stand bald in Korrespondenz mit Herzl und nahm bereits am ersten Kongreß m Basel 1897 als Delegierter teil. Seitdem war er bei allen Kongressen und er-r langte bald eine führende Stellung in der galizischen Landesorgandsaitioa Stand war einer der besten zionistischen Agitationsredner: und wunde in Galizien bald einer der populärsten Männer. Die galizische zionistische Landespartei hatte inzwischen längst eingesehen, daß sie auch ein der inneren Politik tätig eingreifen müsse, da sonst der Zionismus eine Lebensferne und unwirkliche standen waren, um antizionistisch zu stimmen, waren stärker als die lebendigste zionistische Begeisterung. Erst als das allgemeine Wahlrecht kam. wurde Stand gewählt Obgleich diese Abgeordnetemtätigkeit-iiur einen geringen Teil seines zionistischen Wirkens umfaßt — denn bei den Neuwahlen trat der polnische Terror wieder in seine Rechte — erwies sich die Tätigkeit des kleinen jüdischen Klubs, dessen bedeutendstes Mitglied Adolf Stand war. als überaus fruchtbar. Im Wiener Parlament hatte er Gelegenheit, vor aller JWelt .den Sjchieipiv zw Jütten, den die Polen so geschickt üer die östiüfeche Frage zu breiten verstanden und das jüdische Problem in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Er gab das fruchtbringende Beispiel moderner,; aktiver jüdischer Politik. die über den Problemen der Gegenwart die Aufgaben der Zukunft nicht vergißt und sich nach großem teimheifehen Gesichtspunkten orientiert, er focht unentwegt gegen die Entrechtung der jüdischen Massen. Der Ausbruch des Krieges zwang auch Adolf Stand. Galizien zu verlassen und er lebte seither als Flüchtling in Wien. Aber auch hier gab es für ihn eine Fülle von Arbeit Er organisierte und war propagandistisch tätig ' and nahm an allen Hilfsaktionen, die die vom Kriege betroffenen jüdischen Massen vor völligem Untergange bewahren sollten, hervorragenden Anteil Er trat an die Spitze des Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs, und als nach, dem Zusammenbruch der Monarchie die Gründung nationaler Vertretungen für die plötzlich politisch ausemandergerissenen jüdischen Verbände nötig wurde, wurde er Präsident der Delegation des jüdischen Nationalrates für Ostgaliziera. der die Interessen der aus dem Osten Galiziens geflüchteten Judenheit zu vertreten und die politischen Angelegenheiten, des ostgalüzischen Judentums ini Westen zu besorgen hatte. Es gab keine der verschiedenen in den letzten Zeiten entstandenen jüdischen Institutionen, in der er nicht mit vollem Einsatz seiner reichen Angelegenheit bliebe. Bei der nach dem Tode des Abgeordneten Dr. Byk im Jahre 1906 im Wahlkreis Zloczow durchgeführten Ergänzungs- Wahl in den Reichsrat hat Adolf Stand zum erstenmal kandidiert, ist aber gegen, seinen Gegenkandidaten Dr. Gold infolge der bekannten gatizischen Wahlpraktiken unterlegen. Bei den ersten auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes durchgeführten Reicbsratswahl'en im Jahre 1907 ist er im Wahlkreis Brody in der Stichwahl gegen seinen Gegenkandidaten, den polnischen Assimilanteir Dr. Simon Woüermer. mit 2585 gegen 2228 Stimmen durchgedrungen. Im österreichischen Parlament war er eines der tätigsten Mitglieder des jüdischen Klubs und hat wiedbrbolh in die Debatten eingegriffen In lebhafter Erinnerung sind noch seine großen Red'en in der Budgetdebatte, in dienen er zum erstenmal vor einer derartigen Versammlung die ganze Judcnfrage in ihren historischen, politischen und kulturellen: Zusammenhängen aufrollte. Diese Reden haben im Parlament großen Eindruck gemacht und sind auch im Ausland sehr beachtet worden. Bei den Wahlen im Jahre 1912 wurde Stand nicht wieder gewählt, da der polnische Terror mit allen Mitteln der Gewalt die Wahl eines j iidischnationaten Abgeordneten verhinderte; In der zionistischen Organisation war Stand seit der Teilung der österreichischen Landespartei in eine wiestöstörredchische und’ galizische Präsident dfes gaEzischen Zentralkomitees und Vorsitzender der gatizischen Landsmannschaft auf den Kongressen. Er gehörte auch dem großen Aktionskomitee der zionistischen Weltorganisation an. Nach Kriegsausbruch kam Stand als Flüchtling nach Wien und lebte seitdem hifen Er wurde zum. Präsidenten des Exekutionskomitees der Zionisten Oesterreichs gewählt, und trat nach dem österreichischen Zusammenbruch an die Spitze des Jüdischen Nationalrats für OstgalEzien. wo er eine reiche Tätigkeit entfaltete. Vor einigen Monaten erkrankte Stand ernstlich an einem Herzübeh Sein Zustand verschlimmerte sich derart, daß er ein Sanatorium aufsuchen mußte. Noch auf dem Krankenlager nahm er lebhaftestes Interesse an allen Vorgängen und ließ sich über alle Erignisss Bericht erstatten Schon seit geraumer Zeit jedoch waren sem© Freunde auf das Schlimmste gefaßt und am Morgen des 20. Dezember schloß Ado» Stand sejae Augen für immer. Persönlichkeit mitgewirkt hätte. diert wurden, hat die Lehre des Zionismus; die Adolf S,tand unermüdlich begeistert und begeisternd durchs ganze Land trug, wahrhaft aufrührerisch gewirkt Sie hat ihnen nicht bloß ein nationales Ideal gegeben, das auf den vielfach vorherrschenden Zustand einer vertrockneten Religiosität befruchtend einwirkte, sondern auch ihr Rückgrat gestählt ihnen Würde gegeben und ihr. Menschentum erhöht Die ganze jüngere Generation Galiziens ist in diese Schule gegangen und der galizische Zionismus ist in erster Reihe Adolf Stands Werk. Es gab kerne irgendwie wichtige Aktion im modernen Judentum, an der er nicht bedeutenden- Anteil genommen, er war nicht nur der Präsident Baseler Kongreß an der Schaffung des Programms mitgewirkt er dürfte sich Theodor Herds Berater nennen, er hat an dien. Arbeiten! des Aktionskomitees, dem er angehörte. nicht geringen Anteil genommen, er war nicht nur der Präsident der zionistischen Organisation von Galizien, er war ihre Seele. Wenn dos Dichterwort wahr ist daß nicht die Dauer, sondern der Gehalt des Lebens seinen Wert bestimmt so ist dieses vor der Zeit geknickte Leben ein reiches und begnadetes gewesen. Daß Adolf Stand seine treuen Augen schließen mußte zu einer Zeit, da das Jüdische Volk an der Schwelle' zur; Erfüllung seiner Zukunfsträume steht das erhöht die Tragik seines Heimganges. Noch auf dem Krankenlager erfüllte ihn beständig die Sorge um die große Sache, in der er völlig aufging und die günstigen Nachrichten, die ihm die Freunde überbrachten, waren die Freuden. die sein Schmerzenslager übergoldeten. Er ist von uns gegangen zu einer Zeit, da der Mangel an vollgiltigen Personlicl^keiten sich doppelt fühlbar macht und sein Volk seiner mehr denn je bedurft hätte Nicht leicht ‘wird sich die-Lüeke schließen, die sein Hingang in die Reihen des Zionismus gerissen hat Das jüdische Volk wird ihm ein Andenken von dauernder Dankbarkeit bewahren. Die Bestattung Adolf Stands fand unter großer Beteiligung der jüdischen. Masse statt Die jüdische Bevölkerung aus allen Schichten war herbeigeströmt um dem toten Führer die letzte Ehre zu erweisen. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Feuchtwang. der in ergreifender Werse die Verdienste des Toten würdigte und ein helles Büd sedmer ebenso bdeutenden wie liebenswerten Persönlichkeit entwarf. Nach ihm sprach Dr. Leon Reich für die zionistische Organisation. Dr. Löwenherz ini Namen des ostgalizischen Nationalrates. Abgeordneter Stricker für die österreichischen Zionisten, Gemeindenat Dr. Plaschkes für <fie Wiener zionistische Organisation, Dr. Chaün Tartakower (Hebräischj für den Hapoei Hazair. der gewesene Abg. Dr. Straucher als einstiger Klubkollege des Verblichenen und an» offenen Grabe Stands alter Freund und Mitkämpfer K. Lobt Taubes. In allen Anspracheir~'>, spiegelte sich der aufrichtige Schmerz über «#. '’N Verlust des Führers und des seltenen MenscMjE^ der jedem lieb war, der mit ihm in näher» M'i' i rührung gekommen war. sgeaas 9 1