Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 49 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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wr. 49 Polen'und Litauen f Der Jüdische Nationalrat in Warschau, dem auch eine Reihe von Nichtzionisten angehören, bat eine außerordentlich wichtige Tätigkeit seit seinem bestehen entfaltet. Als soiort nach dem Abzug der Deutschen die Pogrome ausbrachen, konzentrierte sich die gesamte iüdische Abwehr im Nationalrat. Alle Beschwerden und Klagen wurden dorthin gebracht und mehr als 3Q.ÜU0 Protokolle sind vom Nationalrat über Pogrome, UeberfäUe, Mordtaten und andere Ausschreitungen gegen Juden aufgenommen worden. Hätte nicht der Nationalrat mit aller Energie gegen, die Ausschreitungen in der Oeffentlichkeit protestiert, so wäre das gegenwärtige Abflauen der Exzesse niemals eingetreten. Es steht außerhalb jedes Zweifels, daß die Regierung nicht etwa zn schwäch war, um die Pogrome zu unterdrücken, sondern daß sie sie gewollt hat Das geht am klarsten aus der Tatsache hervor, daß die Pogrome in dem Augenblick aufhörten, als die Regierung den Versuch machte, sie zu unterdrücken. Der B o y k o 11 ist heute das gefährlichste Mittel der Judengegner. Die polnischen Genossenschaften werden in jeder Weise von der Regierung bevorzugt und die einzige Abwehrmög- Jichkeit liegt in der Begründung jüdischer Genossenschaften. Die zionistische Arbeit hat nach dem Delegiertentag mit verdoppelter Stärke eingesetzt. Das. neue Zentral- Komitee besteht aus einer Reihe von Ressorts, deren Leiter zusammen das Präsidium bilden. Es existieren folgende Ressorts: Palästina-Arbeit; kulturelle Arbeit; soziale Hilfe; Verlagstätigkeit; Organisation. Das Palästina-Ressort, das unter der.Leitung von Levite steht, ist die zentrale Palästinastelle, auch für den Misrachi und die Zeire-Zion. Seinen Bemühungen ist es -gelungen, die Pässe für die nach Polen inzwischen abgefahrene Palästina-Kommission zu beschaffen. Ferner wurde die Registrierung durchgeführt, wobei der Kreis der zu registrierenden Personen möglichst beschränkt wurde. Die Haupttätigkeit sieht das Ressort in der Vorbereitung derjenigen Personen, die nach Palästina auswandern wollen. Einige 100 Chaluzim sind auf dem Lande, insbesondere auf der Farm in Czenstochau tätig. Die Auswanderungswilligen werden in Gruppen zusammengeschlossen, die eine eigene Xässa haben, deren Aufgabe es sein soll, für die Mitglieder die Ueberfahrt und den ersten Aufenthalt im Lande zu bezahlen. Es wurden ferner Palästinakurse veranstaltet, die regelmäßig 100 Hörer hatten, ebenso elektrotechnische Kurse für Personen ,die einen technischen Beruf in Palästina ergreifen wollen. Das' unter Leitung von Dr. Brau de, Dr. Posnanski und Podlischewski stehende Kulturressort hat in Warschau, Lodz und Lublin viersemestrige F r ö be 1 k u r s e ins Leben gerufen. In Warschau, Lodz und Bialystock finden sechs Monate dauernde Lehrerfortbildungskurse für Melamdim statt. Ebenso sind in Warschau und Bialystock V o 1 k s u n iversitäten begründet, an denen sowohl allgemeine wie jüdische Fächer unterrichtet werden. Das Lehrerseminar in Lodz, das einen dreijährigen Kursus vorsieht, ist eröffnet worden. Die Errichtung von Seminaren in Warschau und Lublin mit hebräischer Unterrichtssprache wurde bei der Regierung beantragt. Konferenzen der iTehrer an den 65 Volksschulen und den neun Gymnasien werden vorbereitet. Es sollen dabei Verbände der Lehrer gegründet und ihre Interessen und ihre Fortbildung einheitlich geleitet werden. Das zionistische Schulprogramm erkennt ebensowohl Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache an, bei denen die jüdische Sprache als Unterrichtsfach gelehrt wird, als auch Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache und starker Berücksichtigung der hebräischen Sprache und Literatur. Mit diesem Schülproerämnr sind auch die Poale- Zion und die Zeire-Zion einverstanden. Das Verlagsressort gibt sämtliche zionistische Zeitungen heraus (die „Hazefirah“, die jetzt Tageszeitung werden soll, das „Jidische Volk“ und die pädagogische Zeitung „Hamadrich“). * Wie das „Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrates Posen“ in seinem Oktoberheft mitteilt, bat der Volksrät an den Rektor der Posener Universität eine Eingabe gerichtet, in der er sich darüber beschwert, daß jüdische Studenten und Studentinnen, die um Immatrikulation an der Posener Universität nachgesucht haben, teils ohne Angabe von Gründen, teils unter ausdrücklicher Betonung, daß nur zwei Prozent jüdische Studenten auf genommen werden dürften, und daß die Höchstzahl bereits erreicht sei, zurückgewiesen seien. Auf diese Eingabe hat der „Jüdische Volksrat“ ein Schreiben erhalten, das in wörtlicher Uebersetzung folgendermaßen lautet: Den 16. Oktober 1919. In Beantwortung Ihres Schreibens vom 13. d. M. teilt der Rektor und der akademische Senat mit, daß das Kommissariat der Naczelna Rada Ludowa beschlossen hat, daß im Studienjahr 1919/20 die Juden und Deutschen nur im Verhältnis zu dem Prozentsatz dieser Bevölkerung zu der gesamten Bevölkerung der ehemals preußischen Teilgebiete angenommen werden sollen. Dagegen ist uns nichts bekannt geworden, daß Anträge ohne Angabe von Gründen zurückgewiesen. worden wären, wir halten es für ausgeschlossen. Gez. S w i e c i c k i. . Die Prozentnorm, diese jeder Gerechtigkeit Hohn sprechende Maßnahme aus der Zeit des zaristischen Regimes, wird also aufrechterhalten. Mit um so größerem Nachdruck muß die strikte JÜDISCHE ZEITUNG Innehaltung des Friedensvertrages gefordert werden, da nur auf .dieser. Basis die Möglichkeit besteht,-daß. die jüdische Bevölkerung in Polen ein einigermaßen menschenwürdiges Leben führt * ln letzter ' Zeit dringen Nachrichten aus Litauen zu uns, die von dem Stand-der jüdischen Sache in Litauen ein trüberes-Bild entrollen, als wir bisher gewohnt waren Die so feierlich erklärte Gleichberechtigung wirdnicht so ernst durchgeführt, wie es zu erwarten wäre. Es bandelt sich dabei nicht nur um die nationalen Rechte, sondern auch um die bürgerliche Gleichberechtigung. Die Teilnahme der Juden an der Beamtenschaft entspricht noch nicht zum zehnten Teile ihrem Anteil an der Bevölkerung und, was das wichtigste ist, sie wird immer kleiner, statt zu wächsern Besondere Aufregung rief in jüdischen Kreisen die völlige Ausschaltung der Juden aus den Eisenbahnbetrieben hervor, in denen sie unter der deutschen Okkupation recht zahlreich vertreten waren und sich als sehr zuverlässig erwiesen hatten. Auch an Post, Telegraphie, im ganzen Verkehrswesen usw. sind die Juden als Angestellte überhaupt nicht vertreten. Eine in Kowno am 16. November veranstaltete Versammlung von Vertretern der jüdischen Intelligenz nahm eine entsprechende Protestresolution an. Wie wir hören, treten die Herren Rachmilewitsch und Rosenbaum von der Regierung zurück. Ob das mit den obigen Erscheinungen im Zusammenhang steht, ist uns nicht bekannt In Litauen scheint eine Verschlechterung der jüdischen Lage einzutreten, die die Aufmerksamkeit der führenden jüdischen Kreise notwendig macht. * * Ueber die Stadtratswahlen in Wilna gelangen jetzt von dort aus nähere Nachrichten in die Öffentlichkeit. Nach seiner Ankunft in - Wilna erklärte General P i 1 s u d s k y feierlich, daß er keineswegs die Absicht habe, die von polnischen Truppen besetzten Orte zu annektieren, daß vielmehr die Entscheidung über ihre politische Zugehörigkeit der Bevölkerung selbst überlassen bleiben sollte. Hingegen sollte die Stadtverwaltung einem zu wählenden Magistrat übertragen werden. Die Wahlvorschriften wurden anfangs Juni veröffentlicht. Sie waren dahin gerichtet, der polnischen Bevölkerung möglichst viele Stimmen zuzuführen, die anderen Nationalitäten aber, soweit als angängig, von der Möglichkeit, zu wählen, auszuschließen. Zu diesem Zwecke wurden nach früheren Vorgängen in ' Lodz; und Warschau die Grenzen der Stadt Wilna beträchtlich erweitert, d. h eine Reihe von Dörfern, sogar der weiteren Umgebung, wurde ihr angegliedert, da diese von Polen oder polonisierter Bevölkerung bewohnt sind. Anderseits wurden die Bürger des früheren russischen Reiches, die nicht zu den ständigen Einwohnern Wilnas zählten, mit Ausnahme der Polen, zum Wahlrecht nicht zugelassen. Doch wurde diese Bestimmung wieder aufgehoben, da die Juden erklärten, sich .sonst an den Wahlen nicht zu beteiligen. Die Liste der Nichtpolen wurde in so schikanöser Weise aufgestellt, daß etwa 70 Prozent der' wahlberechtigten jüdischen Bevölkerung zunächst in der Liste nicht eingetragen waren. Der größte Teil der Juden beschloß aber, trotzdem an den Wahlen teilzunehmen, um seinen Einfluß in der Stadtverwaltung nicht zu verlieren, und versuchte nun, nach Möglichkeit die in den Listen noch fehlenden jüdischen Wähler nachträglich einzutragen. Die sozialdemokratischen Kreise der jüdischen Bevölkerung boykottierten die Wahlen.. So wählte dann aus den angeführten Gründen ein bedeutender Teil der jüdischen Bevölkerung nicht mit, während bei den Polen zahlreiche Personen, die das Wahlrecht ihres jugendlichen Alters wegen nicht besaßen, in die Wählerliste eingetragen waren. Das Resultat war dann auch den Polen außerordentlich günstig. Von 49.172 Stimmen waren 31.000 für die polnische Liste, während doch fast 50 Prozent derBevölkerung jüdisch ist. Die polnische Partei setzte sich aus drei Hauptgruppen zusammen: die vereinigten Nationalen (Volksdemokraten, christlicher Arbeiterverband des heiligen Kasimir). Demokraten und polnisch-sozialistische Partei. Für die vereinigten Nationalen agitierten die Priester von den Kanzeln herab, während die anderen beiden polnischen Parteien wenig Energie bewiesen. D i e litauische Bevölkerung hat die Wahlen vollständig boykottiert Auch die weißrussische Wahlbeteiligung konnte infolge der schikanös geführten Liste nur eine geringe sein. Gegen Ende Oktober fand die erste Sitzung des Magistrats in Wilna statt Die national-polnische Mehrheit benutzte die erste Sitzung in ihrer Erklärung zu einer politischen Demonstration für den Anschluß an Polen. Die jüdischen Parteien protestierten in ihrer Erklärung gegen die Wahlen wegen der willkürlichen Erweiterung der Grenzen Wilnas, wodurch die Polen eine unberechtigte Majorität erhalten hätten. Die Stadtverordnetenversammlung sei nicht ein Bild der tatsächlichen Zusammensetzung der Bevölkerung. Trotzdem erklärten sich die Juden bereit, die Eintracht aufrecht zu erhalten unter der Bedingung, daß die jüdische Sprache als Amtssprache anerkannt würde. Auch die Verordnungen der Regierung sollten in jüdischer Sprache wiedergegeben werden. Sdteft Deutschösterreich Das zionistische Laadeskoadtf hielt am 11., 17. und 24 November Plenarsitzungen ab. Aus dem Protokoll der ersten Sitzung ist folgendes zu entnehmen: Aul Grund eines Berichtes des Präsidenten Abg. Ing. ■ Stricker wird die Schaffung eines Wahlkomitees zur Vorbereitung der Kultuswahlen erörtert und beschlossen. In Ausführung eines früher gefaßten Beschlusses wird zur Errichtung eines hebräischen Sekretariates geschritten. Das Landeskomitee wird künftighin zur Besprechung der wichtigeren politischen Fragen gemeinsame Besprechungenmit dem Klub der Mandatare abhalten. Im .Landeskomitee, Abteilung Ländespolitik. wird ein besonderes Sekretariat für wissenschaftliche und technische Arbeiten errichtet Sitzung vom 17. November gemeinschaftlich mit dem Klub der Mandatare: Gemeinderat Dr. E h r 1 i c h erstattet das Referat über die gegenwärtige Lage der städtischen Unternehmungen und über die in Betracht kommenden Möglichkeiten einer Sanierung: Gemeinderat Dr. P o 11 a c k bespricht das Prinzip der gleitenden Lohnskala und die Notwendigkeit einer rücksichtslosen Besteuerung des Kapitals und spricht sich nicht für. eine Verpachtung oder einen Verkauf der städtischen Unternehmungen aus. Abg. Ing. Stricker betont die Notwendigkeit, einen entsprechenden Druck auf die Kohlen- und materialliefernden Staaten ausüben zu können, was nur von gewissen politischen Gruppen zu erreichen ist Es ist ebenso wie Gemeinderat Dr. Ehrlich gegen eine Erhöhung der Tarife ohne Anbahnung einer Sanierung, da man dadurch lediglich in die Zwangslage versetzt werde, nach drei Monaten oder einem halben Jahr neue Erhöhungen bewilligen zu müssen. An der weiteren Debatte beteiligen sich Dr. Abeies. Dr. Immerglück. Dr. Schalit, Rappaport und Dr. Schiffmann. Das Resultat der Verhandlungen führt zu dem Beschluß, gegen Tariferhöhungen und für eine großzügige Sanierungsaktion eventuell durch Verpachtung oder Verkauf mit Rückkaufsrecht zu stimmen. In der Sitzung vom 24 November berichteten Heinrich Margulies und Skutetzky über die Sitzung des Berliner Zentralkomitees und ihre Konferenzen mit Dr. Jakobsohn und Dr. Ruppin. In den pädagogischen Rat des Realgymnasiums werden Dr. Tartakower und Bato delegiert Auf eine Zuschrift des Londoner Bureaus wird beschlossen. den Schekel auf 5 Kronen zu erhöhen. Der Jüdische Nationalrat hielt m dieser Woche eine Plenarsitzung ab, in welcher u. a. auch Dr. Markus Kraemer als Vertreter des bukowinensischen Jüdischen Nationalrates in der Delegation der Jüdischen Nationalräte 7 in Paris einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit und Erfolge dieser Delegation erstattete: Von besonderem Interesse waren hiebei seine Mitteilungen über die beabsichtigte Umwandlung der Delegation in eine permanente Zentralinstanz zur Vertretung sämtlicher jüdischer Nationalräte über den Kongreß hinaus. Der Jüdische Schulverein veranstaltete Sonntag, den 7. Dezember eine überaus eindrucksvolle Werbeversammlung, die durch einen grundlegenden Vortrag des Direktors des jüdischen Realgymnasiums, Herrn Doktor Kellner, über jüdische Erziehung und den Zweck der jüdischen Schule, sowie durch die klaren Ausführungen des Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes erhöhte Bedeutung erhielt. Namens der Leitung des Jüdischen Schulvereins eröffnete Universitätsdozent Professor Dr. Geiger. Herr Direktor Dr. Kellner führte hierauf folgendes aus: In der fremden Schule führt der starke Druck, den das jüdische Kind empfindet, zur Kriecherei und Assimilation, zur Vereinsamung und Verbitterung. Der jüdische Schüler hat dort keine Jugend. Gerade die jüdische Schule wird das Ghetto überwinden, welches die anderen Schulen geschaffen haben. Wir müssen die verkümmerten, herrlichen, urjüdischen Instinkte stärken und die in der Diaspora erworbenen schlechten Eigenschaften bekämpfen. Die Freude an der Natur ist der Jugend wiederzugewinnen, denn sie ist urjüdisch. Und die starke, spezifischjüdische Intellektualität ist von dem Krebsschaden der Oberflächlichkeit, der Geistesflucht, dem „Journalismus“ zu befreien. Notwendig ist unsere Schule aber auch, um der jüdischen Jugend die jüdische Vergangenheit und Kultur wiederzugeben. Es ist ein inniges Verhältnis zur Bibel herzustellen. Unsere jungen Menschen müssen sie aus dem Geiste unserer Zeit wahrhaft erleben und es muß ihnen der unendliche Geistesschatz des Talmud eröffnet werden. Vor allem aber ist notwendig, die hebräische Sprache zu lehren, und zwar als Inhalt. Nach diesem Vortrage ergriff Herr Oberrabbiner Dr. Chajes das Wort. Er sagte unter anderem: Unsere neue jüdische Mittelschule ist eine im höchsten Sinne des Wortes moderne Schule und frei von allem Chauvinismus. Wäre sie anders, ich wäre der erste, der sie bekämpfen würde. Keinesfalls aber bauen wir eine Mauer zwischen uns und den anderen. Unser Schulwerk wird es geradezu erst ermöglichen, daß Juden und Nichtjuden einander verstehen lernen.“ Der zweite Jüdische Stadententag. Nach der am Sonntag abends stattgefundenen Vorfeier, über die wir an leitender Stelle berichten, begannen Montag vormittags 10 Uhr im Großen Konzerthause die meritorischen Verhandlungen. Präsident Lilienfeld eröffnete die Tagung mit einer kurzen Ansprache, in der er vor allem die erschienenen Gäste, die Professoren Ehrmann. Kraus und Geiger, ferner die Vertreter des ostgalizischen und bukowinaischen