Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 49 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3fr. 49 Seite 3 JÜDISCHE ZEITUNG -.---rn—T1——— des ganzen arabischen Volkes verlangen. Sie streben danach, vorläufig'die asiatischen Araber* za vereinige«: Aber nicht' alle Araber erkennen die Herrschaft des Scheichs von Mekka an. Unter diesen, gibt, es Könige. Imame und Scheiche; die gegen einander kämpfen und nicht zur Ruhe zu bringen sind Doch"wäre es nach Ansicht jener Führer möglich, den Hedschas, Syrien (mit Palästina); den Libanon und Mesopotamien zu vereinigen. Alle diese Länder sollen unter der Herrschaft des Scheiches Hussein vereinigt werden. Mekka soll die Hauptstadt und Hussein Zugleich ihr König iind; ihr Kalif sein. . ,• Diese Strömung findet ihre Anhänger unter ■den Mohammedanern, u. zw. im ganzen Hedschas (1.000.000 Seelen) und in einem großen Teil der syrischen Araber. Die Anhängerschaft dieser Partei in Syrien kamt man nicht einmal annähernd abschätzen, aber man nimmt an. daß ein Viertel der 2.000.000 syrischer Araber Anhänger der oanarabischen Partei ist. 2. Die radikale syrische Partei. Die radikale syrische PaTtei will aus Syrien. Palästina, dem Libanon und Mesopotamien einen syrischen Staat Schäften, der weder vom Hedschas noch von einer fremden, europäischen oder amerikanischen' Regierung abhängig sein solL Diese Partei entstand hauptsächlich durch den Gegensatz der Christen gegen den Hedschas. Die Chirsten wohnen in großer Zahl in Syrien (etwa 1.000.000); und was haben sie mit den Hedschas gemeinsam? Wenn Syrien ein selbständiger Staat wird, dann werden ihre Kräfte und ihr Einfluß auf das Leben wachsen; wenn aber Syrien und der Hedschas vereinigt werden, werden ihre ■ Kräfte geschwächt werden und sie selbst werden im Meer des Islams untergeben. Es gibt auch noch andere Gründe für die Trennung des Hedschas und Syriens. Der Hedschas ist ein Wüstenland, das ganz abgeschlossen und nur durch die Hedschasbahn mit Syrien verbunden ist. Seine Kultur steht auf einer niedrigen Stufe und seine Bewohner sind Wüstensöhne, unstete Beduinen; die Syrier hingegen haben eine Kultur, fürchten sich vor der Herrschaft jener Halbwilden und wollen sich ihnen nicht unterordmen. Deshalb wollen die Radikalen einen eigenen Staat aus Syrien. Palästina, dem Libanon und Mesopotamien schaffen. Ihrer Ueberzeugung nach reichen ihre inneren Kräfte aus. die Regierung zu übernehmen und sie lehnen jedes Protektorat und Jedes „Mandat“ einer fremden Macht ab. Sie verlangen von Europa nur finanzielle Hilfe, aber ihr Leben wollen sie selbstständig gestalten. Diese Partei, die fast zwei Drittel der Einwohner Syriens hinter sich hat ist mit dem Vor- ' gehen Feisals und seinen Taten wenig einverstanden Doch ist es schwer, dem Vorgehen Feisals etwas Klares zu entnehmen, da er seine Ansichten -immerfort,ändertoindem.er.es sowohl allen Parteien als auch Europa recht machen ’ will. Als Damaskus besetzt wurde, proklamierte Feisal die Vereinigung der Araber und gab seinen Willen kund, ein einheitliches Araberreich zu begründen Sein Vater, der Scheich Hussein, sanktionierte seine Worte und forderte den Anschluß Syriens und Libanongebietes an den Hedschas. Als Feisal von seiner Europareise zurückkehrte, hielt er in Damaskus eine lange Rede, daß er auf der Friedenskonferenz den Gedanken vertreten Habe, alle arabischen Provinzen (in Asien) seien e>.i Ganzes und ein untrennbares Juwel; die Araber aller Provinzen wollten einem gemeinsamen Staate mit einheitlicher Regierung angehören. Da aber die L.cbensbedingungen der Araber verschieden. ihre Gebiete sehr groß seien und die Wege und Eisenbahnen zwischen ihnen fehlten, sei es vorläufig unmöglich, das Reich einheitlich zu regieren. Und er gibt zu. daß man es in zwei Teile teilen müsse: Syrien mit Mesopotamien und dem Libanongebiete einerseits und das Hedschas anderseits. Beide Reiche würden selbständig sein. Konait. das Yemen und andere arabische Staaten würden dem Hedschas angegliedert werden. In seinem Schreiben an die „Jewish Chronicle“ äußerte sich Feisal in dem Sinne; daß die „Vereinigten Staaten von Arabien“ m kurzer Zeit den Hedschas. Syrien, Mesopotamien und Palästina umfassen würden. Sobald die Zahl der Juden in Palästina anwachsen werde, werde dieses eine jüdische Provinz neben den . spezifisch arabischen Provinzen innerhalb der „Vereinigten Staaten von Arabien bilden.“ 3. Die gemäßigte syrische Partei. Die Pairtei erstrebt die Schaffung eines syrischen Staates (bestehend aus Syrien. Palästina, dem Libanongebiet und Mesopotamien) und sucht ihn unter das Protektorat einer fremden Macht zu stellen. Denn nach der Ansicht dieser Partei reichen die finanziellen, geistigen und organisatorischen Kräfte der Einwohner zu einer Selbstregierung nicht aus. Sie verfangen fremde Führer und Ratgeber .und sagen, das Land müsse für eine ge- wisse Zeit unter dem Protektorate einer fremden Macht stehen. Wer diese fremde Macht sein sott, darüber sind die Meinungen geteilt. Diejenigen, die in Amerika waren (und ihre Zahl ist nicht klein) wünschen ein Protektorat Amerikas, die Katholiken und die Bewohner der Hafenstädte verlangen ein Protektorat Frankreichs.' welches sie immer geschützt und große Summen für sie ausgegeben hat. Die Griechisch-Orthodoxen sind für England ebenso ein Teil der Mohammedaner. Zu dieser Partei gehört weniger als ein Drittel der Bewohner Syriens^ 4. Die Iibanonischen Parteien. % Die Bewohner des Libanongebietes haben schon seit 1862 ihre Autonomie, sind daher die Freiheit schon gewöhnt und wollen jetzt nicht einer anderen Regierung in Damaskus unterstellt Werden. Und daß sie.dem Hedschas nicht angegliedert werden wollen, braucht wohl nicht eigens gesagt zu werden. Die Meroniten und Drusen bestehen energisch auf ihrer Freiheit und wollen nichts von Feisal wissen Meinungsverschiedenheiten gibt es unter ihnen bloß bezüglich Sidon und Beirut. Die kleinlibanonische wül alles beim alten lassen und den Status quo aufrechterhalteä Sie wünscht auch keine Gebietserweiterung. Die großlibanonische Partei hingegen ist der Ansicht, daß man mit der Annexion von Betrat nichts verderben könnte. Auch die Bewohner von Beirut wünschen den Anschluß. Beirut ist eine kultivierte Stadt und blickt auf Damaskus von oben herab. Außerdem sind die Bewohner von Beirut zum größeren Teil Christen und wollen daher lieber unter französischem Protektorat selbständig sein und als einer mohammedanischen Regierung in Damaskus unterstehen. Diese Partei ist doppelt so groß wie die kleinlibanonische. Beiden Parteien ist es gleichgiltig. ob Palästina' selbständig wird oder zu Syrien gehört Unter den beiden Iibanonischen Parteien gibt es keine Gegner des Zionismus. Aus der Bewegung Sowjet-Rußland Dean Zionistischen Bureau ln Kopenhagen sind seit längerer Zeit endlich wieder ausführliche Berichte aus Rußland zugegangen. Wir veröffentlichen nachstehend einen Teil dieser Berichte, die um so größerem Interesse begegnen werden1, als uns hier genauere Informationen über das Schicksal unserer russischen Brüder völlig fehlen. Der Kampf gegen die Zionistische Organisation und die hebräische Sprache. Die Lorbeeren, die die „Jüdischen Kommissare“ in der Ukraine, Raffes und Cheifetz, im Kampfe gegen den Zionismus geerntet haben, haben ihre Kollegen in Moskau und Petrograd nicht ruhen lassen. Es begannen die unzähligen Berichte und Protokolle an die Zentralbehörden, die gewissenlose Denunziationen und Verleumdungen enthalten, um die zentrale Regierung zu veranlassen, die Zionistische Organisation als konterrevolutionär und demgemäß ihre Führer und Anhänger als vogelirei zu erklären!. Diese Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Die Exekutive der Moskauer Sowjietregierung hat am 21. Juli 1919 auf Grund der Beschwerden .der zionistischen Vertreter gegen die Verfolgungen folgende. Resolution gefaßt: „ln Anbetracht dessen; daß die Zionistische Organisation durch kein einziges Dekret der Sowjetregierimg als konterrevolutionär erklärt worden ist, ersucht das Präsidium der Exekutive sämtlicher Sowjetorganisationen, der genannten Partei, soweit ihre kulturell-aufklärerische Tätigkeit den Beschlüssen! der Sowjetmacht nicht widerspricht, keine Hindernisse in den Weg zu legen.“ Diese Niederlage hat die „Jüdischen Kommissare“ keineswegs entmutigt. Man schlug sofort eine andere Taktik ein und begann, die hebräische Sprache als eine „konterrevolutionäre“ zu erklären, als ein Machwerk der jüdischen Reaktion, vermittels welcher sie die jüdischen Massen „verdunkeln" wolle. Es begann ein förmlicher Sturm auf das Bildungskommisisariat; an dessen Spitze der bekannte russische Schriftsteller Luparscharski steht. Letzterer, der em großer,Verehrer des Hebräischen seht solt hatte lange widerstrebt, diesem Ansinnen nachzukommen, mußte schließlich aber doch gewisse „Konzessionen“ machen!. Das Dokument, welches das Verbot des Hebräischen, allerdings mit gewissen Einschränkungen, enthält, verdient wiedergegebeh zu werdea Es hat folgenden Wortlaut: „Protokoll der 91. Sitzung des Volkskommissariats für Bildung vom 11. Juli 1919: Behandelt die Frage betreffs des Unterrichts in „Ibrith“ in den jüdischen Schulea Es wird beschlossen: „Es wird festgestellt, daß die Sprache „Ibrith“ acht die Umgangssprache der jüdischen Volksmassen bildet, aus welchem Grunde diese Spräche nicht als eine Sprache einer nationalen Minderheit angesehen werden kann und' infolgedessen in pädagogischer Beziehung denselben Bestimmungen unterliegt, wie jede ausländische Sprache, die keine Umgangssprache m den Gebieten Sowjetrußlands darstellt“ Der Kamtf gegen die hebräische Sprache hat unter den Juden tiefste Erbitterung hervorgerufen. In Moskau hat ein Protestmeeting stattgefunden, welches einen unvergeßlichen Eindruck auf die gesamte jüdische Bevölkerung hinterlassen hat Wenn man bedenkt welchen Gefahren man sich im jetzigen Rußland aussetzt wenn man öffentliche Protestkundgebungen gegen die von der Regierung geplanten Maßnahmen organisiert so wird man die Bedeutung dieses Schrittes besonders zu werten wissen Im großen Saal des Polytechnischere Museums versanunelten sich mehr als 3000 Juden aus den verschiedensten Bevölkerungsschichten, um das Recht der hebräischen Sprache zu verteidigen. Zahlreiche Redner traten auf. S. Eisenstadt bezeichnete den Kampf gegert die hebräische Sprache als einen Pogrom gegen den Geist des Judentums, Echiel Levontin sprach über die Wiedergeburt der hebräischen Sprache in Palä- Diese Aufsätze sind vor einigen Jahren auch in einer deutschen Bearbeitung erschienen. Im Jahre 1905 wurde in Odessa eine Jeschiba gegründet mit deren Leitung Tschemowitz betraut wurde. Es war dies eine Art theologischer Lehranstalt in modernem Sinne; aber im Geist der alten. Jeschiba, in der dem Talmudstudium breiter Raum gewährt wurde. Das talmudischrabbinische Fach war in die Hände Tschemowitz1 gelegt Aus seiner Lehrtätigkeit gingen zwei gehaltvolle Schriften in hebräischer Sprache hervor, „Ha-Talmud“, eine Einleitung in den Talmud; urflT „Scfoiurim be-Talmud“, talmudische Vorlesungen. Die Schwierigkeiten, welche die russische Regierung der Jeschiba bereitete, veranlaßten Tschemowitz im Jahre 191fc nach dem Auslande zu gehen. Erstudierte auf verschiedenen Universitäten In Deutschland und in-der Schweiz und promovierte int Jahre 1914 mit einer Arbeit über die große Versammlung (anschr keneset ha-gedola) zum Doktor der Philosophie. Tschemowitz beherrscht vorzüglich das talmudisch-rabbinische Recht Seine Abhandlungen über Diebstahl, Einbruch-Diebstahl mit Raub und über das Eherecht nach dem Talmud sind in Köhlers „Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft“ .erschienea Auch als Pubhzrst hat sich Tschemowitz betätigt; in verschiedenen hebräischen Zeitschriften hat er zu den Tagesfragen des jüdischem Volkes und dies Judentums Stellung genommen, wobei er einen konservativen Standpunkt vertrat ln jüngster Zeit hat Tschemowitz eäi großes wissenschaftliches Unternehmen begaunern Unter dem Titel „Kizur ba-Talmud“ gibt er dem babylonischen Talmud in einer verkürzenden Bearbeitung heraus. Der erste Tett dieses Werkes ist bereits erschienen, und: der zweite Teil soll ihm demnächst folgen. Dem Gelehrten ist zu wünschen, daß es ihm vergönnt sein möge, diese Arbeit und'auch andere von ihm geplante wissenschaftliche Arbeiten zu Ende zu führen. Die hebräisclie Literatur hat von ihm noch viel Förderung zu erwarten. Prof. Einstein und der Zionismus Wie die Tageszeitungen bereits meldeten, befindet sich jetzt Professor Einstein, der bekanntlich vor einigen Jahren auch in Prag wirkte, in London, wo in der königlichen astronomischen: Gesellschaft die verblüffenden Resultate von jüngst unternommenen astronomischen Versuchen diskutiert wurden, welche die umwälzenden Theorien Einsteins über das Universum In gläazender Weise bestätigea Die „Times“ brachte einige Artikel über Einsteins Theorien; deren Bestätigung in London ungeheures Aufsehen erregt Sie berichtete auch über Einsteins Persönlichkeit; er sei Zionist und habe starkes Interesse an der projektierten hebräischen Universität in Jerusalem. Wir sind in der Lage, diese Mitteilung d!er „Times“ zu bestätigen. Der Londoner Korrespondent der „Selbstwehr“ wandte sich briefleh an Ernstem und erhielt von ihm die Versicherung, er werde alles, was in seiner Macht stehe, für die hebräische Universität tun. Diese Zusage ist für die Jerusalemer Universität, über die, wie wir erfahrea im Februar wahrscheinlich in Basel eine wichtige Konferenz abgehalten werden wird von großer Bedeutung. Literatur und Presse in Rußland Die soeben erschienen Hefte 9 und' 10 der wissenschaftlichen Palästina-Zeitschrift „E r e z Israel“ enthalten reichhaltiges Material.- das von den weitesten Kreisen des nationalen Judentums mit lebhaftem Interesse gelesen und verbreitet wird. Von dem Inhalt des 9. Heftes sind folgende Arbeiten hervorzuheben: B. D. Brutzkus liefert einen lehrreichen Aufsatz über „die treibenden! Kräfte der jüdischen Kolonisation“. Der Autor entwickelt in dieser Arbeit die geistigen und materiellen Triebkräfte der palästinensischen Kolonisation seit ihrer Entstellung bis in (Ke Gegenwart und entwirft ein reiches Büd der kolonisatorischen Zukunftsmöglichkelten. Der Spezialist auf dem Gebiete des Finanzwesens, Herr W. Gottesmann, behandelt die Frage der „Errichtung von Kandels-Kommanditbanken in Palästina“. Es handelt sich um ein ziemlich nettes Gebiet im Bankwiesen, und der Autor weist mir gründlicher Sachkenntnis die Notwendigkeit solcher Finanzinstitute in Palästina nach. Professor E. E. Kern, ein hervorragender Agronom, behandelt das Thema der „Ameiiorienmg dies. Bodens fn Syrien! und Palästina“, inhaltsreich Ist die Arbeit „die palästinensischen Häfen“, die aus französischen Quellen zusammengestellt ist. Von kleineren Arbeiten verdienen Interesse eile Notizen von Dr. Au Ruppin über die SantenrngsmaßnaJimen in Palästina, von S. Izchaki über den Maschinenbau und von Max Gardon über den Klemknedit in Palästina. Das Heft schließt mit einem ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der verschiedenen Palästina-Gesellschaften in Sowjetrußland. Das 10. Heft enthält folgende wertvolle Arbeiten: „Die Errichtung von Kühlräumea und die Volkswirtschaft in Palästina“ von EL S. Karatygin; „Zur Regelung der Wohmings-