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Jüdische Zeitung · 1919-12-12 · 49 (12.12.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
49 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Irilif sehen Diskussionen aufzählen, um die unsere Literatur ob meiner „Sünden“ bereichert 'wurde und die zumeist nur mehr odei minder hervorstechende Beispiele dieser Art waren, so müßte ich sehr weit ausholen. Ich beabsichtige aber, hier nur ein einziges dieser Beispiele anzuführen, einen 'Vorgang, der vor 15 Jahren begann, sich seitdem hStzög'Aind noch nicht zur Ruhe gekommen ist Damals, vor 15 Jahren, ward zum erstenmal jener Gedanke ausgesprochen, der einen endlosen Strom von Tinte im Gelolge hatte, daß ..wir uns in Palästina ein geistiges nationales Zentrum schaffen können und müssen“. Ich war damals noch nicht reich an literarischer Erfahrung und beachtete den wichtigen Grundsatz noch nicht daß es, um dem Publikum einen Gedanken' vorzutragen. der nicht nach seinem Sinne ist nicht genügt ihn logisch klar und bestimmt darzulegen. daß man vielmehr auch die Psychologie des Hörers in Rechnung-ziehen muß. jenen Apparat der Worte und Begriffe nach dem Bedürfnis des Menschen oft auch ganz ungereimt assoziiert, und daß man sein. Möglichstes tun muß. um jeden Anhaltspunkt zu solchen Assoziationen in irgendeinem Wort oder Ausdruck zu benehmen. Heute gebe ich zu. daß von dieser, der psychologischen Seite aus. ich es hätte fühlen müssen, daß die Formel „geistiges nationales. Zentrum“ denen, die irren wolltetr. dazu Gelegenheit gab. obwohl sie logisch vollkommen einwandfrei und dem darin enthaltenen Begriffe wohl angepaßt erscheint. „Zentrum“ ist bekanntlich ein -relativer Begriff. Wie ein Vater nicht ohne Kind gedacht werden kann, so Ist ein Zentrum undenkbar ohne Peripherie;, und wie der Vater nur Vater ist in bezug auf seine Kinder und nur N. N. ist in bezug auf andere Menschen, so ist auch das Zentrum nur ein Zentrum auf die dazu gehörige Peripherie, in bezug auf alles außer dieser aber nur ein Punkt ohne jede besondere Bedeutung. Und wenn wir dieses Wort in übertragenem Sinne auf soziale Erscheinungen anwenden. so drückt es naturgemäß einen analogen Begriff aus. und wir wollen damit sagen, daß von diesem Orte oder Dinge ein Einfluß ausgehe auf eine bestimmte soziale Peripherie. die mit ihm verbunden ist und zu ihm gehört. und nur . in bezug auf diese Peripherie ist er ein Zentrum.. Aber da das soziale Leben aus vielen Zweigen sich zusamensetzt, gibt es nur wenige allgemeine Zentren, deren Einfluß gleichmäßig nach allen Seiten des Lebens der Peripherie sich erstreckt. Zumeist beschränkt sich die Beziehung zwischen dem Mittelpunkte und der Peripherie.nur auf einen Teil des Lebens; während sonst die eine vom andern nicht abhängig ist so daß ein bestimmter sozialer Kreis.zahlreiche Zentren haben kann, deren jedes ein Mittelpunkt in spezieller Hinsicht ist Wenn darum das Wort -Zentrum“ den sozialen Begriff bezeichnet, so ist es fast stets —außer wenn dies ans dem Zusammenhang sich von selbst ergibt — von einem Attribut begleitet das den Charakter des Zentrums näher bestimmt: literarisches, künstlerisches, kommerzielles Zentrum usw.. um anzudeuten, daß in diesem oder jenem Zweige das .betreffende Zentrum eine Peripherie besitzt die unter seinem. Einfluß steht und von ihm abhängt während es in anderen Zweigen keinen solchen Einfluß besitzt und damit die Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie nicht besteht. Hat man diese allbekannte Definition vor Augen, wenn man die erwähnten Worte hört: in Palästina können ur.d müssen wir ein geistiges nationales Zentrum gründen, so kann man sie nicht anders als folgendermaßen erklären: „Nationales Zentrum“, das setzt voraus, daß es eine nationale Peripherie gibt welche wie jede Peripherie tveit größer ist als das Zentrum. Das •heißt daß der Sprechende sein Volk auch in Zukunft in seinem größten Teile über alle Länder zerstreut sieht aber nicht mehr aufgelöst in einzelne- Punkte ohne Zusammenhang, -weil einer der JÜDISCHE ZEITUNG An unsere Abonnenten! Die im Laufe des Jahres um ein Vielfaches gestiegenen Preise aller Herstellungskosten der .Jüdischen Zeitung“, machen es notwendig, die Bezugsgebühren im Interesse der Erhaltung des Organs entsprechend zu erhöhen. Ab 1. Jänner -1920 haben folgende Abonnementgebüfaren Gültigkeit: 1 Jahr ....... K 50.— 2*t_ - a* « » « •«* «d» ’K.•.; ... „13.— Wir hoffen, daß unsere Abonnenten, die notwendige Erhöhung würdigend, unserem Blatte, wie bisher, die Treue bewahren werden. DIE VERWALTUNG. Punkte — der in Palästina- — künftig eän Mittelpunkt für alle sein und sie zu einem geschlossenen Kreise vereinen wird. Sobald alle die zerstreuten Glieder das Volkskörpers den Schlag des nationalen Herzens fühlen werden.’ das -auf seinem •natürlichen Nährboden zu neuem Leben erwacht ist dann werden!auch sie wieder'rings um das Herz näher aneinander rücken und. gerne in sich das lebendige Blut aufnehmen. das aus ihm strömt. ..Ein geistiges“, das heißt, daß diese Beziehung von Mittelpunkt und Peripherie zwischen Palästina und den Ländern der Diaspora notwendig auf das geistige Leben beschränkt sein wird: der Einfluß des Zentrums wird das nationale Bewußtsein in der'Diaspora stärken, die Geister von den Schlacken niedriger Ghettogesünnung reinigen, dem geistigen Leben einen, echten und natürlichen nationalen Inhalt geben, ungleich jenem künstlichen Inhalt, mit dem wir heute däe Leere ausfüllen. Aber jenseits der Grenze des Geistigen, in allen ökonomischen und politischen Beziehun- . gen. die vor allem vonden lokalen Bedingungen und dem Milieu abhängen -ur.d bestimmt werden, in all diesem wird dann freilich in gewissem Grade auch die Wirkung der Veränderungen im Geiste des Volkes (Stärkung der nationalen Einheit. der Energie im Kampfe ums Dasein usw.) zum Ausdruck kommen, in ihrem Wesen aber werden diese Zweige des Lebens in der Diaspora keine Verknüpfung mit dem Leben des Zentrums auf weisen und selbst unsere glühendste Phantasie vermag nicht in uns die Vorstellung zu erwecken, als ob aus Palästina ein ökonomischer und politischer Einfluß auf den Umfang der ganzen weltumspannenden Diaspora in dem Maße sich erstreiken sollte, daß wir ohne den Worten Gewalt anzutun, sagen dürften. Palästina würde auch darin für das jüdische Volk ein Zentrum bilden. (Schluß folgt) Die Parteien im arabischen Volke (Die Aräberfrage drängt sich mehr , und mehr in den Vordergrund der zionistischen Diskoussion. Angesichts der Tatsache, daß über die wirklichen Verhältnisse im arabischen Volk bei uns wenig Material bekannt geworden ist. dürfte nachstehender Aufsatz, der in den „Chladäschot haarez“ vom 10. November 1919 veröffentlicht wurde, besonderem Interesse begegnen. Die Red.) Schon vor dem Krieg gab es im arabischen Volke verschiedene Parteien. Die Radikalen wollten eine völlige Loslösung vom ottomanischen Reich und die Errichtung eines arabischen Staates unter, dem Protektorate einer europäischen Macht unter dein Frankreichs (für dieses waren fast alle Christen und , ein Teil der Mohammedaner. besonders in den Großstädten und in den Häfen)' oder unter dem Großbritanniens (für dieses war ein Teil der Mohammedaner): die Ge- Nr. .49 mäßigten wollten keine Loslösung von der Türkei, sondern eine rrmerc Autonomie unter Herrschaft des Sultans. Die Reformer streben1 nur eine Reform der Regierung an. Sie verlangten Vertreter m-der Regierung selbst, in der Kämmer .und in den Aemtern. außerdem die offizielle Anerkennung der arabischen Sprache. Nur einzelne strebten die Vereinigung aller Araber. Asiens und Afrikas zu einem einheitlichen Volke, in einem gemeinsamen Staate unter der Herrschaft eines Königs an. der zugleich der Kalif des gesamten Is-: lams sein sollte. Da kam der Krieg und die Löslösung des arabischen Gebietes von der Türkei, die auf die Parteigliederung im arabischen Volke - einen großen Einfluß geübt - hat Die Parteien im arabischen, Volke haben eine andere Gestalt angenommen. . > Jetzt gibt -es unter den Arabern folgende; ' Parteien: die arabische Partei, die radikale syrische. die gemäßigte syrische (die sich in drei Fraktionen gliedert).‘die großlibanonische und die kleinlibänanische Partei. Die palästinensischen Araber gehören zur radikalen oder» gemäßigten syrischen Partei. Die Gegensätze zwischen diesen. Parteien beruhen atff poKtisch-relisdöseu und geographischen, nicht aber auf ökonomischen Grundlagen. ' . 1. Die arabische Partei. Der Gedanke.-die Araber Asiens und. Afrikas zu einem einheitlichen Volke in einem gemeinsamen'Staate zu vereinigen,'- ist uralt Aber er gewann eine feste Gestalt erst, mit; dem. französisch erschienenen Buche „Das .Erwachen des arabischen. Volkes“ im Jahre 1905^ In diesem Buche würde von der Notwendigkeit' gesprochen, alle Araber zu einigen und das türkische - Joch von ihnen zu nehme«; es zeigt die Wege, welche alle Araber zu gehen haben, um einen einheitlichen Staat von Gibraltar bis zum persischen Golf ' zu begründen. Dieses Buch war auch einer der ersten Gegner des Zionismus, weil er in ihm ein Hindernis aul dem Weg zur arabischen Einigung sah: aber es trat nicht nur gegen den Zionismus, sondern gegen das Judentum überhaunt auf. Es stellte ein besonderes Buch über .;Die jüdische Weltgefahr“ iu Aussicht, das aber bis beute nicht erschienen ist.- Eine greifbare Gestalt gewann dieser Gedanke im J ahre 1913 nach dem Balkankriege aut den arabischen Kongressen in Aegypten und Paris. Während des Weltkrieges wandte sich Hussein, der Scheich von M'ekka. in einem Briefe an die englische Regierung, in dem er ihr seine Hilfe im Kriege mit den Türken anbot und dafür die Anerkennung eines arabischen. Reiches unter seiner Führung verlangte. Am 30, August 1915 lief ein Schreiben des damaligen englischen Bevollmächtigten in Kairo. Henry Mac Mahon, ein. in dem es hieß, daß Diskussionen-über die Grenzen derzeit : verfrüht seien. Am 9. September •' 1915 antwortete der Scheich mit' der" Bitte, "die von ihm vorgeschlagenen Grenzen anzuerkernrien. aber Mac Mahon erwiderte' ihm. daß es unmöglich sei, be-' züglich der Grenzen, insbesondere im Norden. Verantwortung zu übernehmen. Am 24. Oktober 1915 erfolgt die Anerkennung des unabhängigen arabischen Reiches durch die englische Regierung, abe.r ohne die Zustimmung zu den vorgeschlagenen Grenzen. In dem folgenden Briefwechsel zwischen der englischen Regierung und dem Scheich, der bis zum 30. Jänner 1916 dauert erkennt England den arabischen Staat zwar an. teilt aber seine Ansicht mit. daß bei Festlegungder Grenzen alles vermieden werden müsse, was zu einem Zusammenstoß mit Frankreich führen könnte. Die arabischen Politiker verstehen, daß sie gegen England -und'Frankreich nichts ausrichten können, begrenzen daher ihre Ansprüche und werden in ihren Forderungen bescheidener. Aber es gibt unter ihnen nicht wenige Hitzköpfe, welche sich mit den politischen Bedingungen nicht abfinden wollen und mit aller Kraft die Vereinigung Antisemiten ln der tapferen Zeitschrift die „Die Weltbühne“ veröffentlicht Hans Siems en folgende Bemerkung: In antisemitischen Flugblättern' wird oft eine Liste von jüdischen Politikern aufgestellt. Sie werden aber nicht Politiker, sondern Volksverführer. Anfwieglcr. Verräter. lichtscheue und vclksiremde Elemente. Giftmischer und Betrüger genannt. Und es wird „nachgewiesen“, daß sie als die Vertreter einer „volksfremden Rasse“ das deutsche Volk usw. usw. * Diese Liste beginnt meistens mit Marx und Lassalle und hört etwa bei Max lieb ermann (Tatsache!) und Rosa Luxemburg aut Ich möchte sie heute um zwei Namen vermehren; Zwei Namen, die. obwohl sie unzweifelhaft zwei Vertretern der jüdischen, „voUfsfremdien Rasse“ gehören, einen ganz außerordentlichen - Einfluß auf das deutsche Volk gehabt iiabcn und noch Jiaben: Moses und Christus. Niemand wird* leugnen, daß sie beide der jüdischen Raste entstammen, niemand wind leugnen. daß sie Politik trieben, und ich glaube auch, es wird kein Mensch bestreiten, daß ihr Einfluß auf das deutsche Volk viel tiefer, viel nachhaltiger und viel aufwühlender gewesen ist und noch ist als der von Marx oder gar der von Rosa Luxemburg. Und;doch findet man merkwürdigerweise die Namen dieser beiden jüdischen Volksverführer auf keiner der anüsemitschen Listen. Sonderbar! Höchst sonderbar und seltsam! Wäre nicht die Ehrlichkeit und Anständigkeit gerade der antisemitischen Politiker über jeden .Zweiiel erhaben, so könnte man fast auf den Gedanken kommen, sic hätten ihre Gründe dafür, daß sfe zwar gegend ie ermondete Rosa Luxemburg und den hingerichtetein LeviruL aber nicht gegen den doch gleichfalls Ungerichteten Christus agitieren. Solch ein Verdacht darf nicht laut das muß anders werden! Fortanmüssen die Namen Moses und Christus an der Spitze jener Listen stehen! Die antisemitische Bewegung muß sich mit aller Kraft gegend iese beiden Juden und ihre Sache wenden, gegen diese Sache, die so typisch jüdisch und so völlig undeutsch ast! Einer der wichtigsten Sätze dieser Lehre lautet bekanntlich: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!'* Es ist undenkbar, daß dieser Satz jemals in einem germanischen' Gehirn entstanden wäre. Er widerspricht dem deutschen Wiesen völlig. Christus aber hat diesen Satz des Moses nicht nur in seine .Lehre übernommen: er hat ihn' noch erweitert Er lehrt sogar: ..Liebet eure Feinde!“ Man steile sich das vor! Müßte dieser Satz rn jeder unvoreingenommenen echtgermamschen Gemeinschaft nicht ein Hohngelächter erregen? Es ist kehl Zweifel möglich: die Lehre Christi, diese Lehre eines ganz und gar ungermanischen. perversen, typisch jüdischen Masochismus — sie hat das deutsche Wesen vergiftet sie hat dife Urkraft deutscher Stammesart geschwächt ihr muß der Kampf der antisemitischen. Bewegung gelten. Wer' Antisemit sein will, der muß in erster Linie Antichrist sein. Nur daim kann das deutsche Wesen und an ihm endlich die Welt genesen. Nur dann kehren wir zurück zur rein germanischer Lebenskraft, zur fein germanischer Kultur. Dan werden wieder auf unsern Bergen usw usw. Dann werden wir. .dn .Wahrheit 'Sängen: FrischauL mein Volk! Die Flammenzeichen i , rauchen.. Hell aus dem Korden bricht der Freiheit Licht Du sollssi den Stahl in Feindesherzen tauchen! Dann wird endlich von unseren Altären wieder das Blut der Gefangenen rinnen. Dann wird die deutsche Schmach usw usw. ln diesem Sinne: Heil! Hans.Siemsen. ■ ■ i ■ ■—■■■ ' i r Chajjim Tschernowitz (zu seinem 50. Geburtstag). Ein verdienter Gelehrter, der insbesondere die Talmudforschung erfolgreich gepflegt hat, vollendete vor wenigen Tagen sein 50. Lebensjahr. Chaijim Tschernowitz; dessen Name in der hebräischen Literatur einen sehr guten Klang hat wurde am 1. Kislew 5630 in S c heb es c h im Gouvernement W i t.eb s k geboren.' Frühzeitig in die Kenntnis der hebräischen Sprache und des hebräischen Schrifttums eingeführt, erwarb er sich gründliches jüdisches Wissen auf verschiedenen Jeschifoot in Rußland, zuletzt in der Jeschiba von Kowno, die unter der Leitung des gefeierten Talmudgelehrten R. Isaak Elc h'anan Spektor stand. Im’Jahre 1897 wurde Tschernowitz Rabbiner .in Odiessa und-begann alsbald seine literarisch-wissenschaftlichen Arbeiten, Im Jahre 1899 erschien aus seiner Feder (unter dem Pseudonym „Rafo zair“) in dier hebräischen Monatsschrift „Haschiloach“ einer Reihe vonzusammenhängenden Aufsätzen unter dem Titel: „Zur Geschichte des Schulchan- Aruch“. Diese geschichtlich-literarische Darstellung lenkte die Aufmerksamkeit der Kenner auf den jungen Autor, der ziiriv erstenmal nach den Duellen die Entstehung des. „Schulchan- Aruch“ wissenschaftlich behandelte und! nachwies, welche Aufnahme! dieses vielgenannte Kompendium gleich bei seinem Erscheinen (1565) und! in den darauffolgenden Jahren in der Judenheit fand;

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