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Jüdische Zeitung · 1919-12-12 · 49 (12.12.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
49 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIII. Jahrgang Nr* 49 Btdaktiaa and Adminiftrstion: Win II., T«b«nini« I Fernsprecher Nr. 44038 a. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jfidische Nationalfonds* ■taai Freitag, d*a 12. Dezember 1818 iUHWil*: FiaitatjShrig 6 X gmnsj. ä JE; KiaMlnimBier fO h Poitaparkauenkonto 133.404 i Große Makkabäer-Feier § Festrede gehalten vom Ober-I des zionistischen Landeskomitees 1 I Dfea. tag len 16. Dezember. Sophieasile. P«oe—aeBB—eee——bbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbibbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbwbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbb—eee Rartaa R 20.— kia R l.— I» ilmUtlaskM 1 Sara«*, II., Brkuaiaaaa 33, aa ft» Bafealtara | iar ,a»ra»Bi»lt»»§- aaO I* oar; Baakb. ailaag 3 Uhrit, I.. SatantanaatraMk 3 -, ..._ „ 8 Zum Studenfentag Seit geraumer Zelt unterliegt die Studentenschaft einem Prozeß der Gärung und der Neuorientierung, ohne daß sich bisher erkennen ließe, nach welcher Richtung sich das Schwergewicht neigen will. Aber die Zerrissenheit, in deren Zeichen die Studentenschaft heute mehr als je zuvor steht, ist nicht so sehr deren eigene Schuld, als vielmehr Ausdruck lerer allgemeinen Atmosphäre der Widersprüche und der Richtungslorigkeit, die unser ganzes jüdisches, öffentliches Leben von beute bildet. Man hat sich daran gewöhnt, den Studenten Vorwürfe zu machen, und auch die Ansprachen, welche bei der Vorfeier des Studentages gehalten wurden, waren darauf abgestimmt Aber es ist an der Zeit zu begreifen, daß es hier nicht mit Vorwürfen allein getan ist; dazu ist das Problem viel zu verworren geworden. Was not tut und was am fühlbarsten fehlt, ist nicht so sehr der gute Wille der Studenten, als die Führung. Und man darf ruhig sagen: wenn die Studenten nicht wissen, was sie tun sollen, so wissen es anscheinend jene Anderen; die ach darüber beschweren, nicht besser. Wohl gibt es Emzelne.dte.Jm-Einzelfall.auchErnzelforderungen stehen. Aber wenn wir einen Augenblick 'die ganzen natiooaljüdischen Instanzen und führenden Persönlichkeiten als ein einheitliches Ganzes, gewissermaßen als die zionistische „Gesellschaft“ betrachten wollen und uns dann fragen, was diese von der Studentenschaft erwartet und verlangt, so werden wir schwerlich eine Antwort darauf finden. Bei jener Vorfeier jedenfalls wurde sie nicht gefunden. Es sprachen dort vier Männer der jüdischen Bewegung, von denen jeder einzelne als Wortführer einer großen Gruppe dieser Gesellschaft zu betrachten ist Sie alle machten" den Studenten Vorwürfe und sie alle brachten ihre Forderungen vor — und nichts Gegensätzlicheres kann man finden als diese Förderungen, die zusammengenommen die Forderungen der zionistischen Gesellschaft ausmachen sollen! Der Oberrabbiner zunächst Herr Dr. C h a j e s, erinnerte an das, was er aiu ietzton Studenteutag bereits über die Bedeutung der Bibel für den modernen Juden gesagt hat, und er klagte, daß er damals anscheinend vor tauben Ohren, predigte, denn keinerlei Anzeichen verrate, daß die Studenten beginnen würden, sich ihrer geistigen Verpflichtungen bewußt zu werder* Wurden hier diese Verpflichtungen auf die Bibel und das Schrifttipn, somit mehr ■aut. den geistlichen Gehalt des Judentums bezogen, verlor diese Forderung im Munde des zweiter» Rednersj Herrn DLesendruck, jede Begrenzung solcher Art, gewann aber dadurch an Pointiertheit und polemischer Scharfe, die sich unversöhnlich gegen die politische Betätigung der Studentenschaft wandte. Dann kam das weltliche Prinzip zum_ Wort: Abg. Stricker stellte gerade die politische Forderung in den Vordergrund und Ing. Äckermann schließlich reduzierte fast'alle Jugendarbeit auf den Sport Den bemitleidenswerten Studenten blieb es mm überlassen, sich zwischen diesen vier Extremen zunechtzufinden: Wahrlich, wenn wir der Studentenschaft vorwerfen, daß sie nicht wisse, was sie Volle, und daß ihr jede .Einheitiiclikeit fehle, so wird sie uns mit gutem Recht entgegenhalten, daß sie damit nichts anderes tue als unserem Beispiel folgen! Von Tag zu . Tag wird das Jugendproblem undurchdringlicher und gefährlicher. In uns selbst liegt die Schuld. Die Jugend hungert nach Führung. Wir haben sie ihr bisher nicht gegeben — wir haben uns mit einem Geraufe um die Jugend beschisden, das abstoßend war und das uns die Jugend erst recht entfremdete. Es ist an der Zeit, daß man zu einer Verständigungsbasis kommt und daß wir uns selber darüber klar werden, was wir von der Jugend wollen. In einer Ansprache allerdings wird es sich ebensowenig aussprechen lassen wie in einem Artikel. Dazu liegen die Dinge nicht mehr einfach geuug. Hier kann nur ein schrittweises Tasten ins Freie führen. Hier kann man nueinzeln und von Fall zu Fall Mißverständnisse aufklären, Auswüchse bekämpfen, Fäden anknüpfsn. Langsam nur kann man aus allen Einzelforderungen zusammen sich die Gesamtforderung bauen Dadurch bereits, daß man sie aneinanderbindet und so die Polemik überbrückt, die sich zwischen sie drängt, glättet man ihre Schärfen und bereitet sie, rieh willig in das Gesamtgefüge einbetten zu lassen Das allein ist die Aufgabe. Weder die Politik noch der Geist, weder JesaJa noch Berdyczewski, weder die Jeschtwah noch der Sportplatz kennzeichnen Ziele, denen die Jugend scheukiappenblmd folgen muß. Wohl aber wird es ihri Aufgabe^ seiru * dieses Chacg antttheüsch^Begriff£vzur SynthesüThöher zu führen! Wenn, sie den guten. Willen spürt dieser unzweifelhaft schwerlastenden Aufgabe sich zu fügen, und wenn wir uns die Mühe geben, gemeinschaftlich mit ihr den Weg zu erleichtern, so wird es gehen. Anders gewiß nicht. Zunächst sei «och, iür heute, auf eines hinr gewiesen, was der Aufklärung bedarf, bevor die Diskussion einsetzt Denn Wortmißdeutung bat hier schon Unheil genug angerichtet Es handelt rieh um das, was eigentlich unter dem Worte Politik za verstehen sei. Politisch nennen wir alles das, was die Aenderang eures Gesellschaftszustandes erstrebt Der Zienäsmus also, der eine radikale Aenderang des Zustandes erstrebt in welchem sich die jüdische Gesellschaft befindet, ist eine politische Angelegenheit Zu den Mitteln, mit deren Hilfe man eine gesellschaftliche Aenderang durchsetzt somit Politik macht, gehört ü. a, der Geist Schon damit ist bedeutet daß Politik und Geist keine Gegensätze sind Wer wie wir keine Kanonen besitzt muß ohnedies umso größeres Gewicht auf die geistigen Waffen legen nnd stets ist bei uns die Kulturpolitik im Vordergründe politischer Tätigkeit gestanden. Dennoch ist es bei uns zu einer Entfremdung zwischen den Politischen und den Geistigen gekommen, die bedauerlich und für diese wie für jene bedrohlich ist Die Politischen werden ungerstig und die Geistigen unpoiitiseb. An diesem Punkte kann <fie Schuldfrage einsetien un.1 ihre Antwort finden: hieran sind in der Tat nur die Geistigen schuld. Oberste Auf- «?abq bleibt für jeden von uns der Zionirinus, d L ■v F politische Aufgabe, weiche sich die Umwandlung der jüdischen Gesellschaft zum Ziel gesetzt hat Der Geist ist ein Mittel im Dienste dieser höheren Aufgabe. Wird es so empfunden und betätigt finden sich rasch Politik und Geist zusammen. Unsere Geistigen aber haben den Geist von der Politik emanzipiert und seine Autonomie proklamiert. Nun thront der Geist abseits und jenseits der politischen Aufgabe. Hier liegt die Schuld der Geistigen und an sie tritt zunächst unser Mahnruf heran: -daß sie sich nicht länger hochmütig abgrenzen und verkapseln, sich nicht länger dem- Volke und seinen tagtäglichen Notwendigkeiten entziehen mögen! Daß sie begreifen, wie sehr es not tut, den Geist nicht nur zu pflegen, sondern ihn auch dorthin jenjs Bett zu leiten, wo allein er furchtbar werden kann: in die nationale Volksarbeit! Daß sie endlich wieder einsehen, wie der Geist nur dann seine Rechtfertigung findet, wenn er in die Politik mündet! Denn Politik ist das Streben, das menschliche Zusammenleben höher zu führen — und eine höhere Aufgaben kannten auch die Propheten nicht H. M. Wörter und Begriffe Von Achad Haam. (Der Zionismus befindet sich gegenwärtig vom neuen im Stuoium eines Illusionismus, wie wir ihn aus Herzls Charterzeit noch in Erinnerung haben. So wie damals, glauben auch heute Zahlreiche; daß wir Palästina durch einen Regierungsakt aus-, geliefert erhalten werden und daß dieses Palästina binnen kürzester Zeit alsdann die gesamte Judenfrage lösen würde. Unbeirrt von allen Tagesereignissen, hat seinerzeit Achad Haam es unternommen, immer und immer wieder darauf hinzuwbisen, daß Palästina im günstigsten Falle nur einen Bruchteil des Gesamtvolkes würde aufnehmen und daß es daher nur ein geistiges Zentrum würde bilden können. Diese Vorstellung des geistigen Zentrums ist Jahre hindurch gröfe- ■Hcb^mißverstanden ■ worden;— weil- - man nämlich vollkommen irrtümlich den Schwerpunkt auf das „Geistige“ legte und das Wort mm so auiiaßte, als ob es" im Gegensatz zum Politischen und Materiell-ökonomischen stünde. Achad Haam hat sich gegen diese Mißverständnisse im Jahre 1907 mit einem Aufsatz zur Wehr gesetzt, den wir nachstehend veröffentlichen, weil er uns heute von ganz besonderem aktuellen Interesse erscheint Denn allmählich beginnt man zu begreifen, daß auch trotz der Londoner Ergebnisse Achad Haam hinsichtlich dessen, was er über die Evolution Palästinas gesagt hat recht behalten wird. D. R.) Es hat schon jemand einmal gesagt, daß. warn die Menschen der wahren Bedeutung jedes Wortes stets eingedenk wären, das sie aussprechen oder hören, Streitigkeiten in unabsehbarem Maße eingeschränkt würden. Diese Wahrheit kennt jeder aus Erfahrung, der Gelegenheit hatte, irgend einen Gedanken zu veröffentlichen, der der „öffentlichen Meinung“ seiner Zeit nicht zusagte, so daß die „offiziellen Schriftsteller“ hervortraten, um seinen „Irrtum“ aufzuzeigen. Zunächst steht der Aermste einfach verblüfft da: wie ist es nur möglich, das Gerade so sehr zu verkrümmen, so sehr die Begriffe zu verwirren und so gar nicht zur Sache zu antworten? Und er schiebt das auf den bösen Willen der Antwortenden, die absichtlich in seine Worte legen, was nicht in ihnen steht, wird verbittert und beklagt sich vor dem Publikum selbst im Namen der Wahrheit und Billigkeit . . Aber sobald er nachher sieht, daß seine Klage nichts fruchtet und derselbe Vorgang sich immer aufs neue wiederholt so daß es ihm nicht mehr möglich ist, alles auf ^Rechnung des Uebelwoliens allein zu setzen, dann wird er notgedrungen zu der ' Einsicht kommen, daß diese Erscheinung eine allgemeinere Ursache hat nämlich die. daß der Zusammenhang zwischen einem Worte und dem in ihm enthaltenen Begriffe im Denken der Menschen nicht so fest ist, daß er sogleich den ganzen und genau dazugehörigen Begriff sich ins Bewußtsein ruft, sobald er das Wort hört oder spricht Hort also der Mensch ein Urteil, das seinem GedaiTrcengang zuwiderläuft so vernimmt er unabsichtlich das -neue Urteil nicht in seiner wahren Gestaltung, versteht den Sinn dieses oder jenen Wortes falsch, so daß es ihm nicht schwer fallet» wird, es mit Scheingründen zu widerlegen, in denen ebenfalls dieses oder jenes Wort unrichtig aufgefaßt erscheint und diese ganze Entstellung vollzieht der Denkapparat von selbst ohne Wisset» des Menschen, nach dem ihm innewohnenden Bestreben. seine Tätigkeit jederzeit nach jenen Bedürfnissen einzurichten, die gleichzeitig im Seefischen Unterbewußtsein herrschen. Ich zweifle daran, ob es in unsere». Zeit unter den jüdischen Schriftstellern jemand gibt der m dieser Beziehung mehr Erfahrungen gesammelt hatte als ich. Wollte ich einzeln alle die iiterari-

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