Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 48 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit«» JFr. 4»?ufügen gewollt war. Insbesondere ersterem gegenüber fand, auf diesem. Jugendtag eine .weitgehende Abgrenzung statt Die diesmalige Jugenddebatte auf der Zeutralkomiteesitzung erwies, daß die Jugend die seither verflossene Zeit benutzt hat um sich geistig zu konsolidieren. Unter der Führung von Kurt Blumenf eld proklamierte sie, von neuem einheitlich und einmütig zusanunengeschlossen. ihre bewußte Rückkehr zur Partei und zur politischen Arbeit in derselben. „Wir wollen nur innerhalb, der Partei und für diese wirken. Wir wollen politisch innerhalb der Partei und für die Partei arbeiten. Natürlich werden wir versuchen, in der Bartei die Politik so zu beeinflussen, wie es unseren Anschauungen entspricht aber das ändert nichts an der Tatsache, daß wir das Arbeiten neben, außerhalb und gegen die*Partei rückhaltlos verurteilen.“ An diesem Punkte griff Buber in die Debatte ein. Und die Rede, die er hier hielt wäre wert gewesen, überall dort wo die jüdische Jugend sich bei ihrer Stellungnahme der zionistischen Partei gegenüber von der. Terminologie Bubers oder Bernfelds leiten läßt plakatiert zu werden. Sie. bedeutete nicht mehr und nicht weniger als einen vollkommenen Widerruf dessen, was Buber bisher gesagt hat oder doch zumindest dessen, als was man seine Lehren ausnahmslos und überall aufgefaßt hat und auffassen mußte. Er wäre ui© gegen die Politik gewesen, sagte er. und nie. dagegen, daß die Jugend politisch erzogen würde. Immer hätte er nur darauf hingearbeitet, daß die Jugend in der Partei und für die Partei ■ politisch erzogen würde. Zur Bekräftigung verwies er darauf, und mit Recht, daß er selbst seit zwanzig Jahren, in der Partei und stets politisch gearbeitet habe. Als ihm entgegengehalten wurde, daß die Jugend aber gerade auf Grund seiner Reden sich heute zum Programm gemacht habe, von der Politik und von der Partei fernzubleiben, erwiderte er, man dürfe ihn nicht iür das Unverständnis seiner Anhänger verantwortlich machen. Und. er benutzte dies gleichzeitig, um sich überhaupt gegen seine Anhänger, vor denen ihm anscheinend endlich etwas zu bange zu werden beginnt, abzugr.enzen. Er hielt eine Rede gegen die Gemeinschaftsduselei, wie sie von keinem der sogenannten „Antibuberianer“ hätte schärfer gehalten werden können. Als wir vor zwanzig Jahren, sagte er, anfingen, Zionismus zu tun, da war Gemeinschaft in uns, ohne daß wir es wußten. Seither ist aber Gemeinschaft als Wort zu einem Bestandteil der Literatur, zu einem Bewußtseinsinhalt, zu einem Zweck geworden. Ueberall redet und schreibt man von Gemeinschaft und tut dabei doch nur Literatur. Auf diese überraschende Rede erwiderte Blumenfeld mit ungemein klar herausgearbeiteter Schärfe, daß die Jugend wahrscheinlich heute noch genau so unbefangen im Geiste der Gemeinschaft den Zionismus, t u n würde, wenn nicht gerade Buber diese zwanzig Jahre dazu benützt hätte,- uin lauter Bücher überdie Gemeinschaft zu schreiben, und die Gemeinschaft dadurch zu einem Gegenstand. der Literatur zu machen. Wir in Wien haben den unheilvollen Einfluß der antipolitisch orientierten und auf unverstandenen Gemeinschaftsforderungen basierenden Ideologien auf die Jugend mit am meisten zu verspüren gehabt. Die österreichische zionistische Partei hat Jahre hindurch verabsäumt, sich um die Jugend zu kümmern und sich solche Jugendorganisationen zu schaffen, wie es in Deutschland der Fall war. Als man endlich, vor nunmehr zwei Jahren, mit der Jugendbewegung begann, wurde sie sofort dem Einfluß jener Richtung ausgeliefert, weiche in der Partei und in der Politik etwas Jugendverderbliches erblickte. Was also bisher an Jugendbildung geschah, erzielte nur die Heranbildung einer Jugend, welche der Partei fernstand •und welche ihr vollkommen verloren gegangen ist. Man hat sie in ein anderes Lager hinübergeführt und die Partei, deren Jugendarbeit bisher dadurch iahmgelegt wurde, daß sie erst die Gegentenden¬ JODBCM5 ZBTUNO zen aus dem Wege räumen mußte, steht heute von neuem, vor der Aufgabe;; die Jugend vollständig van neuem zu organisieren und heranzuziehen. All dieses Unheil hätte vermieden werden können, wenn Buber beim österreichischen Jugendtag im Mai 1918 nicht seine Rede über Zion und die Jugend gehalten hätte, sondern deren Umkehr und Widerlegung, nämlich die Rede; die er jetzt gehalten hat. Irreführung, Unverstand und Ungeklärtheit haben eine Situation geschaffen, die zu den größten Besorgnissen Anlaß gibt und die schwerlich von heute auf morgen beseitigt werden kann. Aus Palästina Den uns vorliegenden Berichten der Zeitschriften und Korrespoadenzbüros über die Entwicklung der Dinge in Palästina entnehmen wir .nachstehende Angaben: 1. Die ökonomische Laxe. In ihrer Ausgabe vom.l. November veröffentlicht die englische Zeitschrift „P a 1 e s t i n e“ eine Korrespondenz ihres palästinensischen Berichterstatters über die ökonomische Lage in Palästina. Der Bericht behandelt zuerst die Lage der Kolonien, die zurzeit eine Periode der Erwartung durchmachen. Die Lage ist dadurch für die Kolonien, schwierig, daß gegenwärtig kein Land gekauft werden kann, daß Maschinen nicht eingeführt werden können, daß die Produkte zurzeit auf den europäischen Markt nicht gesandt werden können, daß neues Kapital gegenwärtig nicht investiert werden kann; Das erweckt ein Gefühl der Unsicherheit und hat zur Folge, daß die Bedingungen zurzeit schwankend und wenig stabil sind. Es ist dringend zu hoffen, daß in nächster Zukunft hierin eine radikale Aenderung eintritt Es heißt dann in dem Bericht weiter : ..Man kann sich eine allgemeine Idee von diesem Zustande der Erwartung machen, in dem das Land sich befindet, wenn man die Tatsache in Betracht zieht, daß die in Palästina deponierten Summen, die auf geeignete Verwendung warten, m ständigem Wachstum begriffen sind. Die Deposit en sind im 1 etzten -halb en Jahr um 50% g e s t i eg e n. was die normale Steigerung vor d:em Kriege bei; weitem übertriffti obwohl diese während der Jahre 1913—14 schon ein bedeutendes Anschwellen gezeigt hat. Besonders bemerkenswert ist. daß, soweit wir feststelien können, dieses/Anwachsen der Depositen während der ersten .5 Monate des Jahres hauptsächlich Geld betrifft, das im Lande selbst verdient wurde, während vor dem Krieg der größte Teil der neuen Depositen aus dem Auslande kam. Während des Juni'haben die Zuflüsse aus dem Auslande wieder begönnen eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen, und es scheint, daß diese Bewegung anhalten wird. Man muß ferner in Betracht ziehen, daß etwa 10% der Klientel der Anglo Palestine Company aus Nichtiuden besteht und ferner, daß auch neue Gesellschaften, wie „Haboneh“. oder Körperschaften;' wie die' „Zionistische Palästina-Kommission“, ihren Anteil zum Anwachsen der Depositen beitragen. Wennman nach Palästina komme. Ost man auch hier bestürzt über die in die Höhe getriebenen Preise und den geringen Wert des. Geldes. Man hört von allen Seiten, daß das ägyptische Pfund in Palästina nur 1000 Penny wert ist Es ist sehr schwer. Wohnungen zu bekommen. Infolgedessen zeigen die Mieten eine beträchtliche Steigerung. Die letzten Verordnungen des Militärgouverneurs in Jaffa, wonach die Hausbesitzer nicht mehr als einen Zuschlag von 55 Prozent zur Miete von 1914 verlangen dürfen und wonach sie ihren Mietern nur kündigen können, wenn sie selbst die betreffende Wohnung benötigen, hat die Lage erheblich erleichtert, aber doch nicht alle Schwierigkeiten gelöst. Die Miete für eine unmöblierte Wohnung, die für den Aufenthalt einer Familie von 5 bis 6 Köpfen ausreicht beträgt zwischen 80 und 200 ägyptischen Pfund pro Jahr. Neubauten finden nur in sehr geringem Maße statt und die Häuser sind vermietet, noch ehe sä« fertiggestellt sind .... Im Zusamenhang mit all den anderen Maß- ^ahme»i, die den national-jüdischen* Lebensformen in. Palästina ihren Stempel aufdrücken werden, wird man auch die Frage der Einführung eines nationalen Münzsystems in Erwägung ziehen müssen. Am geeignetsten für“ das Land wäre ein System nach dem Vorbild« der Lateinischen Staaten. Als Grundlage soH der Schekel dienen, der den Wert eines Francs hat und in hundert Prototh geteilt wird: 25 Schekel bilden 1 Dinar Sahaw (Gold-Dinar), rfa^ den Wert eines englischen Pfundes haben solL 25 Prototh, gleich % Scheket heißen Dinar Kesseph (Silber-Dinar) und bilden den hundertsten Teil eines Dinar Sahaw. Ein solches Münzsysstem wurde mit den nationalen Traditionen überemstimmen. würde dem Umstand Rechnung' tragen, daß man seit langer Zeit in Palästina in Francs rechnet würde dem Mangel an Kleingeld abhelfen und würde schließlich, da es auf dem System des Dmar Sahaw (Gokt-Dinar) beruhen würde, mit dem modernsten monometallischen Geldsystem der Lateinischen Staaten übereinstimmen. 2. Die Laxe des Handwerks. In Jerusalem gibt es zurzeit 39 Bauarbeiter. davon Juden 7 (3 Aschkenasim. 3 Jemeniten und 1 grusinischer Jude): Christen 25; Mohammedaner 7. Sämtliche Baumeister. Hiezn kommen die Bauarbeiter, die unter Aufsicht der Baumeister Ihre Arbeit verrichten. Solche gibt es: 18 Juden. 40—45 Christen und 50—60 Mohammedaner. Das Bauhandwerk umfaßt den Fundamentenbau wie den Ban der Wände. Die Fundamente der Jerusalemer Gebäude werden größten teils 1>S Meter tief gebaut, mit Ausnahme der Gebäude in der Innstadt, wo sie 4 und mehr Meter tief gelegt werden müssen. Bis vor kurzem winden die Häuser, nach arabischem Muster gebaut d. h. mit den arabischen Plafonds und Dachdecken, so daß die Wände 1—1, 20 Meter dick sein mußten. Nachdem man aber nach europäischem Muster zu bauen begann und zur Festhaltung der Platfonds und Dachdecken Eisenstäbe benutzte, werden die Wände nur 70 cm. dick gebaut. Die Konkurrenz zwischen den jüdischen und nicht-jüdischen Bauarbeitern ist eine sehr starke, da die letzteren zu niedrigeren Arbeitslöhnen arbeiten. Für europäische Arbeit. 60 bis 75 cm Wanddicke, werden folgende Preise gezahlt: Arbeit mit gehauenen Steinen 6 sh. pro Meter. An Tagelohn verdient ein Bauarbeiter pro Tag 10—15 Francs, die gelernten Hilfsarbeiter 4 bis 5 Francs und die ungelernten Hilfsarbeiter 2 bis 3 Francs. Die Löhne der nicht-jüdischen Arbeiter sind bedeutend niedriger. Jerusalem und seine Umgegend ist sehr reich an Steinhauereien. Es kommt häufig vor., daß die Steine für den Bau an der Baustelle selbst ausgehauen werden. Die Steinhauer bearbeiten die Steine und geben ihnen die gewünschte Form. Vor dem Kriege existierten in der Umgegend von Jerusalem 6KaIkbrennereieo. die nach europäischem Muster so eingerichtet waren, daß der Kalk vor der Benutzung nicht gebrannt werden mußte. Eine der Kalkbrennereien gehörte einem Juden und war gut beschäftigt Zurzeit zitg in Palästina bezeichnet General A11 e nb v die Juden als ..fähige und vorzügliche Kämpfer“. Im Interesse der Jüdischen Regimenter sind in Palästina folgende öffentlichen Institutionen gegründet worden: Der „Rote Magen-David“, der „Jüdische Regimentsvenein“ in Jerusalem und der „Waad Hechaluz“ in Jaffa. Der „Rote Magen- David“ sah seine' Aufgabe in medizinischer und pekuniärer Hilfeleistung an die Angehörigen der Jüdischen Regimenter sowie in der Schaffung von Erholungsstätten und geistigen Ausbildungsmöglichkeiten für die jüdischen Soldaten. Der „Rote Magen-David“ richtete Kantinen ein, wo die Soldaten billige und gute Nahrung erhalten konnten; er veranstaltete Konzerte und Vorlesungen in den Lagern der Regimenter, die sich in El Arisch und Rafa befanden. Der „Rote Magen-David“ richtete ferner Kurse für hebräischen Unterricht, für Gesang- und Musikunterricht ein und lieferte für alle Bibliotheken und Krankenhäuser jüdische Bücher und Zeitungen. Der „Jüdische Regimentsverein“ in Jerusalem, der sich die Aufgabe gestellt hat. den Soldaten und ihren Familien materielle Hilie zu leisten, hat im Laufe des Jahres 1918 für diesen Zweck 11246 Lst. verausgabt. An dieser Summe war die Regierung mit 9907 Lst. und die Zionistische Palästina-Kommission mit 1339 Lst. beteiligt. Der „Waad Hechaluz“ in Jaffa verteilte im Laufe desselben Jahres 8804 Lst., von denen 4425 tst. von der Zionistischen Palästina-Kommission, 8378 Lst. von der Regierung und 492 Lst. private Spenden waren. Auf Veranlassung des „Waad Hechaluz“ ist jjiter Beteiligung der Zionistischen Falästina- Kommission ein besonderes Lazarett für die Angehörigen der jüdischen. Regimenter in Jerusalem eingerichtet worden (53 Betten). Das Budget dieses Hospitals wird Von Baroa Rothschild gedeckt, der gleichzeitig die Unkosten für ein ähnliches Hospital in Jaffa (40 Betten) trägt. Im Laufe der ersten 9 Monate haben das Lazarett in Jerusalem 7221 jüdische MiEtärpatienten besucht Einige Monate nach Abschluß des Waffenstillstandes machte sich bei vielen jüdischen Soldaten, besonders bei den aus Amerika stammenden jüdischen Legionären, der lebhafte Wunsch bemerkbar. nach ihrer Heimat zurückzukehren, ßs kam aus diesem Anlaß zu ernsten Meinungsverschiedenheiten zwischen den jüdischen Soldaten und den englischen Militärbehörden. Auch andere Zwischenfälle ernsterer Natur sind vorgekommen. Als kürzlich an ein Regiment der Befehl erging, 150 Legionäre nach Cypem zu entsenden, lehnte das Regiment die Ausführung dieses Befehles mit der Begründung ab, daß die jüdischen Soldaten gemäß den Vereinbarungen mit den englischen Militärbehörden außerhalb Palästinas keinen Militärdienst zu leisten haben. Die militärische Leitung erkannte schließlich die Berechtigung dieses Standpunktes an und hob den Befehl auf. Schlimmere Folgen hatte ein anderer Fall, der sich vor kurzem ereignete. Als ein in der Wüste lagernder Truppenteil den Befehl erhielt, nach Jerusalem zu marschieren, jedoch eine kleine Abteilung auf dem Posten zurückzulassen, erldärte die letztere; ebenfalls nach Jerusalem abmarschieren zu wollen und verließ, ohne die weiteren Befehle, abzuwarten, den Posten ~ Diese Soldaten wurden wegen Gehorsamsverweigerung vor ein Kriegsgericht gestellt und einige von ihnen sind zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt worden. Die Zionistische Palästina-Kommission, die während der ganzen Zeit dien Jüdischen Regimeatern hilfreich zur Seit» stand, bekundete für diese vereinzelten bedauerlichen Vorfälle ein lebhaftes Interesse. Bekanntlich hat die „American . Zionist Commonwealth“ beschlossen, eine Kolonie „Balfouria“ zu gründen zwecks Ansiedlung von 100 demobiflsierten jüdischen Legionären. Die Gesellschaftgibt in der jüdischen Presse die detaillierten Grundlagen dieses* Projektes bekannt; wonach sie beabsichtigt, die Kolonie auf dem Boden von Merchawia und Tel Adas zu gründen, wo die Legionäre unter Leitung von Fachleuten für den landwirtschaftlichen Beruf vorbereitet werden sollen. Ke Verwaltung der Kolonie soll durch zwei Vertreter erfolgen, von denen je einer von der American Zionist Commonwealth und den Ansiedlern ernannt wird. Während des ersten Jahres, das als Lehrjahr gilt, erhalten die Ansiedler als Arbeitslohn sechs ägyptische Pfund pro Monat. Die Verwaltung wird Wohnungen nebst Einrichtungen herstellen und eine gemeinsame Küche gründen. Mit den Ansiedlern, die von einer gemischten Kommission der Instrukteure und der Verwaltung für den landwirtschaftlichen Beruf als geeignet befunden werden, wird die Gesellschaft einen dauernden Ansiedlungsvertrag abschließe». Gemäß dem Vertrage soll jeder Ansiedler eine im Laufe der Jahre zu tilgende Anleihe erhalten, die für die Errichtung des Wohnhauses, für cfie Beschaffung des Inventars und der anderen landwirtschaftlichen Erfordernisse dienen soll. Die Brträgnisse des ersten Jahres sollen für die Deckung.der Anleihe verwandt werden. ,Zum Schluß teilt die Gesellschaft mit. daß sie mit dem jüdischen Nationalfonds zwecks Uebergabe de» entsprechenden Bodens für die Ansiedhme da» Legionäre in Verhandlungen eingetreten ist.