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Jüdische Zeitung · 1919-11-07 · 44 (7.11.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
44 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 § Der Jüdische Nafkmalfomls Nr. 44 Der Deklarationstag Massenmeeting in London — Günstige Erklärungen englischer Politiker Massenversammlung in Wien über die nationalen Minderheitsrechte Das Kopenhagens zionistische Büro meldet telegraphisch: Die englische Judenheit feierte am 2. November den Deklarationstag mit einer gewaltigen und eindrucksvollen Demonstration im Operahouse in London. Lord Rothschild präsidierte der Versammlung. Von führenden englischen Politikern sind Begrüßungsschreiben eingelaufen. Lord Curzon, der neue Minister des Auswärtigen, schrieb: „Ich habe die Ehren, Ihnen zu versichern — falls eine solche neue Versicherung notwendig ist, was ich kaum glaube, daß in der Politik Sr. M. Regierung bezüglich der Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina keine Veränderung eingetreten ist“ Lord Robert Cecil schrieb: „Ich wünsche Ihrem Meeting besten Erfolg. Die Verzögerung in der Ordnung der internationalen Fragen hat allen Völkern eine außerordentliche Kraftanspannung auferlegt; aber die Deklaration, däe von der britischen Regierung abgegeben und von den anderen alliierten Regierungen angenommen wurde, ist ein wesentliches Element für den Weltfrieden. Ich kann nicht zweifeln, daß das jüdische Volk in relativ kurzer Zeit seine Aufgabe der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina tätig aufzunehmen in der Lage sein wird.“ Sir AUred Mond, Minister für öffentliche Arbeiten, schrieb: „Dis Verzögerung des Friedens mit der Türkeiverhindert nicht die Verwirklichung der Deklaration“ Colonel Amery, vom Kolonialamt, schrieb: „Die Deklaration von weitblickender Staatskiugheit wird den Juden Britanniens und der gesamten Welt, insbesondere des nahen Ostens, großen moralischen und materiellen Wert bringen.“ Weitere Begrüßungsschreiben sind eingelaufen, u. a. von Lord Bryce und den Arbeiterführern Henderson und Clynes- Lord Rothschild drückte in seiner Eröffnungsrede mit Bedauern aus, daß die Verzögerung des Friedens mit der Türkei die Inangriffnahme der vorbereitenden Arbeit ün Palästina verhindere; dennochwaren die zionistischen Führer während der Verzögerung nicht untätig. Unser Erfolg ist sicher dank dem überwältigenden Willen des jüdischem Volkes. Der Vorsitzende bat die Versammlung, folgende Resolution anzunehmen: „Die Versammlung versichert von neuem den unerschütterlichen Willen des jüdischen Voikes, seine nationale Heimstätte in Palästina wieder zu errichten. Die Versammlung drückt den alliierten und assoziierten Mächten, die als wesentliches Element der Friedensordnung die Erklärung der britischen Regierung vom 2. November 1917 zugunsten der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina angenommen haben, die Dankbarkeit des jüdischen Volkes aus. Die Versammlung führt der Friedenskonferenz dringend die Notwendigkeit der schnellstmöglichen Verwirklichung vor Augen “ Nach Annahme dieser Resolution beschloß die Versammlung einen telegraphischen Gruß an Weitzmanc in Palästina abzusenden, worin ausgesprochen, wird, daß die Versammlung seiner dankbar gedenkt, seiner Arbeit Erfolg wünscht und ihm jede Unterstützung zusichert. Der ehemalige Minister Herbert Samuel erklärte, er wisse, daß die britische Regierung fest entschlossen sei. das Ziel der zionistischen Politik in vollem Umfang auszuführen. Balfours zionistisches Werk werde in der jüdischen Geschichte ewig berühmt bleiben. Nach einer Unterredung mit Emir Feisul hege er die feste üeberzeugimg, daß dessen kürzlich in einem Interwiev in der jüdischen Presse veröffentlichen Bemerkungen durch ein Mißverständnis verschuldet sind. Feisul selbst billige die zionistischen Forderungen an die Friedenskonferenz. Es sei kein Grund zur Aengstlichkeit betreffs der Beziehungen der Juden zu den Arabern, die auch weiter gut bleiben werden. Redner gibt seiner Genugtuung Ausdruck, daß die Vorurteile, die auch in Palästina gegen den Zionismus'erhoben wurden, beseitigt seien. Die Grenzen Palästinas müssen so festgesetzt werden, daß sie eine ökonomische Entwicklung unter Durchführung der Bewässerung und Ausnützung 4er "Wasserkräfte möglich machen. Redner sagte, er sehe hoffnungsvoll dem Kommen einer neuen Welt entgegen, denn Palästina basiert auf sozialer Gerechtigkeit, da insbesondere das Uebel des Großgrundbesitzes ansgeschaltet wird. James de Rothschild erregte geradezu Sensation, indem er eine hebräische Ansprache an die Versammlung richtete, in der er ausführte, jetzt sei die Zeit zum Handeln und nicht zu Worten. Sodann ergriff Nahum Sokolow das Wort Er teilte mit, daß er Versicherungen von Polk. dem Vertreter Amerikas aus der Friedenskonferenz, ferer von Ickoni sowie vom italienischen Vertreter S r i o 1 a g a erhalten habe. daß sie fortfahren werden, die zionistischen Wünsche zu unterstützen. Er bat, die Diskussion über die Bedeutung des Ausdruckes „nationale Heimstätte“ einzustellen. Dieser Ausdruck sei so alt wie das Baseler Programm. Der Oberrabbiner von London1, Dr. Hertz, drückte seinen unerschütterlichen Glauben an die Verwirklichung von Englands Versprechen aus. Boris Goldberg beschreibt in hebräischer Rede den Eindruck, den Balfours Deklaration bei den Juden Rußlands gemacht hat Sodann sprachen noch Josef Co wen, Shire und Redakteur Sacher.’ Der armenische Vertreter, Malvolm, drückte seine Hoffnung aus, daß die armenisch^ Sache ebenso sicher wie die zionistische gelöst werden werde. Er begrüßte die zionistischen Erfolge mit Glückwünschen. Zum Schluß der Versammlung wurde die vorgeschlagene Resolution unter großem Enthusiasmus einstimmig angenommen. Sodann wurde das Meeting mit dem Gesang der „Hatikwah“ geschlossen. Auf der Demonstration in Manchester waren die Hauptredner Dr. Schmaria Lewin, Alexander Goldstein und Israel Cohen. * In Wien fand, anläßlich des Deklarationstages eine massenhaft besuchte Versammlung im Ronachersaal statt. Die Versammlung diente ^azu, um an dem Tage, an dem zum erstenmal die offizielle Anerkennung des jüdischen Volkes durch eine Großmacht erfolgt ist, der durch allerlei irreführende Kundgebungen der letzten Zeit verwirrten. gänzlich desorientierten jüdischen Oeffentlichkeit den Sinn jener Bestimmungen des Friedens Vertrages klarzumachen, die sich auf die österreichische Juderischaft beziehen. Der Vorsitzende Dr. Isidor Margulies. der die Versammlung namens des Präsidiums des Jüdischen Nationalrates begrüßte, verwies einleitend auf die Balfoursche Botschaft vom 2. November 1917. Er behandelte sodann die im Abschnitt 5 des Friederisvertrages, insbesondere in den Artikeln 67 und 68 enthaltenen Bestimmungen über den Minorltätenschutz.'Er betonte, daß die jüdische Delegation in Paris gleichzeitig den Schutz der anderen nationalen Minderheiten übernommen habe und sich daher der gesamten Oeffentlichkeit gegenüber für die bezüglichen Bestimmungen der Friedensverträge verantwortlich'lühle.' * .. . ... . . . .. Sodann ergriff Oberrabbiner Dr. Chajes das Wort und führte aus: Es ist eine traurige Tatsache, daß die Bewohner Deutschösterreichs keine Ahnung von dem Friedensvertrage haben. Ich will, was wir erlangt haben, in einem Worte ausdrücken: Bis jetzt hatten wir die jüdischen Rechte auf dem Papiere, von nun ab steht das Recht der jüdischen Minorität i.m Staate unter internationalem Schutz. Es gibt kein Land auf der Welt, und wäre es das freieste, wo sich die Juden als Staatsbürger absolut sicher fühlen. Man denke nur an den furchtbaren Wandel im einstigen „Judeneldorado“ Ungarn. Welche Rechte hätten jetzt die ungarischen Juden, wenn nicht im Friedensvertrage die jüdischen Minoritätsrechte enthalten wären? Diese Rechte sind: 1- Die international geschützte Gleichberechtigung und 2. der kulturelle Schut.z der Minoritäten. Ueber die Unversehrtheit dieser Rechte wacht der Völkerbund. Wohl enthält der Friedensvertrag eine empfindliche Lücke. Die Minoritäten der einzelnen Staaten können nämlich nicht direkt beim Völkerbund vorstellig werden, wenn sie sich verletzt fühlen. Aber jeder Staat des Völkerbundes hat das Recht, die Klagen einer nationalen Minorität, also in unserem Falle der jüdischen. . für diese Minorität vor dem Völkerbund zu vertreten. Ganz unsinnig ist die von einem Teile der Judenschaft geäußerte Sorge vor der Prozentnorm. Daß man die Juden in die Aemter, zum Aerztestand, zum Kaufmannsstand nur im Verhältnis zu der jüdischen Bevölkerungszahl zulassen sollte, ist nach dem Friedensvertrag völlig ausgeschlossen. Die Prozentnorm ist eine Verletzung der Minoritätsrechte, und-,wer sie fürchtet, zeigt, daß er den Friedensvertrag nicht kennt. Ebenso unsinnig ist die Angst, daß jeder Judo gezwungen sein würde, seine Kinder in die jüdischen Schulen zu schicken. Wir haben wohl das Recht auf jüdische Schulen, aber keineswegs die Pflicht, sie zu errichten und ausschließlich zu benützen. Es ist unsere Schande, daß ein Teil der Judenschaft nur immer um die „Gleichberechtigung“ bettelt. Es ist Pflicht des Staates, uns möglich zu machen, nicht nur als „gleichberechtigte“ Staatsbürger, sondern als Juden im Staate zu leben und wir sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß wir dem Staate und der Menschheit besser dienen, wenn wir als bewußte Juden leben und wirken, denn als farblose Staatsbürger. Die Juden, die uns bekämpfen^ sind sozusagen Journalistennaturen, die nur an den Augenblick denken und nur immer besorgt sind, * was die öffentliche Meinung, die Tagespresse, zu den Ereignissen sage. Sie machen uns den Vorwurf, daß wir die Abfallsbewegung fördern. Das mutet uns so an, wie die Vorwürfe einem Arzte gegenüber, der zu spät operiert, weil der Patient sich •nicht rechtzeitig um seine Krankheit gekümmert hat Schauen Sie sich die letzte Generation an und urteilen Sie selbst ob wir der Gesamtheit nicht besser dienen, wenn wir unsere Kinder jüdisch erziehen. Die nationalen Minderheitsrechte nach dem Friedensvertrage garantieren uns die Gleichüerechtigung und den kulturellen Schutz, sie ermöglichen, daß jene Anstalten, wie Krankenhäuser, Biindeninstitute, die wir bis jetzt allein erhalten mußten, vom Staate miterhaltea werden müssen, sie bewirken die Klärung und Versöhnung, sie richten aber keine Mauer zwischen Juden und Nichtjuden auf. (Großer Beifall ) Sodann führte Abgeordneter Ing. Stricker folgendes aus: Während des Krieges haben beide Parteien immer wieder vom „Selbstbestimmungsrecht“ gesprochen und dieses Wort war wohl nur ein Mäntelchen für die beiderseitigen Aspirationen. Aber eines steht fest Das Wort „Selbstbestimmungsrecht“ kommt nicht mehr ans der Diskussion und die bedrückten kleinen Völker, auch die Juden, werden ihr Selbstbestimmungsrecht bekommen. Der Kampf nach außen hin ist fast beendet und von größter Wichtigkeit ist es, daß die internationale Sozialdemokratie uns das Recht auf die eigene Nation zuerkamit hat Notwendig aber ist der Kampf im Innern. Ein Teil der Juden tritt gegen uns auf, weil sie nicht wissen, um was es sich handelt. Diese jüdischen Gegner wollen wir aufklären. Vor aller Oeifentlicbkeit aber wollen wir mit jenen abrechnen, welche uns aus krassem Egoismus bekämpfen. Ihnen' gegenüber stellen wir fest: Als der Krieg begann, haben die Assimilanten jede Gemeinschaft mit den Juden der anderen Länder abgeleugnet und waren durchaus im Lager der chauvinistischesten Kriegsverlängeier. Wir hingegen haben wohl unsere RI ich t dem Staate gegenüber erfüllt aber im ärgsten Kriegstoben den Zusammenhang mit der Juderischaft der gesamten Erde nicht verloren. Auch um die Judenverfolgungen nach dem Kriege haben sich nicht die in ihren Ehrenstellea sitzenden Assirmfanten gekümmert die jetzt plötzlich schreien, daß wir das Judentum in Gefahr bringen, sondern wir allein waren es, welche das Gewissen der Welt auf die entsetzlichen Vorgänge im Osten aufmerksam gemacht haben. Die Herren jüdischen Professoren sind nicht für die jüdischen Hörer eingetretenj, als man sie vertreiben wollte, sondern wir allein, und jene Herren, welche in der Presse jetzt gegen nn<t auftreten, haben sich nicht um das Schicksal der Wiener Juden gekümmert als die Pogromgefahr auftauchte, sondern wir haben es getan und haben ahe nötigen Vorsorgen getroffen. Man muß feststellen, aaß die Antisemiten jetzt selbst die Forderungdes freien - Bekenntnissesanerkannt haben und nicht mehr den Zwangskataster wollen. Wir woJen nichts als die Wahrheit und wenn die Antisemiten sie auch wollen, ist es uns recht Die Assimilanten ' waren immer Vorläufer und Diener der anderen und unter ihrer Aegide mußtedas jüdische Volk neben' und unter dem Gesetze vegetieren. Wir Juden können nur als anerkanntes jüdisches Volk weiterleben, sonst gehen wir physisch und moralisch zugrunde. Die Reden wurden mit brausendem Beifall aufgenommen- Die Versammlung war eine, würdige, eindrucksvolle Willenskundgebung der Wiener nationaler. Judenschaft Die heutige Lage im Zionismus Von Adlolf Böhm. ' In -der. Berliner „Jüdische» Rundschau“, dam ZentraJorgan der deutschen Zionisten, veröffentlicht Adolf Böhm einen Artikel. „Die Lage von heute", in welchem er sich mit der an ider zionistischen Leitung von verschiedenen Seiten geübten Kritik auseinandersetzt und, bei aller Anerkennung der erzielten Erfolge, selbst Kritik übt Wir entnehmen dem Aufsatz folgende Steilen: „Den Männer i, de®i Kunst es gelungen ist ■uns so weit zu führen, wie wir (heute sind, also vor allem Weizmann und Sokolow, soll ihr geschichtliches Verdienst nicht im geringsten geschmälert werden. Doch ist idße Situation. in die sie geraten snd, eine solche, daß das Schiff dies Zionismus wieder ganz im Fahrwasser der Diplomatie treibt Die Führer haben den Kontakt miit dem Massen micht sie emp^ ' finden nicht den Auftrieb, der in diesen jst, und sie, die Vertreter dies machtlosesten Volkes, stehen den mächtigsten WeMbeherrsdhem und1 deren, von einer Reihe von Faktoren, ide dem Zionismus ■nicht durchaus 'günstig sind, bestimmten Politik gegenüber. Sie haben deshalb eine furchtbar schwierige Position, und es ist begreiflich, daß sie sich wohl öfters die Frage vorlegen, ob nicht eine Ueiberspannung der Forderungen äußerst schädlich wäre. Deshalb entstand 'im der Organisation der Eiinidruck, als ob ihre Forderungen zu zaghaft formuliert seien, und vielleicht ist eis in mancher Hinsicht wirklich so. Es gilt, noch Im gegenwärtigen Zeitpunkt mit allem Nachdruck und in aller Oeffentlichkeit, wie es Nordaiu soeben in seinem Brief am die amerikanischen Zionisten getan hat unsere Minimalfordenmgen zu verkünden und als Nachdruck des Massenwilens, di* sie ja wirklich Sind, auch erscheinen zu lassen. Noch jetzt hätten im allem Ländern außerordentliche Ziomistemkongresse z« tagen, die sich mit Aufstellung der Forderungen zu beschäftigen -hätten. Wir dürfen nicht alles der Diplomatie überlassen, wir müssen unseren Unter-

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