Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 44 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII. Jahrgang — Nr. 44 Redaktion und Administration: Wies II., TaborstraBe I «fernSprecher Nr. 44038 n. 43319 Naitonal-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Rica, Freitag, Uta 7. Kowember 1919 Bazagsprsis: Vierteljährig 6 A ganzj. 24 K, Einzelnummer SO h Poetsparkaasenkonto 133.404 Die Bilanz Als vor einem Jahr die fürchterliche Katastrophe sich zu lösen begann, schien eine neue politische Rechtsidee als das regulierende Prinzip einer neuen Weltordnung gesiegt zu haben. Alle Völker und alle Menschen wußten, daß eine Rettung aus dem Untergang nur dadurch möglich ist. daß die Menschheit von innen heraus umgeataltet wird. Offenbar war es. daß es jetzt nicht auf politische. Schachzüge und auf Maßregeln der Organisation ankommen kann, sondern nur auf den wesentlichen und doch so schweren Schritt zum menschlichen Empfinden. Wenn also überhaupt •ine Idee sich behaupten konnte, so war es nur die von der völligen Freiheit des Menschen, die Befreiung aus jeder Art Sklaverei politischer ökonomischer und geistiger. Es sollte sich zeigen, ob die Menschheit für diese Freiheit reif ist. ob sie den nie wiederkehrenden Augenblick einer beinahe KosmischenKrise ergreifen wird, um zu sich selbst •urückzufinden. Die Idee der Freiheit trat unter dem Namen der Demokratie und des Selbstbestlmnjimgsrechtes der Völker auf. Selbst die Verantwortung ergreifen, selbst durch das Zusammenwirken der vielen einzelnen den Willen der Gemeinschaft bilden, selbst diesen Willen durch Hineintragen aller individuellen idealen Strebungen aui das Höchste hinlenken, das war die Auf7 gäbe der Völker in diesem großen Moment. Lebendigwerden. eine Weile lang alle Geschäfte beiseite lassen und nur an das eine, an die Grundlagen des Seins und der Zukunft denken, den Sieg des Outen sichern helfen nach der unendlichen Finsternis, die viel länger gedauert hatte als die ägyptische Plage: jedes einzelne Volk, das größte ,iwe»„d^ddeinste;; hatte t d3^.S vSel -y.or; äcb,:updl mußte bedacht sein, sein ganzes Sein darauf zu konzentrieren: Nicht eine politische Neuordnung konnte diesen Krieg beenden, sondern nur eine geistige. Darum war das kleinste Volk dem größten gleichwertig, denn in der Welt des Geistes gilt nicht die Quantität, welche höchstens ein Mittel der Macht und der Gewalt ist Darum war das Wichtigste der vierzehn Worte jenes, das aussprach, daß das Recht des kleinsten und schwächsten Volkes genau so heilig ist wie das des stärksten Und größten. Nur auf eines mußte es ankommen, darauf, daß der inbrünstige Wille zur Aufrichtung der Herrschaft des Geistes in ihm mächtig und übermächtig wird, so daß die Welt sich ihm beugen muß. Die leidvollen Jahre schrankenloser Gewaltherrschaft sollten das Ende der Gewalt herbeiführen. die Gewalt aus der Welt verdrängen, indem sie aus dem Menschenherzen verdrängt wird. Auch die neuen politischen Formen konnten nur dann einen Sinn haben, wenn sie der Ausdruck für eine neue geistige Ordnung waren. In den stürmischen Tagen der Revolution, die allerdings unr eine Illusion war. schien -es. als ob die Völker das Verständnis für diese Bedeutung des kritischen Augenblicks hätten Damals hat auch das Jüdische Volk sein Selbstbestimmungsrecht reklamiert. es ist zum Leben erwacht, indem es politisch aktiv wurde. Das jüdische Volk hat kein cein politisches Ideal, die in der jüdischen Seele wirkenden Kräfte, jene geheimnisvoll durch die Jahrtausende schlummernden und immer' wieder «usbrechenden Triebe sind stets auf ein geistiges Ziel gerichtet, ob nun diese Wirkung bewußt ist oder unbewußt bleibt. Selbst wenn das jüdische Volk sich der Sprache und den Ausdrucksförmen der Zeit anpaßt und politische Forderungen stellt, so steckt in dieser Manifestation der immanente Wille zur Verwirklichung der Idee, die — in ihrer politischen Ausstrahlung — die Forderung nach Gerechtigkeit ist. Recht statt Gewalt Freiheit statt Unterdrückung — nur auf diesen Grundfesten kann eine menschenwürdige Gemeinschaft errichtet werden, nur so kann das Volk für seine höhere, schöpferische Arbeit fähig werden. Trotz den furchtbaren Leiden, denen die Juden überall ausgesetzt waren, hat das jüdische Volk den Augenblick mit größerem; Enthusiasmus begrüßt als irgendeil» anderes Volk. Nicht nur die nationalen Hoffnungen des Volkes sollten sich erfüllen. sondern auch für seine ewigen, durch eine unaussprechlich qualvolle Geschichte geschändeten Ideale sollten Gemeingut werden, der Berg, zu dem alle Völker wallen. Gerade ein Jahr ist seit den Tagen des Erwachens verflossen. Ein schweres, an bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen reiches Jahr. Die menschlichen Triebe, die sich geregt hatten, sind längst erstickt, der Krieg tobt unter anderen Namen weiter, denn sein Geist konnte aus den Herzen nicht ausgetrieben werden. Die neue Weltordnung ist auf Gewalt begründet im Prinzip wenig verschieden von der alten. Das iüdische Volk selbst hat dem brennenden Feuer des Dornbusches nicht standgehalten, ein großer Teil ist nach dem Intermezzo wieder zu seinen. Geschäften zurückgekehrt. Es ist ein trüber Jahrestag, aber wir wollen damit nicht rechten. Wir wissen, daß die Flamme weiter glimmt und daß die Idee der Gerechtigkeit nicht nur alle politischen Schlag-"* worte. sondern auch alle politischen Gewaltsysteme. durch die die Menschheit sich nur immer mehr verstrickt und neuem Unheil entgegensteuert, überdauern wird. Wenn auch der neue Völkerbund nicht ein Bund der lebenden Organismen, sondern nur eine Vereinigung der starren Rechtsformen der Staaten ist so gibt es doch einen Punkt der als ein Ansatz einer neuen Erkenntnis gedeutet werden darf: der Schutz der nationalen Minderheiten ist eine Wehr gegen die gewaltätige Unterdrückung der Starken. Zwar sind die schwachen Völker geschützt nur durch die überlegene Macht der Großmächte und nicht durch die Tatsache der Anerkennung ihres Lebensrechtes, dennoch aber hoffen wir. daß die Entwicklung des Lebens die Bedeutung dieser Bestimmungen auch in dem Sinnewaudelnwird. ais'sie. gific: nette Formen des Zusammenlebens der Völker schaffen wird. Die Minoritäten sind die anerkannt Schwachen; sie verfügen nicht über Mittel der Gewalt und vermögen nicht, andere zu knechten. Sie erheben bloß den Anspruch auf menschenwürdiges Dasein, auf Entfaltung ihrer natürlichen Begabung, auf Achtung ihrer geschichtlich gewordenen Sonderart. Die Minoritäten sind die natürlichen Bundesgenossen im Kampfe gegen die Gewalt Und das jüdische Volk, dessen-Teile in alle Welt zerstreut sind und das über keinerlei Machtmittel verfügt, ist ganz abgesehen von seiner antiimperialistischen Denkungsart, der natürliche Repräsentant des Gerechtigkeitsstrebens in der Welt. So hat was das iüdische Volk für sich durchgesetzt hat — es ist nicht eben viel, gemessen un den verkündeten Ideen der Demokratie und Selbstbestimmung —. für die ganze Welt einen übernationalen Sinn. Es paßt sehr gut za dieser Welt, daß sie die Bestimmungen des Minoritätenschutzes mit mißtrauischer Feindseligkeit ansieht Sie sind das einzige wirklich Neue in der beschlossenen Friedensordnung. Vielleicht daß von hier aus doch eine neue Erkenntnis sich Bahn bricht wenn die Gemüter sich beruhigt haben und die drückendste Not gewichen ist Vielleicht auch, daß die Juden selbst, wenn die neuen politischen Sicherungen ihnen ein bewußtes Leben, gemäß ihrem eigenen Geiste, möglich machen, einer neuen Erkenntnis Bahnbrecher werden. Vereinheitlichung der Palästina- Ämter Üsslschkin beginnt zu arbeiten. ln der soeben eingetroffenen Nummer des Jerusalemer Blattes „Chadschoth haarez“ vom 8. Oktober schildert ein Redakteur seinen Besuch im Büro Ussischkins, der einige Tage zuvor in Jerusalem angekommen ist. ..Den ganzen Montag, so schreibt der Interviewer, bis in die späten Nachtstunden belagerte eine große Menge von Besuchern aus allen Schichten der Jerusalemer Gemeinde das Büro des Herrn Ussischkin. Ich begnügte mich daher mit einem kurzen Gespräch. Ich fragte: Wie wird jetzt die Arbeit der Leitung organisiert werden? Antwort: Das Palästina-Amt. die Palästina- Kommission (waad hazirin) und die Leitung des Nationalfonds, welche bis jetzt getrennte Istitutionen waren, werden mit dem heutigen Tage vereinigt, gemäß dem Beschluß des Aktionskomitees in London: es wird eine einheitliche Leitung geschaffen, deren Sitz Jerusalem sein wird. Diese Leitung besteht aus 11 Mitgliedern. Sechs von ihnen wurden bereits in London ernannt, und zwar Dr. Chaim Weizm a n n als Präsident, Ussischkin als Vizepräsident Dr. Ruppin. Dr. Eder. Szold und Berthold F e i w e 1; drei Mitglieder werden aus der Mitte der Leitung des einheimischen Judentums gewählt werden, ferner ie einer von den Weltorganisationen des Misrachi und der Poale Zion. Auf meine Frage über die Herrschaft der hebräischen Sprache antwortete er. dies sei überhaupt keine Frage. Im Verlauf einer ganz kurzen Zeit werde die hebräische Amtssprache in allen unseren Institutionen durchgeführt sein. Bezüglich der politischen Lage wies Ussischkin darauf hin. daß er demnächst in einer Versammlung von führenden Persönlichkeiten ausführlich darüber berichten werde. In Kairo hat Ussischkin den politischen Chet des Landes Meinetzaagen besucht und über eine Stunde mit ihm konferiert. In Jerusalem wird er am Dienstag die militärischen Oberkommandanten W a t s o n und Sturm besuciien. Am selben- Tage will er auch zur Klagemauer gehen, dem Ort der Erinnerungen an die Vergangenheit und zum Univcrsitätsclatz. der Stätte der Zukunft. Für den kommenden Sonntag ist er zu einer Versammlung des Stadtrates eingeladen, für Dienstag zu einer großen Versammlung des „Makkabi“. Mit Rücksicht auf diese Versammlung hat er seine Reise nach Jaffa bis zum kommenden Mittwoch verschoben. Im Laufe des Monats wird Ussischkin alle Städte und Kolonien Palästinas besuchen und die Lage genau studieren und erst nach einem Monat, nachdem er alles mit seinen eigenen Augen gesehen hat, wird er mit den anderen Mitgliedern der Leitung, die inzwischen ankommen werden, eine großzügige Arbeit im Lande beginnen. Er ist in bester Stimmung und voll Zuversicht für die kommende Arbeit“ Ein Jahr jüdischer Nationalrat Am 4. November 1918 hat im Saaf des Arch^ tecktenvereines in der Eschenbachgasse die erste konstituierende Sitzung des jüdischen Nationalrats für Deutschösterreich stattgefunden. Der Nationalrat hat in dem Jahre seines Bestehens eine außerordentlich reiche und vielseitige Tätigkeit zu entfalten gehabt Niemals ist eine iüdische Behörde bei den jüdischen Massen so populär gewesen. Während' der Revolution hat der Nationalrat den politischen Schutz der Juden übernommen, er bat auch als einzige Instanz die Verbindung mit den gleichartigen jüdischen Behörden der anderen Staaten aufrcchterhalten. dadurch den Zusammenhang des Judentums gefestigt und die Lösung der komplizierten Verhältnisse beim Zerfall Oesterreichs. die plötzlich neue Ausländer schufen und besonders die Juden schwer trafen, erleichtert. Als die Katastrophe über die östlichen Brüder hereinbrach, hat der Nationalrat das öffentliche Gewissen der Welt angerufen und nach seinen Kräften geholfen. Die Flüchtlinge und die Pogromopier haben bei ihm Schutz gefunden. Gegen den wiederholten Versuch. Juden in Oesterreich zu entrechten, hat der Nationalrat mit Erfolg eingegriffen. Seine politische Tätigkeit, die auch in Verbindung mit dem Komitee der jüdischen Delegationen in Paris geleistet wurde, hat bis in die jüngste Zeit einen Ungeheuern Umfang angenommen. Trotz der zahlreichen hinterhältigen Angriffe von jüdischer Seite hat der Nationalrat seine Position im Volke und in der Oeffentlichkeit immer mehr gefestigt. Die schwere Krise und Notlage Wiens hat eine aufbauende Tätigkeit äußerst erschwert. Trotzdem ist aui zahlreichen Gebieten konkrete Arbeit von großem Wert geschaffen werden. Wir erwähnen nur die großartige Ferienaktion für notleidende Kinder und die Gründung des ersten jüdischen Realgymnasiums in Wien. Die Aufgabe der nächsten Zeit muß es sein, auf allen Gebieten des jüdischen Lebens umfangreiche Arbeit zu leisten, um eine Gesundung der jüdischen Gemeinschaft in Oesterreich zu bewirken. Dies ist umso notwendiger, als die Kultusgemeinde nach wie vor zu keiner wirklichen Leistung fähig ist. Am 2. November 191$ wurde mit den Machthabern jener Pakt geschlossen, der Dr. Stern zum Rücktritt zwang und innerhalb acht Wochen eine demokratische Wahlordnung in Aussicht stellte. Heute, nach einem Jahr, nachdem der Vertrag schnöde gebrochen und statt eines demokratischen ein reformiertes reaktionäres Wahlrecht gegeben wurde, ist den Bannerträgern des verkrachten Systems der Kamm wieder gewachsen _ und sie jnöchten augenscheinlich in ihrem Sumpf weiter plätschern. Die Wahlen werden nicht lange mehr hinauszuschfeben sein und dann wird das iüdische Volk Abrechnung halten. Der iüdische Nationalrat hat sich in diesem Jahr als die einzige Stätte wirklicher jüdischer Aktivtäi erwiesen und das Volk wird zu wählen haben, ob es dieses System billigt oder das vermoderie System" der Seitenstettengasse. i