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Jüdische Zeitung · 1919-10-31 · 43 (31.10.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
43 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Der Jüdische Nationalfonds Nr. 4* Erez Israel i Das Presse-Bulletin der Zionistischem Palästina-Kommission veröffentlicht einen kurzen UeberbKck über Erez Israel im Jahre 5679, dem wir folgendes entnehmen: I) Organisation in den Städten. _ Jaffa. Nach der Eroberung Palästinas durch die Engländer wurde die Reorganisation der jüdischen Gemeinde ohne Verzögerung än die Hand genommen; sowohl in Tel-Awiw wie in Jaffa ' wurde ein neuer Stadt-Rat (Waad-Hair) eingesetzt Der Waad-Hair von Jaffa wurde von den Behörden als rechtmäßige Vertretung der Juden Jaffas anerkannt und mit wichtigen Arbeiten betraut Er ist auf demokratischer Basis gewählt worden, und arbeitet nach Statuten, die von de:. Gemeinde gebilligt worden sind. J erusalem. Das Fehlen einer jüdischen Gemeinde-Organisation in Jerusalem ist von jehei als ein schwerer Mangel empfunden worden, und seitens der zionistischen Führer sind wiederholt. Bemühungen zur Vereinigung der streitenden Parteien gemacht werdn. Schließlich gelang es. eine aus Aschkenasim bestehende Minorität hielt sich abseits und bildete einen „Waad Hair der Aschkenasim“ Es gibt also zur Zeit zwei jüdische- Councils in Jerusalem. Die Statuten des „Rates der Jerusalemer Juden“, in dem übrigens sephardische und aschkenasische Juden vertreten sind, sind vom Miliiärgouveraeur genehmigt worden. Die Behörden haben allerdings bis zu einem gewissen Grade auch den „Waad-Hair der Aschkenasim“ anerkannt Der „Rat der Jerusalemer Juden“ besteht aus 80 Mitgliedern und umfaßt Vertreter aller politischen Parteien; der Misrachi und die Arbeiter-Organisationen nehmen an ihm TeiL Der Rat hofft die Ausgaben der jüdischen Gemeinde von Jerusalem durch Einführung einer individuellen Selbstbesteuerung decken zu können. Der Rat ist im Mai für die Dauer von zwei Jahren gewählt'worden. Sein Vorsitzender ist Henr David Yellin. Die Zionistische Palästina-Kommission hatte sich angesichts der bisher nicht vollzogenen Einigung der Jerusalemer Judenheit mit vielen lokalen Angelegenheiten zu befassen; aber da der- „Rat der Jerusalemer Juden“ sich entwickelt und allmählich das Vertrauen immer weiterer Kreise gewinnt wird die rein lokale Arbeit schrittweise von ihm übernommen werden. Haifa. Die Zukunft dieser Hafenstadt die offenbar bestimmt ist ©in wichtiges Handels-, Zentrum in Erez Israel zu werden, läßt cs wünschenswert erscheinen, daß es dort eine gut organisierte jüdische Gemeinde gäbt, besonders auch, im Hinblick auf deren zu erwartendes rapides Anwachsen. Die Zionistische Kommission hat hier ein Zwetgbarau unter Leitung von Herrn Jack . Mosseri eröffnet Ein Waad-Hair ist gegründet worden, der, wie man hofft, die Grundlage für eine straffe Gememdeorganisation bilden wird Außerdem ist ein Friedensgericht (Mischpath Haschalom) gegründet worden, das zufriedenstellend gearbeitet hat , Tiberias, Saffed und Hebron Die jüdischen Gemeinden dieser „heiligen Städte“ leben von der Chalukah, und da alle Bemühungen während des letzten Jahrs darauf gerichtet waren, diese Hilfsquellen zu erneuern, haben die organisatorischen Bemühungen hier kaum Erfolge gehabt In letzter Zeit weilte Herr B. Grad als Vertreter der Zionistischen Kommission im Distrikt von Tiberias. II. Politisches. Nach dem internationalen Recht blieb die Verwaltung der Städte dm wesentlichen die gleiche, wie zur Zeit der türkischen Herrschaft Die Munizipal-Räte wurden nicht gewählt sonjahre 5679 dem von der Regierung ernannt wobei- <Ee Regierung e;ne gleiche Anzahl von Vertretern jeder Gemeinschaft, unbekümmert um deren Seelenzahl, nominierte. Die jüdische Gemeinde von Jerusalem hat daher, ungeachtet des Umstandes, daß sie die größte Bevölkerüngsgruppe der Stadt bildet nur zwei Vertreter unter neun im Munizipal-Rat Der Jerusalemer Munizipal-Rat hat bisher Hebräisch nicht als eine seiner offiziellen Sprachen anerkannt im Gegensatz zur Regierung, die das Hebräische dem Englischen, Französischen und Arabischen gleichgestellt hat i III. Die wirtschaftliche Lage. Die wirtschaftliche Lage war verschieden. Die Kolonien in J.u d ä a waren im Stande, ihre Produkte zu guten Preisen zu verkaufen, was zum Teil seine Ursache in dem Bedarf der Okkupatiönstruppen hat; in Galiläa jedoch, wo. der Getreidebau die Pflanzungen überwiegt, fielen die Preise, was allerdings nur eine Reduktion der Ge-. winne bedeutet Die Verfertiger von Andenken an Palästina und von Kuhstärtikeln hätten eine reiche Kundschaft unter den Soldaten, aber andere Handwerker litten unter1 dem Mangel an Materialien. Viele Gebrauchsgegenstände, insbesonderee Möbel, erreichten so hohe Preise, daß sie vielfach nicht im Lände gekauft sondern aus Aegypten bestellt wurden. Güten -Verdienst hatten die Schreiber von Thora-Rollen usw., für deren Arbeit eine große Nachfrage aus Amerika und England bestand. Export und Import’ war angesichts des beschränkten Schiffsverkehrs begrenzt. In letzter Zeit ist es hiermit besser geworden. Es besteht jetzt regulärer Schiffsverkehr von Triest nach Palästina, und die Schiffe laufen Jaffa, Haifa, Beyruth usw. an., ' ‘ Die materielle Wohlfahrt einer großen Anzahl von Juden war in weitem Masse abhängig von den Hilfsgeldern, die, durch die Zionistische Kommission verteilt wurden. IV. Kulturelle Arbeiten. Im Erziehungswesen nimmt das Hebräische Gymnasium in Jaffa die erste Stelle ein. Nachdem die Lehrer aus der Verbannung zurückgekehrt sind und das Gebäude des Gymnasiums, das als Militärhospital diente. von -den Behörden freigegeben ist. ist die Arbeit im Gymnaaum wieder normal. Die Anzahl der Schüler ist im Wachsen begriffen. Mit Beginn des neuen Schuljahres sollen besondere Mädchen- und Knabenabfeilungen' eingerichtet werden. Der Einfluß des Waad-Hachinuch ist während des Krieges.gewachsen, und Hebräisch ist die Unterrichtssprache auch in vielen o r t h odoxen Schulen, die bisher den Waad-Hachinuch nicht anerkannt hatten. In Jerusalem ist das Gym- ■ nasium - und -das .Lefererseminarr-wieder eröffnet ■ wprden;.Ein.wichtigen..Schritt' war die ..Gründung'', der „Jeschiwoth Hamischtalmim“ durch die Zio- , nistische Kommission, in denen nicht nur der Tal- . mund nach moderner Unterrichtsmethode, sondern auch profane Fächer.-— natürlich in hebräischer Sprache — gelehrt werden. Viele Abendkurse für Erwachsene und Kinder sind eingerichtet .worden; ■ die Kindergärten gedeihen vorzüglich. V. Rabbinische' OYsanisation. Zunächst wurde In Jaffa ein R a b b i n i - sch es Amt (Misrad Harabbanut) eingerichtet. . das ausschließlich für Fragen der rabbinischen Organisation bestimmt, war und Sitzungen eines Beth Din veranstaltete. Es gelang der Zionistischen Kommission, eine ähnliche Einrichtung in Jerusalem zu begründen, die aschkenasische und sephardische Rabbiner umfaßt und von den Behörden anerkannt worden ist Die erste Konferenz aller Rabbiner von Palästina, die im Juni in Jerusalem stattfand, war;'ein: wichtiges Ereignis. hi Jerusalem kam es zn Dfferenzen zwischen den Rabbinern und dem Mischpath H&schalom, dessen Einrichtung als Zeichen 'der'Unzufrieden^: heit mit dem traditionellen Beth Din- Zedek aufgefaßt wurde. Diese Streitigkeiten, die sich über da» -ranze Jahr hinstreckten. -haben zur Folge gehabt, daß jetzt Jerusalem allein kein Friedensgericht hat Das Jahr schloß mit der zahlreich-besuchten:' Konferenz des „Misrachi“. die wichtige Beschlüsse gefaßt und Protest von Seiten der extremen Orthodoxie liervorgerufen hat, weil sie Vorschlag,- ein Gymnasium in Jaffa zu errichten, wo sowohl profane wie religiöse Unterrichtsgegenstände ge^ lehrt werden sollen. Während des letzten Jahres erschienen zwei Misrachi-Zeitungen. ..Hazir“ und „Hadvir“. . VI. Sanitätswesen. Das wichtigste Ereignis auf diesem Gebiete war die Anlegung der Wasserleitungfür Jerusal e m durch die Engländer. Zwar, sind Rohrleituneenbisher nur in den kommunalen Gebäuden gelegt worden, aber die Hydranten auf den Straßen versehen die Einwohner mit frischem' Wasser. Die Aerzte-Expedltion „Hadassah“ aus Amerika hat sich durch die Einrichtung moderner Krankenhäuser. Eröffnung von Kursen für Wärterinnen und durch ihren Kampf gegen die' Moskitos große Verdienste erworben; ebenso hat das jüdische Gesundheitsamt in Jerusalem in der Bekämpfung der Infektionskrankheiten Hervorragendes geleistet. Die Zionistische Kommission hat all diese Arbeiten, sowie die bereits vorher im Lande existierenden Krankenhäuser unterstützt. Die Drainierunscsarbeiten für die jüdischen Viertel-im Nordwesten Jerusalems, mit. denen kürzlich begonnen wurde, sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erwähnen. Das preußische Ministerium gegen die Reaktion in dem jüdischen Gemeinden Von Dr. Salli Hirsch-Berlin. Die jüdischen Gemeinden sind bisher von den neuen jüdischen Leben, von dein neuen; Geist, der insbesondere die jüdische Jugend erfaßt hat,' kaum berührt worden. In dumpfigen Gemeindestuben verwalten die jüdischen Notabein die ihnen anvertrauten Interessen, nehmen Stiftungen an und bewilligen Gelder, setzen allerlei Kommissionen ein und reformieren den Gottesdienst. Aber für-' die Gesamtinteressen des Judentums hat man dort keinen Sinn; braucht man auch nicht; man ist . nicht zuständig. Unser Volk erwacht zu neuem Leben, erringt sich überall die Anerkennung, geht daran, auf dem alten Heimatboden sich eine neue Heimstätte zu1-scbaifemMündidie''Einsichtigeni allet:- Völker begleiten diese Bestrebungen mit Anteilnahme und Verständnis. Nur in den einzigen offiziellen Organisationen dieses Volkes selbst spürt man keinen Hauch von dem neuen Geist. Alle Bemühungen, in die jüdischen Großgemeinden neues Leben hineinzubringen, scheite«-- •; ten bisher an dem reaktionären Wahlrecht. Es ist bekannt, daß z. B. i» der Berliner jüdischen Gemeinde nur ein kleiner Bruchteil der - jüdischen Bevölkerung wahlberechtigt war. Nach §.41 des preußischen Judengesetzes von 1847 sind nämlich mir diejenigen männlichen volljährigen . Gemeindenntglieder wahlberechtigt, die mit der Entrichtung der Abgaben für die Synagogengemeinde während der letzten drei Jahre nicht im Rückstand geblieben sind. Diese .an .sich schon , reaktionäre Bestimmung (aus dem Jähre 1847!). die allen modernen Anschauungen zum Trotz Wahlrecht und Steuerleistung verquickt, legte die Praxis in den letzten Jahren dahin aus. daß nar Der letzte Mann Von Andreas Latzko. In seiner Novelle ..Der letzte Mann“ die eben in der Sammlung „Die Pforte“ des Dreiländer-Verlages erschienen ist. schildert Andreas Latzko . die Stimmung einer Kompanie im Schützengraben, die als Nachhut auf verlorenem Posten gelassen wird, während die Armee den Rückzug antritt. Der junge Musiker Gadsky durchlebt in ■diese-i Stunden der Erwartung sein vergangenes Leben. Furcht und Hoffnung, den Wahnsinn des Krieges: bei einem Gang durch den Graben trifft er einen kleinen jüdischen Schneider, der ihm am selben Morgen das Kommende vorhergesagt hatte. Einige Schritte weit von der leeren Munitionskiste. auf die er wieder zusteuerte, sah er einen Soldaten, den Kopf gegen die Grabenwand gelehnt — und erkannte bei näherem Hinschauen den Gesangskomiker. ..Nun. was hab‘ ich gesagt?“ klang es ihm traurig entgegen: und er mußte lächeln, trotz aller Sympathie, über den gemütlichen Singsang dieser Sprache, die an übermütige Nächte in Spezialitätentheatern, an -vielbelachten Anekdoten erinnerte, und so seltsam fremd und widerspruchsvoll aufstieg in der heroischen Umgebung von Sandsäcken und Grabenmörsern. Verlegen suchte Gadsky nach irgendeinem trostreichen Satz, den er dem Kleinen hätte schenken können: und erzählte ihm endlich von der Gefangennahme des älteren Krütow. mit einer schüchternen Nutzanwendung, die nicht gerade überzeugend klang. Der Schneider schwieg eine .Weile, wiegte nur nachdenklich den Kopf, ängstlich besorgt, nicht fcerauszutreten aus dem Schatten. -der sein Gesicht vor prüfenden Bücken beschützter. Dann zog er mit ememmal die Achseln bis über die Ohren. ließ beide Arme hochfliegen und erwiderte bitter: „Der Herr von Krülow? . . Ja. so ein Kavalier, der mit‘m Schnuller im Mund Schon hoch zu R>ß gesessen ist! Wenn ich denselben Schuß in meine schmale Schneiderlunge kriege, bin ich tot bevor die Franzosen unseren Graben erreichten. Uebrigens! . . . Warum wollen sie mir Hoffnung machen? Helfen sie mir lieber, die Hoffnung aufzugeben! Seit zehn Stunden tu' ich schon nichts, als mir einreden. daß ich verloren bin! .... Und kann's noch immer nicht glauben." Gladsky senkte den Kopf imd starrte auf seine Stiefel. Es war zu traurig, diesen schlagfertigen Spaßmacher so ganz anders reden zu hören, als man es von ihm gewohnt war! Er hatte, weiß Gott recht! Wozu ih mHoflnung machen?- Und doch konnte sich Gadsky nicht entschließen, den armen Teufel , einfach stehen zu lassen, allein mit seinem erschwitzten Gleichmut der ihm so schlecht beinahe spassig, wie der Sturmhelm zu Gesichte stand. So legte er zum Abschied die Hand auf die Schulter des Schneiders und sagte mit einer Wärme im Herzen, die er willig in seine Stimme überstimmen ließ: „Bleiben sie nicht hier draußen! Man trägt es viel leichter unter Menschen, wenn man sich ein wenig zusammennehmen . . . Noch ehe er den Satz beendet hatte, entzog sich die Schulter seiner Hand, und eine ganz fremde, gehässige Stimme ließ ihn erschrocken' zuiückprallen: „Ich danke! Das darf sich der Herr Unteroffizier Fröbel erlauben, ich nicht! Darüber hab‘ ich gerade nachgedacht, als Sie gekommen sind. wie schön sie es alle haben! Wenn sie mutig sind, dann kämpfen sie wie einer von den vielen braven Deutschen! Wenn sie aber weiß, wie ein Bettuch, im Unterstand herumsitzen. mit verweinten Augen, dann sind sie der feige Karl Fröbel. und weiter nicht! Ich muß mich hier verkriechen, damit nicht für jeden Seufzer, den ich mir zuschulden kommen lasse, 'meine drei jüdischen Kameraden im Bataillon mitbezahlen müssen. Und wem nütz* ich was. wenn ich mich zusammennehme? ... Ich habe mich gerade gefragt, wem es zugute kommen wird, wenn ich hier so großartig sterben werde, als : wäre ich mein Leben lang Löwenbändiger oder : Drachentöter und nicht ein kleiner jüdischer Schneider gewesen? . . . Niemandem., sage ich . ihnen! Kein Mensch wird etwas davon haben! Kein Mensch auf , der ganzen Welt! Wenn meine armen Buben einmal groß sein werden, wird man sie doch wieder feige Juden heißen, ganz gleich, ob ihr Papa, ein Tiger war oder ein Hase.“ , Erschüttert lauschte Gadsky diesem bitteren Grimm, der ihm wie eine giftige Flamme ins Gesicht spritzte. War das wirklich der „Gesangs-; komiker“. der so sprach? Konnte man so monate- ) lang neben einem Menschen dahinleben, ohne den Haß zu ahnen, der ihn zerfraß, „Ihre zwei Buben werden eben nicht mehr so heißen!'“ — sagte er energisch, mit bewußt forcierter Entschiedenheit. „Sie haben doch . . . .“ Ein .höhnisches Lachen schnitt ihm das Wort ab ..So?'. . . . Meinen Sie? . . . Dann werde ich Ihnen was erzählen. Gestern war die Reihe an mir. den Unterstand der Herren Offiziere auszu- ’ misten: und da habe ich mir ein paar alte Nummern von der Zeitung mitgenommen, die sich unser Herr Hauptmann schicken läßt. Wollen sio den Artikel lesen? Sie können ihn haben! ... . Da steht, schwarz auf weiß, daß wir’ Juden dl« Geier dieses Krieges sind, daß wir nur Papiersohlen verkaufen und Wuchergeschäfte machen .

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