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Jüdische Zeitung · 1919-10-31 · 43 (31.10.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
43 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XU!. Jahrgang — Nr. 43 Nafional-jüdifches Organ '^V'i Redaktion' and Administration: Wi*i II., Taberstrafie . I Farnsorecher Nr. 44038 n. 43319 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds* , «ien, Freitag, d»n 31. Oktober 13«* Bszngspreis: Vierteljährig 6 S. ganzj. 24 K, Emielnnmmer 50 h Postaparkuaenkonto 133.404; Zwei Jahre Zum zweitenmal begeht das jfidische Volk den Jahrestag jener wichtigen politischen Ereignisses, das. die Wiedergeburt im Lande der Väter In greifbare 'Nähe rückte. Vor einem Jahre ist der 2. November, der „Deklarationstag“, überall, wo jfidische Massen wohnen, als Festtag gefeiert worden; er fiel gerade in die bewegte Zeit, wo die große Weitkrisis ihrer Lösung entgegenzugehen schien, wo der Uebergang zur Erfüllung des Versprechens sich vollziehen mußte. Das jüdische Volk hat: damals auf Grund des proklamierten Selbstbestimmungsrechtes überall in der Welt seine Stimme erhoben und seine erste und oberste Forderung' war die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina. Selbstverständlich war und ist diese Forderung nicht so zu verstehen, daß v<?n den Mächten die Schaffung dieser Heimstätte verlangt wird, sondern nur in eben dem Sinne, in welchem Balfours Deklaration von der englischen Regierung ausspricht, daß sie mit allen Kräften die Bemühungen des jüdischen Volkes, sich eine Heimstätte zu schaffen, unterstützen wilL Seitdem ist nun wieder ein Jahr verstrichen und^wir können heute zurückblicken, Reiche Fortschritte zur Verwirklichung des zionistischen Programms gemacht worden sind und welche Lehren wir aus dem Geschehenen für die Interpretation der historischen Erklärung gewonnen haben. Der Brief vom 2. November ist ein Schriftstück von außerordentlich kluger und wohldurch- ' dachter politischer Diktion. Wenn man bedenkt, daß zur Zeit seiner Abfassung Palästina staatsrechtlich unbestritten türkisches Gebiet war und daß auch militärisch England damals nur einen muß man den Takt bewundern, mit dem England seine wichtigen Zusicherungen formuliert, ohne dadurch die staatsrechtliche Frage überhaupt aufzurollen. Darin liegt ein feines Verständnis für die Eigenart des Zionismus und der zionistischen Organisation; wenn man die Versprechungen, die etwa den österreichischen Völkern gemacht wurden, bei denen ganz unverblümt die Loslösung von Oesterreich in Aussicht gestellt wurde, mit unserer Erklärung vergleicht, so ist leicht ersichtlich, welche Rücksicht auf die Situation der Zionisten Mitteleuropas und der jüdischen Kolonien des von Türken besetzten Teiles Palästinas genommen wurde. Ebenso klug und voraussichtig ist die Formulierung des Schlußsatzes. Es wird gleich zu Beginn der offiziellen Förderung zio- . nistischer Politik, durch die die zionistische Diskussion außerhalb des Judentums akut werden mußte, eindeutig ausgesprochen, daß durch die Errichtung der jüdischen Heimstätte nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte nichtiüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte. So sind in diesem klassischen Dokument schon die beiden Einwendungen vorweg genommen und pariert, die seither Immer wieder erhoben wurden und bis heute nicht verstummt sind. Bis heute hört man von jüdischer Seite immer wieder den törichten Vorhalt, daß durch die zionistischen Bestrebungen -die Juden in ihren Wohnländern zu Fremden gestempelt werden. Diese grundlose und etwas würdelose Angst der Assimilanten ist nach dem klaren Sinn der Ballourschen Erklärung gänzlich unberechtigt. Denn ebenso gewiß, wie die englische Regierung die Errichtung des jüdischen Gemeinwesens unterstützen will, wird sie auch darüber wachen, daß der zweite Teil ihres Versprechens erfüllt wird. Kein Kulturstaat wird es wagen, seine jüdischen Staatsbürger deswegen zu benachteiligen, /weil in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen entsteht Aber auch die nichtjüdischen Gruppen Palästinas sind durch das Manifest völlig beruhigt worden. Auch ihren Rechten soll kein Abbruch geschehen, Ledder haben auch diese Gruppen dem klaren Sinn des Versprechens entweder wenig Beachtung oder wenig Glauben geschenkt Sowohl die Christen, als auch die Araber haben besonders in der letzten Zeit eine scharfe asitizionistische Agitation begonnen. Erst jüngst wurde eine Aeußerung des Araberführers Emir Feisul bekannt der verlangt, daß Palästina ein Teil des arabischen Reiches werden soll. Die christlichen Syrer stützen. sich vorwiegend auf Frankreich, das zwar der Balfourschen Erklärung beigestimmt hat trotzdem aber meint, seine politischen und wirtschaftlichen Orientinteressen, die mit den englischen im Gegensatz stehen, durch Bekämpfung des Zionismus stützen zu können. Die zionistische Organisation hat durch den Mund ihrer Führer wiederholt die Versicherung gegeben, daß es ihr fern liegt jemanden aus Palästina zu verdrängen, vielmehr gründen sich die zionistischen Pläne auf die Ueberzeugung, daß Palästina bei entsprechender ökonomischer Hebung eine weit größere Bevölkenmgszahl erhalten könnte als gegenwärtig. All dies hat zweifellos die englische Regierung selbst wohl überlegt bevor sie ihre Erklärung abgab. Die Erklärung war das Resultat jahrelanger zionistischer Arbeit die vor allem von Weitzmann und Sokolow geführt wurde, und speziell Balfour hat sich genau informiert, bevor er seine poetische Stellungnahme entschied. Der politische Erfolg, den die englische Erklärung bedeutete, wurde in diesem Jahr weiter ausgebaut. Durch die Verhandlungen der Friedenskonferenz und jener Kommissionen, die sich mit der Orientfrage befaßten, war Gelegenheit gegeben, in die Einzelheiten der zionistischen Wünsche einzugehen. Es ist selbstverständlich, •daß die politischen Postulate den Realitäten und gegebenen Verhältnissen Rechnung tragen müssen; jetzt nachdem die Entente unbestritten über das.türkische Gebiet zu vetfügetijhat müssen von ' ''lhral'ime'':BSä^i^A‘^bians»ewiS^ afiTMihlnrafff verlangt werden, weiche die Entwicklung eines jüdischen Gemeinwesens in kultureller, wirtschaftlicher und administrativer Hinsicht ermöglichen. Somit muß jetzt politisch ein Schritt getan werden, der weitergeht als die Erklärung vom 2. November. Dort ist die Rede nur von einem „Erleichtern“ (facilitate) der jüdischen Heimstätte. Nun, da England die Macht hat, muß gefordert werden, daß diese Möglichkeit faktisch gegeben und garantiert wird. Die englische Militärverwaltung Palästinas hat diese Minimalforderang nicht erfüllt Die englischen Befehlshaber des Okkupationsgebietes waren dem Zionismus ausgesprochen feindlich gesinnt und haben die palästinensische Judenheit in einer Weise behandelt, die die größte Depression erzeugte. Als diese Verhältnisse durch ausführliche Berichte in London bekanntgeworden waren, hat England diese Befehlshaber abberufen und durch neue Männer ersetzt welche m die Intentionen Balfours völlig eingeweiht sind. Gleichzeitig wurde auch offiziell den Okkupationsbehörden die, Weisung gegeben* die Errichtung eines jüdiscfferT'Gememwesens im Sinne der Balfour'schen Erklärung als fait accompli zu betrachten und sich entsprechend zu verhalten Die zionfstische Organisation hat Weitzmann nach Palästina geschickt, damit er mit den neuen Männern Fühlung nimmt Gleichzeitig wird auch die zionistische Verwaltung Palästinas reorganisiert und an ihre Spitze tritt Ussischldn. Der zweite Jahrestag der Deklaration wird also in Palästina unter gebesserten Verhältnissen gefeiert werden. Das palästinensische Judentum, das den Kern der autonomen Siedlung bilden wird, steht unmittelbar vor dem Zusammentritt der konstituierenden Versammlung, die auf Grund eines komischen Wortstreites allerdings nur „Delegiertenkonferenz“ heißen wird. Der Friedensschluß mit der Türkei soll zu Beginn des nächsten Jahres vollzogen werden, dann wird die Mandatsfrage entschieden, die schon jetzf im englischen Sinn als gelöst angesehen werden kann, dann beginnt das große Werk, das zu erleichtern die englische Regierung die „größten Anstrengungen“ zu machen versprochen hat. Vor wenigen Tagen ist der Mann, mit dessen Namen die Deklaration verknüpft ist und der dadurch im jüdischen Volk die größte Popularität erhalten hat, aus dem Amt geschieden. Sein Nachfolger Lord Curzon hat wiederholt seine Uebereinsthnmung mit Balfour in der Judenfrage erklärt. Es ist daher zu erwarten, daß auch er die Politik seines Vorgängers fortsetzen wird. Balfonr hat persönlich das größte Verständnis für die Größe der zionistischen Idee. Seine Sympathien sind nicht nnr von politischen, sondern auch von menschlichen Gesichtspunkten diktiert Der Deklarationstag ist für das erwachende jüdische Volk nicht nur ein nationales Fest sondern auch ein Ausdruck der Dankbarkeit für jene große und freie Politik Großbritanniens, von der schon Herzl mit begeisterten Worten gesprochen hat, und für die verständnisinnige Hilfe, die Balfour unseren Bestrebungen geleistet hat Der Wortlaut der Balfour-Deklaration Foreign Office. November 2nd. 1917. Dear Lord Rothschild! I have mu’h pleasurc in conveving to von. on behali of H. M. Government the following declaration of symoathy with Jewish Zionist aspirations which has been submitted to and aporoved by the Cabinett: . H. M. Government view with favour the establishement in Palestine of a national home for the Jewish people. and will use their best endeavours to facilitate the achievement of this obiect it being clearlv understood that nothing shall be done which may prejudice the civil and religious rights of existing non-Jewish communities in Palestlne. or the rights and political Status enloyed' by Jews in any ohter country. I should be grateful if ou would bring this declaration to the knowledge of the Zionist Federation. _ Arthur James Balfour. "In ""deutscher- Übersetzung: Ministerium des Aeußern. 2. November 1917. Lieber Lord Rothschild! Es ist mir ein großes Vergnügen. Ihnen namens S. M. Regierung die folgende Symoathie- Erklärabng mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen zu übermitteln, die dem Kabinett unterbreitet und von ihm gebilligt worden ist: Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei Klarheit darüber herrschen muß. daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte. Ich bitte Sie. diese Erklärung zur Erkenntnis der Zionistischen Föderation zu bringen. Arthur James Balfour. T „Ethische Grundsätze“ .Die- Oesterreichisch-israelitische Union“ hat in-den Wiener Tageszeitungen eine Erklärung veröffentlicht, daß nach der Anschauung der Majorität der östererichischen Juden das einigende Band für sämtliche Juden der Welt nur „die in unserer Reiigion enthaltenen ethischen Grundsätze“ sinJ. Daher ist die Union gegen Anerkennun der jüdischen Nationalität. Wir haben uns mit den Ausgeburten der „Union-Gesinnung“ sehen so oit auseinandergesetzt. daß es genügt, diese neue Heldentat einfach zu registrieren. Das politische Gewicht derartiger Kundgebungen ist ohnedies gebührend gering, weil jeder Mensch weiß, daß hinter der ..Union“ niemand steht. Auch durch die famose Postkartenaktion gegen den jüdischen Nationalrat ist die Union nicht berühmter geworden. Das Volk in seiner Gesamtheit will von den Herren, die sich jahrelang ungeraten als seine Führer aufgespielt und es ins Verderben und in einen erstickenden Morast geführt haben, nichts mehr wissen. Das jüdische Volk weiß sehr genau, daß die Herren der Union feig die Kopie verstecken, wenn es etwas Wirkliches zu arbeiten, wenn es bei Geiahr und Not sich in die Bresche zu stellen gilt Nur wenn sie für sich persönlich einen Nachteil fürchten.' in übertrieben nervöser Ghetto-Angst, belästigen sie die Oeifentlichkeit mit ihren Protesten. Heute gilt mir offene Volkspolitik, keine Iniriguen von Notabein in geheimen Konventikeln. Wenn die Union sich einmal ehrlich in die Oeffentlidikeit wagt, .wird sie die Meinung des Volkes hören. Lange wird sich das Volk nicht mehr gegeialleu lassen, daß diese Leute die ..ethischen Grundsätze“ unserer Religion schänden.

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