Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1919-10-24 · 42 (24.10.1919) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
42 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2438141-2438727-2438768--6461-2446543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 5 Nr. 42 JÖElSCfffi ZEITUNG durch werden sie nicht nur ihre materiellen Verhältnisse verbessern, sondern auch ihrerseits zur Steigerung der wirtschaftlichen Aufnahmsfähigkeit Palästinas beitragen. Daher liegen derartige arabische Bestrebungen auch in unserem Interesse und wären von uns mit allen Mitteln, insbesondere durch Beistellung eines billigen Ameliorationskredites, sobald die rechtlichen Voraussetzungen hiefür geschaffen sind, nachhaltig zu fördern. , Ist es unzulässig, die am Orte befindliche, billige arabische Arbeitskraft in ausgedehnterem Maße heranzuziehen, so kommt die Verwendung anderer fremder Arbeitskräfte, etwa europäischer, überhaupt nicht in Betracht. Eines nämlich ist ganz sicher, daß die Arbeitslöhne in Palästina, wie es ja anders auch gar nicht möglich wäre, noch lange unterhalb des Niveaus der in Europa üblichen Minimallöhne, verbleiben werden. Die immense erforderliche Arbeitsmenge ist also in der Hauptsache von uns selbst beizustellen und davon, ob uns dies.e Aufgabe gelingt, ist der Erfolg des ganzen Werkes abhängig. Das jüdische Volk steht vor einer Schicksalsfrage und diese lautet: ist es imstande, ein „dor awodah“, eine 'Arbeitsgeneration hervorzubringen, welche trotz der ungünstigen allgemeinen Bedingungen die in Palästina harrende Arbeit auf sich nimmt und sie tatsächlich im Laufe von 30 bis 40 Jahren vollführt. Vielleicht gönnen uns besonders günstige Umstände einen längeren Zeitraum, aber damit als einer Gewißheit rechnen zu wollen, wäre Tceine Leichtfertigkeit mehr, sondern eine Gewissenlosigkeit. (Schluß folgt) Der technische Aufbau Palästinas Die technische Studiengruppe des Palästina-Amtes in Wien erhielt vom Verband der jüdischen Ingenieure in Jaffa (Palästina) nachfolgendes Schreiben, das wir in Anbetracht der großen Wichtigkeit, die den technischen Fragen beim Aufbau Palästinas zukommt, zur allgemeinen Kenntnis bringen. Offener Brief an die jüdischen Ingenieure. 1. Palästina ist ein Land, das in industrieller Beziehung unentwickelt ist. Viele Zweige der geringfügigen Industrie, die sich dort vorfindet werden auf eine primitive Weise betrieben und befinden sich nicht in der Hand von Juden. Die Erforschung des Reichtums an natürlichen und Mineralstofien hält sich noch in bescheidenen Grenzen und das Wenige, was auf diesem Gebiete geleistet wurde* erfolgte nicht durch unsere Brüder, und die jüdische Oeffentliclikedt hat keine Vorstellung von ihrem Inhalt, oft nicht einmal von ihrem Vorhandensein. Darum verlangt unser Land von einem Fachmann, der hinkommt um dort tätig zu sein, ebensowohl -ausreichende allgemeine Kenntnisse, die auf vielen technischen Gebieten eine gute Grundlage besitzen müssen, wie Spezialkenntnisse über das Land, seine Bediingun- . gen und verschiedene Sprachen. Es ist für 'einen Fachmann unmöglich, alles dieses von auswärts mitzubringen, wie es auch für einen Einzelnen unmöglich ist. alles gründlich und ausreichend zu kennen. 2. Die jüdischen Unternehmer, die hierhergekommen sind, haben keine Einrichtung gefunden, die ihnen die Kenntnisse über die örtlichen Verhältnisse und die Gewerbszweige, mit denen sie sich beschäftigen wollten, vermitteln könnten. Sie waren daher gezwungen, sich mit ihren Fragen an Privatleute und öffentliche Stellen . zu wenden, die meistens über die gewünschte Branche nicht ausreichend unterrichtet waren, so daß die Auskünfte, die sie erhielten, oft oberflächlich und widerspruchsvoll waren. Dieser unklare Zustand hat manche Unternehmer abgeschreckt, so daß sie überhaupt ihre industriellen Pläne autgaben, und diejenigen, die trotz der Schwierigkeiten dort eine Unternehmung begannen, mußten meist hiebei Verluste erleiden, während zur selben Zeit die gleiche Branche in Händen von Arabern und Deutschen guten Erfolg hatte. 3. Viele Privatleute und öffentliche Institutionen, die im Lande keine geeignete technische Einrichtung vorfanden, vertrauten ihre. Unternehmungen nicht fachmännisch gebildeten Leuten an, obwohl in manchen Fällen geeignete jüdische Sachverständige zu finden gewesen wären. Jeder von unseren Spezialisten im Lande wurde in irgend einem versteckten Winkel ganz von seiner Arbeit in Anspruch genommen, so daß die Allgemeinheit von ihrer Existenz und ihren Fähigkeiten oft überhaupt keine Kenntnis hatte-' So brachte es das jüdische Gewerbe infolge des Mangels an Sachverständigen oft nur zu einem unvollkommenen Stand der technischen Ausführung. Dahex steht die jüdische Industrie im Lande auf einer niedrigeren Stufe als die der Nichtjuden. So ist zum Beispiel in Jerusalem das jüdische Bauwesen sowohl nach der konstrulctiven wie nach der ästhetischen Seite sogar dem der Araber unterlegen. 4. Der jüdische Ingenieur in Palästina, der immer durch seine Arbeit und den schweren Existenzkampf ganz in Anspruch genommen war, besaß auch keinerlei Verbindung mit seinen Fachkollegen und fand niemand, von dem er im Bedarfsfälle Auskünfte erhalten könnte, daher leistete er. oft nur unzulängliche Arbeit. 5. Das Fehlen einer wissenschaftlichen Anstalt welche den jüdischen Ingenieur anregen und ihm den Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit geben konnte, war schuld daran, daß dieser nicht genügend Aufmerksamkeit darauf verwandte, die , Erfahrungen zu sammeln, die sich aus seiner Praxis und aus den Ergebnissen seiner Reisen im Lande und seiner Umgebung ergaben. Aber auch der jüdische Ingenieur, der von auswärts herkam und das Land zu Forschungszwecken bereiste.. fand dort keinerlei wissenschaftliche Einrichtung, die ihm einen Ueberblick über die Industrie und die Möglichkeit ihrer Entwicklung hätte geben können. ■ Manche unserer Kollegen, die hier tätig gewesen waren, haben uns wieder verlassen und das wissenschaftliche Material, über das sie verfügten, ging ums und dem Volke verloren. 6. Jüdische Techniker und Industrielle von außerhalb, die sich für eine gewerbliche Tätigkeit in Palästina vorbereiten wollen, finden kein technisches Institut, das ihnen über die Wahl des Zweiges Auskunft geben könnte, der für die Bedingungen des Landes geeignet wäre. Sie stützen sich daher vielfach auf verschiedene Ratschläge, die ohne jede reale Grundlage sind und leider auch oft in der Presse erscheinen. 7. Unsere jungen Brüder, die sich außerhalb Palästinas für eine nationale Arbeit vorbereiten, wählen oft mangels einer fachmännischen Beratung solche Gebiete, die vorläufig in unserem Lande keine Zulcunft haben, und sogar die Programme unserer tedinischen Schulen, obwohl sie durch bekannte europäische Sachverständige .aufgestellt wurden, sind nicht dem Bedürfnis und industriellen Stand Palästinas und seiner Nachbarländer angepaßt. 8. Jüdische öffentliche Institutionen, die von außerhalb jüdische Sachverständige zuziehen wollten, haben bei ihrer Wahl oft Mißgriffe begangen und Persönlichkeiten herangezogen, die für die Bedingungen der Arbeit und des Landes nicht geeignet wären. Hierdurch wurde die Entwicklung der Industrie und des Handwerks ungünstig beeinflußt. 9. Während des Galuth wurden die Leistungen und Erfolge, die auf dem Gebiete der Technik' und des Gewerbes durch unsere Brüder ausgefübrt wurden, ohne einen besonderen jüdischen Stempel zu tragen, der Industrie dfes Landes angerechnet, und mit unserem Ruhm durften sich Fremde rühmen. 10. Geleitet durch die Erkenntnis der großen Bedeutung des gegenwärtigen geschichtlichen Zeitpunktes, durch die Erwägung, daß das heimische Gewerbe jetzt an der Schwelle einer neuen intensiven Aera steht, und durch das Bestreben, die Industrie von ihren bisherigen Hemmnissen zu befreien, haben wir jüdischen Ingenieure Palästinas beschlossen, einen „Verband jüdischer Ingenieure“ zu gründen. Das Ziel dieses Verbandes ist, alle jüdischen Ingenieure im Palästina und in den anderen Ländern zu folgenden Aufgaben zu vereinigen: 1. Das Gewerbe und die Arbeit in Palästina zu entwickeln. 2. Alle Erfahrungen, wissenschaftlichen Forschungen und Versuchsergebnisse zu sammeln, die a"uf diesem Gebiete bisher gewonnen wurden oder später gewonnen werden. 3. Eine ständige dauernde Verbindung mit unseren Fachkollegen außerhalb des Landes herzustellen, damit wir durch sie befähigt werden, ständig auf der Höhe der modernen technischen Entwicklung zu stehen. 4. Das wissenschaftliche und wirtschaftliche Niveau unserer Kollegen zu heben. 5. Zuverlässige Kenntnisse über die jüdische Industrie, ihre Leistungen und Erfindungen, sowie über die jüdischen Techniker und Handwerker der ganzen Welt nach den einzelnen Gegenden und Industriezweigen zu sammeln. Die Gründungsversammlung des Verbandes jüdischer Ingenieure in Palästina. * * Aus denselben Erwägungen heraus, die die jüdischen Ingenieure in Palästina zu diesem Aufrufe veranlaßten. schritt gleich nach dem Umsturz eine Anzahl von jüdischen Ingenieuren in Wien zur Gründung einer technischen Studiengruppe des Palästina-Amtes. Diese Gruppe hat bereits eine ganze Reihe von für den Aufbau Palästinas wichtigen Fragen studiert, diesbezügliche Projekte ausgearbeitet und sie der zionistischen Zentrale in London zur Begutachtung vorgelegt. Ferner ist die technische Studiengruppe darangegangen. technische Fachkurse zur Heranbildung von Handwerkern und technischen Hilfskräften einzurichten, um so einen Stamm von geschulten Hilfskräften und Professionisten beim Wiederaufbau Palästinas zur Verfügung zu haben, aber auch, um schon jetzt die wünschenswerte Berufsumschichtung der Juden anzubabnen. In der allernächsten Zeit wird auch an die Gründung eines Verbandes sämtlicher jüdischer Techniker, die sich fifr Palästina interessieren, geschritten, um so eine möglichst große Anzahl von Spezialkräften zur Arbeit heranzuziehen. Es ergeht daher an alle jüdischen Ingenieure und Techniker, welche für die eminent wichtige Frage des technischen Aufbaues Palästinas ein Interesse haben, die Einladung, diesem Verbände beizutreten. Ohne die Arbeit, die- Erfahrungen und Kenntnisse des Ingenieurs ist ein Aufbau in unserer Heimat und eine entwicklungsfähige Kolonisation geradezu unmöglich. Anmeldungen sind mündlich und schriftlich zu richten an das TechnischeReferat des Palästina-Amtes Wien. II.. Zirkusgasse Nr. 33 (täglich vormittags, ausgenommen Samstag). , . i ■ Zionistische Bewegung Neozionistnus Eine Erklärung Max Nordaus. . Dr. Max N o r d a u ermächtigt den Obmann der ..Vereinigung Jüdischer Exportakademiker“. folgende Erklärung zu dem am 5. September in der „Jüd. Ztg.“ veröffentlichten Artikel ..Neozionismus“ zu veröffentlichen: „Ich erkläre Ihnen und ermächtige Sie ausdrücklich. von dieser Erklärung jeden Ihnen beliebigen Gebrauch zu machen, daß die Angaben in der Notiz des Blattes vom ersten bis zum letzten Worte unwahr sind. Der kurze Artikel, den ich auf dringende Bitte der Redaktion für die „Chadachoth Haarez“ schrieb, erwähnt auch nicht mit einem Worte der zionistischen Organisation, sagt nicht einen Laut von den heutigen Führern der zionistischen Bewegung, greift nichts und niemand an und tritt einfach dafür ein. daß Palästina sofort für die jüdische M asse nein wand erung erschlossen werde.“ =a Wir haben seinerzeit den Bericht über die Aeußerungen Max Nordaus den Mitteilungen der „Jüdischen Preßzentrale Zürich“ entnommen und ausdrücklich diese Quelle zitiert. Wir haben sogar die betreffende Meldung zunächst gar nicht veröffentlicht, sondern liegen gelassen und abgewartet, ob y.on irgendeiner offiziellen Seite oder von Nordau selbst, dem die Publikation doch nicht verborgen bleiben konnte, eine Aeußerung erfolgen wird. Da dies nicht der Fall war — übrigens bis heute nicht — und überdies andere jüdische Blätter, vor allem auch nichtäionistische, den Artikel der Preßzentrale übernommen haben, so mußten auch wir als das zionistische Organ ihn bringen und natürlich redaktionell dazu Stellung nehmen, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob wir Auseinandersetzungen aus dem Wege gehen, die allerdings, wie wir uns nicht verhehlt haben, für, die Organisation einen peinlichen Charakter haben. Wir nehmen nun keinen Anstand, die -vorstehende Mitteilung des Vereines der Exportakademiker zu veröffentlichen, durch die allerdings die Angelegenheit keineswegs vollständig aufgeklärt ist. Der Aufsatz Nordaus in „Chadashot haarez“ ist uns im Original nicht Vorgelegen, da wir die hebräischen Zeitungen aus Palästina erst seit wenigen Tagen erhalten. Was den zitierten Privatbrief anlangt, so ist es selbstverständlich, daß wir seine Authentizität nicht nachzuprüfen in der Lage sind; es ist nur überhaupt unverständlich und höchst bedauerlich, daß ein derartiger Privatbrief in die Oeffentlichkeit dringen konnte. Ein solcher ungewöhnlicher Vorgang legt im politischen Leben die Vermutung nahe .daß die begangene Indiskretion nicht unbeabsichtigt ist. «Die ganze Angelegenheit zwingt uns zu folgenden Bemerkungen: Wie kann es geschehen, daß über eine so wichtige Sache wie Nordaus Stellungnahme zur Leitung und zur zionistischen Politik, eine Sache, die die ganze zionistische Oeffentlchkeit in hohem Maße interessiert, so wenig tatsächliche Informiertheit besteht und daß selbst dre zionistischene Behörden und Redaktionen darauf angewiesen sind, sich in einem Chaos von geheimnisvollen Andeutungen, durchsickemden Privatäußerungen, widersprechenden Erklärungen zurecht zu finden? Die „Jüdische Preßzentrale Zürich“, ein völlig privates Unternehmen, das allerdings meistens gut informiert ist. meldet.... Der „Verein der Jüdischen Exportakademiker in Wien“, ein privater Studentenverein. berichtigt.. .. Wo bleiben unsere offiziellen Stellen und offiziellen Korrespondenzbureaus? Warum macht der Pressedienst des Aktionskomitees das Aufkommen von Klatschgeschichten nicht dadurch unmöglich, daß er offen und klar die Wahrheit mitteilt? Für den ehrlichen Kampf verschiedener Meinungen ist im Zionismus immer Raum gewesten; die zionistische Organisation ist stark, genug, um Diskussionen nicht scheuen zu müssen. Aber sie erhält das Stigma politischer Unreife, wenn sie den Problemen nicht ins Gesicht schaut und die Diskussion mit den prominentesten Persönlichkeiten aus der offiziellen zionistischen Arena in die Winkelcouloirs privater Preßagenturen.verbannt. Dasselbe gilt für Nordau. Gerade wer der Ansicht ist. daß der von der heutigen Leitung eingeschlagene Weg der prinzipiell richtige ist, muß wünschen, daß Auseinandersetzungen mit einem Mann wie Nordau öffentlich und eindeutig erfolgen. Sachlich wollen wir heute kein abschließendes Urteil fällen. Inzwischen ist Nordaus Brief an die amerikanische Konvention bekannt geworden, den wir auch in unserer heutigen Nummer zum Abdruck bringen. Wir stehen nicht an zu erklären, daß wir diesen Brief für eine beinahe klassische Formulierung unserer Forderungen halten. Allerdings betrifft dieser Brief nur unsere außenpolitischen Forderungen, so daß er über die Stellung Nordaus zu den internen Fragen der Organisation keinen Aufschluß gibt. Nur die Forderung nach Einberufung des Kongresses und Rückkehr zum demokratischen Prinzip ist dort erhoben, eine Forderung, die auch von uns — ungeachtet des . Vertrauens zur gegenwärtigen Leitung — wiederholt erhoben wurde. Dr. W e 11 s c h. Gründung der zionistischen Ortsgruppe Gmünd. Auf Anregung des mit einem Kindertransport in Gmünd weilenden Cig. B Doll fand Dienstag, den 7. d. M.. die Gründung der zionistischen Ortsgruppe Gmünd statt. Der größte Teil der in Gmünd lebenden Juden hat sich sofort dieser Ortsgruppe angeschlossen. Die Leitung der Ortsgruppe setzt sich wie folgt zusammen: Obmann: Rudolf Reich. Vorstand des Bethausvereines:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.