Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 42 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42 JÜDISCHE ZEITUNO Seite 5 Die zionistische Organisation weiß sehr wohl, daß Industrie und Handel zugezogen werden Müssen, um zum Maximum der Jüdischen Besiedlung des Landes zu gelangen. In den nächsten Jahren wird die Ausführung von öffentlichen Arbeiten besonders nutzbringend für die Einführung, den Unterhalt und die Akklimatisierung von jüdischen Einwanderern sein und die zionistische Organisation verlangt für sich das Recht, öffentliche Arbeiten auszuführen und andere großzügige Maßnahmen zur Entwicklung des Landes zu treffen. Es ist klar, daß diese Arbeiten zur Erschließung des Landes schnell und wirksam nur durch das jüdische Volk ausgeführt werden können. das allein den Willen, die Fähigkeit und die notwendigen Hilfsmittel dazu besitzt. Die zionistische Organisation legt den größten Wert darauf, daß bei diesem Entwicklungsprozeß die' allgemeinen Interessen an der Spitze stehen, aber es kann keine Rede von der Ausschließung des privaten Interesses sein“ Volkszählung und jüdische Nation Eine Rede des Abg. Stricker. Anläßlich der Debatte über das Volkszählungsgesetz hielt Abg. Stricker folgende Rede: ich benütze den Anlaß, um eine Forderung des jüdischen Volkes hier vorzubringen. Es sollen wieder einmal die Bürger dieses Reiches gezählt werden una bei diesem Anlasse werden auch ganz gewiß alle nötigen Zittern und Daten erhoben werden. Bei den bisherigen Volkszählungen, wie sie in Oesterreich üblich waren, wurde eine ganz falsche Grundlage gewählt: man hat die Bewohner nach der Umgangssprache gezählt und das war eine Entstellung des tatsächlichen Zustandes in bezug auf die Verteilung der Nationalitäten in diesem Staate. Die Rubrik „Umgangssprache" würde vom den chauvinistischen Teilen der Mehrheitsnationen dazu benützt,* um die Ziffern der Minderheitsnationen herunterzudrücken. Heute in diesem Staate hat das wahrlich niemand mehr notwendig und speziell als Jude erhebe ich die Forderung, in Hinkunft nicht mehr nur nach der Umgangssprache zu zählen, weil wir Juden wohl die :deutsche Sprache als Umgangssprache sprechen, weil wir aber nicht der deutschen Nation ange'hören. (Beifall.) Deshalb wünsche ich Klarheit. Meine. Herren Antisemiten, es ist notwendig, daß ich Ihnen eines entgegenhalte: Sie haben sich in der letzten Zeit etwas gebessert. (Heiterkeit.) JaJ Früher sind Sie nämlich der nationalen Frage derart gegenübergestanden, daß es Ihr Ziel war, die Juden in ein Ghetto einzusperren, und daß Sie die nationalen Forderungen der Juden in einer Weise vertreten haben, daß man sagen kann, sie war für den nationalen Gedanken der Juden kompromittierend. Sie haben sich, wenigstens nach. Ihren letzten Aeußerungen und nach Ihren letzten Anträgen, zu der Auffassung durchgerungen, daß es um das freiwillige Bekenntnis zur jüdischen Nation gehe.. In dem Moment, wo Sie das anerkannt haben, finden Sie uns bereit, mit Ihnen denselben Weg zu gehen. Ja, freies Bekenntnis zur jüdischen Nation muß jedem Angehörigen dieses Volkes gestattet sein. Damit antworte ich auch Ihnen, .die von der anderen Seite her gegen eine derartige — Sie nennen es Verhetzung, Sie nennen es ein Hineinziehen der Juden ins Ghetto — die gegen einen derartigen Vorgang Stellung nehmen. Die Forderungen von uns Zionisten wurden immer verunstaltet wiedfergegeben, indem man weggelassen hat, daß die Hauptbedingung, die wir stellen, das freie Bekenntnis ist. Wir wollen nicht, daß ein Jude hineingezwungen wird in den Körper der jüdischen Nation. Wir sind vollkommen davon überzeugt, daß es in zehn Jahren gar nicht mehr notwendig sein wird, .zu sagen: gezwungen oder frei, sondern daß in zehn Jahren die ganze „Judenschaft so weit sein wird, sich frei, stolz und offen zum jüdischen Volke zu bekennen, ohne dadurch -in feine feindliche Stellung gegen ein anderes Volk zu treten Heute legen wir auf das Wort freies Bekenntnis Gewicht, weil wir nicht wollen, daß man uns in die jüdische Nation hineinzwingt. Wir wollen nicht, daß diejenigen Teile des jüdischen Volkes, die es noch nicht wollen, hineingedrängt werden. Das gehört auch zur reinlichen Scheidung. vv.ir wollen remiicne acüemung una tcu bitte iie, aen Antrag, uea icp siebe, anzunenmen. ich vertrete aamu ment nur eine momentan entstanaene roruerung. im ulten Oesierreicn senon . wurue aiese roruerung erhoben und icu erinnere micu insbesondre, uau tue iscnecnen und Kutnenen aaiur eingetreten sma una gesagt naben: Macht aoen uiesem wannsinmgen z.ustanu ein enae, daß nuui nie omgangsspracne auinimmt una naenuer uie raisenung oegent una tue rsauon aaraus uiuenu neuinen Me neoen uer Kuornt Umgangssprache uie Kuornt. JNauon aui. sie sma es uem atustreoeiiuen V entstell uer Juueu, den voiKsbewuüieu juuen scnuitng, uau sie teststeilen, aaß aas ßettennims zur jutuscuen Nation anerkannt weruen muß. Hs darr sich ment wiederholen, was un alten Uesterreicn geschehen ist, daß man, wenn sich aie Juden zur maischen Nationalität bekannt haben, einiach hergegangen ist und. gesagt hat: „Ja, diese Nation existiert nicht!“ und bat nach Beheben deutsch oaer tschechisch eingesetzt, ie nachaem, wer gerade die Volkszählung gemacht hat Und da kann man das Merkwürdige konstatieren, daß bei der Volkszählung die Antisemiten und die schäristen Antisemiten, zum Beispiel die Herren Polen, immer auf dem. Standpunkt gestanden sind: Der Jud' ist doch kein Pole! Aber wenn es zur Volkszählung gekommen ist, da hat man die Juden nie als Nation anerkannt, da hat man ihre Köpfe gebraucht und die ärgsten Antisemiten haben mit größtem Appetit diese Juden verschlungen, um dabei ihre nationale Politik fördern zu können, Aber, meine Herren, ein Volk ist für ein solches Spiel nicht da und ein solches Spiel rächt sich aui die Dauer. Ich bitte Sie daher, meinen Antrag anzunehmen, welcher lautet: In die Zählblätter ist neben, die Rubrik „Umgangssprache“ auch die Rubrik „Nation“ aufzunehmen. Das Bekenntnis zur jüdischen Nationistzulässig. Die Antwort des Staatskanzlers. Staatskanzler Dr. Renner möchte sich nur an die verwaltungstechnische Seite der Frage halten. Schon der statistische Kongreß zu Petersburg hat festgesetzt, daß für die staatliche Statistik das Entscheidende doch die Umgangssprache ist Der Grund istufolgender: Der Staat veranstaltet die Statistik für die Zwecke der Verwaltung Deshalb müssen wir unbedingt darauf bestehen, daß bei der Volkszählung die Umgangssprache, die langue parlee, wie sie technisch heißt, festgehalten werde und jeder zu seiner Umgangssprache sich bekennet. Natürlich ist eine Schlußfolgerung aus dieser Umgangssprache, die man im Interesse der öffentlichen Verwaltung bekennt, auf die Nation zu* ziehen nicht gestattet Abg. Stricker: Das hat man aber bisher getan! Staatskanzler Dr. Renner: Die Nation kann selbstverständlich eine von der Umgangssprache ganz verschiedene sein. Eine Volkszählung können wir nur io der Form machen, daß jeder das Recht bat sich frei zu seiner Nation zu bekennen. Die Schwierigkeit wird aber noch größer, wenn wir die jüdische Nation zählen sollen. Ich fürchte, daß der Staat sich in einen Prozeß einmischen würde, der noch nicht abgeschlossen ist. Vorläufig kennen wir nur eine mosaische Religion. Abg. Stricker: Die sozialdemokratische Internationale kennt abet die jüdische Nation! Staatskanzler Dr. Renner: Ich rede von dem, was für die staatliche Verwaltung relevant ist Wir sind imstagde, das mosaische Religionsbekenntnis festzustellen und wir müssen es feststellen, weil daran Rechtsfolgen geknüpft sind. Dagegen gibt es kein Gesetz, bei dem. für die staatliche Verwaltung bis jetzt das Judentum als Nation in Betracht kommt Der Grund ist der, daß die Juden untereinander selbst in diesem Punkte nicht einig sind. Es gibt viele Juden, welche Wert darauf legen würdep, als Judentum eine geschlossene Nation zu bilden. Es gibt wieder viele andere, die großen Wert darauf legen, in eine der abendländischen Nationen einzutreten und als. ihre vollwertigen Mitglieder zu gelten. Ich glaube, es wäre verfrüht wenn die Staatsverwaltung in diesen Streit eintreten würde Abg. Stricker: Lassen Sie die Juden frei entscheiden. Staatskanzler Dr. Renner: Sie haben das Recht des freien Bekenntnisses allüberall, hier und außerhalb des Hauses* N i emandem wird das Bekenntnis verwehrt; Nationen aber durch ein nationales Bekenntnis zu konskribieren, haben wir jetzt in Oesterreich gar kein Bedürfnis. Wir sprechen hier von der Volkszählung und von der verwaltungstechnischen Einrichtung derselben. Die Frage, die Sie angeregt haben, ist zur Austragung in diesem Gesetz über eine vorläufige Volkszählung nicht reif. Erst wenn das Judentum vollständig mit sich selbst im Klaren sein wird, wird es sich entscheiden können, ob es eine Nation ist oder als bloße Konfession in die anderen Nationen eintritt. Ich bitte, den Antrag Stricker, zumindest was die vorläufige Volkszählung anlangt, abznlehnen. Darauf sprachen noch Abg. Waber (deutschnational) und Künschak (christlichsozial), die im Prinzip für die Anerkennung der Juden als Nation sind. Der Antrag wird aber als gegenwärtig nicht am Platz bezeichnet, da es sich nur um eine provisorische Volkszählung handle, nnd daher abgelehnt. „Dor Awodah“ Bemerkungen über Erfordernisse des Paläscinawerkes von Dr. Alexander Hausmann, Lemberg, Mitglied des Großen Aktionskomitees. I. Zur Schaffung der „nationalen Heimstätte“ iür das jüdische Volk in Palästina führt ein praktischer Weg. welcher eine Lösung der Fragen und zwar für die Dauer verspricht. Es ist dies die rechtzeitige Etablierung einer starken jüdischen Majorität und ihre feste Verankerung im Lande durch eine genügend breite landwirtschaftliche Schichte, ich formuliere ohne weitere Bewc.sfühirung die Aufgabe konkret: im Laufe von 30 bis 40 Jahren sind in Palästina rund VA Millionen Juden zu konzentrieren, von welchen ehr Viertel öder zumindest ein Fünftel auf dem Sachen Lande leben und dauernd im Hauptberufe als Landwirte tätig sind. Dies bedeutet die Schaffung einer jüdischen Zweidrittelmajorität und die Ueberfühnmg von 60.000 bis 70.000 jüdischer Familien größtenteils aus anderen Berufen zur Landwirtschaft. Palästina ist heute ein wirtschaftlich zurückgebliebenes Agrarland. Seine bereits in landwirtschaftlicher Nutzung stehende Fläche befindet rieh beinahe zur Gänze in den Händen der Araber, denen gegenüber eine reine Verdrängungspolitik nicht nur verfehlt und verderblich, sondern auch undurchführbar wäre. Die Voraussetzung für die Aufnahme. Existenz, breite Barierung auf der Landwirtschaft und Entwicklungsmöglichkeit so darauf erheben, daß die Juden, wollen sie das Judentum erfüllen, zurückkehren zu frommer Gesetzlichkeit des L'ebens? Darauf antwortet Buber, daß diese Besitzsicherfieit es ist, die eine immerwährende Erneuerung aus dem Geist des Judentums verhindert. Zur Gesetzlichkeit, so sehr sie, von wahrhaft Frommen geübt, ehrwürdig ist, können wir nicht zurückkehren, wir, die wir aus der in uns rege gewordenen Stimme ein Neues - aus der Lebendigkeit unseres Gefühls schaffen wollen, einen neuen, uns gemäßen Ausdruck der ewigen jüdischen Wahrheit Wollen wir das wirklich? Der politische Zionismus ist nicht aufgetreten als religöse Erneuerungsbewegung, sondern als Befreiungsidee.' Hat auch Herzl immer wieder betont, wir wollten nicht nur ein anderes, sondern auch ein höheres Leben in Palästina schaffen, sind von all seinen Nachfolgern immer wieder die Worte von der „sozialen Gerechtigkeit“, die in unserer alten Gesetzgebung gefordert worden war, gesprochen worden: wir finden das Gros der Zionisten noch immer bei der Ansicht, daß eine „realpolitische“ Aufgabe nicht mit irgend welchen ethischen Höchtpostulaten belastet werden darf. Dieselbe Denkweise, die zum europäischen Zusammenbruch; geführt hat wird in den Emanzipationskampf der Jude.n getragen. Es ist aber unverständlich, warum „reinpolitische“ Zionisten irgend etwas gegen den Aufruf zur wahren Menschlichkeit haben sollten. Ihr Irrtum ist es, zu meinen, Buber habe eine zionistische „Theorie“ aufgestellt die dem politischen Zionismus entgegengesetzt ist. Nein! Niemals hat Buber mit seinen Gemeinschaftsideen eine zionistische Theorie aufstellen wollen. (In die Gestaltung der Theorie und Praxis des Zionismus hat er sehr oft aber in ganz andersartige Weise eingegriffen Es wird den „Politikern“ von heute sehr erstaunlich klingen, daß Buber der erste war, der schon zu Herzls Zeiten die „Gegenwartsarbeit“ verlangt hat) Er will keine Theorie konstruieren, sondern die Gewissen erwecken. Sein Wort geht nicht an die jüdische Partei, sondern an den jüdischen Menschen — aber nicht wie viele meinen, als das eines „Führers“ zu irgend einem nebelhaften geistigen Ziel — sondern ' er spricht nur als Suchender aus, was ihm seine innere jüdische Stimme zu sagen scheint, und fördert dadurch die Selbstbesinnung der Juden auf ihr Judentum. Man sollte meinen, daß die „Politiker“, die vor der ungeheuren Aufgabe stehen, ein Gemeinwesen neu zu schaffen, sich doch klar darüber sein müßten, daß ein solches nur von Menschen, die eine innere Verbundenheit haben, mit Aussicht auf Dauer errichtet werden kann, um so mehr, als sie sehen, daß an dem Zerfall der europäischen Welt die Zerstörung jenes Gefühls die letzte Schuld trägt. Denn daß die Staaten heute in Atome zerfallen, daß jeder nur seine persönlichen Interessen verfolgt, darair ist letzten Endes nur die durch den Krieg verschuldete Vernichtung aller Bande, die bis dahin das Zusammengehörigkeitsgefühl ausgemacht haben, schuld. Anders . ausgedrückt: Wenn die Juden sich ihre „Eigenart“ bewahrt haben, worin ihre heutige Situation und deren Lösung, der Zionismus, der doch eine nationale Bewegung ist, ihren Grund hat, so ist diese „Eigenart“ das Bauende, Bestimmende für ihre künftge Gemeinschaft. Es sind doch lebende Menschen und keine Schachfiguren in der Hand der Politiker, die in Erez Israel sich ein Heim schaffen wollen. Aus ihrer Gesinnung heraus wird die Wirklichkeit ihres Zusammenlebens gestaltet werden. Diese Gesinnung hat schon bisher im Zionismus sehr bestimmend gewirkt. Man denke nur an das Prinzip des Gemeineigentums am Boden und das vorbildliche Entstehen der vielfältigen ländlichen Arbeitergenossenschaften in Palästina. Will der Politiker sein Werk verankern, ihm Dauer verleihen, dann muß er selbst wünschen, daß die menschliche Verbundenheit derjenigen, die es tragen, die denkbar innigste sei, was nur möglich ist, wenn es in seinen Einrichtungen sowohl, als in der Art des Zusammenlebens dem innersten Wesen der einzelnen Glieder entspreche. Dies ist nur eine iormale Bestimmung, die den Politiker leiten muß, das Inhaltliche, das Wie? dieses Wesens sp'richt sich verschieden aus in den Bestrebungen der einzelnen Richtungen. Auch darüber sagt Buber nicht etwa Spezielles, er ergreift nicht Partei, sondern ihm ist nur wichtig die innere Gesinnung, aus der heraus die Menschen ihre Gemeinschaft gestalten. Die Formen werden wechseln, immer und ewig, es gilt aber, stets die richtige Gesinnung wach zu halten; dann werden die wechselnden Formen von ihr erfüllt sein. Und über diese sagt er aus, daß die jüdische Geistesgeschichte uns zeigt, daß gerade die Juden, dort wo sie göttliche Inspiration zeigen, also in den Intentionen ihrer großen Gesetzgeber und Lehrer, das Volk waren, dem die natürlichen Beziehungen von Mensch zu Mensch das Wesentliche des Lebens waren, daß die wahre jüdische Lehre die Spaltung zwischen Mensch und Gott, Wirklichkeit und Idee „nicht kennt, sondern im Leben selbst die Verwirklichung des Geistes fordert. Niemand, der in sich noch” einen Funken jüdischen Erbes spürt, kann sich dieser Wahrheit entgegenstellen: Das wahrhaft Unjüdische empfinden wir, schon ganz Entjudete, doch immer noch in einem feindseligen Verhalten der Menschen zu einander, sei es im Krieg, sei es in der Klassen- *•