Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 42 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 Nr. 42 ifie Bedürfnisse des Londoner Zentralbureaus, 150.000 Dollar als Unterstützungsfonds für_ die zionistischen Landesverbände in Polen, Rumänien ■ und anderen durch den Krieg ruinierten Länder. Eine halbe Million Dollar sind für die administrativen Ausgaben der amerikanischen Partei vorgesehen. 25.000 Dollar and bestimmt für die Errichtung eines industriellen chemischen Laboratoriums in Palästina. Eine lebhafte Debatte rief ein Antrag auf Schaffung einer jiddischen Tageszeitung als Parteiorgan hervor. Gegen diesen Antrag sprach-sich auch Brändeis aus, weil er einerseits die Sache für zu kostspielig und kräfteraubend hält, andererseits nur hebräisch und nicht jiddisch als Nationalsprache anerkennt. Brandeis wies darauf hin, daß die meisten der bestehenden Zeitungen ohnedies mehr oder weniger zionistisch sind und daß es nicht darauf ankomme, nur darum eine Zeitung zu schaffen, damit die Leitung ein Organ habe, von dem die Opposition ausgeschlossen ist Der Antrag wurde trotzdem vom Parteitag einer Kommission zur Durchführung überwiesen. Resolutionen zur Palästinaarbeit Bezüglich der Arbeit in Palästina wurden eine Anzahl Resolutionen angenommen, welche fordern: 1. Die Bildung einer internationalen Organisation zur Erleichterung der Errichtung von industriellen und finanziellen Institutionen nach kooperativen Grundsätzen für die Entwicklung von wiitschaftlicben Beziehungen mit anderen Ländern. 2. Die Ernennung einer Kommission zum Studium der Immigrationsfrage. 3. Die Verbesserung der sanitären Bedingungen. , ■ 4 Die Errichtung eines Informations-Büros. 5. Die Kontrolle des Import-Geschäftes. 7- Die Abschaffung der Chaluka und ihre Ersetzung durch Selbsterhaltung. 8. Die Ausfindigmachung von Mitteln für die Ansied]ung der demöbilierten jüdischen Legionäre. Festhalten am Pittsburger Programm. Der wichtigste Punkt ist jedoch die Resolution bezüglich des Pittsburger Programms; das bekanntlich das Prinzip der Nationalisierung des Bodens und die Forderung sozialer Gerechtigkeit in Palästina ausspricht: Die bezügliche Stelle im Chicagoer Beschluß lautet: „Die Konferenz beschließt, an den Prinzipien des Pittsburger Programms bezüglich der ökonomischen Basis der nationalen jüdischen Heimstätte ‘festzuhalten, die Durchführung einer Massenkolonisation in Palästina zu studieren und vorzubereiten und die amerikanischen Delegierten zuin nächsten Ziohistenkongreß zu verpflichten, - ihren Einfluß aufzubieten, um in der Gesämtorganisation das Pittsbuxger Programm durchzusetzen.“ Die Wahlen. - In der letzten Sitzung wurde die frühere Leitung mit Br and eis. als Ehrenpräsident, Julian Mack als Präsident. Stephan Wite und Friedenwald als Vizepräsidenten wiedergewählt Die amerikanische Presse nahm ein tiefes Interesse an der Konvention. Ueber 100 Korrespondenten der führenden amerikanischen Blätter waren anwesend. Das Presse-Departement der Zionistischen Organisation hatte sein Hauptquartier im Kongreß-Hotel, wobei an die beglaubigten Pressevertreter offizielle Presse-Ab Zeichen^ verteilt wurden. Die „Western Union Telegrapn Ca“ installierte eine pneumatische Röhre, welche alle telegraphischen Botschaften zur sofortigen Weitergabe an ihr Hauptbüro beförderte, und die „Eastern Telegraph Co.“ richtete einen besonderen Botendienst zwischen dem Kongreßlokal und ihrem Hauptbüro rin. JÜDISCHE ZEITUNG Max Nordau formuliert unsere nächsten politischen Forderungen Dr. Max Nordau hat an den Delegierten tag der ameri kan ischen Zionisten ein Schreiben gerichtet, in dem er die amerikanischen Juden auffordert, ihren ganzen Einfluß zeltend zu machen, -damit die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina durch die Erfüllung einer Reihe bestimmter jüdischer Forderungen gewährleistet werde. In Dr. Nordaus Brief heißt es unter anderem wie folgt: ..England hat uns durch den Mund B a Iiours das Verspre:hen gegeben, unser historisches Land an uns zurückzuerstatten und uns in den Stand zu setzen, dort die nationale Heimstätte unseres Volkes von neuem .aufzubauen. Fast alle anderen Mächte haben diesem Versprechen mehr oder weniger deutlich zugestimmt. Aber bis jetzt ist es ein Wort geblieben und nichts weiter. Jetzt müssen wir ihm einen konkreten - Inhalt und eine praktische Bedeutung geben. Ihr amerikanischen Juden genießt die aktiven Sympathien der edelsten und besten von euren Landsleuten und erfreut euch des Wohlwollens einer mächtigen Regierung. Uebt jetzt allen euren Einfluß aus. damit wir ohne Verzug folgende Konzessionen erhalten: 1. Palästina muß als eine unteilbare geographische Einheit innerhalb' seiner traditionellen Grenzen betrachtet werden. Jeder Versuch, -es im Norden oder Süden zu verstümmeln, muß mit äußerster Energie zurückgewiesen werden. 2. Das Land muß einer ungehemmten jüdischen Einwanderung weit geöffnet sein. Es ist eine Verhöhnung und eine Beleidigung, wenn man uns feierlich sagt: „Palästina ist euer“, und seine Grenzen gleichzeitig hermetisch vor uns verschließt Das Argument daß Palästina gegenwärtig eine wachsende: Zahl von Einwohnern nicht ernähren kann, ist keine Entschuldigung für eine solche widerspruchsvolle Behandlung. Englandi’Und -die übrigen Mächte mögen es uns überlassen, mit dieser Schwierigkeit fertig zu werden. Wir werden-keines Fremden Almosen und Hilfe für die Erhaltung unserer neuen Ansiedler verlangen. Wir werden sie organisieren und selbst für sie sorgen. 3. Das Hauran-Gebiet jetzt ein leeres und unfruchtbares Land, wo nur kleine Horden von Nomaden hausen, die niemals versucht haben., mit der geringsten Kulturarbeit zu beginnen, muß in die Grenzen des jüdischen Palästinas einbezogen werden. Wir werden und wir können es für die Kultur erschließen. 4 Alles Land, in Palästina, das der früheren türkischen Regierung gehörte, muß den neuen Ansiedlern überlassen werden, aber es muß ewiges und unveräußerliches Eigentum des Jüdischen Volkes bleiben und den einzelnen Ansiedlern nur nach einem System einer erneuerbaren Erbpacht zugeteili werden, in Uebereinstimmung mit unserem wunderbaren. prophetischen Gesetz von Moses über das Sababth- und Jubeljahr, welches Rivadavia praktisch in Argentinien und Henry George theoretisch in Nordamerika zu modernisieren versucht haben. 5. Es ist Zeit, daß die Stimme des jüdischen Volkes gehört werde, nicht durch das Organ selbsternannter, wenn auch noch so verdienstvoller Sprecher und Führer, sondern durch den Miind der rechtmäßig erwählten Vertreter, die ein formelles Mandat von den Millionen -unseres Volkes aufzeigen können. Nur so legitimierte Vertreter können mit der nötigen Autorität im Namen Israels zur Welt sprechen in diesem Zeitalter des Triumphes der Demokratie 4 und der Selbstbestimmung der großen und kleinen 'Nationen. Die E i nb eruf ung ein es Weltkongresses der jüdischen Nation i s t d a4i e r e i n e d r i n g e n d e und g e b i.eterische Notwendigkeit, und Ihr amerikanischen Juden müßt die Sache in die Hand nehmen, die Bedingungen für die Wahlen, die Zeit und den Ort dieser Versammlung, welche der Ausgangspunkt der neuen politischen Existenz desalten Volkes slrael sein muß, fixieren. . . . Ihr amerikanischen Juden habt euch wunderbar bewährt in diesen schrecklichen Jahren des Krieges und der Zerstörung. Ihr habt großzügig eure Millionen hergegeben, ihr seid vor keiitem Opfer zurückgeschreckt. Ihr habt Werke der Solidarität vollbracht, die ohne Parallele in der Geschichte sind. Dieser wird man in unsere« Annalen immer gedenken und es wird euer ewiger Ruhm bleiben. Aber Geld ist nicht alles. Jetzt fordern wir und erwarten wir von euch, daß ihr neue und noch entschiedenere Anstrengungen machen werdet, um diese fünf Punkte, die ich euch soeben unterbreitet habe, zu verwirklichen. Möge euer Werk gesegnet sein und möge der Tag eurer Konferenz von 1919 ein bedeutender. Tag in der Geschichte Israels werden!“ Dr, Weizmann zur Frage der Ver- . waltung in Palästina Zu einer Korrespondenz des Jerusalemer Berichterstatters der „Times“ über „die bescheidene« zionistischen Forderungen“, in der auch die Frage der zukünftigen Verwaltung Palästinas berührt wurde, hat sich der „Jewish Chrönicle“ an Dr. Weizmann mit der Bitte gewendet, seine Ansichten darüber darzulegen. Dr. Weizmann hat darauf dem „Jewish Chrönicle“ folgende Antwort zugehen lassen: „Die britische Regierung ist vollständig bekannt mit den allgemeinen Anschauungen der zionistischen Organisation bezüglich der Verwaltung Palästinas unter einem Mandat. Einerseits hat die zionistische Organisation nicht eine jüdische Kontrolle Palästinas verlangt, anderseits hat sie aber gefordert, daß die Regierung und die Verwaltung Palästinas in Uebereinstimmung mit der Bestimmung des Landes — unter einem Mandat — als der jüdischen nationalen Heimstätte eingerichtet werde. Dies bedeutet erstens, daß die gegenwärtige jüdische Bevölkerung Palästinas zugleich als Vertretung des gesamten jüdischen Volkes angesehen werden muß. das sich, geistig «mit Palästina identifiziert, und daß ebenso die Zukunft des Landes als die des jüdischen Palästinas zu betrachten ist Der gegenwärtige Anteil der Juden an dem System der Regierung und der Administration Palästinas muß durch dieses Prinzip bestimmt werden. Zweitens muß die Regierung, des Landes so zusammengesetzt sein, daß sie die schleunigste' Entwicklung Palästinaszur jüdischen nationale« Heimstätte gewährleistet und es müssen alle politischen. administrativen und ökonomischen Be-‘ dingungeii geschaffen werden, die dieses Ziiet sicherstellen. . Drittens muß der Anteil der Juden in Palästina und des, jüdischen Volkes an dem System ■der Regierung und Verwaltung des 'Landes wachsen, parallel der fortschreitenden Entwicklung des Landes zur jüdischen nationalen Heimstätte. , Die Aufgabe, wie die zionistische Organisation sie versteht, besteht darin. Palästina so schnell wie möglich so jüdisch wie möglich zu machen, ohne dabei die arabischen Interessen z« verletzen, und in diesem Zusammenhänge mißt die zionistische Organisation den ökonomische« Mitteln die höchste Wichtigkeit bei. Die erste der ökonomschen Grundlagen des jüdischen Palästinas ist der freie Zugang zum Lande. Die zionistische Organisation wacht sorgfältig über die Beobachtung ‘alter existierenden Rechte, sie ist aber ülfbrzeugt, daß die landwirtschaftliche Bevölkerung ohne ieüe Schädigung der Nichtjuden um das Vielfache Anwachsen kann' Im Gegenteil, ganz wie die arabischen Nachbarn der jüdischen Kolonien von den jüdischen Kolonien Nutzen gezogen haben, so werden .die Fellachen, die jetzt furchtbar arm sind und auf das Gröbste von den Effendis ausgebeutet werden, infolge der. jüdischen Kolonisation des Landes zu dhier glücklicheren Lebens-, führ ung gelangen. „Der heilige Weg“ Ein neuer Mahnruf Martin Bubers. *) Die vielgepriesene „Kultur des neunzehnten Jahrhunderts” ist schauerlich zusammengebrochen. Der Weltkrieg ist nur anscheinend bloß ein Kampf zwischen Nationen und Staaten gewesen, wie tausend andere Kriege vorher. Er hat die Entseelung der Menschheit als Folge einer von allen Quellen des ursprünglichen Lebens entfernenden Zivilisation enthüllt und war nichts anderes als ein Symptom dieses Zustandes. Das „Mittel“, der von Menschen erschaffene Golem, ist sein Herr geworden und niemand findet das Zauberwort, das ihn bändigen, ihn wieder zu einem toten Werkzeug machen kann, das dem menschlichen Geiste -gehorcht. Martin Buber, der schon lange vorher ein Rufer in der Wüste war, sucht nach diesem Worte. Sucht: denn wenn auch viele seine Sprache mißverstehen, weil sie ans dem geschriebenen Wort den ihm eigenen Ton nicht hören und diese Sprache, die voll von Demut ist, für hochtrabend halten, so weiß doch, wer ihn gehört und verstanden, welch tief qualvolles Ringen ihn zum Bekennen zwingt Jene sprechen vom „Buberismus“, als einem „System“, in dem irgend eine snobistische Geistigkeit steckt Und doch ist Bubers Werk nichts weniger als ein „System“, es ist das Gegenteil davon, es ist überhaupt kein „Werk“ im Sinne von etwas Abgeschlossenem, es ‘ ist nichts als ein Suchen des Weges, der nicht etwa in eine kalte, artistische, *) Martin Buber, „Der heilige Weg“. Ein Wort an die Juden und an die Völker. Frankfurt a. M. 1919. Literarische Anstalt Ruetten & Loenihg. 3 Mk. wirklichkeitsferne oder, wie sich ein Gegner ausgedrüekt hat, „emporgegipfelte“ Geistigkeit führt, sondern zii einem unmittelbaren Leben, das sich nie entfernt von seinen ursprünglichen Quellen. Es ist also das menschlich einfachste, was Buber heiß erstrebt, er, den sie für einen Aestheten oder Sprachartisten, im besten Falle für einen Neoreligiösen halten Nicht besser kann diese irrige Meinung charakterisiert werden, als durch das Wort, das Buber eine Art „Bayreuth“, mit dem Zionismus als heiligen Gral, schäften will, zu dessen Dienst nur dreifach Erprobte zugelassen werden, das ein Mann gesprochen hat., der selbst im eigentlichen Sinne: in dem eines Lebens, erfüllt von wahrem Gemeinschaftswillen, Buberianer ist,‘ohne es zu wissen. Das unmittelbare Leben, das Leben aus dem Geist: Ist das nicht wieder nur ein Wort? Geist — ist das nicht wieder nur der Hochmut des Philosophen, der sich von der Menge distanziert? Wie sehr enthüllt solches Fragen schon die völlige Entzweiung unseres Lebens, das gespalten ist in „Wirklichkeit“ und „Idee“, eine Entzweiung, die Buber als das Unjüdische Kat exochen bezeichnet, das Paulus mit seiner dualistischen Auffassung der echtjüdischen Lehre Jesu in die Welt gebracht hat: daß Gott und'' Welt unvereinbar geschieden sind. Geist, Gemeinschaft,--Ursprünglichkeit, Gott — all das sind nur verschiedene Aspekte, von denen aus das alleinfachste angesehen wird, das uns völlig verloren ging: Ein Leben der inneren Verbundenheit mit allen Quellen des Seins. „In jedem Wesen ist Allsein angelegt, aber es kann sich nicht anders entfalten, als in dieses Wesens Allverbundenheit, in der reinen Unmittelbarkeit des Gebens lind Nehmens“. Das ist nach’ Buber dieursprüngliche, jüdische Auffassung. Gott ist nach ihr nichts anderes als die Unmittelbarkeit des Daseins; das Göttliche kann sich daher nur offenbaren in der Unmittelbarkeitdes Miteinanderseins der Menschen, es verwirklicht sich in der wahren Gemeinschaft. Das ist keine. „Theorie“, sondern eine Tendenz, die sich im Leben der Juden immer wieder offenbart hat. Buber zeitg in einer kurzen, aber genial geschauten Uebersicht, wie im Lebe« des jüdischen Volkes diese Tendenz immer wieder sich durchsetzen will gegen den Abfall, die Entzweiung, das Verfallen in Materialismus, Heidentum usw., er schildert den Kampf der Propheten, der Essäer, Jesu, des Chassidismus, für die wahre jüdische Lehre, daß nicht, die Wahrheit als Idee und nicht die Wahrheit als Gestalt, sondern die Wahrheit als Tat . . . Aufgabe des Judentums ist Sein Ziel ist nicht das Philosophen . und nicht das Kunstwerk, sondern die wahre Gemeinschaft. Die Tat! Was soll Israel heute tun, um zur Verwirklichung seiner Wahrheit zu gelangen? Buber antwortet natürlich den Vertretern der Assimilation und der Mission, daß zwar die Aufgabe, für das wahre Menschentum, die wahr« Gemeinschaft zu kämpfen, eine Sache Israels ist, aber es gilt nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu bauen. Und dies kann Israel nur auf eigenem Grund, mit eigenem Material. Trotzdem ist der Weg der Parteizionisten noch nicht der richtige; sie wollen, daß Israel sei. wie andere Völker, si» wollen das, was diese heute in Europa besitzen, den Juden in Palästina geben: Land, Staatsform, Politik, Wirtschaft üsw. , Es gilt aber, auf dem Boden Palästinas das Judentum zu verwirklichen, die wahre Gemeinschaft zu schaffe«. Das Judentum! Ist es nicht im Besitze der Orthodoxie, kann diese nicjit mit Recht den Anspruch