Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 42 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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t XIII. Jahrgang — Nr. 42" Natüonal-jüdifches Organ Sedaktion nad Administration | iVli* der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wlsü II., Taborstraßa I I - - Fernsprecher Nr, 44038 a. 43319 f «*«, Freitag, d» 24. Oktober 1919 Buagapteia: Viertel]Ihrig 6 &> ganxj. 24 K, Eiraelnummer 60Ä Postsparkassenkonto 133.404 Eine judenOebatte Die zionistische „Convention“ in Chicago Das österreichische Parlament hatte diese ° Woche eine kleine Sensation. Es kam zum erstenmal zu einer Judendebatte, die einen anderen Charakter hatte, als die ln diesem Hause bisher gewohnten. Diesmal .wurde die Judenfrage von einer prinzipiellen Seite aufgerollt und1 mit Ernst und Sachlichkeit diskutiert. Es kam zu einem förmlichen Duell zwischen Abg. Stricker und dem Staatskanzler D.r Renner. Die Stellungnahme Renners ist hiebei von größtem. Interesse. Denn es ist noch nicht vergessen, daß Karl Renner es war, der noch im alten Oesterreich sich ernsthaft bemühte, in die Wirrnis der Nationalitätenfrage theoretische Klarheit zu bringen. Bekanntlich gipfelte Renners Vorschlag in der Schaffung von nationalen Personenverbänden, die verfasungsniäßig die Zwischenglieder der Verwaltung - zwischen Staat und Gemeinde sein sollten. Die Zugehörigkeit zu dieser als juristische Korporation Konstituierten Nation sollte durch den Akt des freien Bekenntnisses jedes Staatsbürgers bestimmt werden. Renner hat schon in seinem letzten Buche die Frage berührt, ob auch die Juden als Nation in diesem Sinn in Betracht kämen. Er hat diese Frage verneint und an dieser Inkonsequenz, die Renner aus der auf die jüdischen Stimmen .angewiesenen Politik der österreichischen Sozialdemokratie herübergenommen hat, krankt auch die JudenpoMtik der neuen Republik., Renner, der bei dieser für den Staat scheinbar doch belanglosen Sache beinahe die Vertrauensfrage stellte, konnte nur dadurch die Oberhand behalten, daß er die ganze Aegelegenheit auf ein formales Geleise : schob und nur bat; der heurigen provisorischen zu 'beredten. DennocfftwaFer gezwungen, auch theoretisch wenigstens kurz auf das Meritum eiu- •zugehen. Die Einwendung, daß die Juden selbst sich über die Frage der Existenz einer jüdischen Nation nicht klar seien, ist gegenstandslos angesichts des von Stricker geforderten freien Bekenntnisses. Daß aber im heutigen Oesterreich für eine Konskription der Minderheiten kein Bedürfnis bestehe, ist angesichts des von Oesterreich unterschriebenen Vertrages über den Minoritätenschutz eine sonderbare Auffassung. Denn es muß ja zweifellos festgestellt werden, wer überhaupt zu dieser Minorität, die Träger von Rechten, ist und sein will, gehört. Wenn Renner sich plötzlich an das österreichische Verfassunggesetz erinnert, das nur eine mosaische Konfession kennt, so muß mit aller Entchiedenheit darauf aufmerksam gemacht werden, daß die mosaische Konfession nicht darauf reflektiert, Träger von Minoritätsrechten zu sein, daß vielmehr .dieses Bedürfnis nur für jene Juden besteht, die sich zur .jüdischen Nation bekennen und dieses Bekenntnis nun auch offen abzulegen wünschen. Dieses Bedürfnis der Feststellung der jüdischen Nation auf Grund des Bekenntnisses besteht noch viel mehr in den anderen Staaten, zum Beispiel in Polen oder in der Tschechoslowakei. Mit Recht hat Abg. Stricker darauf hingewiesen, daß das Verbot des Bekenntnisses zur jüdischen Nation nur das unmoralische Mittel ist, um Statistiken zu fälschen und Gewaltpolitik gegen andere Minderheiten zu treiben. Dazu können und wollen sich die Juden nicht weiter hergeben. Diesem Moment scheinen die Verfasser des Minoritätenvertrages in Paris zu wenig Bedeutung beigelegt zu haben. Die Volkszählung, die die Umgangssprache zum Kriterium der Nation nimmt, beruht auf einer Fiktion und ist eine Vergewaltigung. Die Judendebatte im Wiener Parlament wurde von der Presse im allgemeinen mit Sachlichkeit und Zurückhaltung aufgenommen. Nur ein Abendblatt des Herrn Sieghardt leistete sich eine alberne Flegelei. Damit zu polemisieren erübrigt. sich. Dieser Art Auseinandersetzung sind wir müde und das erwachte Judentum ha heute nicht mehr nötig, assimilatorische schränktheit ernst zu nehmen. Die mit großer Spannung erwartete 22. Jahreskonferenz der zionistischen Föderation Amerikas, die am' 14. September in Chicago eröffnet wurde, war die größte, die bisher stattgefunden hat. Anwesend waren 714 gewählte Delegierte und mehrere tausend Gäste. Die ganze Stadt stand im Zeichen der Zionistentagung, vom Rathaus wehte die jüdische Fahne. .Wir entnehmen dem Kabel des zionistischen Zentralbüros und den amerikanischen Blättern folgenden Bericht: Zum Präsidenten der Tagung wurde, gegen eine merkliche Opposition, Julian Mack gewählt. Brandeis über Palästina. Der Palästinabericht wurde vom Oberrichter Brandeis erstattet, der sagte, daß die politische Situation außerordentlich zufriedenstellend sei. Die Zeit für die praktische Arbeit h^be begonnen. Eine Kampagne gegen die Malaria sollte einer ausgedehnten Immigration vorangehen. Er schlägt vor, Land in großem Maßstabe durch den Nationalfonds, Zion Commonwealth und andere Kolomsationskörporationen der Bewegung ankaufen zu lassen. Um die Versandung zu verhüten und den Regen zu stabilisieren und einen genügenden Holzvorrat zu schaffen, ist es nötig, das Land aufzuforsten. Die Entwicklung sollte sich auf landwirtschaftlicher, industrieller und kultureller Basis aufbauen. Das Prinzip, für das die Zionisten seit 23 Jahren gekämpft haben, ist von der öffentlichen und der offiziellen Meinung sanktioniert worden und die politischen Diskussionen sollten deshalb aufhören. Jeder Jude sollte an den praktischen Aufgaben teilnehmen und sollte dazu aufgefordert werden. Alle gegenwärtig bestehenden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung und die Bewegung betreffend müssen vergessen werden. Die ^Entwicklung eines jüdischen Palästina kann Tn der 'Gänze'öw'.'chgetührt und die Lage und Wohlfahrt der anderen Völker sehr verbessert werden. Die Konvention genehmigte einstimmig diesen Bericht. Dann folgt eine Erklärung von Mrs. Fels*) hinsichtlich der Nationalisierung des Bodens und über die Araber. Geleitet von dem Prinzipe vollständiger Demokratie müssen wir mit der Anwendung progressiver Methoden bei der Nationalisierung sehr vorsichtig vorgehen, um die höchsten Interessen des. neuen Staates nicht durch private Bodenspekulanten und Bodemnonopole zu kompromittieren. Die neue Regierungsform mit der damit zusammenhängenden gesetzlichen Neuordnung und den, Vorteilen der modernen Zivilisation wird eine ungeheuere Steigerung des Bodenwerte» mit sich bringen, die nicht Ausbeutern zugute kommen darf, sondern durch eine kluge Gesetzgebung zugunsten der Gemeinschaft ausgenützt werden muß. Ein überstürztes Vorgehen kann mit Rücksicht auf die arabischen Elemente des Landes ge-, fährlich werden. Die Araber sind jetzt im Besitze der Hälfte des Bodens- Da über 95 Prozent derselben Analphabeten sind, können sie nicht rasch einem Pacht- und Steuersystem angepaßt werden Es wird daher vorgeschlagen, vorläufig dien, arabischen Grundbesitz außer Acht zu lassen, und das progressive Prinzip nur bei den türkischen Kron- 1 andereren und dem Grundbesitz der nichtarabischen Bevölkerung anzuwenden. Wir schlagen vor, Verbesserungen der Besteuerung auszuschließen und statt dessen den Grundpachtzms als Grundlage für staatliche Zwecke zu nehmen. Hiedurch wird der nichtarabische Grundbesitz sofort von dem Spekulationsübel befreit. Durch Sicherung eines entsprechenden Gebietes für sofortige bona fide-Ansiedler kann vermieden werden, daß der arabische Grundbesitz einen spekulativen Monopolwert erwirbt. Der arabische Grundbesitz kann dann entweder zu einem niedrigen Preise aufgekauft und nationalisiert werden, oder die Araber erkennen nach und nach unseren guten Glauben an und können unter denselben Steuer- und Pachtgrundsätzen organisiert werden, wie vorher der nichtarabische Grundbesitz. Durch derartige Vorsichtsmaßregelnwerden Reibungen mit der eingeborenen Bevölkerung vermieden. Indem wir unter genauer Berücksichtigung der bestehenden Verhältnisse vorgehen, werden wir mit der Zeit eine demokratische Grundlage schaffen. *) Ahm. d. Redaktion: Mrs. Fels ist die bekannte Vorkämpierin der Bodenreform im Sinne Henry Georges, die bei der vorjährigen Pittsburger Konferenz der amerikanischen Zionisten eine Million Dollar für eine Kolonie nach ihrem Sinne gezeichnet hat » Das politische Referat. Ueber die politische Situation Palästinas sagte Prot. Felix Frankfurter, der als Mitglied der amerikanischen Friedensdeiegation in Paris war. daß die zionistische Sache mit ruhiger Würde dem Rate der Zehn vorgelegt worden sei und daß unter den Mitgliedern der Friedenskonferenz keine Meinungsverschiedenheit hierüber bestanden fiabe. De facto, obwohl noch nicht formell, ist die zionistische Sache von der Friedenskonferenz angenommen worden. Es gab kein Handeln, keine geheimen Verträge oder Abmachungen. Wir kamen nach Paris mir der Erklärung Balfours, die von Groß-Britannien proklamiert und der öffentlich alle Mächte zugestimmt hatten. Aber die Balfour-Deklaration an sich war nicht die Errichtung, sondern bloß die Anerkennung eines großen geistigen Faktums, nämlich der sich erhaltenden Lebenskraft des jüdischen Volkes, und ihrer Notwendigkeit für die Welt. DJese geistige Tatsache hat die Friedenskonferenz anerkannt und sie wird im Laufe der Zeit in offiziellen Dokumenten niedergelegt werden. Daß die Ausarbeitung dieser Dokumente sich verzögern muß, sehen wir von dem richtigen Gesichtspunkte an. Die politische Welt kann nicht über Nacht erneuert werden. Paris hat sich mit der Erneuerung der politischen Welt befaßt, Palästina ist ein Teil dieser Welt und die Verzögeruiig in der Erledigung der palästinensischen Frage hat" ihren Grund nicht in palästinensischen Dingen, sondern in den Befürchtungen der Außenwelt. Die Fredens-verträge müssen erst geschios- - sen sein, ehe die Liquidation des türkischen Territoriums beschlossen werden Jjann. Palästina ist ein Teil der türkischen Frage. Diese Frage muß in ihrer Gesamtheit erledigt werden und wir dürfen nicht vergessen, daß sich natürlich andere Punkte dieser Frage nicht so einfach darstellen, wie die Anerkennung Palästinas. des jüdischen Heimatlandes. Im Laufe der Zeit wird der türkische Vertrag geschlossen und Palästina wird an Groß-Britannien als Mandatar des Völkerbundes übertragen werden mit einer Regierung Palästinas, die dem Ideal der jüdischen Heimstätte zu entsprechen verpflichtet ist Die Aufgabe Groß-Britanniens als Mandatar wird eine sehr delikate sein. Die Terminologie des Mandatsvertrages wird schwierig sein, weil sie einerseits das Verhältnis der Juden zu Groß- Britannien, zu den Arabern und anderen, andererseits das Verhältnis der. Juden zu Groß-Britanniens zu dem Völkerbunde in sich schließen muß. Dabei muß der Hauptzweck stets im Auge behalten werden, daß Palästina die Aufgabe hat, eine Heimstätte für die Juden zu werden. Reorganisierung der Leitung. * Bereits nach Beginn der Tagung machte sich teine lebhafte Opposition bemerkbar, die insbesondere eine Demokratisierung der Leitung als ihr Programm verkündete. Die Opposition wollte schon die Wahl eines Präsidenten verhindern und verlangte, daß für jede Sitzung ein eigener Präsident gewählt werde. Während dieser Antrag abgelehnt wurde, hatte doch in der Schlußsitzung die Opposition einen gewissen Erfolg mit ihrem Antrag, daß die künftige, fünfzig Mitglieder umfassende Exekutive nicht mehr vom Parteitag, sondern durch direkte Wahl in den einzelnen Distrikten gewählt werden solle. Dieser Antrag wurde schließlich zum Beschluß erhoben, jedoch mit der Modifikation, daß dieser neue Wahlmodus erst nach einem JahT in Kraft treten soll. Je 3000 Mitglieder eines Distrikte sollen künftig ein Mitglied in die Leitung entsenden. Der nächste Kongreß. Bezüglich des künftigen Zionistenkongresses wurde eine Resolution angenommen, daß der Kongreß in J erusalem stattfinden soll; sollte (fies nicht möglich sein, so wird seine Abhaltung in Amerika gefordert. Ein Antrag auf Diskussion der Einwanderungsfrage wurde abgefeimt, dagegen ehre Resolution augenommen, daß eine internationale zionistische Kommission sich mit der Angelegenheit befassen und einen Bericht über die Möglichkeit der freien Einwanderung nach Palast i n a veröffentlichen soll. Hierbei wurde bemerkt, daß, wenn man die Tore Palästinas vor der Einwanderung schließt, man denjenigen in die Hände arbeiten würde, die auch Amerika gegen die Einwanderung absperren wollen. Das Budget. Das Budget für das kommende Jahr wurde mit drei Millionen Dollar festgesetzt, das ist in österreichischem Geld ungefähr dreihundert Millionen Kronen. Ungefähr die Hälfte dieses Betrages ist für die Kosten der Prt'ästinakommission bestimmt, 154000 Dollar für $