Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. daß auch die bisherige Einwanderung des vergangenen Jahrhunderts vorwiegend aus solchen Elementen bestand. Ja gerade solche kleine Bemerkungen sind für die Beurteilung von Trietsch's System von außerordentlich illustrativem Wert. Sie beweisen nämlich, daß Trietsch in diesem entscheidenden Moment sich des Grundgedankens des Zionismus absolut nicht bewußt ist. Er. der den zionistischen Führern von heute „Unfug und Volksbetrug“, „unglaubliche Verkehrtheit“ und ähnliche Schmeicheleien an den Kopf wirft, weil sie angeblich das zionistische Programm nicht verstehen und „antizionistische Politik propagieren“, zeigt in seinen neuesten Auslassungen, daß er trotz seiner jahrelangen Tätigkeit im Zionismus :vom zionistischen Geist unberührt geblieben ist. Er weiß nicht, daß der Zionismus sich nicht nach den Erfahrungen des' vorigen Jahrhunderts richten kann, weil er eben etwas Neues will; für ihn ist Zionismus „Judenhilfe“;- und er lehnt ab, darin etwas Philanthropie zu sehen, sondern sie sei etwas eminent Nationales. Darin hat Trietsch zweifellos recht. Philanthropie ist lediglich eine bestimmte Methode der Judenhilfe (z. B. die von Trietsch propagierte Chalukah), es kann auch nach großzügigen rationalen und sozialen Gesichtspunkten ein Hilfswerk geführt werden und eben dies will auch der Zionismus und wollen alle Zionisten. Der Zionismus ist aber nicht identisch mit Judenhilfe'. Er hat nicht den Sinn, heute und sofort jedem einzelnen Juden ans seiner momentanen materiellen Bedrängnis zu helfen, sondern er erstrebt — und das ist etwas grundsätzlich anderes — eine Total lösung der jüdischen Frage. Was hülfe es uns, wenn wir alle Juden erretteten und doch die letzte Möglichkeit, das jüdische Volk als Ganzes zu retten, das heißt auf ■ eine ganz neue, grundsätzlich neue Lebensbasis zu stellen, preisgäben? Diese neue Lebensgrundlage kann aber nur sein ein gesundes, produktives, auf reinen sozialen Beziehungen aufgebautes Wirtschaftsleben, aus dem alle Elemente der Galuth verbannt sind, und ihr Ziel ist die Wiederaufrichtung Zions, das der Sinn der jüdischen Völksexistenz und die Fleischwerdung des jüdischen Geistes ist Wenn wir jetzt um jeden Preis möglichst viel Menschen nach Palästina bringen und uns nicht scheuen, dort Winkelbörsen zu errichten und Schwitzhöllen und Chalukah emziiführen, so haben wir vielleicht vielen Juden über ihre momentanen Schwierigkeiten hinweggeholfen, aber dauernd geholfen haben wir auch diesen Juden nicht, denn das jüdische Volk bliebe weiter in der Verbannung ^und das Galufhschicksal würde sich wiederholen. Sicher ist es ein schwerer und bedrückender Gedanke, daß der Aufbau unseres Gemeinwesens Zeit braucht; aber in diesem Falle können wir uns wirklich mit Recht darauf berufen, daß nach der zweitausendjährigen Dauer unserer Verbannung es auf ein oder das andere Jahr nicht mehr ankommen kann. Immerhin soll nicht übersehen werden, daß auch Trietsch‘s Kritik eine Fülle bemerkenswerter und fruchtbarer Einzelheiten enthält. So zum Beispiel die Beanstandung der Forderung der Leitung, daß die Arbeiter die Mittel zur Ue'oerfahrt selbst sieilen sollen. Ueber solche^ Einzelheiten wäre zu diskutieren, aber die Prätention, mit welcher Trietsch seinen Maximalismus in die Arena führt, muß prinzipiell abgelehnt werden. Trietsch steht heute außerhalb jeder Verantwortung und kritisieren ist bekanntlich leichter als Aufbauen, zumal dabei ein wenig Dilettantismus keine so große Ro’Ie spielt Trietsch aber ist ein Maximalst an Dilettantismus. Er hat in den -letzten zwanzig Jahren unermüdlich gearbeitet, er hat eine Unmenge an Ideen und Einfällen produziert, von denen immer wenigstens einige durchführbar und wertvor waren, aber im allgemeinen hat er es mir seinen Theorien und Aktionen nie sehr genau genommen. Trietsch war bekanntlich auch mehrere Jahre in Palästina, ohne daß es ihm gelungen wäre, etwas Bedeutendes zu schaffen. Demgegenüber haben wir'einen Mann in der Partei, der nicht nur Theorien und Einfälle produziert, sondern der tatsächlich ein Werk von überragender Bedeutung geschaffen hat, der durch den vollen Einsatz seiner inlegren Persönlichkeit das Wunder vollbracht hat, im palästinensischen Judentum wirklich eine Autorität aufzurichten. Dieser Mann ist berufen, auch in der künftigen Entwicklung eine ausschlaggebende Rolle zu spielen und auf ihn setzt das jüdische Volk,. des wenige seinesgleichen hat, seine größten Hoffnungen. Gerade in dem Chaos, das in Palästina bei Beginn der Einwanderung zu entstehen droht, bei den uns wohl bekannten auseinanderstrebenden Tendenzen und der jüdischen Undiszipliniertheit sowie den aus den Landesverhältnissen sich JÜDISCHE ZEITUNG ■. ergebenden Schwierigkeiten, werden wir seine starke Hand, seinen ruhig und kühl erwägenden Verstand, seine selbstlose, hingebungsvolle, präzise, gewissenhafte und dadurch Respekt erzwingende Arbeit brauchen. Darum müssen wir uns dagegen wenden, daß gegen diesen Mann, gegen Arthur Ruppin, in der Organisation eine derartige Agitation betrieben wird, wie sie der dilettantische Maximalismus, der sich jeder Verantwortung enthoben fühlt, eröffnet. Auch' die Kolonisätionsfrage mit all ihren Einzelheiten hängt übrigens nicht nur von den praktischen Realitäten, sondern auch von den politischen Entscheidungen ab. Noch immer' ist es schleierhaft, wann diese erfolgen werden. Wir hoffen, daß dies bald der Fall sein wird, damit der Zionismus freie Hand zur Arbeit bekommt. Die wichtigste Gruppe der Opposition ist zweifellos die palästinensische Arbeiterschaft, die immer drängender, ihre Forderungen erhebt Mit diesem Problem. werden wir uns nächstens auseinandersetzen. Uebrigens scheint durch die letzien Beschlüsse des Aktionskomitees in der zionistischen Verwaltung Palästinas eine grundlegende Aenderung eingefreten zu sein. Die Entwicklung des politischen Zionismus Von Heinrich Margulies. , 'Schluß.) Im gleichen Maße, in welchem dem Zionismus seine Fehlschläge zuin Bewußtsein kamen,. (auf Kosten Theodor Herzls somit und seiner politischen Freunde) reifte er zur Erkenntnis der Sachlage heran. Er wurde realer. Und er erkannte, daß er in diesem Spiel der Realitäten solange der notwendig Schwächere bleiben müsse, als er selbst nur Fiktion, nur Idee, und Wille, nur reiner Geist blieb und der Qualität entbehrte. Um sich diese zu schaffen, nicht also als Abkehr vom politischen Zionismus, sondern als Streben, der Politik einen Rückhalt in der Realität zu geben, wandte man sich der praktischen Kolonisationsarbeit zu. Ohne sich durch die Unkenrufe der immer noch im Charterillusionismus. Befangenen beirren zu lassen, kaufte man schrittweise Boden, besiedelte ihn, gründete Kolonien. Stadtteile und Schulen' Gewiß bestand die Möglichkeit, daß eines schönen Tages die Türkei bei der in. ihr herrschenden Rechtlosigkeit kurzerhand alles wieder niederriß oder konfiszierte. gewiß war. es lächerlich, sich e inreden zu wollen, daß man auf diese Weise stillschweigend jene MassCukplonisation würde erreichen können, welche‘ die Türkei nun einmal nicht zugehen wollte — aber die Tatsache, daß man in solchen Situationen das Risiko eines Wettlaufens nicht scheut, in der Hoffnung, bis zum Ausbruch der eventuellen Katastrophe doch immerhin einiges Ln Sicherheit gebracht zu haben, ist in der Geschichte nicht ohne Beispiel. Grade in jüngster Zeit haben wir es an Deutschland gesehen. Kein Kind konnte der Ueberzeugiing sein, daß England eine Fortführung der Bagdadbahn wie des Flottenbaues über einen bestimmten Punkt hinaus zugeben würde. Man konnte es mathematisch berechnen, daß England zuschnappen mußte, so bald eist „Willis Spielzeug“ allzu große Dimensionen annahm. Deutschland nahm dieses Risiko auf sich — es hoffte, bis zum Ausbruch des Krieges, soviel an Rüstungen bereits unter Dach zu haben, als. es brauchte, um sich zu behaupten. Und wenn die Gharterzionisten die Einschmuggelungspölitik der „Praktischen“ so lächerlich machten, so kann man letzt airanf verweisen, daß die ganze deutsche Politik seit 1890 eine solche Einschmuggelungspolitik gewesen ist: es hoffte einfach, England zuvorzukotnmen. Und so hoffte der Ziori-'smus, sich bis zum Eintritt eventueller Komplikationen eine Position gescl,allen zu haben, die es!hm wenigstens ermöglichen würde, seinen Ansprüchen eine Art Berechtigung im Sinne der nur Realpolitik treibenden .Großmächte zu verschaffen. Daß dieses Prinzip das richtige war, hat sich seither erwiesen. Viel war es zwar nicht, was der Zionismus in Palästina hat schaffen können; war doch erst durch Herzls Tod 1904 die Möglichkeit geboten, dem illusionistischen Ziöifismüs ernsthaft an den Leib zu rücken. Noch 1909/10 verteidigte Wolffsohn, in Hamburg, das was er als Herzls Erbe verstand, mit der ganzen Macht seiner suggestiven Persönlichkeit, ohne Riichsicht darauf, daß lediglich diese Persönlichkeit, nicht aber mehr das Prinzip die Herrschaft behaupten konnte. Und erst ein Jahr vor Kriegsausbruch, auf dem Wiener Kongreß, wurde Wolffsohns beherrschender Einfluß endgültig ausgeschaltet. Unter solchen Umständen und in so kurzer Zeit war es natürlich nicht möglich, wirklich Bedeutsames an praktischer Arbeit in Palästina zu schaffen. Nach geläufig ' gewordenem Wort mußte Ruppin, der Hauptträger und Initiator dieser praktischen Arbeit, um jede eingeführte „Ziege“ einen erbitterten Kampf kämpfen. Der Krieg kam für.-uns, unter solchem Gesichtpunkt betrachtet, zweifellos zu früh. Und die gegenwärtige Situation wird uns dadurch gefährdet, daß die Araber das für ' sie günstige Bevölkerungsverhältnis. (100,000 Juden auf 700.000 Araber) geschickt in den Dienst einer Propaganda des Selbstbestimmüngsrechtes stellen. Wenn nun auch, wie schon erwähnt, die Türkei eine stillschweigende MassenkoTonisation nicht.geduldet hätte,, scheint es doch.als durchaus möglich und wahrscheinlich, daß eine 10 Jahre früher mit konsequenter Zielbewußtheit und mit Anspannung aller Mittel betriebene praktische Kolonisation immerhin die Zahl der jüdischen Be- Nr. 41. völkerung hätte verdreifachen können, bevor es aus diesem Anlaß zii wirklichen Komplikationen gekommen wäre; Aber immerhin war - auch däs Wenige, was an jüdischer Arbeit drüben geleistet wurde, zweifellos von nachhaltigem Einfluß auf die Entschlüsse dier Friedenskonferenz. , Die „Kommissionen“, die nach Palästina entsendet wurden, um die . Verhältnisse des Landes und die Stimmung der Bevölkerung kennen zu lernen, konnten sehen, daß die Arbeit dieser 100.000 Juden . konzentrierter und hochwertiger war als die der . siebenfachen Anzahl von Arabern. Natürlich reichte das an sich nicht aus. Trat aber eine solche Veri Schiebung der Schachfiguren ein, daß der Hauptpartner ein Interesse daran bekam, sich nicht auf seine Bauern, die durch die Masse und Beharrung wirken, sondern auf die Offiziere zu stützen, die durch ihre Elastizität und durch ihr rasches Tempo ihre numerische- Schwächeersetzen, trat ferner noch zu den kleinen Reali-r täten der jüdischen Position in Palästina vielleicht, eine größere außerhalb dieses Landes, so war die* alles zusammen fast schon ausreichend, die jüdt- . sehe Politik zum Ziele zu führen. Dieses Zusammenwirken der fördernden ‘ Faktoren ergab sich, zum Glück, in den letzten Jahren. England konnte, noch als die Entscheidung des gewaltigen Ringens ungewiß war, den Zionismus als Stärkung seiner, Schwächung der deirt-; sehen Position seiner Politik eingliedern, da es dadurch die Unterstützung der recht respektablen , Finanzkraft und Publizität speziell des ostjüdisch.en , und amerikanischen Judentums -erhielt Letzteres vor allem erwies sich ja im Krieg als-ein Faktdr, : den niemand außer acht lassen durfte, der auf Amerika angewiesen war. Und als dann die Ent- Scheidung fiel, konnte England1 auch unbedenklich an die Einlösung der Versprechen gehen, die es der zionistischen Organisation im Verlauf des Krieges gegeben hatte, denn die Gefahr, daß sich ein jüdisch besiedeltes Palästina zum Schrittmacher deutscher Interessenpolitik hergeben ' könnte, war nunmehr endgültig vorüber. Daß aber England und Amerika im Kriege überhaupt -Veranlassung nahmen, sich ernsthafter mit dem zionistischen Problem zu befassen, ent- . hält auch bereits den Hinweis darauf, daß der jüdischen Realität in Palästina, sich eine solche im Galuth zugesellt hat Ihr ist es zum großen, wenn nicht zum größten Teil zuzuschreiben, daß die Entwicklung so verlief, wie sie es tat. Entgegen jener wirklichkeitsfremden Verelendungstheorie, die den Niedergang und „völligen Untergang des Galnths schon mit dem Rechenstift für bestimmte Termine errechnen wollte, unbeirrt auch durch jene andere Theorie, welche eine Erstarkung und Gesundung des Galuths zwar nicht prinzipiell für unmöglich hielt, sie aber lediglich als spätere Folge eines ausstrahlenden „Zentrums“ in Palästina gelten lassen wollte, hatte .dgs Galuth .in gewaltiger,,Kraftanstrengung,selbst sein Schicksal in die Hand genommen .und in rasch ' beschleunigtem Nationalisierungsprozeß schuf es sich allüberall, vor allem in Rußland und Amerika, auch in der österreichisch-ungarischen Monarchie, Bollwerke und Bastionen, an denen die Flut des Antisemitismus ihren Gischt verspritzte. Das Leben selbst überrannte die Theorie und ebnete einer anderen, der entgegengesetzten Erkenntnis die Wege: Daß nicht ein starkes Palästina das Galuth würde stärken, sondern daß nur ein erstarktes Galuth sich Palästina würd* erobern können. Hier würde es zu weit führen, wollte man schrittweise zeigen, wie die Statistik der letzten 20 Jahre in diametralem Gegensatz zur Verelendungstheorie steht; wie beispielsweise ♦ in Polen und Rumänien, in denen man stets gewohnt war unerschöpfliche Auswandererreservoirs zu erblicken, aus deren „Hölle“ die Juden- . massen mit aller Macht fortstrebten, Gegentendenzen einsetzten, die in Rumänien zu einem Stagnieren der jüdischen Auswanderung führten, . Polen aber geradezu in ein jüdisches Immigrationszentrum verwandelten. Genug, daß 20 Jahre nach dem I. Baseler Kongreß aus der in Agonie verfallenden jüdischen Konfessionsgemeinschaft ein starkes, willenskräftiges und sich seiner ■ Kräfte voll bewußtes Volk geworden ist. Dem politischen Ziel Theodor Herzls blieb es treu, aber wenn es nun seinerseits dieses Ziel zu verwirklichen strebte undsich der Unterstützung der entscheidenden politischen Faktoren zu vergewissern suchte, so geschah das nicht mehr in der Form, daß man die Eskomptierung eines fragwürdigen u.nd langfristigen Zukunftswechsels forderte, sondern man besaß Realitäten und konnte daher auch mit solchen rechnen, konnte Möglichkeiten ausnützen — mit einem Wort: man konnte Politik machen. Der Zionismus, der früher, soweit er sich ein politisches Gepräge gab, von Niemandem ernst genommen werden1 konnte,- wurde zur wirklichen politischen Bewegung. So kann man erst seit allerjüngster Zeit von einer jüdischen Politik reden.. Die Forderungen, die auf dem Friedenskongreß vom Aktionskomitee für Palästina, von der Delegation der Nationalste für das Galuth; erhoben wurden, leiten die . neue, die politische Epoche ein —. nicht durch die . Neuheit ihrer Forderungen (es waren die gleichen Forderungen wie 20 Jahre vorher), sondern durch das Ausmaß der Realität, die ihnen zugrunde lag. Erklärung Um -vorgekommenen Mißverständnissen für die Folge vorzubeugen, sei ausdrücklich fest- , gestellt,-daß Artikel der „Jüd. Ztg.“, die" ohne Angabe des Verfassers, erscheinen, keineswegs als offizielle Kundgebungen, des österreichischen Landeskomitees aufzufässeri sind, vielmehr lediglich Meinungsäußerungen der Redaktion darstellen, die. zwar von der Parteileitung eingesetzt jedoch nicht mit ihr identisch ist Er, Robert Welt sch.