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Jüdische Zeitung · 1919-10-08 · 41 (8.10.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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m rmwrr £3» Xili. jakrgaag — Nr. 41 Naüonal~jüdifches Organ Redaktion und Adminietratioii-. ¥flu ll.,Taieratr*ße I Fernsprecher Nr. 44038 n. 43318 Mit der Beilage: „Der Jüdische Nationalfoods“ Shw, Mittwoch, 4en 8« Oktober 1818 luafnpfeU: Vieiteljlhrig 6 & gansj.24 A; Kinselmmmner 50 k PoctsparkaMenkonto 131404 infolge der Feiertage entfällt die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung”. Sonntag, den 12. Oktober 1919, um ]/i 6 Uhr abends findet im GroSen ■usikvereinssaale, i« GiselastraBe eine Plenar-OersiBmlui der Wiener Schekelzahler stait, wobei die Herren Adolf Böhm, Dr. Leopold Plashkes, Dr. Leon Reich und Ing. Robert Stricker, Uber den je&igen Stand der Zionistischen Bewegungreferieren werden Regie-Betrag K 2.— Außerdem sind Schecke) an der Kassa von K 2.— zu haben. Für diejenigen Gesinnungs- . genossen und Genossinnen, die für das abgelaufene Jahrg den Scheckei noch nicht entrichteten, ist an dieser Versammlung die Gelegenheit geboten, dieser ihrer minimalsten Parteipflicht nachzukommen. Diese Versammlung soll ein.Zeugnis unserer numerischen Stärke ablegen. An Euch ist es zu beweisen, daß ihr auch am Platze seid, wq-_. es um 'die"'Zählung der unserer Partei faktisch Angeschlossenen geht. Die Zionistische Qptsgrnppe in Kien. Maximal-Dilettantismus Der Aufmarsch der Opposition hat begonnen. Immer touter werden die Stirr n en \i der Oeffentiichkeit, die die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Leitung der zionistischen Organisation unzweideutig äußern und an dem Verhalten der politischen Führer scharfe Kritik üben, Die Opposition kommt von verschiedenen Seiten,.die mit einander so gut wie gar nichts gemein habe». Eine geschlossene Gruppe mit klarem Programm hat sich bis jetzt noch nicht gebildet. Bei dieser Opposition, die von Einzelpersonen getragen wird, spielen zum guten Teil persönliche Momente eine große Rolle. Die alten zionistischen Führer aus der Zeit flerzls, die in der ganzen letzten1 Zeit und insbesondere während des Krieges politisch inaktiv waien und daher auch keineswegs in die Chancen und Möglichkeiten und in die delikaten Einzelheiten der diplomatischen Aktion eingeweiht sind, erheben gegen Sokolow und \Yeizmann den Vorwurf, daß sie in ihren Forderungen an-die englische Regierung zu beschließen gewesen sind. Dabei wird übersehen, daß es tatsächlich das Verdienst dieser beiden Männer ist, wenn es überhaupt zu ernsten Verhandlungen Englands mit den Zionisten gekommen ist und daß die Deklaration Baifour‘s ein Ereignis war, das die kühnsten Träume nicht vorgesehen hatten. Wenn jetzt auf Grund dessen, was die Londoner Leitung erreicht hat und auf Grund dessen, was sie darüber der Oeffentiichkeit mitgeteilt hat, von seiten uneingeweihter und unverantwortlicher Zionisten die Sache so dargestellt wird, als ob wir mit Leichtigkeit alles Erdenkliche hätten bekommen können, so ist das eine schwere Täuschung. Die heutigen weltpolitischen Aussichten des Zionismus sind der Erfolg einer mühevollen, mit unsäglichen Schwierigkeiten verbundenen Arbeit, die die verschiedensten Stadien durchlaufen haben mdg, dies zu verstehen, braucht man kein politisches Genie zu sein und auch nicht gerade alle konkreten Einzelheiten zu wissen. Daß die Männer, die wir für die politische Führung zur Verfügung hatten, nicht die größten sind, die das jüdische Volk und die Welt jemals hervorgebracht hat, ist ein billiger und einfältiger Vorwurt Sie haben jedenfalls bewiesen, daß sie unsere Sache mit größter Umsicht und Hingebung und mit einer ungewöhnlichen politischen Geschicklichkeit, aber auch mit Würde und Kraft zu vertreten vermögen. Gemessen an den Dimensionen der Persönlichkeiten, die andere Staaten und 'Völker in Paris vertreten haben, sind! unsere Führer zumindest gleichwertig und haben sich als solche bewährt. Die Opposition wird vor allem von solchen Männern getragen, die die innere Entwicklung des Zionismus nicht mitgemacht haben. Sie stehen noch immer auf den Standpunkt, daß die Erlösung des jüdischen Volkes ein Resultat diplomatischer Verhandlungen sein könne und daß wir von anderen Mächten unsere Befreiung fordern müssen. Sie verstehen noch immer nicht, daß auch unserem Volk nichts geschenkt werden kann und kein Stadium der Volkswerdung übersprungen werden kann. So gipfelte die Anklage, die nunmehr — nach den von uns bereits wiedergegebenen Aeußerungen Nordaus — von Israel Z a n g w i 11 in einer großen Versammlung in London erhoben wurde, darin, daß die Leitung versäumt habe, die Errichtung des Judenstaates zu fordern. Er bezichtigt Weizmann der Aer.gstlichkeit und Leisetreterei und meint, daß der, Juden nicht hätte verweigert werden können, was den Tschechen und Jugoslawen gewährt wurde. Dieser Vergleich leuchtet hinläuglich in die seltsam oberflächlichen Gedankengänge dieser Kritiker, die als jüdische Persönlichkeiten und Schriftsteller geschätzt sind, hinein. Sie setzen sich gleichgültig über die immerhin belangreiche Tatsache hinweg,’daß Palästina keineswegs ein jüdisches Land mit jüdischer Bevölkerung, jüdischem Kultur- und Wirtschaftsleben ist, sondern zunächst Immigrationsgebiet, in dem alles, aber auch alles von Anfang an erst geschaffen werden muß. Und eine solche Schöpfung, zu der andere Völker Jahrhunderte gebraucht haben, kann das iüuiscnc Volk zwar bei Anspannung aller Kraft und bei Einsatz der seit Jahrtausenden in ihm untätig schlummernden Energie in kürzerer Zeit zustande bringen, diese Hofihung verleiht ,aber keinesfalls gleiche Berechtigungen wie das blühende Volksleben der Tschechen und Jugoslawen. D:esen Völkern fehlte zur völligen Unabhängigkeit nur noch die staatsrechtliche Anerkennung ihrer Selbständigkeit; wir jedoch haben zunächst noch ganz andere und primitivere Sorgen Darum schlägt auch die Kritik Zangwills ins Leere. Gegen die etwas autokratisebe Art der Geschäftsführung der Leitung macht sich gleichfalls eine gewisse Öposition geltend, und zwar ebenfalls in England selbst. Einer der bekanntesten englischen Zionisten, Vizepräsident der Kongresse, Dr. Gast er, versendet ein Zirkular, in dem er zur Einberufung eines jüdischen Kongresses m England auffordert, der <lie Geschicke des jüdischen Volkes ln die Hand nehmen soll. Es gehe nicht an, daß in dieser entscheidenden Stunde das Volk völlig seines Mitbestimmungsrechtes beraubt werde und daß wenige Männer ohne demokratischen Rückhalt die Geschäfte führen. Dieser Anschauung wird man eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können. Auch wir haben bereits wiederholt auf die großen Nachteile hingewiesett, die der zionistischen Sache aus einer Neglegierung des demokratischen Prinzips erwachsen müßten. Wohl können nicht alle Einzelheiten vor ein großes Forum gebracht werden, doch wird das Vertrauen zu den Führern nur dadurch gefestigt, daß wirklich auch die Vertrauensmänner des Volkes zur Mitarbeit und Mftberatung herangezogen werden und man sich nicht auf die Ausgabe optimistischer Comftiuniques beschränkt Wir glauben, daß Weizmann und letzthin Brandeis alles erreicht haben, was unter den gegebenen Umständen zu erreichen war. Wenn ihr politischer Einfluß nicht in allen Fragen so weit geht wie ' das Volk — gestützt aut die spärlichen Commumques — sich eingeredet hat so sollten die Führer doch den Rückhalt im k olke suchen, das in guten and schlechten Zeiten, unabhängig von der politischen Tageskoniunktur. lest entschlossen ist seine Befreiung zu erkämpfen. Die Aktion Dr. Gasters scheint allerdings auch vorwiegend persönlichen Motiven zu esuspringen und wird kaum größere Beachtung finden. Ernstere Beachtung als die erwähnten Strömungen verdient jene Opposition, deren Mittelpunkt in Deutschland liegt und deren regsamer Führer Davis Trietsch bereits einen Namen und ein Organ gefunden hat. Trietsch hat auf den» letzten Berliner Delegiertentag der deutschen Zionisten, der ausschließlich der Palästinafrage gewidmet war und bei dem die Mehrheit für die heutige Leitung entschied, bereits die heftigste Opposition angekündigt. Er hat seitdem zahlreiche Propagandareisen — auch in Oesterreich — gemacht, um für die oppositionelle Fraktion der Maximalsten“ zu werben und jüngst hat er in seinem Organ „Volk imd Land" bereits schweres Geschütz! auf gefahren und mit einem Generalangriff gegen die Leitung begonnen. Im Gegensatz zu den früher Genannten geht diese Opposition von rein sachlichen Gesichtspunkten aus. Trietschs Gegnerschaft richtet sich nicht in erster Linie gegen die politische Führung, sondern gegen die obersten Beamten der Organisation und die. Leiter unseres Kolonisationswerkes, vor allem gegen Ruppin und Oettinger. Ein offizieller Kolonisationsplan liegt zwar bis heute nicht vor und kann auch nicht veröffentlicht werden, solange die politischen Fragen nicht gelöst sind; dennoch haben Oettinger und Ruppin es unternommen, mit allen Vorbehalten schematische Vorschläge für die künftige Kolonisation zu veröffentlichen und ihre Anschauungen über-die realen Möglichkeiten an der ff and von Berechnungen darzulegen. Diesen Publikationen liegt die Auffassung zugrunde, daß das jüdische Gemeinwesen allmählich und organisch entstehen muß und daß daher von vornherein ein einheitlicher Wirtschaftsplan vorliegen muß, nicht nur um eine Katastrophe durch überstürzte Desperado-Immigration zu vermeiden, sondern auch, um den Charakter des jüdischen Palästina zn sichern. Demgegenüber fordert der Maximalismus sofortige unbeschränkte Einwanderung großer Massen und ihre Unterbringung in allen erdenklichen Berufen^wobei Trietsch auch die Chalnkah nicht ausschließt) auf Grund der theoretischen Ueberzeugung, daß die Fassungskraft des Landes schon im gegenwärtigen Moment und ohne irgend welche eingreifende Vorbereitung eine schier unbeschränkte ist Tiretsch beruft sich dabei auf alle möglichen Autoritäten und Berechnungen, insbesondere auf Ballod, Soskin und auf Ruppins Beurteilung des Libanon-Gebietes. Er stellt es als Selbstverständlichkeit hin, daß Palästina schon landwirtschaftlich „ai^ch den maximalistischen (!) Einwanderern“ Betätigungsmöglichkeit bietet; hiezu komme noch der Industriebedarf allein des Orients. Und zwar bedürfe eine Beschäftigung auch der größten Einwaudererziffer auf diesem doppelten Arbeitsfeld absolut nicht lägerer Zeit, sondern sofort ist Jede schaffende Hand nutzbar zu machen“. Er geht sogar so weit, ernsthaft für die Schaffung „amerikanischer Arbeitsgelegenheiten“ zu plaidieren, solcher Entrichtungen, wie sie vor dem Krieg in Amerika möglich waren und heute bei maximaler Einwanderung in Palästina möglich sind. Das heißt nichts anderes, als daS die amerikanischen Schwkzhöllen, jene fürchterlichsten und unmenschlichsten Ausgeburten des kapitalistischen Systems, die den jüdischen Einwanderer erbarmungslos proietarisieren und die schärfsten wirtschaftlichen Spannungen erzeugen, die Grundlage des neuen jüdischen Lebens sein sollen. Aber Trietsch nimmt es nicht einmal so genau. Er ist nicht einmal für unbedingte Produktivität, sondern auch Menschen „ohne Geld, Kenntnis und Kraft“, Bettler und Almosenempfänger, sind seinem Maximalismus willkommen. Es klingt beinahe wie ein Hohn, wenn er sich, darauf beruft* D

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